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Der Alte von Menkendorf

Edmund Hoefer: Der Alte von Menkendorf - Kapitel 33
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authorEdmund Hoefer
titleDer Alte von Menkendorf
publisherGrüne Bücher
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Zweiunddreißigstes Kapitel

Ein Geständnis

»Und nun sagen Sie mir, Langhans, was hat Sie dem Schmugglernest auf die Spur gebracht?«

»Da läßt sich viel oder wenig drüber sagen, Herr, wie man's nimmt. Ich habe nie so viel auf Drews gehalten, wie Sie und der Herr Magister. In seinem Dienst konnt' ich ihm nichts vorwerfen, aber wegen der Freundschaft mit dem Müller behielt ich ein Auge auf ihn – und nun sehen Sie, Herr – da haben wir die Pastete.«

»Langhans, ich – also wissen Sie – ich hätte Häuser gebaut auf diesen Menschen! Ich wirtschafte nun bald fünfzig Jahre lang mit ihm und habe ihn, wenn ich das verwünschte Spiel abrechne, nie fehlen sehen.«

»Nun, Herr von Gunsleben, das weiß ich denn doch nicht. Sie haben's in Ihrem Vertrauen und in Ihrer Güte eben übersehen, was einem anderen Herrn wohl seltsam erschienen sein möchte – so wie kürzlich nach dem Brand und dazumal nach Ihres Herrn Schwiegersohns Ermordung –«

»Was meinen Sie damit??«

»Ei, Herr, wenn einer sich in solchen Fällen geberdet wie Drews und herumgeht wie dumm und verdreht, als höre und sehe er nicht, so muß man wohl auf allerhand Gedanken kommen.«

Der ›Junker‹ fuhr sich über die Stirn. »Ja, ja, Langhaus, da ist noch dies, da ist noch das, und an die Reihe muß noch viel kommen. Trinken Sie aus und kommen Sie. Wir müssen wieder ans Geschäft. Halten Sie bei Drews gute Haussuchung und sorgen Sie, daß das Weib mit seinem Geheul nicht alles in Aufruhr bringt. Es ist bisher, wie es scheint, noch hübsch still geblieben.«

Während Langhans darauf mit einigen Leuten das ihm übertragene Geschäft betrieb, machte der ›Junker‹ selber mit ein paar anderen eine Streife durch den Park, über den Lindenplatz zum Strande hinab und an diesem entlang bis zur Mühle und durch die Schlucht wieder herauf. Erfolg hatten beide einstweilen nicht. Der entflohene vierte Spieler war verschwunden, am Strande lag kein Boot, und in dem kleinen, unterhalb der Mühle gelegenen Bootshafen war gleichfalls alles in Ordnung. In der Mühle selbst schlief anscheinend alles in bester Ruhe, wie man denn im Grunde auch gar keine Spuren einer Beteiligung hier zu finden erwartet hatte: Clarmann war jedenfalls der Mann nicht, der seinen Gegnern ein leichtes Spiel bereitete. Doch kümmerte der ›Junker‹ sich für jetzt um den Müller und dessen Schuld oder Unschuld überhaupt wenig: davon mußte er voraussichtlich durch Drews alles Nötige noch rechtzeitig genug erfahren. Gegenwärtig war es ihm mehr darum zu tun, dem fremden Paschergesindel eine heilsame Angst einzuflößen und vielleicht die eine oder andere, in der Eile noch nicht verborgene Spur zu entdecken und zu erfahren, ob am Ende auch andere Einheimische mit dem Fremden in Verbindung gewesen waren. Um darüber noch mehr zu erkunden, ließ er bei seiner Rückkehr den Wirtschafter sogleich aufbrechen und zu den Vorwerken hinüberreiten: es schien festzustehen, daß heut nacht von der See her wenig oder nichts hereingebracht worden war, dagegen vermutlich eine Weiterschaffung der lagernden Vorräte stattgefunden hatte. Langhans sollte auf den Vorwerken nicht bloß Haussuchungen anstellen, sondern auch die Wege nach Renken verfolgen: es war kaum möglich, daß alle Spuren des heutigen Zuges schon verwischt sein konnten.

Endlich, da der Tag schon zu grauen anfing, gönnte sich Detlef von Gunsleben Ruhe, denn er war jetzt ohne Sorge, daß dadurch etwas verdorben werden könne. Aber er genoß dieser Ruhe nicht lange. Kaum war eine Stunde vergangen, als der alte Diener Karl ihn mit der bösen Nachricht weckte, der Nachtwächter habe sich erhängt. Dieser Vorfall aber war Mahnung genug, das Verhör des Statthalters keinen Augenblick länger aufzuschieben: so vollständig gebrochen, wie man den sonst so festen und ruhigen Mann in der Nacht gesehen hatte, war zu befürchten, daß zuletzt auch hier die Verzweiflung und Scham über die Vernunft Meister werden könnte.

»Martin Drews, was fang' ich mit dir an?« begann der ›Junker‹ den alsbald Vorgeführten zu vernehmen.

Die Weichheit des strengen Gebieters brach die Stärke des Mannes noch mehr als das Gefühl seiner Schuld. »Jagen Sie mich fort, Herr, oder schlagen Sie mich tot. Ich verdiene Ihre Güte nicht und habe sie längst nicht mehr verdient. Das verfluchte Spiel und meine Dummheit und meine Feigheit haben mich dahin gebracht. – Nur eins, Herr, nur eins, – an Ihnen und Ihrem Eigentum bin ich nicht zum Schelm geworden. Das müssen Sie mir glauben.«

»Das kann ich dir allenfalls glauben, denn blind bin ich nicht. Aber nun nimm dich zusammen und rede die volle Wahrheit. So, denk' ich, kann deine Sache noch gut werden.«

Und Drews schien in der Tat aufrichtig auszusagen: Schmugglerverhältnisse und sonstige »dumme« Geschichten aus der früheren Zeit. Hin und wieder hatte er auch an den »lustigen« Versammlungen bei Clarmann teilgenommen, und dabei einerseits die Bekanntschaft des Peter Ahrens gemacht und andererseits sich immer eifriger dem Spiel ergeben. Doch war nicht lange darauf ein Stillstand eingetreten und Drews sozusagen wieder häuslicher geworden, denn die Ermordung des Präsidenten von Warneck hatte ja langwährende Untersuchungen zur Folge, welche die Aufmerksamkeit der Behörden gerade dieser Gegend mehr als bisher zuwandten und so auch die Schmuggler beunruhigten. Dann aber war es von neuem losgegangen, und bald war das vorteilhaft und sicher gelegene Statthalterhäuschen zu einer »Hauptgeschäftsstelle« geworden.

»Das wäre also das,« sagte der ›Junker‹, als Drews seine Mitteilungen beendet hatte. »Wenn ich alles zusammenhalte, so finde ich darin genug, was einen braven Menschen verunehrt, aber wenig, was ich dir von meinem Standpunkt aus nicht allenfalls verzeihen könnte. Doch – es ist nicht alles und auch nicht die Hauptsache. Diese ist nämlich deine Verbindung mit dem Schuft, dem Peter Ahrens, und der Schutz, den du ihm gewährt hast, obgleich er längst verdächtig war und verfolgt wurde und obgleich du den Steckbrief wegen Mordverdacht kanntest –. Und vor allem: Was weißt du von der Sache mit Willmanns? Heraus mit der Sprache!« »Ja, ja, das ist's und reißt mir am Leben, Herr. Gewisses weiß ich nicht. Aber Peter schlief damals bei mir – er kam in der Nacht vor Herrn Willmanns – und ist morgens, wie meine Frau mir gesagt hat, ein paar Stunden draußen gewesen und nachmittags fortgegangen. Ich war auf dem Hofe und habe erst abends davon gehört, als ich heim kam. Daß er was mit Herrn Willmanns gehabt hätte, davon wußt' ich damals nichts. Nachher hab' ich freilich gehört, daß er zu Renken von meinem Tochterkinde hat einen Brief schreiben lassen, als wenn der Herr Magister hier den Willmanns heraufbestellte. Ich hab' ihn, da er sich vor sechs, acht Wochen wieder hier zeigte, auch nicht mehr bei mir aufnehmen wollen. Aber was konnt' ich viel machen, Herr? Ich habe wohl gemußt.«

»Und der andere, den wir gefaßt haben, was ist's mit dem?«

»Den kenn' ich nicht, Herr. Er ist erst ein paarmal hier gewesen mit dem Peter. Der heißt ihn ›Jan‹, weiter nicht, und redet nicht über ihn.«

»Du weißt mir nun wohl auch noch – etwas von dem Brand zu sagen, Martin?«

»Nein, Herr, davon weiß ich nichts. Ich bin scharf hinterher gewesen, und auch Peter Ahrens hat sich verschworen, das wolle er heraushaben; denn die Herrschaft, über die keiner zu klagen habe, solle nicht aufgestiftet werden. Aber er hat auch nichts herausgebracht, glaub' ich.«

»Aber vom Mörder meines Schwiegersohnes Warneck weißt du etwas – lüge nicht!«

Drews war bei dieser Frage leichenblaß geworden, seine Augen schauten entsetzt, und seine Lippen schlossen und öffneten sich ohne einen Laut. Und endlich stieß er nur ein kaum verständliches »Herr – Herr!« hervor.

»Wer's war, will ich wissen – heraus damit! Und ich rate dir gut: lüge nicht!«

Nach einem angsthaften, fast minutenlangen Ringen kam es gebrochen heraus: »Mein Gott, – das ist – das ist – ist – ja der Herr Graf gewesen –«

Der ›Junker‹ fuhr entsetzt zurück. »Wer? Altheim? Das ist nicht wahr – er war zu Doberan! – Martin, lügst du mich an? – Ich hörte auch vom Rat Wehrenberg –«

Da fiel Drews ganz erregt ein: »O, Herr, der war's nicht, war's nicht! – Hab' wohl auch zuerst an ihn gedacht, – wenn man die Herren von rückwärts sah, waren sie ja an Gestalt wie Haltung einander gleich! Aber – es war gewiß und wahrhaftig der Herr Graf.«

Es war eine lange Stille im Zimmer. Endlich blickte der ›Junker‹ aus seinem finsteren Sinnen auf. »Weiß er von dir als Zeugen?«

»Das glaub' ich nicht, Herr. Geredet hat er niemals mit mir.«

»Haben's noch andere gesehen? Zu wem hast du geschwatzt?«

»Zu keiner Menschenseele, Herr. Zuerst hat's mir schier das Herz abgestoßen – aber wie könnt' ich so etwas Schreckliches über Sie und die gnädige Frau bringen? Da versteckt ich's denn in meinem alleinigen Kopf, und wie's jetzt noch herauskommt, das versteh' ich nicht. Peter mag damals gemerkt haben, daß ich was wußte, aber gefragt hat er mich nicht und gesagt hätt' ich's auch ihm nicht. Und daß sonst noch einer um den Weg gewesen, das kann ich nicht glauben. Es blieb auch nach dem Schuß alles still.«

Der ›Junker‹ trat darnach ans Fenster und schaute eine lange Weile schweigend auf den Hof hinaus, während der Statthalter seinen Platz an der Tür behielt und mit für einen Dritten sicher auffälligen Blicken den Gebieter vorsichtig beobachtete. Mit einem Male drehte der sich rasch um und kam wieder hart an Drews heran. »Der Magister kommt eben um die Scheune, und meine Zeit für dich ist um. Gehe wieder hinauf und bleibe da, bis du gerufen wirst. Daß ich dir nicht übel will, merkst du, – heißt das, wenn du nicht gelogen hast. Vor Gericht wirst du wohl des Ahrens wegen müssen, und mit dem Zollamt bekommst du gleichfalls zu tun, aber wenn du die volle Wahrheit sagst, wird's den Hals nicht kosten, sondern mit einem gehörigen Denkzettel abgehen. Was zwischen uns wird, findet sich dann. Wir haben natürlich noch mehr zu reden.«

Silberg traute beim Anblick des Freundes seinen Augen kaum, denn er hatte bisher nur durch den Küster, der bei grauendem Tage Langhans abreiten sah und auch sonst schon seine Beobachtungen gemacht hatte, erfahren, daß auf dem Hofe irgend etwas Ungewöhnliches vorgegangen sein müsse. Von der Ankunft des ›Junkers‹ und der vollen Wahrheit war zu dieser noch immer frühen Stunde auf dem Pfarrhofe bisher nichts verlautet. Nun freilich erfuhr er mehr, als er irgend befürchtet hatte, und wurde von Wort zu Wort bestürzter und betrübter. Denn was der alte Freund trotz seiner schier trotzigen Haltung innerlich litt, begriff er nur allzu wohl. Der Ärmste hatte sich von dem Schlage in der Stadt kaum wieder aufgerafft, und nun traf es ihn von neuem und wiederum auf das empfindlichste. Die Anschuldigung gegen Altheim, die Entdeckung des verbrecherischen Paschens, der Tod des alten Nachtwächters, das verlorene Vertrauen zu dem Statthalter und noch dies und das –

»– und du sollst sehen, wir sind noch nicht zu Ende!« sagte der ›Junker‹ grollend, »Ich vertraue keinem Menschen mehr, ja mir selber nicht!«

Diese Ahnung oder Befürchtung bestätigte sich noch am ersten Abend. Als die beiden Verhafteten abgeführt wurden, stürzte eines der Hausmädchen auf den unbekannten pockennarbigen Burschen zu, umklammerte ihn und rief verzweiflungsvoll: Der sei der ihre und sie lasse nicht von ihm, was er leide, leide auch sie. Und er sei kein Brandstifter. Sie hab' ihn wohl einmal nachts ins Haus gelassen und mit ihm Wein aus dem Keller geholt. Aber das Licht habe sie, nur sie allein dort stehenlassen –.

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