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Der Alte von Menkendorf

Edmund Hoefer: Der Alte von Menkendorf - Kapitel 32
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authorEdmund Hoefer
titleDer Alte von Menkendorf
publisherGrüne Bücher
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Einunddreißigstes Kapitel

Ausgehoben

Der »Trakehner« entsprach vollkommen den Erwartungen. Er trabte wundervoll rasch und leicht und bekam trotzdem »kein nasses Haar«. Aber es ist niemals gut, den Tag vor dem Abend zu loben! – Als Detlef von Gunsleben schon zwei Drittel des Weges zurückgelegt hatte, fing das Pferd plötzlich an zu lahmen. Er stieg ab und untersuchte den Schaden; ein kleiner Stein war so fest unter das Hufeisen geklemmt, daß er ohne Werkzeug nicht mehr herauszubringen war. Da blieb kein anderer Ausweg, als eine Schmiede aufzusuchen, und der Reiter sah sich gezwungen, den halbstündigen Weg dahin im langsamsten Schritt zurückzulegen. Vor der Schmiede ging das Geschäft auch nicht nach Wunsch von statten, und als der Alte darauf in einem Gasthof abtrat, um dem Gaul eine kleine Erholung und sich eine Stärkung zu gönnen, gesellte sich sein Zimmermeister zu ihm – in Geschäften. Und so ging es mit ganz natürlichen Dingen zu, daß der ›Junker‹ zu der Stunde, wo er die Seinen zu überraschen gedacht hatte, erst vor dem Gasthofe wieder auf sein Pferd stieg. Als er zum zweiten Vorwerk kam, gab es einen neuen Aufenthalt. Denn das scharfe Auge des alten Herrn bemerkte, daß die kleine Pforte im großen Scheunentor aufstand. Er ritt also zum Hause und rief den Verwalter. Der lag indessen zu dieser Stunde mit den Seinen schon zu Bette und konnte daher erst nach mehreren Minuten sich ermuntern und zum Vorschein kommen. Er war sehr überrascht über die plötzliche Erscheinung des Gebieters und bestürzt über dessen verdrießliche Worte. Er beschwor es mit einem harten Schwur, daß die Tür von ihm selber am Feierabend geschlossen worden und bei seinem gewohnten letzten Rundgang auch nicht offen gewesen sei. »Aber, Euer Gnaden werden's wohl schon erfahren haben, daß zuweilen Leute nachts durch die Trift kommen mit Päcken. Und da könnten sie auch wohl ihren Weg einmal hier vorüber genommen haben, – wenn sie nach Renken wollen, ist's ja auch näher.«

»Ei, davon hab' ich noch nichts gehört. Also das verwünschte Gelaufe fängt wieder an. Nun gut, da wollen wir hinterher sein. Also paß gut auf. Merkst du etwas, so gibst du gleich Nachricht, und fängst du einen, so ist's desto besser. Gute Nacht!«

»Ich will gleich mit dem Hunde losgehen,« sprach der Mann und machte sogleich den Hund von der Kette los. Der ›Junker‹ nickte zufrieden und ritt weiter, nicht gerade rasch, da ihm die erhaltenen Nachrichten durch den Kopf gingen und ihn verdrossen. – »So, so, dachte er, ist es das gewesen, was mir in des Langhans Briefen so wunderlich erschien? Na wartet, Kinder, wollen euch ein bißchen Feuer auf die Hacken bringen!« –

Die Nacht war jetzt völlig hereingebrochen, und im Dorfe, dem der Reiter sich nun endlich näherte, waren die Häuser alle schon dunkel. Um nicht die ganze Hundegesellschaft zum Kläffen zu bringen, ließ der Reiter das Pferd ganz langsam traben; und als hätte das kluge Tier die Absicht seines Herrn vollends erkannt, vermied dieses auch sonst irgendwelche Geräusche zu erwecken. Und so blieb wirklich alles still und stumm wie zuvor. – Wenn man das Dorf gegen den ›Hof‹ zu verläßt, trifft der Blick etwa hundert Schritte weiter auf zwei kleine, stark voneinander gesonderte Häuserchen, von denen das nähere dem Statthalter Drews, das entferntere dem Jäger Brüst gehört; beide liegen nicht unmittelbar an der Straße, sondern ziemlich abseits, und ein gezäuntes Steiglein gabelt sich zu ihnen hin. – Als der ›Junker‹ nunmehr aus dem Dorfbereich herauskam, sah er mit einem Male ein Dutzend Pferdelängen vor sich eine Gestalt gebückt über die Straße huschen und die Richtung auf das Statthalterhäuschen zu nehmen.

»Halt, wer da!« rief der alte Herr der sonderbaren Erscheinung erstaunt nach, da er sich nicht denken konnte, wer zu dieser Stunde noch etwas bei Drews zu suchen haben möchte. Sie aber hielt keineswegs an, sondern fing sogar, als der ›Junker‹ ein zweites, lauteres »Halt!« nachrief, mit schwerfälligen Schritten an zu laufen. Detlef Gunsleben verstand jedoch, wo ihm eine Widersetzlichkeit begegnete, keinen Spaß. Er gab seinem Rappen Schenkeldruck, setzte über den Straßengraben und war in ein paar Augenblicken bei der Gestalt, hielt so hart vor ihr an, daß sie zurücktaumelte und in die Knie sank; beugte sich nieder, um das sich mühsam wieder aufraffende Geschöpf zu erkennen. Es war der Nachtwächter. »Heda, Kerl, ist hier etwa sein Posten? Was hat er hier zu tun, und wo wollt' er hin?«

»Gott behüt' und bewahr' mich,« murmelte der alte Mensch, der, wie üblich, als unbrauchbarster Angehöriger des Hofes sein Gnadenbrot als Nachtwächter verdiente, »hat der Herr mich erschreckt! Und wie kann ich's wissen, daß der Herr selber da ist, bei nachtschlafender Zeit, und kein Mensch weiß davon, und der Herr Inspektor ist auch schon zu Bett –«

»Hält der Lump mich zum Narren oder ist er betrunken? Was er hier zu tun hat und wo er hin will, soll er sagen!«

»Gott behüt' und bewahr' mich, Herr, was bin ich erschrocken! Ich wollt' ja nur da ein wenig herumgehen –«

»Wohin, will ich wissen! Daß er Faulpelz keinen Schritt weiter macht, als er muß, wissen wir. Also?«

»Na ja, Herr, ich wollte da ja auch wohl einmal zu Drews hinein.«

»Zu Drews? Was wollt' er da?«

»Na ja, Herr, sie spielen da ja wohl einmal ›Solo‹ und da seh' ich gern zu.«

»So, so – man spielt da noch zu solcher Stunde? Heda, komm' er mit. Denen will ich das Spiel verderben! Und ihm sag' ich – merk' er wohl auf! – wenn er nur einen Mucks tut, laß ich ihn morgen früh durch den Gendarmen abholen –«

»Herr – Herr –! O Herr, Sie werden doch das nicht tun, mich alten armen Mann –«

»Verlaß er sich darauf, ich tu's. Und nun vorwärts, – keinen Mucks!«

Beim Statthalterhäuschen angelangt, fiel dem alten Herrn als erstes auf, daß der als äußerst wachsam und scharf bekannte Hund sich gar nicht vernehmen ließ, und als zweites, daß, ganz gegen alle Gewohnheit, die Fensterläden geschlossen waren. Alles aber lag anscheinend in tiefster Ruhe.

»Gehe der Herr nicht weiter,« murmelte der Nachtwächter jetzt, der bis hierher gehorsam gefolgt war, mit einem fast besorgt warnenden Gehaben, »es gibt ein Unglück, – drinnen ist – Herr, Herr, gewiß und wahrhaftig – ein Unglück –«

Der ›Junker‹ hörte nicht darauf, schritt vorsichtig weiter und fand das Haustor nur angelehnt. Der Flur gähnte dunkel. Aber ein gedämpftes Stimmengewirre wies den behutsam Vorwärtstastenden richtig an. Nun fühlte er schon den Türpfosten, jetzt die Klinke, drückte, stieß auf und stand darin: Branntweingeruch, Tabaksqualm, und um spärlich erleuchteten Tisch vier Männer, die so eifrig karteten, daß sie nicht einmal aufsahen.

»So, ihr Halunken, seid ihr beieinander?«

Jetzt erst fuhren die Spieler auf. »Gottes Donner – es ist der Herr!« rief einer, »Gott verdamm' ihn, vorwärts, Jungen! Drauf und dran!« ein zweiter. Und indem flog die Lampe vom Tisch und verlöschte, und der Raum war voll des dichtesten Dunkels. Und da stürmte auch schon jemand gegen den ›Junker‹ heran.

Detlef Gunsleben war schon ein Siebziger, aber noch von einem guten Teil der Stärke, die er früher in mehr als einer, bald scherzhaften, bald ernsten Probe bewährt hatte. Er hielt den Anprall aus, denn er war auf dergleichen gefaßt gewesen; im nächsten Augenblick aber wurde er auch von hinten angefaßt und unwiderstehlich auf die Seite gedrückt, so daß er den Ausgang wohl oder übel frei lassen mußte. So mochten Zweie hinausgelangt sein. Eine Sekunde später stand der alte Herr jedoch schon von neuem fest, und den dritten Anstürmer warf er nun mit einer Gewalt ins Zimmer zurück, daß er hörbar gegen den Tisch stürzte und, diesen umreißend, schwer zu Boden schlug.

»Dich hab' ich, Halunke! Und den Monsieur Drews hab' ich auch, und den Schuft, den Peter Ahrens, hab' ich gut genug erkannt. Ich will euch lehren, auch mit mir zu spielen!« Und indem flammte in des ›Junkers‹ Hand ein Zündhölzchen auf und zeigte ihm den Schauplatz und die beiden Geschlagenen: den alten, wie völlig vernichtet dastehenden Statthalter und einen jüngeren Burschen, der sich eben mühsam und blutend vom Boden aufraffte.

Da erhob sich auch draußen ein Kampfgeschrei. –

»Halloh,« frohlockte der ›Junker‹, »das klappt ja drollig! Langhans ist also auch schon auf der Spur! – Drews, schaff' er Licht!« heischte er dazu und trat jetzt sorglos in den Flur hinaus, der von einem Fackelschein van der Straße her erhellt war. »Langhans, wenn Sie dort fertig sind, kommen Sie her und bringen Sie einen Strang mit, ich habe drinnen auch noch einen!«

»Na, ich sag' ja, – Jungens! – es ist der Herr selber! Den Augenblick, Herr! – Nur noch die Beine! – Zieh' gut an und schling' fest ein, Jochem! – Ha, mein Junge, jetzt wirst du wohl Geduld haben! – Zwei bleiben bei ihm, einer kommt mit.« So kam es von draußen wieder. Und gleich darauf erschien die massige Gestalt des Wirtschafters selber.

»Na, Langhans, das ist ein Treffen!«

»Ei, daß Sie hier sind, Herr – ich dachte mir beinah so etwas, als ich den Staatsgaul da vorn am Zaun fand! Na, Herr, die wilde Katze draußen, hab' ich fest, ich glaube, es ist der Peter Ahrens – und Sie, haben Sie den Clarmann? So, den nicht? Aber doch Wohl den Schleicher, den –? – Herr Gott, da liegt ja noch einer!«

»Lassen Sie ihn liegen – es wird unser Nachtwächter sein, den ich mir zum Führer griff. Hat er einen Puff gekriegt – wollen hernach zusehen. Jetzt gibt's anderes zu tun. Haben Sie vorn auch Mannschaft?«

»Ja, Herr, den Fritz und den kleinen Wilhelm – schon des Pferdes wegen.«

»Recht! – Kommen Sie!«

In der Stube brannte jetzt ein Licht. Der alte Statthalter stand noch immer, wie vorhin, anscheinend völlig vernichtet, das graue Haupt tief auf die Brust gesenkt, die Hände ineinander geschlungen und so heftig zitternd, als müsse er im nächsten Augenblick umsinken. Aber bevor der Gutsherr ihn nur recht ansehen und sich nach dem zweiten umschauen konnte, warf sich ihm eine alte Frau zu Füßen und erfaßte krampfhaft seine Hand.

»Herr, gnädiger Herr!« jammerte sie unter stürzenden Tränen, »haben Sie Erbarmen – nur dies eine – einzige Mal Erbarmen! Verdienen tut's der alte dumme Mensch nicht. Euer Gnaden sind immer gut gewesen, und nun macht er's Ihnen so! Ich hab's ihm genug gesagt. Aber das verfluchte Spiel, und nun der Schuft, der Peter Ahrens, mit seinen Dukaten – die haben ihn zum schlechten Kerl gemacht. Von sich aus wär' er's nicht geworden. O, gnädiger Herr, denken Sie an mich und die Kinder! Wir müssen ja alle ins Wasser gehen –«

»Steh' auf, Liesch,« unterbrach Detlef von Gunsleben sie mit gerunzelter Stirn. »Du weißt, ich kann solch' Geknie und Gejammer nicht leiden, und bessern tut es bei mir nichts. Ich bin kein Unmensch. Und wenn der alte Dummkopf, denn weiter ist er nichts, denk' ich noch, – reuig und wahrhaftig bekennt, so wollen wir weiter sehen. Nun aber kein Wort mehr. Wo ist der andere Bursch, den ich hier festhielt? – Ah – da drückt er sich in die Ecke! Holen Sie ihn einmal hervor, Langhaus, und leuchten Sie ihm ins Gesicht, wer es sein mag.«

Es war ein unbekannter Mensch, ungewöhnlich schmächtig, blaß und pockennarbig.

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