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Der Alte von Menkendorf

Edmund Hoefer: Der Alte von Menkendorf - Kapitel 30
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authorEdmund Hoefer
titleDer Alte von Menkendorf
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Neunundzwanzigstes Kapitel

Schrecklicher Verdacht

Es war eine leichte Wendung zum Besseren eingetreten: War auch die Gefahr noch nicht beseitigt, so hatte doch das Leiden sein unheimliches Wesen verloren. Am Ende der Woche aber war der Zustand so leidlich und Doktor Busch äußerte sich so zufrieden, daß Silbergs, wie sehr man sich auch dagegen wehrte, an die Rückreise gingen. Als der ›Junker‹ zum Abschied an den Wagen trat und selber den Schlag hinter den Alten schloß, kam die schwere Sorge dieser Tage noch einmal bei ihm zum Durchbruch. »Eure Anwesenheit war mir wie eine Glücksversicherung,« sagte er, die Hand der Pfarrerin haltend, »nun ihr wieder geht, guckt das Unglück gleich tückisch um die Tür und möchte noch einmal herein.«

»Schämen Sie sich, Detlef! Wie dürfen Sie so kleinmütig und abergläubisch sein, gerade wo der liebe Gott so Großes an Ihnen getan und Ihnen obendrein Blanka als Schutzengel gegeben hat. Weiß Gott, ich habe nicht geglaubt, daß ich das Kind noch lieber gewinnen könnte, aber diese Tage haben mich eines Besseren belehrt. Der Doktor sagte mir gerade vorhin noch, mit der im Bunde könne man dem Tode schon ein Schnippchen schlagen.«

»Item«, ergänzte der Magister seines Weibes Rede, »es wird schon alles recht werden. Denke aber auch an dich und komm' einmal zu uns hinaus. Du brauchst auch frische Luft und dein Auge fehlt, glaub' ich bereits, zu Menkendorf. Gott behüte euch! – Fahr' zu, Wilhelm!«

Blanka war in der Tat eine ausgezeichnete Pflegerin. Sie hatte in ihrem kurzen Leben bisher kaum jemals an einem ernsten Krankenbette gestanden, geschweige denn die Pflege auf sich zu nehmen gehabt, und übernahm dennoch jetzt dies Amt und seine schweren Pflichten von Anfang an ohne Zögern und mit vollendetem Geschick. Freilich fiel das nicht als Einziges an ihr auf. Man hatte hier, was man von ihr kürzlich alles vernommen, fast ein wenig ungläubig mitangehört, jetzt aber fand man Gelegenheit im Überfluß, eine fortschreitende Wandlung an ihr auf das Genaueste selbst zu beobachten. Das liebenswürdige und vordem ein wenig träumerische, vor allem aber weiche und zarte, ja ziemlich unselbständige Geschöpf trat den staunenden Verwandten von Tag zu Tag in wachsender Klarheit, Kraft und ruhiger, heiterer Entschlossenheit entgegen.

In anderer Weise als Blanka, aber doch für manchen nicht weniger überraschend und vielleicht auch erfreulich, war ein anderer den Freunden wieder nahegekommen, und das war Alfred. Die Erkaltung und Entfremdung, die er zu erfahren gehabt, hatte doch vorwiegend bloß die Hiesigen von ihm entfernt, während sie sich bei den Übrigen – wie beim ›Drakenhöfer‹ etwa – mehr nur erst als eine Art von Mißtrauen äußerte, das sich unter Umständen denn doch noch besiegen lassen mochte. Und da sie ihn nunmehr in der für alle gleich schweren Zeit ganz in der alten Weise, voll Anhänglichkeit und Tätigkeit sich bewahren sahen, so dachte keiner mehr an das Trennende. Nur Hildegard, die Frau des Oberstleutnants, und ihre Tochter blieben kalt und fremd. Seit sein Großvater abgereist war, wurde Alfred der fast tägliche Begleiter auf den Morgenspaziergängen des ›Hunters‹. »Ja, was hat man denn eigentlich an dem Jungen stets herumzuzerren und über ihn zu munkeln gehabt?« fragte der sich von Tag zu Tag halb verwunderter, halb verdrießlicher »Das ist ja alles klipp und klar und auf geradem Wege! Am Ende hat ihn erst das ewige Zerren und Mäkeln und Argwöhnen verdreht gemacht.« Die beiden trafen sich gewöhnlich am Hafendamm. Kam der eine oder der andere einmal nicht oder zu spät, so wurde das nicht krumm genommen. Heute jedoch befand sich der Alte in einer Stimmung von Ungeduld und Unbehagen, daß ihm schon der Gedanke, Alfred möchte nicht kommen oder sich verspäten, ein »Donnerwetter« um das andere entlockte.

»Na, kommst du endlich, mein Junge?« begann er denn auch, als der Ersehnte mit einer Minute Verspätung über die übliche Zeit zur Stelle war, »Langhaus mit seinen Krähenfüßen und Historien hat mir den Kopf kraus gemacht. Ich werde eben doch wohl einmal hinaus müssen, weiß der Kuckuck, wie's kommt: Langhaus wird jetzt auch schon an die zwanzig Jahre droben sein, ist ein zuverlässiger Mensch, weiß mit allem Bescheid, und die Leute sind alle miteinander gleichfalls keine Neulinge mehr, noch widersetzlich. Man sollte denken, wo das Ding so vollkommen in der Reihe ist, müßt' es eine Zeitlang schier von selber gehen. Aber prost die Mahlzeit! Wendet unsereiner unglücklicherweise einmal das Auge weg, so ist gleich der Teufel los und es gibt Dummheiten drinnen und draußen. Weiß der Kuckuck, was die –«

»Aber die Großeltern –,« wollte Alfred beschwichtigend einwenden.

»Ja, deine Großeltern –, das ist's eben auch! Wollt' es grad' sagen! – Weiß nicht, was es da gibt! Von ihnen selber hört man nichts – und Langhans schreibt nur von ihren hochehrwürdigen Wohlbefinden –. 's muß da auch etwas nicht richtig sein. Also will ich einmal hinaus und darüber wie der Zieten aus dem Busch. Der Doktor war gestern abend mit der Alten Befinden ganz zufrieden und meinte, sie werde in einigen Tagen aufstehen können. Heut morgen, da ich hineinsah, schlief sie tief und sanft wie ein Kind, und Jungfer Karoline sagte, es sei die ganze Nacht so gewesen. Und so will ich heut mittag gleich fort.«

»Wie – mit einer unserer Fuhrmannskarreten? Das wird Ihnen schlecht schmecken, Papa?«

»Wie der Zieten aus dem Busch, sagt' ich dir doch, mein Junge! Der Stallmeister hier hat einen Trakehnerrappen mit kleinem weißen Stern – verlangt zwar dafür einen heidenmäßigen Preis, aber es ist ein Staatstier – will's heut einmal probieren! – So komm' ich ihnen allen über den Hals, daß sie nicht wissen, wie und wo!«

Sie waren während dieses Gesprächs immer am Hafen entlang gegangen. Der Morgen war halb bedeckt, die Luft kühl und noch ganz still, und wie droben in der Höh', war es auch hier unten, wo das eigentliche rege Tagesleben noch fast vollständig feierte.

»Übrigens, auch für dich habe ich schon seit langem etwas auf der Pfanne,« hub der Alte wieder an, »daheim findet sich dazu keine Zeit.«

»Ganz in Ihren Diensten, Papa. Ich habe gleichfalls etwas für Sie auf dem Herzen, wozu sich daheim keine rechte Gelegenheit findet.«

»Ganz recht. Aber zuerst komme ich. Also, was sind das eigentlich für tolle Geschichten, die dich seit Jahr und Tag zum Duckmäuser machten und alle Welt erschreckten und erzürnten? Ich denke, du gestehst mir das Recht zu, dich so anzufassen. Die Deinen und du, ihr seid mir von altersher schier wie die Meinen gewesen, und wo ich's verhindern kann, laß ich keinen verloren gehen. Mit dir aber war's, glaub' ich, nahe daran. Und ich muß ehrlich sein und sagen: hätt ich dich gefunden, wie ich's nach allerhand verwünschten Andeutungen und Anspielungen leider schließen mußte, so wärst du auch mich los geworden. Aber es kam gottlob besser. Ich habe auch auf dich acht gegeben. Und du hast Probe gehalten. Siehst du, darum red' ich heut so zu dir, sonst hattest du kein Wort von mir gehört. Also rede zu mir wie ein braver Mensch.«

»Was läßt sich da aber am Ende reden – selbst zu Ihnen, Papa?«

»So will ich dir zu Hilfe kommen, mein Junge. Es ist vielleicht auch besser so. Du bist also, wie es scheint, in den bekannten großen Irrgarten hineingeraten. Ich bin kein Tugendrichter. Aber wo man ein Menschenkind sich von Grund aus geradezu umkehren und sozusagen sein Leben für etwas opfern sieht, das man nach seiner besten Einsicht nur für ein hohles Trugbild oder gar für etwas durchaus Unwürdiges zu halten vermag – ein Menschenkind, auf das man volles Vertrauen gesetzt und manche Hoffnung gebaut – das ist kein Spatz, mein Junge! – Aber ich will nicht tragisch werden. Ich hab's ja eben gemerkt, daß das Ding nicht so schlimm ist und man allzu schwarz gesehen hat.«

»Das mein ich denn doch auch, Papa, und ich glaube sogar, daß hätten auch die anderen so gut wie Sie merken können. Jene Verirrung wurde erst da von einer gewissen Bedeutung für mich, als sie mich über jedes geahnte Maß hinauszutreiben und in ein Zerwürfnis zu versetzen drohte, ja wirklich schon versetzte, wovor ich zurückschrak. So raffte ich mich auf und strebte nach Befreiung – nicht leicht, Papa, noch ohne Schmerz, denn gerade in der Trennung offenbarte sich mir jene Frau im tiefen Grunde als edel und schön. Aber das half nun einmal nicht, es mußte sein, obgleich es mir von keiner Seite erleichtert, vielmehr von jeder, auch durch das Geschick selber, erschwert wurde. Erst diese Krankheit und Gefahr der geliebten alten Mama und auch das trübselige Geschichtchen mit ihrer Enkelin Viktoria machten mich freier, denn sie drängten die eigenen Sorgen zurück und ließen mich wieder warm werden in Liebe und Teilnahme.«

»Na, das alles ist recht schön und gut, aber für mich zu philosophisch und auch zu dunkel, 's ist das Beste, daß ich dich wirklich wieder auf unserer Seite finde. Du hast keine Lust, dich auf Einzelheiten einzulassen – ich verdenk's dir nicht und habe auch kein Verlangen danach, viel Gescheites wird sicherlich nicht dabei sein. Und nun also mit dem anderen, was dich drückt! Bleibt's auch da am Ende bei einem Geheimnis?«

»O nein, Papa, für Sie wenigstens gewiß nicht. Sie hörten ja, daß ich etwas auf dem Herzen habe. Darf ich reden?« Und da der Alte nickte, so berichtete er denn von Matthiesens Wiederauftauchen, dessen Rettungstat, Geständnissen und Mitteilungen sowie von der seinerseits begangenen Pflichtverletzung. »Das sind ja tolle Geschichten!« sprach der ›Junker‹ in eine entstehende Pause hinein. »Und wenn's so steht, kann ich dir nicht unrecht geben. Ich könnte den Matthies auch nicht unglücklich machen, und ich glaub' ihm gleichfalls. Es war ein braver Mensch, bis die verfluchte Herumzieherei mit dem Schuft, dem Ahrens, begann.«

»Also das ist der eine Punkt, Papa. Der zweite steht gleichfalls mit dem Matthies in Verbindung. Aber dazu muß ich ein wenig weiter ausholen. Als ich aus der Vormundschaft entlassen worden und das gesamte Erbe meiner Eltern ausgeliefert bekam, fand ich eine ziemliche Anzahl von Warnecks Briefen, schon von der Universitätszeit her, aber auch einzelne aus den späteren und letzten Jahren. Nun wüßt' ich ja, daß das Jahr 1848 eine gewisse Störung in den Freundschaftsbund gebracht haben sollte, und fand auch hier in mehr als einem, zum Frieden und zur Billigkeit mahnenden Briefe Warnecks die Spuren davon. Dazu muß jedoch damals noch etwas anderes sich zwischen die Freunde gedrängt haben. Es findet sich ein Brief, worin Warneck meinen Vater auf das erstaunlichste zur Rede stellt, wegen – wegen seines Mißtrauens gegen meine Mutter und ihn –«

Der ›Junker‹ blieb aufgebracht stehen. »Verzeih' es mir, Junge, aber dein Vater muß wahnsinnig gewesen sein!«

»Der Brief hat, wie es scheint, auf meinen Vater Eindruck gemacht,« redete Alfred unverändert weiter. »Gleich darauf findet sich nämlich ein zweiter, zu Menkendorf geschrieben, voll Befriedigung über ›wiedergewonnene Einsicht‹, herzlich und vertraulich wie ehedem. – Warneck berichtet darin sogar von einem ernsten Streit mit seinem Schwager Altheim und spricht sich auf das bitterste über diesen aus.«

»Ich entsinne mich eines solchen Streites,« murmelte der ›Junker‹, finster werdend.

»Dergleichen muß öfters vorgekommen sein, Papa. Es finden sich auch später noch ähnliche, womöglich noch härtere Äußerungen, selbst aus dem letzten Frühling, den der Unglückliche zu verleben hatte. Auf meinen Vater scheint nun jener erste Vorwurf nicht von nachhaltiger Wirkung gewesen zu sein. Es gibt einen weiteren Brief Warnecks, gleichfalls aus dem letzten Frühling, also schon nach dem Tode meiner Mutter, worin meinem Vater sein Unrecht noch ernster vorgehalten und ihm zuletzt die Forderung gestellt wird, entweder sein Mißtrauen oder den Freund aufzugeben. Darauf folgte einige Wochen später ein verhältnismäßig freundlicher Brief, und dann endlich der letzte, am Tage vor Warnecks Abreise zu Ihnen, worin er die Hoffnung ausspricht, den Freund bei seiner Rückkehr gesunder und ruhiger wiederzufinden. Mit Kranken sei nicht zu rechten.«

»Nun, und die Summe von alldem?«

»Ich habe mit bitterem Schmerz diese Papiere durchgelesen und darüber nachgedacht – Sie werden mir dies wohl nachfühlen. Es hat sich zuweilen nebenher auch der Verdacht in mir geregt, ob Graf Albert am Ende in irgendeiner Beziehung zu seines Schwagers Tode gestanden haben konnte –, die Feindschaft war eine bittere –«

»Nichts damit!« Der ›Junker‹ schüttelte den Kopf und ging weiter. »Wir haben auch einmal daran gedacht, aber, wie gesagt, es ist nichts damit. Nicht, als ob sein Charakter einer solchen Annahme widerspräche, aber er war zurzeit gar nicht im Lande, sondern zu Doberan, das ist festgestellt.«

»Ich weiß auch sonst, daß er es nicht war! – Und da dachte ich einmal –,« Alfreds Stimme stockte, und als sie sich wieder regte, klang sie fremd und klein, »mein Vater war krank, Papa, vielleicht sogar wirklich gestört. Er hatte gegen den Freund einen unglückseligen Verdacht. Sie schieden verstimmt. Mein Vater machte einen Ausflug – niemand weiß, wohin, und als er zurückkam –«

»Junge, wie kann man auf so wahnsinnige Gedanken verfallen!« rief der Alte da fast erbost aus, während sein Auge doch voll Mitleid auf seinem Begleiter ruhte. »Dein Vater, der kranke, aber durch und durch ehrenhafte, wackere, hochgebildete Mann, der beste Freund, der – nein, ich sage nichts mehr – es ist der helle Wahnsinn, so etwas zu denken!« Und doch – als er darnach von Matthiesens seltsamem Verhalten hörte, da wurde auch sein Auge unstet sinnend und schwer ...

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