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Der Alte von Menkendorf

Edmund Hoefer: Der Alte von Menkendorf - Kapitel 34
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authorEdmund Hoefer
titleDer Alte von Menkendorf
publisherGrüne Bücher
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Dreiunddreißigstes Kapitel

Es kommt doch anders

Ein ziemlicher Bruchteil der Bewohner unserer alten Stadt, besonders die beiden jüngeren Geschlechtsfolgen, waren zu Menkendorf herangewachsen und hatten, wie es ja den meisten gottlob mit ihrer Heimat zu gehen pflegt, in dem Nest so etwas wie ein kleines Paradies zu lieben gelernt, wo alles vom Besten zu sein scheint und kein Fehl und keine Klage bemerkbar wird. Dieser kindliche und tröstliche Glaube hatte jetzt plötzlich einen empfindlichen Stoß empfangen, wiewohl die amtlichen Mitteilungen über all die häßlichen und ungeheuerlichen Vorfälle noch ziemlich wortkarg waren. Für Alfred Wehrenberg, der ohnedies infolge seines Amtes mehr wußte als die andern, brachte aber der alte Hofkutscher Wilhelm heute noch eine besondere Wissenschaft, und zwar in einem mehrmals versiegelten Schreiben des ›Junkers‹. Auf der ersten Seite des großmächtigen Papiers – der Alte schrieb nur auf Foliobogen – standen die Zeilen: »Für dich habe ich einen Trost, mein Junge. Es gibt außer Matthies doch noch einen Zeugen: Drews. Er hat Altheim als Mörder erkannt, aber zuerst auch an deinen Vater gedacht, von wegen der Ähnlichkeit der Gestalt. Ich denke, das erklärt's. Also sei lustig wieder und vernünftig, Junge. – Detlef Gunsleben.« – Damit war die Seite voll bis zum Rande, und die Nachschrift stand auf der zweiten: »Junge, rede hiervon nicht. Moritz und ich überlegen noch, was zu tun ist.« – Das anfängliche Aufatmen ob der endlichen Gewißheit über den Mörder an Warneck war rascher gegangen als gekommen, und auch der Ton des Briefes täuschte Alfred nicht lange. So war denn wohl das Allerschwerste auf das Herz des väterlichen Freundes gefallen: sein Schwiegersohn nicht nur ein Ehebrecher, Schwindler, Spieler und Lump, sondern auch ein feiger, heimtückischer Mörder ...

»Der Großpapa tut mir unsagbar leid,« sagte Blanka, da sie mit Alfred zur Nachmittagsstunde in der Laube des Hausgartens saß, »wie Onkel Moritz und Tante Hildegard dazu so kalt die Achseln zucken können, fasse ich einfach nicht. Und wüßte Großmama dies auch noch, sie bliebe keine Stunde länger hier und müßte sie sich nach Menkendorf tragen lassen. Sie quält sich seit gestern so schon unausgesetzt um ihn und seine Einsamkeit, – hier hülfen ihm auch deine Großeltern nicht, meinte sie. Und das glaub' ich leider auch. Das Schwerste verarbeitet er doch immer nur in sich allein, – denk' an Eugen und Viktoria. Da hat er auch mit keinem darüber geredet. Er müßte gerade jetzt in dieser Zeit der Untreue nichts als desto treuere Herzen um sich haben.«

»Wohl, wohl! Es ist schier zu viel!« entgegnete Alfred so seltsam und zerstreut, daß Blanka stutzig wurde und endlich ausrief: »Sag' es nur gerade heraus, – ihr wißt noch mehr und noch Schlimmeres als ich. Weshalb verbergt ihr es mir?«

»Danke Gott, liebes Herz, daß du nicht mehr hörst, als du gerade hören mußt,« sagte er einigermaßen verlegen und ärgerlich über sich selber.

»Das ist nichts als eine unfreundliche Ausflucht,« fuhr sie lebhaft auf, »was die Meinen trifft, trifft auch mich, ich habe ein Recht darauf und werd' es eher ertragen können als die Ungewißheit. Ich bin nicht so schwach. Aber, ich merk' es wohl, ihr habt kein Vertrauen zu mir.«

»Man muß dir merkwürdig wehe getan haben, Blanka, daß du so völlig ungerecht sein kannst. Mehr Vertrauen und Liebe als du findet niemand bei den Seinen.«

»Ungerecht bin ich nicht, sondern rede nur, wie ich's fühle. Und ich kann's gar nicht sagen, wie sehr mich dies, gerade dies betrübt.«

»Blanka! – Blanka!« warf er mehrmals flehentlich bittend dazwischen, aber sie achtete dessen nicht.

»Ich muß da wohl oder übel an eine denken, mit der man's auch so gemacht hat, an Viktoria! Ist es denn nicht so? Ist es denn nicht so? – Es tut so bitterlich weh, sich immer einsam zu finden und umsonst sich nach Vertrauen und Liebe zu sehnen! – Ich fühl es jetzt!«

Er war ihren Worten in steigender Bewegung gefolgt. Eine Mischung von Empfindlichkeit und Bitterkeit und Ergebung befiel ihn; und zuletzt gar dieser Vergleich mit Viktoria, – der griff ihm ans Herz. Und wie nun die letzten Worte kamen mit ihrem versteckten Vorwurf, übermannte es ihn vollends: »Das ist ein hartes Wort und für mich härter als für alle anderen!«

Ihre Farbe wechselte und ihr Auge streifte ihn plötzlich mit einem unsichern Blick. »Für dich?« wiederholte sie mit einem unwillkürlich zweifelnden Ton in der Stimme und leise.

»Ja, für mich, Blanka!« Und nun war es auch zu Ende mit seiner Zurückhaltung. »Ich habe dich von jeher geliebt, wie nur ein Mensch sein Bestes lieben kann, und du warest in mir immer voran der ganzen übrigen Welt. Und das blieb nicht stehen, es wuchs, und du wurdest mir von Tag zu Tag mehr, in der Nähe und durch die Ferne, das Beste, das Schönste, das Heiligste, was man in der Welt weiß und sich erträumt. Und in dem Gedanken und dem Traum an dich und in meiner Liebe zu dir hatt' ich all' mein Glück und Leid, alle Armut und allen Reichtum meines Daseins beieinander.« –

Sie war indem blasser und immer blasser geworden, und ihre Finger, die dennoch nicht von der Arbeit ließen, zitterten so, daß sie kaum die Nadel halten konnten, und um den Mund zuckte leise die Erinnerung an einen alten Schmerz, und als sie endlich sprach, war es wie ein kalter Hauch. »Alfred –, was sagst du mir da?«

»Ja, mein Herz, so ist's, und kein Mensch und kein Gott kann es anders machen. Und daß es einmal laut wurde, – ich konnt's nicht mehr verwehren und kann es nun auch nicht beklagen, noch bereuen. Das Herz hat sein eigen Recht. Aber – ängstige und gräme dich nicht! Von Ansprüchen ist in mir und meinen Worten nichts. Ich überhebe mich nicht. ›Die Sterne, die begehrt man nicht!‹«

Die Arbeit war nun doch ihren Händen entsunken und das Gesicht leichenblaß und die Augen geblendet von Tränen. »O Alfred, – Alfred, – wie kannst du so zu mir sprechen?«

Da stand er auf und trat zu ihr und nahm ihre eiskalte Hand in die seine. »Noch einmal, Blanka, gräme dich nicht und zürne mir nicht. Was gesagt ist, ist gesagt, und es mußte einmal sein. Zwischen uns bleibt alles, wie es war, ich Bruder, du Schwester, darauf kannst du fest bauen. Und nun lasse mich gehen und – verzeih' mir.«

Sie erwiderte nichts, und es schien, als wolle sie ihn ohne ein freundliches Wort mitzugeben, gehen lassen, aber die Tränen, die nun immer reichlicher und größer aus ihren Augen stürzten, standen in einem seltsamen Widerspruch dazu, und er wußte jetzt gar nicht mehr, was er eigentlich von ihr denken sollte; doch bevor er noch dies in verständliche Sätze zwängen konnte, vernahm er auch schon das halberstickte Geständnis: »Es könnte ja nun alles – so schön werden, Alfred, aber ich ahne – nein, ich weiß es, unsere – Familien – und noch mehr ihr Anhang werden eine Verbindung zwischen uns nie, nie billigen!«

Es war, als sei ein Blitz vor ihm niedergefahren; er taumelte vor und zurück, breitete die Arme aus, riß sie wieder an sich, stand starr und stöhnte: »So reich – so arm – in einer Stunde!« Darnach wandte er sich langsam wie von einem Grabe ab und ging hinweg. Sie aber schwieg ihm traurig nach. –

Eine kleine Weile darauf kam Frau Hildegard eilig herangeschritten und faßte ihre Nichte fest ins Auge. Blanka arbeitete ohne aufzublicken an ihrer Stickerei und schien die Annäherung der Tante nicht zu ahnen. Erst als diese sie grüßte, sah sie auf und erhob sich artig und sagte herzlich: »Sieh' da, Tante Hildegard, kommst du von Großmama?«

»Ja, mein Schatz, bei der Mutter war ich ein paar Augenblicke und habe mich recht ihres guten Aussehens gefreut. Es geht doch alle Tage besser. Vorzüglich aber wollte ich diesmal nach dir sehen und für heut abend dich zu uns bestellen. Wir gehen in den Bertholdschen Garten und treffen Bekannte. Dir tut wirklich ein wenig frische Luft und Aufheiterung not.«

»Du weißt, Tante, wie gern ich komme, wenn nur Großmama mich so lange entbehren kann.«

»Gewiß kann sie das, liebes Kind; ja, sie freut sich über diesen Ausgang. Sie denkt wie wir, daß du dich wirklich gar zu viel und jetzt ganz ohne Not auch von uns zurückziehst, am Ende wieder ganz zur Kopfhängerin wirst und dich in ein unfruchtbares Träumen verlierst. – Übrigens, als ich vorhin kam, begegnete mir Assessor Wehrenberg in der Straße, fast als käme er von hier.«

»Jawohl, Tante, Alfred hat bei mir eine halbe Stunde gesessen und mit mir über Menkendorf und den armen Großpapa geredet.«

»So? Sag' nur einmal, mein liebes Kind, hältst du es eigentlich für schicklich, daß du derartige Besuche so häufig und so oft allein annimmst?«

Blanka schaute ganz voll Erstaunen auf. »Aber Tante – wie sollt ich's denn nicht?«

»Ich weiß doch nicht, ob alle dies so natürlich finden dürften. Du bist kein Kind mehr, liebe Blanka, du weißt, sein Ruf ist leider nicht von der Art, wie es ihn zum Verkehr mit dir berechtigen könnte. Der Schein ist nicht so gleichgültig in der Welt, mein Kind, und wie die Menschen einmal sind, wäre ein Argwohn, daß Herr Wehrenberg auch nur einen Augenblick nicht vor dem Gedanken zurückschrecken könnte, mit Fräulein von Warneck anzuknüpfen, nachdem er Frau Doktor Stephan: –«

»Tante, verzeih! Aber ich muß sehr darum bitten, falls du dieses Gespräch fortzusetzen wünschest, es in Anwesenheit Großmamas zu tun!«

Frau Hildegard von Gunsleben stand lässig auf und zog das herabgesunkene Schultertuch wieder empor. »Nun gut, mein Kind, ich habe dir einen Wink zu geben versucht, – du hast mich nicht verstanden, scheint es. Du bist sehr sicher und entschieden. Mögest du darin recht behalten. Auf Wiedersehen heut abend!«

»Heut abend, Tante Hildegard,« wiederholte das Mädchen ruhig.

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