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Der Alte von Menkendorf

Edmund Hoefer: Der Alte von Menkendorf - Kapitel 37
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typefiction
authorEdmund Hoefer
titleDer Alte von Menkendorf
publisherGrüne Bücher
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Sechsunddreißigstes Kapitel

Sieg

In diesem Jahre wurde der Geburtstag des ›Junkers‹ nicht so festlich begangen, wie man es zu Menkendorf sonst gehalten hatte. Von den alten Freunden und Nachbarn kam diesmal keiner, denn sie mochten alle nicht auch nur auf einen Tag von dem Platze sich trennen, wo alle etwaigen für sie wichtigen Nachrichten sie immerhin am frühesten und sichersten erreichten, und zur rechten Festfreude war auch niemand aufgelegt. Nur der Drakenhöfer war mit den Seinen auch Heuer eingetroffen und vergrößerte die Tafelrunde. Des Junkers »Glück« verleugnete sich auch diesmal nicht. Der Tag war ein ganz köstlicher. Als man nach dem Essen einen Spaziergang durch den Park machte und, weil ein einzelner Strandposten in weiter Ferne Schüsse vernommen zu haben meinte, einen langen Ausblick vom Lindenplatz nahm, lagen Himmel und See bis zur Kimmung hinaus in wundervoller Klarheit vor den Zuschauern, und wenn man auf den äußersten Vorsprung des Ufers trat, konnte man sogar, was nur an so bevorzugten Tagen möglich war, mit bloßem Auge ein Stück der gelbbraunen Uferwand des größtenteils hinter dem Drömnitzer Höhenrücken versteckten Golm erblicken. Ein paar Fischerboote bemerkte man weit in der See draußen ungestört bei ihrem Geschäft. So mußten die Schüsse wohl auf einer Täuschung beruht haben oder von keiner Bedeutung gewesen sein.

»Wo sollte am Ende auch ein Feind schon herkommen, da man in Frankreich nach allen Nachrichten mit den Kriegsvorbereitungen noch bei weitem nicht fertig war?« Und damit trieb der ›Junker‹ die Seinen zurück und dem alten Lieblingsplatz, der Buchenlaube, zu. Dort braute er diesmal höchst eigenhändig einen »schneidigen« Trunk zusammen, damit man hübsch anstoßen könnte, wenn's dazu käme. »Denn verlaßt euch auf mich, wir kriegen heut Briefe, – ich kenne meine Jungen, sie lassen mich nicht im Stich.« Man lächelte natürlich darüber, aber bald mußte man bekennen, daß er eine gute Nase gehabt habe; denn mit einem Male kam Karl mit vergnügtem Schmunzeln in dem glatten alten Gesicht und reichte seinem Herrn die Posttasche dar, die eben angekommen. »Seht ihr wohl?« sagte der ›Junker‹ und blickte sich nicht wenig stolz im Kreise um, langte den Schlüssel hervor, schloß auf und schüttelte den Inhalt aus.

Den größten Umfang hatte Roberts Brief und deshalb wurde er auch zuerst gelesen. In diesem Schreiben fand sich nun etwas, das auf die Hörer einen vielleicht sehr verschiedenen, in der Hauptsache jedoch gleich tiefen Eindruck machte. Es lautete: »... waren hier gestern schon bald nach Mittag eingerückt. Gegen Abend holten Willi und ich, die wir zusammenliegen, Alfred ab, gingen unseren kleinen Besorgungen nach, bummelten darauf ein bißchen durch die Straßen, zum Tor hinaus und weiter um die Stadt herum, zwischen den Gärten und Weinbergen hin, an den schmucken Landhäusern und zierlichen Lustsitzen vorüber. So kamen wir auch an ein Gartenhaus in Schweizerart und sahen uns das reizende Ding auf seiner Rasenstufe zwischen Rebgängen mit schweren, schon sich färbenden Trauben, umduftet von Blumen und von Schlingrosen bis zum Dach hinauf übersponnen, voll Entzücken an. Ein paar Damen blickten zwischen den Weinranken durch zu uns herüber. Und mit einemmal ruft eine helle Stimme laut auf: ›Robert, – Willi, – Alfred, – ist's möglich?‹ Und eine Gestalt fliegt den Gang entlang, den Steig hinab, ans Tor und steht da, und streckt uns ihre Hände entgegen. Und wer, denkt ihr, war's? Base Viktoria, – unsere Zierpuppe. Aber: weder schnippisch, noch spöttisch oder hochmütig. Nein, ganz einfach, ganz herzlich und voll der wahrsten Freude über uns. Wir kannten sie auch kaum wieder, und ich habe sie einmal geradezu gefragt, ob sie's auch wirklich und ganz gewiß sei? Liebste Großeltern! Ich habe ja nicht viel von ihren Geschichten gehört und noch weniger darauf geachtet, und mich nun zuletzt so gründlich über sie geärgert, daß ich lieber gar nicht mehr an sie dachte. Sie hat euch viel Kummer und Verdruß gemacht, aber ich bitt' euch, verzeiht ihr und weist sie nicht ganz von euch. Sie hat so herzlich nach euch allen gefragt. Als Alfred von der Großmama schwerer Krankheit und des Großpapas Betrübnis erzählte, standen ihr die Augen voll Tränen, und da sie erfuhr, daß nun alles wieder gut stehe, wurde sie wirklich schön in ihrer Freude. Ihr müßt aber ja nicht glauben, daß sie sich etwa unglücklich fühlt und nur darum wieder mehr an euch denkt und zu euch hält. Sie hat ganz offen mit uns geredet: ihre Flucht tue ihr bitterlich leid, und wenn sie mit Großmama hätte reden können und nicht schon ganz fest an ihren Tod geglaubt hätte, so würde es auch niemals dazu gekommen sein. So aber habe sie nirgends Rat und Hilfe gehabt, und es sei ihr gewesen, als ob daheim doch alles für sie zu Ende. So sei es gekommen und das tue ihr jetzt auch schwer weh. Aber sonst könne sie den Schritt nicht bereuen. Sie habe nichts zu klagen, ihr Mann trage sie auf Händen, und sie habe allen Grund zur Hoffnung, daß sie mit ihm glücklich bleiben werde, sie finde ihn alle Tage liebenswerter und schätzbarer, und in der Gesellschaft stehe er in voller Achtung. Und man kann ihr glauben. Sie sieht gut aus, besser als je. Morgen früh vier Uhr ist Abmarsch, – so Gott will, über die Grenze! O, wenn wir nur bald losschlagen dürften! Ihr glaubt nicht, wie uns die Fäuste jucken!«

»Nun, Gott Lob und Dank,« sagte der ›Junker‹ hochzufrieden, »ein rechter Soldatenbrief, ganz wie er sein soll, und doch ein Stück ehrlichen und warmen Herzens darin! Übrigens, das von der Viktoria gefällt mir.«

Frau von Gunsleben sah die kalte Miene ihrer Schwiegertochter Hildegard und sagte, wie auch die anderen, jetzt nichts. Als sie aber nach einer Weile aufgestanden war und mit der alten Freundin durch die nun schon beschatteten Steige wandelte, hub sie bewegt an: »Denkst du noch daran, Agnes, als wir vor dem Jahre zuerst über Viktoria sprachen, und du mir so ernst ins Gewissen redetest? Es ist erwacht, Agnes, und ich mache mir oft bittere Vorwürfe, – wir haben nicht recht an dem Kinde gehandelt. Ich habe das damals schon in den ersten stillen Wochen in der Stadt tief empfunden und sie und uns ganz anders ansehen gelernt als früher. Und nun, was Robert schreibt, wie rat- und hilflos sie sich vor der Flucht gefühlt, und sich nur in der festen Aussicht auf meinen Verlust dazu entschlossen, – es schneidet mir ins Herz! – Und unser Moritz ist so schroff, und – hast du's wohl bemerkt, wie kalt Hildegard bei Detlefs Worten darein sah?« »Möchte wohl wissen, was in sie gefahren ist.«

»Ich verstehe sie auch nur halb und auch wieder gar nicht. Aber ich meine, mehr zur Versöhnlichkeit und herzlichen Teilnahme hätte nie eine Zeit gemahnt als unsere jetzige.« –

Obgleich man an diesem Tage sehr spät zu Bette gegangen war, erwachte der ›Junker‹ am nächsten schon lang vor dem ersten Hahnenschrei; mancher andere hätte sich wieder auf die Seite gelegt und noch einen tüchtigen Schlaf getan. Das aber war des Alten Art nicht. Wenn er einmal die Augen hell auftat, dann hatt' er ausgeschlafen, und wachend liegen zu bleiben, hielt er nicht aus. So hob er denn auch heut alsbald die Beine aus dem Bett und war rasch in den Kleidern und ging in's Wohnzimmer, um sich zum Hinausgehen zu rüsten. Und da er am Tabakstisch stand, um sich die Pfeife zu füllen, strich sein Blick durch daß noch immer dämmerige Zimmer und traf auf etwas Weißes, das vom Flur her unter der Tür durchgeschoben zu sein schien. Er nahm es kopfschüttelnd auf, – »sollte etwa, o, Gott!« – sprang zum Fenster hin, riß den Umschlag auf, – es lag nur ein dünnes Blatt darin, aber auf ihm stand, kaum leserlich, so hastig geschrieben, die Depesche, die kein Deutscher dieser Zeit jemals in seinem Leben vergessen hat:

Siegreiche Schlacht bei Wörth.

Mac Mahon mit dem größten Teil seiner Armee vollständig
geschlagen. – Auf dem Schlachtfelde, vier ein halb Uhr nachmittags.

Friedrich Wilhelm, Kronprinz.

Einen Augenblick lang stand er wie betäubt, das Papier zwischen den Händen zusammenpressend. Im nächsten aber war er schon an der Tür und hinaus, über den Flur, durch die Zimmer seiner Frau bis zu ihrer Schlafstube. Leise öffnete er die Tür, leise trat er ein und ans Fußende ihres Betts. »Verzeih's mir, Alte! Sieh, das ist heut nacht gekommen!« Als er ihr die Zeilen vorgelesen hatte, bot sie ihm ihre Hand hin; sein Glück und seine Freude ergriff sie schier noch mehr als die Siegesbotschaft selber. »Ja, Detlef, ich fühl's dir nach!« sprach sie. »Einen schöneren Morgengruß hättest du uns nicht bringen können!« Und er, indem er ihre Hand streichelte und auf das Bett zurückgleiten ließ, sagte: »Aber ein weicheres Kopfkissen gibt's auch nicht, als solch' eine Freude! – Und nun will ich weiter, dem Karl reiß' ich die Ohren ab, daß er mich nicht geweckt hat!« Stattdessen aber klopfte er, da er auf den Flur hinauskam und ihm der also Bedrohte von seinem Zimmerchen her begegnete, diesem seelenvergnügt auf die Schulter. »Na, alter Freund, hiss' die Flagge auf und steck' die Fahnen aus! Und dann spring' zu Herrn Langhaus und sag' ihm, was nicht unbedingt getan werden müßte, das bleibe heut ungetan! Und der Jungfer sagst du, sie solle sich auf einen Festtag rüsten, wie zu Menkendorf noch keiner gefeiert worden!«

Es wurde wirklich ein Festtag, wie ihn Menkendorf noch niemals gefeiert hatte. Prächtiger als heut war das Geläut vom Menkendorfer Kirchturm noch nie durch einen strahlend schönen Sommermorgen erklungen, und fast noch nie hatten so viele und so andächtige Zuhörer auf die ergreifende Predigt ihres alten Pfarrers gelauscht. Den ganzen Tag über ging der Jubel nicht aus im Dorfe, auf dem Hofe und im Hause; ein jubelndes Hurra folgte dort und hier dem andern bis in die neue Nacht hinein ... »Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt!«

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