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Der Alte von Menkendorf

Edmund Hoefer: Der Alte von Menkendorf - Kapitel 3
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authorEdmund Hoefer
titleDer Alte von Menkendorf
publisherGrüne Bücher
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Zweites Kapitel

Eine unruhige Nacht

Die »Jakobsbrüder« waren eine von den Gesellschaften, die im späteren Mittelalter halb auf religiöser, halb auf geschäftlicher Grundlage erstanden und viel Beifall fanden. St. Jakob von Compostell war ein Heiliger, der dazumal an diesen Küsten eine große Verehrung genoß, wie die noch heute vorhandenen, ihm geweihten zahlreichen Kirchen bezeugen. Das Bruderhaus »Zu St. Jakob« wird hierorts zu den merkwürdigsten Altertümern gezählt. Näher angesehen, ist allerdings nicht viel Schönes daran: es ist ein altes, keineswegs besonders stilvolles Haus, notdürftig von der Stadt erhalten. Nur der straßabwärts gelegene Teil enthält wirklich etwas Sehenswertes, den großen Gesellschaftssaal, wo die »St. Jakobsbrüder« zusammenkamen und einen frischen Trunk taten, von einem angestellten Wirt aufs beste bedient. Dieser Bestimmung war der Gebäudeteil denn auch bis in die Gegenwart gewidmet geblieben. Die Gaststube hatte stets den besten Ruf; dieser verlor sich auch nicht, als der hohe Stadtrat den ganzen Wirtschaftsflügel vor zwanzig oder fünfundzwanzig Jahren an ein Stadtkind, den frühern Schiffer Peter Jansen, mitsamt der Wirtsgerechtigkeit verkaufte, ja, der Ruf hob sich sogar, indem manch einer beim Abschied die offenherzige Erklärung Peters zu hören bekam: »Mein Junge, für Euch, rechne ich, würde hinfür ein anderer Ankergrund passender sein.«

Als unser Fremdling die Gaststube wieder betrat, war es im großen und ganzen noch wie zuvor. Gäste fand er auch jetzt nicht anwesend, denn das Wetter war draußen noch immer furchtbar und anscheinend zu einem schweren Landregen geworden, der selbst den leidenschaftlichsten Stammtischhockern wohl das Ausgehen verleidete. Nur Christen saß in einem der hintersten Stühle und erquickte sich am Abendbrot, das ihm bestellt worden war. Daß der Wiedererschienene sich nun sogleich ohne Ziererei an den Tisch des einfachen Seemannes setzte und es sich hier bequem machte, wiederum ohne Ziererei eine Unterhaltung beginnend und weiterführend – das machte augenscheinlich den besten Eindruck. Der Wirt brachte sogar selber die bereiteten Speisen, ließ sich dann gleichfalls am Tisch nieder und nahm teil an dem bereits munteren Gespräch; denn nun, da der Ankömmling sich erholt hatte, zeigte es sich von Minute zu Minute mehr, daß er ein lustiger Geselle war und ohne eine Spur von der Leidmütigkeit, die ihn vom Schiff ans Land begleitet hatte. Es stand nur ein gewöhnliches Unschlichtlicht auf dem Tisch, aber die Speisen und der Wein waren über alles Lob erhaben, und so geriet der Fremde – er nannte gelegentlich seinen Namen: Leopold Busch – bald in die allerbeste Stimmung, bis daß er endlich begeistert ausrief, so wohl sei's ihm schon lange nicht gewesen, und wenn's ihm möglich wäre, möchte er noch mehr solcher Abende hier verleben. Darauf aber wurde der Wirt mit einem Male einsilbig, und Christen schickte sich sonderbar umständlich zum Aufbrechen an.

Das machte den Zecher stutzig, und er wendete alsbald die Rede so, daß er den Seemann unauffällig hinausbegleiten konnte und, als es gelungen und sie in der Haustür standen – es regnete und stürmte noch immer – begann Christen von selber: »Nehme der Herr einen guten Rat an: es geht in dem Hause zuweilen allerhand vor, was nicht für alle Augen ist – Unehrliches ist nicht dabei. Wie es jetzt steht, weiß ich nicht. Aber wenn der Herr etwas merkt, was er nicht recht versteht, so lasse er's gehen und frage nicht. Denn das verträgt der Peter nicht.« – Nachdenklich kehrte der Arzt nun in den Saal zurück und äußerte, daß er zu Bett gehen wolle. Peter Jansen beeilte sich, ihm ein Licht zu geben, schüttelte ihm darnach die Hand und sagte: »Na denn, geruhsame Nacht, Herr Doktor, werd' es gleich auch so machen. Aber was ich sagen wollte, Sie haben droben einen Nachbar und er ist noch nicht zu Haus, soviel ich weiß. Doch es ist ein stiller Mensch und wird Sie nicht stören.«

Die Kammer, die man dem Gast angewiesen, war ein schmales, sehr langes Gemach von nicht besonderer Höhe. Die Einrichtung, denkbar bescheiden, bestand nur aus Bett, Tisch und Stuhl nebst einer großen eisenbeschlagenen Truhe. Ein kleines Fenster, es mochte tagsüber wohl nur wenig Licht gewähren, ließ auf den Hof des Hauses hinabsehen. Außer der Eingangstür zeigte sich kein anderer Zugang, aber die Wand, welche das Zimmer von einem anstoßenden schied, reichte nicht bis zur Decke, sondern brach etwa einen Schuh darunter ab und bewies damit, daß der Raum auf das einfachste und wohlfeilste in zwei Teile getrennt war, um noch einen Schlafraum zu bekommen. Als Doktor Busch nebenan keinerlei Geräusch vernahm, entkleidete er sich und streckte sich behaglich ins Bett, des erquickenden Schlafs gewärtig.

Aus dem Hause drang kein Laut zu ihm, und der Sturm und Regen, obgleich sie die Rückseite des alten Gebäudes stärker zu treffen schienen, waren, nachdem er sich an ihre jetzt regelmäßigen und eintönigen Geräusche gewöhnt hatte, auch keine Störenfriede mehr, und so schlief er bald friedensvoll ein. Aber sein Schlaf war nichts weniger als friedlich. Stak ihm noch die Unruhe der bösen Seereise im Leib? Oder hatte ihn das starke Getränk mehr aufgeregt als ermüdet –: er wachte mehr als einmal wieder auf, ohne übrigens irgend etwas von einer äußern Störung bemerken zu können. Auch das Unwetter war zur Ruhe gekommen, im Hause herrschte das tiefste Schweigen, und der Nachbar war entweder noch nicht daheim oder lag gleichfalls schon im Schlaf; es war nebenan dunkel und still. So sinnend und horchend duselte der Unruhige abermals ein. Und bald schlief er fest. Jedoch, nun ließ ihn ein Traum wieder nicht zum erquickenden Ausruhen gelangen. Denn es war ein ganz unheimlicher Traum ...

Der Arzt sah sich plötzlich unten in dem alten Saal, an einem der Tische zwischen den hochlehnigen Bänken; und es war ihm, als sei er ganz allein. Aber auf einmal sah er zwei Männer; der eine ein Fischer, der andere ein städtisch Gekleideter. Sie unterhielten sich lebhaft, ja heftig, doch von ihren Reden drang nichts zu ihm. Und nun gingen sie fort und gegen den Schenkstand zu. Da war ein schönes junges Mädchen, das die beiden Männer mit lautem Jammer um sein Leben bat. Sie fand kein Erbarmen. Der eine stieß auf einmal mit einem großen Messer auf sie ein und der andere drückte ihr gewaltsam den Mund zu. Und dann rissen beide sie auf und schleppten sie die kleine Wendeltreppe empor und durch die enge Tür. – Der träumende Zuschauer hatte sich wie gelähmt gefühlt, keines Lautes und keiner Bewegung mächtig. Aber nun jagte ihn das Entsetzen in die Höhe und er rang verzweiflungsvoll die Hände. Gott im Himmel, dachte er schaudernd, was ist dies alles? Bist du wirklich Zeuge, ja, fast Mitschuldiger eines solchen Verbrechens geworden? Wie – wenn nun die Wache auf ihrer Runde hierher käme und fände die Spuren und – dich –? Scheu schlich er, indem er sich so fragte, hinüber zu der Stelle, wo das arme Geschöpf unterlegen war. Es war dort wirklich eine große Blutlache, und dabei lag ein glanzlederner Gürtel mit einer seltsamen, alten Schnalle. Den raffte er sogleich auf. Den mußte er verbergen. Warum? War es vielleicht nicht gescheiter, ihn liegen zu lassen. Doch das ging ja nicht mehr. Er hatte ihn ja schon berührt. Sein Fingerabdruck – o, Gott, da hörte er auch bereits Stimmen, die Stimmen der Polizei. Man trat ein, man kam höhnisch auf ihn zu, packte ihn an –: Er erwachte. Atmete glücklich auf: Gott, sei Lob und Dank! All das Schreckliche war nur ein Traum gewesen –! Doch diese Freude währte freilich nur einen Augenblick, denn im nächsten hörte er Geräusch im Nebenzimmer und sah, aufblickend, dort Licht, und nun wurden auch Worte laut.

»Das ist ja eine verteufelte Einrichtung hier in deinem Nest, Matthies,« sprach eine Stimme, die, wie gedämpft und zögernd sie auch klang, als ob der Sprecher sich bei seinen Worten umschaue, dennoch von einer gewissen lauten Schärfe war. »Bist du auch sicher, daß wir nebenan keinen Horcher haben?«

Doktor Busch wagte kaum zu atmen.

»Es wird nichts zu sagen haben, Herr,« versetzte eine andere, rauhere und fast grämlich klingende Stimme. »Der Alte ist nicht gastfrei und sei Sohn nicht daheim.«

»Nun denn, so können wir ja frischweg unser Ding bereden,« sagte die erste Stimme freier, »doch zuvor, was hat dich denn eigentlich in die Löwenhöhle hereingelockt, bist du schon länger hier?«

»Ich hatte Heimweh, Herr, und hielt's draußen nicht länger aus. Am letzten Donnerstag kam ich, will nun aber bald wieder fort.«

»Heimweh – du? Aber lassen wir das. Bist du hinaus gewesen und hast etwas von meinen neuen Patschen gehört? Der Teufel ist los!«

»Na ja, Herr. Mein –«

»Still! Keinen Namen! Ich traue dem schmierigen Nest hier nicht!«

»Herr, Sie wissen, ich habe Sie nicht eingeladen! – Also, ich sah ihn und er war fuchswild, Herr. Er drohte mit dem ›Junker‹.«

»Der Schuft!« brach der mit ›Herr‹ Angeredete ingrimmig aus. »Ich merk's, was er damals versäumt hat, will er nun nachholen! Ich soll mir den baren Betrug gefallen lassen oder mich gefangen sehen! Aber da irrt er sich. Es muß Rat geschafft werden, so oder so! Er darf keine Dummheiten machen und muß sich Zeit lassen und vor allem den Betrug aufgeben oder – Du verstehst mich!«

Da sagte der Andere entschlossen: »Herr, besinnen Sie sich und lassen Sie solche törichte Reden unterwegs. Für mich sind sie umsonst. – Will der Vetter auf meine Worte hören, so ist's recht, ich will's versuchen. Mit Drohungen und dergleichen aber hab' ich nichts zu tun. – Und nun kommen Sie, Herr, es muß gleich Tag sein, Sie müssen fort, wenn Sie nicht erkannt werden wollen. Peter Jansen ist früh auf den Beinen.«

Es wurde ein schwerer Gegenstand gerückt, eine Tür vorsichtig geöffnet und geschlossen; dann stolperte jemand, und es klang etwas dazu wie ein unterdrückter Fluch. Dann aber war alles still und das Licht nebenan verschwunden. Doch durch das kleine Fenster in der Kammer ließ sich die allererste Morgendämmerung wahrnehmen.

Der Lauscher fühlte sich auf das peinlichste in eine schwere Unruhe geworfen. Es geht in dem Hause zuweilen allerhand vor, hatte Christen zu ihm gesagt, aber etwas Unehrliches ist dabei nicht im Spiel. Und nun war dies Gespräch gekommen und er hatte es erhorcht von Wort zu Wort; wo irgendeines ausgeblieben war, ließ es sich aus dem Zusammenhang auf das bestimmteste ergänzen. Er mußte wohl fragen: war das Vernommene wirklich etwas Ehrliches gewesen? – Was sollte, was konnte er tun? Ganz schweigen? Die Feigheit, die ihn im Traum gefesselt hielt, hatte über den Wachenden keine Macht! Sich dem Wirt entdecken, war das ratsam? An die Behörde gehen und in eine vielleicht völlig erfolglose, langwierige Untersuchung verwickelt werden, war das wirklich notwendig? Aber halt! – hatte er vielleicht einen Bekannten in der Stadt? Wer wie er mehrere Hochschulen besucht hat, findet doch allerwärts Bekannte! Und richtig, da war ja auch einer, Alfred Wehrenberg, und obendrein ein Jurist. Freilich, war der auch noch hier? Einerlei, es mußte am Morgen wenigstens der Versuch gemacht worden! Da – still! Nebenan wurde die Tür eben wieder mit aller Vorsicht geöffnet und ein Schritt, von dessen Annäherung man nichts vernommen hatte, wurde jetzt im Gemache laut. Regungslos lag der Lauscher da und hielt selbst den Atem an, denn die eingetretene Stille ließ fürchten, daß der Nachbar horchen möchte. Der aber gähnte und kleidete sich hörbar aus und streckte sich, wie die knarrende Bettlade verriet, nieder. Und fast unmittelbar darauf ließen sich die schnarchenden Atemzüge eines Entschlummernden vernehmen. Der auf eine so abenteuerliche Art fast um seine ganze Nachtruhe Gebrachte wartete nun noch eine geraume Zeit stilliegend ab, dann kleidete er sich leise an, packte behutsam seinen Koffer und machte sich – der neue Tag war bereits licht geworden – über das Kursbuch her. Zu Mittag ging ein Zug, schön, den wollte er benutzen.

Als er darnach das Gastzimmer betrat, fand er die Wirtin schon auf. Sie sah verdrießlich aus, schüttelte ihm so im Vorbeigehen die Hand und fragte: »So früh? Ging's mit dem Schlaf nicht?« worauf er nicht sehr sicher log: »Ei, ich meine nur allzugut, Euer Grog ist ja ein richtiger Schlaftrunk gewesen, seht Ihr nicht, wie mir der Schlummer noch in den Augen sitzt?« Und er lachte dazu. »Na, dann ist's recht,« versetzte sie tastend langsam. »Peter und ich dachten schon, Ihr Nachbar hätte sie gestört. Er ist, mein' ich, spät nach Hause gekommen.« Vorsichtig gab er zu: »Ja doch, mir war's einmal, als hört' ich ihn kommen oder vielleicht auch gehen, denn da ich aufstand, rührte sich kein Laut nebenan.« Ihm war, als atmete sie indem erleichtert auf. »Nun ja,« meinte sie dann zur Seite blickend und kurz, »weil er eben gar nicht mehr da ist!«

»Kurios!« dachte Doktor Busch, sagte es aber nicht.

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