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Der Alte von Menkendorf

Edmund Hoefer: Der Alte von Menkendorf - Kapitel 28
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authorEdmund Hoefer
titleDer Alte von Menkendorf
publisherGrüne Bücher
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Siebenundzwanzigstes Kapitel

Das Haus steht wieder fest

»Was hältst du von dem Wetter, alter Seelenkutscher?«

Die Höhe ihnen zu Häupten war grau überlaufen; in der Ferne gegen Nordwesten zu stand eine düstere Wolkenwand, und es blitzte in kurzen Pausen lang hinschießend aus ihr hervor.

»Daß wir ein paar schöne Tage bekommen, alter Krautjunker! Das erste Gewitter ist seewärts gegangen und hat uns hier keinen Regen gebracht, aber frische Luft. Fühl's! Es weht ordentlich balsamisch!«

»So rechne ich auch! Also Kleine, wenn du mit willst, so halte dich bereit, – morgen punkt halb sechs fahren wir ab!«

»Aber Großpapa!« rief Blanka überrascht aus. Und auch die Pfarrerin desgleichen: »Ei, so was! Aber, mein Gott, weshalb denn?«

»Es ist schon ein paar Tage mit mir umgegangen, und heut abend, da ich so bei euch saß, wurd' es richtig, und ich kriegt es mit ordentlichem Heimweh nach meiner Alten. Denkt doch einmal, – wie lange ist sie schon fort, – sieben oder acht Wochen, glaub' ich, und schreiben tut sie auch nicht! Man ist gar nicht, als ob man noch zusammen gehörte. Und nun – gute Nacht, Kinder!«

Pfarrer Silberg hatte recht gehabt; ein schönerer und verheißungsvollerer Morgen war schier niemals über Menkendorf heraufgezogen als der nächste, halb bewölkt noch und ein wenig dunstig, aber voll köstlicher, frischer Luft und mit jedem Hauch in die Ferne hinauslockend. Und die beiden Braunen »gingen«, als freuten auch sie sich des immer blauer und blauer sich aufwölbenden Tags. Als man das letzte Dorf durchjagte, sah der ›Junker‹ nach der Zeit und stutzte, »Herrgott, ist's möglich? Da hatten wir's ja in fünf Stunden heut geschafft. Mädel, was meinst du zu solcher Fahrt?«

Blanka stöhnte nur; sie hatte schreien mögen vor Entzücken, aber der Luftdruck verschloß ihr den Mund. Schon kam die Stadt in Sicht; zuerst nur als ein zackiger Rand, dann zerbröckelnd in eine Wirrnis von Blöcken und jetzt sich erschließend in ihrer vielfarbigen und vielgestaltigen Körperlichkeit. Nun durch das trotzige, mittelalterliche Tor in die Straße hinein auf holperigem Pflaster Und dort erhob sich schon das Haus, das dem ›Junker‹ eignete. Scharf hielten die Pferde da an und schüttelten sich schnaubend, und aus der Tür sprang das Mädchen heraus, um den Tritt niederzuschlagen und das Spritzleder zu öffnen.

»Herr Gott! der gnädige Herr und das gnädige Fräulein, wird das eine Freude geben? Die gnädige Frau hat alle Tage schon von Menkendorf geredet und daß sie's wirklich nicht länger hier allein aushalten könnte!«

»Sieh da, – schreiben tut sie das nicht!« rief Detlef von Gunsleben laut aus und half Blanka beim Aussteigen. »Ist sie droben?«

»Ach Gott, nein, sie sind schon seit einer halben Stunde ausgegangen, sie wollten zum Herrn Pfarrer gehen, sagten sie.«

»Na, dann wollen wir uns einen Spaß machen!« Und damit zog der Alte den Arm der Enkelin in den seinen und ging mit großen Schlitten davon ...

»Nun, was gibt's schon wieder? Man klopft auch an!« sagte Frau Anna Silberg ärgerlich und stand auf und wollte, ja was? – und war vor den Besuchern wie versteinert. Aber aus dem Hintergrunde rief es hell auf: »Detlef, – Blanka, – ist's möglich? O, lieber Mann, – o, liebstes Kind, was ist das für ein einzig, – einzig lieber Einfall!«

»Ja, ja, meine Alte, ich wußte gar nicht mehr, wie du eigentlich aussiehst, und ob du dich am Ende nicht ganz von Menkendorf und uns entwöhnst. Und das Kind, die Blanka, triezte mich alle Tage –«

»Glaub' ihm nicht, Großmama! Ich bin ganz, – ganz still gewesen!«

»Kinder, ich muß mich wirklich wieder auf einen Augenblick setzen; mir zittern die Knie ein wenig.«

Die Pfarrerin war indes zu der Tür geeilt und hatte nach der Tochter gerufen. Die Gerufene kam zugleich mit ihrem Vater und allen miteinander strahlte die Freude aus den Augen, und fast jeder sprach zugleich mit dem andern, bis eine quietschvergnügte Stimme auf einmal alles übertönte: »Großpapa, was erzählst du denn heut alles für wunderbare Geschichten? Im Gegenteil, du liefst ja, daß ich kaum mitkommen konnte!«

»So? War's so? Na, meinetwegen, Blanka, ich habe nicht so genau darauf geachtet! Ich freute mich redlich auf meine Alte und euch alle, so daß mich selbst Ihr erster Anruf, Frau Anna, nicht erschrecken konnte –«

»Ja, bester Herr von Gunsleben, zu solchen Anrufen werden wir jetzt hier erzogen. Sie glauben nicht, wie roh und zudringlich neuerdings das Landstreichervolk wird. Das drängt herein und bittet nicht mehr, sondern fordert. Man möchte wahrhaftig ansangen, die Tür auch über Tag zu schließen.«

»Meine Frau hat da – ausnahmsweise – nicht unrecht. – Stellen Sie sich vor, was bei uns hier geschehen ist: Der Alfred war mit einem Freunde bei dem alten Peter Jansen, und da er früher aufbricht und in die Haustür tritt, springt ein fremder Mensch auf ihn ein und stößt mit einem Messer –«

»Denke, durch den Überzieher, durch ein dickes Aktenstück, durch den Rock, durch und durch, bis in die Seite, gerade am Herzen vorüber!« flüsterte Marie der tödlich erblaßten Blanka zu, während der Stadtprediger den Vorfall zu Ende schilderte.

»Aber in des Teufels Namen,« brach der ›Junker‹ auffahrend aus, »und der Schuft wurde nicht erwischt, nicht erkannt?«

»Er hatte ein geschwärztes Gesicht, sagte mir Alfred.«

»Und also gottlob keine ernste Verwundung?«

»Nein, wie ich sage, und wir hätten vermutlich nicht einmal etwas erfahren, hätte Anna nicht im Rock die Löcher und ein bißchen Blut im Futter zufällig entdeckt; und da nahmen wir den Jungen natürlich ins Gebet. Der törichte Mensch war verdrießlich über unsere Mitwissenschaft und hat mich kaum die Wunde sehen lassen wollen. Er will auch keine Anzeige machen –«

»Das ist ja die helle Verrücktheit,« zürnte Gunsleben.

Da öffnete sich die Tür – und Alfred, eben von einem Ausgange heimgekehrt, erschien in ihr, mit stutzendem Blick.

»Na, wirklich, auf den Beinen bist du ja noch und zum Sterben siehst du auch nicht gerade aus,« uzte der alte Gutsherr, nachdem man sich begrüßt hatte. Aber Alfred hörte nichts davon, denn sein Auge hing an Blanka, die, dunkel errötend und ohne aufzuschauen, vor ihm stand, und deren Hand er in der seinen zittern fühlte.

»Ei, was gibt's denn, daß ich gar keinen Blick zu sehen bekomme? Sind Hochdieselben mir etwa ungerechterweise böse, oder hat die schnelle Fahrt so angegriffen?« fragte er lächelnd. Sie sah scheu zu ihm auf. »Wir wurden eben durch des Onkels Mitteilung über gestern abend so sehr erschreckt! Und ich dachte da, – o, denkst du noch daran, wie damals im Park der schreckliche Mensch dir drohte?«

»Aber, Herzchen, wer wird denn so schreckhaft sein! An die Dummheit denk ich gar nicht mehr,« entgegnete er und wandte sich dann den übrigen zu, mit denen er über ihre Sorge und Plauderhaftigkeit scherzend zankte.

Diese kleine Aussprache war rasch vorübergegangen, ohne darum jedoch übersehen worden zu sein. Für den jungen Silberg und seine Gattin war sie im Grunde nur eine Art von Bestätigung der schon bisher gehegten Absichten. »Ich glaub's noch nicht,« sagte er kopfschüttelnd, »ich muß stets wiederholen: sie waren sonst ganz und gar wie Bruder und Schwester. Und träfe dein Argwohn, Anna, dennoch zu, ich könnt' es jetzt kaum noch für ein Unglück halten, wenigstens für ihn nicht, wie aussichtslos die Sache auch sein möchte. Hier wäre seine Verteidigung oder seine Rettung, wie du willst.« Einen tiefern Eindruck hatte die Beobachtung aber für den Augenblick auf Frau Agnes Gunsleben gemacht und selbst am ›Junker‹, dessen schlichte, offene und sorglose Natur allem, was Argwohn heißt, so fremd wie möglich war, war sie nicht spurlos vorübergegangen. »Sag' einmal Frau,« sprach er, als er nach Tisch endlich für kurze Zeit mit der Gattin allein war, »hast du vorhin die Kleine gesehen, und den Jungen? Es hat mich ordentlich verblüfft! Hast du irgendeine Ahnung, daß die beiden Kindsköpfe irgend etwas Besonderes für einander haben könnten?« Sie antwortete erst nach einer Weile. »Ich habe es freilich gleichfalls gesehen und mich überrascht gefühlt, aber was du anzunehmen scheinst, paßt so gar nicht zu ihnen, und überdies haben uns beide ja auch gewissermaßen eine vermutlich ganz richtige Erklärung gegeben. Aber es versteht sich von selbst, daß ich jetzt acht auf sie geben werde, denn die Möglichkeit ist allerdings nicht ausgeschlossen. Also, überlasse es mir. Du willst übermorgen zurück. Gib noch einen Tag zu und nimm mich dann mit. Ich habe jetzt wirklich genug von hier und heiße Sehnsucht nach unserem stillen Leben. Das Haus steht ja wieder fest und ich bin völlig gesund. Wir waren noch nie so lange voneinander getrennt, Detlef.« Das Wort traf, wie sie es beabsichtigt hatte, und brachte ihn auf andere Gedanken. »Ich hab's gefühlt, Agnes! Sie haben mich zwar sozusagen auf Händen getragen, aber was hilft das alles! Du bist's eben doch nicht und fehlst uns an allen Ecken und Enden. Eins weiß ich: fort laß ich dich in meinem Leben nicht wieder.« Sie lächelte ihn innig an. »Das kannst du leicht sagen, da ich auch gar nicht fort wollen werde. Und nun laß uns aufbrechen, Detlef, wir könnten sonst Moritz nicht mehr daheim finden, – der Dienst ist erschrecklich streng, als sollt' es morgen wieder in den Krieg gehen. Sie werden ohnehin schon zanken, daß ihr drei Stunden hier seid und noch gar nicht an sie gedacht habt. Übrigens –, weißt du auch, was übermorgen für ein Tag ist? Der 15. Mai, – unser Hochzeitstag, Detlef! – Achtundvierzig Jahre,– was für eine lange Zeit! Wir dürfen wohl dankbar sein.« Er schaute sie überrascht von der Seite an, denn es war in diesen Worten und ihrem Ton etwas ganz Eigenes, halb Ahnendes, halb Wissendes. Und so sagte er zerstreut: »Achtundvierzig Jahre? Ja, eine ganz nette Zeit! Können's aber noch immer ein Dutzend Jahre mit ansehen, denk' ich.«

Als er aber gleich darauf in sein Zimmer hinüberging und auf dem Flur der allen Jungfer begegnete, blieb er stehen und fragte sie ernst anschauend: »Du, Alte, auf's Gewissen, – ist meine Frau hier immer ganz wohl gewesen?«

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