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Der Alte von Menkendorf

Edmund Hoefer: Der Alte von Menkendorf - Kapitel 27
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authorEdmund Hoefer
titleDer Alte von Menkendorf
publisherGrüne Bücher
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Sechsundzwanzigstes Kapitel

Wer war der Herr?

»Hast du irgendeine Ahnung, was der hier eigentlich beabsichtigt?« fragte Alfred, als die Tür der Gaststube sich hinter dem sich entfernenden Mannheimer Fremdling schloß.

»Nicht die Spur!« versetzte Doktor Busch nach einem tiefen Trunk und in einem Ton, als seien ihm die gestellte Frage, der Zweck und die Absichten seines Reisegefährten ganz ausnehmend gleichgültig.

»Höre, Leopold, ich bin nicht so gleichgültig gegen diesen Herrn Stein, oder wie er heißt, sondern frage mich ziemlich ernsthaft nach dem, was er hier will? Geschäfte für einen Ratsuchenden, sagt er. Was sind das für Geschäfte und was ist das für einer, der vom Rhein herüber hier Verbindungen hat? Die Stadt ist nicht groß, und Fremde gibt es nur wenige zwischen uns, deren Verhältnisse uns nicht zur Genüge bekannt wären. Ich kann mir niemand denken, den dein Begleiter meinen könnte. Dagegen war mir seine gestrige Neugier nach der Familie Altheim auffällig und –«

»Sapperment noch einmal, was ist denn das für ein Modekupfer hier in der Nebengasse?«, unterbrach ihn indem sein Freund. – Sie hatten heut ihren Platz nicht in den Gestühlen, wo es, wie immer zu dieser Stunde, ziemlich voll war, sondern, um mehr für sich zu sein, in einer der tiefen Fensternischen gegen die Straße zu gewählt. Für einen sogenannten »Fensterlungerer«, wie es deren in größeren Städten manche gibt, war der Platz allerdings wenig genußreich, denn zu sehen gab es hier in Wirklichkeit nicht viel, und ein Anblick, wie die beiden Damen ihn gewährten, die eben hier vorübergingen, wurde nur selten jemand zuteil. – »Kennst du sie nicht?«

»Doch, doch – Komtesse Altheim, von der gestern abend die Rede war, und Frau von Wildenow – eine neue Freundschaft.« »Ein aussichtreicher Morgen heute, was – meine Herren?« dröhnte in diesem Augenblick eine mächtige Stimme hinter ihnen auf. Es war die des Wirtes. Peter Jansen war eben von einem seiner wie schon mehrmals erwähnt – rätselhaften Geschäftswege heimgekehrt, hatte im Schankstande seinen Rock abgelegt, einen Schluck zur Stärkung genommen und war dann erst die beiden lieben Gäste gewahr geworden. Sie aber hatten sein Näherkommen nicht bemerkt, und so hatte er sie ein bißchen überraschen wollen, und das war ihm geglückt. Lachend nahm er nun bei ihnen Platz. »Glückwunsch, Herr Doktor! Christen schwört darauf, sein Fieber bleibe schon heute aus; sein Weib will aufstehen, und der Rudolf tanzt auf dem Bollwerk herum, und prahlt mit seinen beiden Staatsjungen und dem neuen Doktor, daß man's kaum anhören kann! – Na, und Sie, Herr Wehrenberg, wieder ganz munter? Was macht der Ritz?«

Busch sah hoch auf und verwundert den Freund an.

»Das ist Torheit, Peter,« hub hastig dieser an, »wir haben abgemacht, daß von dem Quark keine Rede sein sollte. Denn geschieht das, so muß es auch zur Untersuchung kommen und Ihr wißt, daß diese zu nichts führen kann – ich – kenne den Schuft nicht.«

»Na, Herr – ich aber kenne ihn gut genug; ich lasse mir meine Gäste vor meiner eigenen Tür nicht wie die Kälber abstechen! Und ich krieg' ihn, auch ohne die Gerichte und wie und wo er sich verstecken mag, denn er hat seinen Ausweis an sich. Wo er gestürzt ist, sah ich heut morgen noch, trotz des Regens Blut, – passen Sie auf, Herr Doktor, wo Sie einen in Behandlung kriegen mit einem mordsmäßigen Loch am Kopf oder Knie, da ist's der Rechte.« Und dann berichtete Peter Jansen kurz was am gestrigen Abend geschehen und wie Alfred wunderbarerweise vor der Wirkung des Stoßes bewahrt worden war. Von der ersichtlich wachsenden Verstimmung seines Gastes nahm er keine Kenntnis. »Ich muß meinen Willen haben,« meinte er zum Schluß trotzig, »und ich werde ihn haben. Denn das leid' ich nicht.«

»Ihr seid ein grausamer alter Tor, Peter!«, sagte Alfred, als er aufbrach, zu dem Wirt, der ihn aus der Tür begleitete.

»Na, Herr, es kommt darauf an, ob Ihr oder ich der größere. Und was Matthies angeht, darum grämt Euch nicht. Von dem ist keine Rede, ich sorge schon dafür. Ihr habt ein Christenwerk an ihm getan, – der Junge hat mit mir hernach auch noch geredet, und ich mußt' ihn von allem los und ledig sprechen.«

Doch diese Worte konnten die Mißstimmung Alfreds nicht heben. Peter Jansens Hartnäckigkeit und Eigenmächtigkeit drohten ihn, ob im Grund auch in der besten Absicht, in eine Lage zu versetzen, deren Ernst eine fast allzu schwere Zugabe zu seinen anderen Bedrängnissen bilden mußte. Es war nur gar zu richtig, was sein Freund Busch schon bei der ersten Begegnung am vergangenen Abend mit Bedauern herausgefunden. Wo er, damals im Sommer, erst Anfang einer ernsten Veränderung und noch Kampf dawider geahnt hatte, glaubte er jene jetzt vollendet und diesen schon zu etwas wie einer müden Ergebung geworden zu sehen. Alfred trug nicht leicht am Leben und fühlte sich kaum noch imstande, ihm, sei's auch nur auf Augenblicke, mutig die Stirn zu bieten, geschweige denn lachend und sorglos noch einmal unter der Last durchzuschlüpfen. Wer, wie er, halb freiwillig, halb durch fremde Hand getrieben, sich in allerhand Irrnisse und Wirrnisse fortreißen ließ, pflegt, daraus erwachend, auch mit dem festesten Willen und der klarsten Einsicht den Rückweg niemals so leicht wiederzufinden, wie vordem der Eintritt geworden. Im Gegenteil, die Wildnis hinter ihm hebt sich anscheinend immer dichter und düsterer empor, während es von vorn ihm um so heller und lachender trügerisch entgegenwinkt. Und wenn er sich trotz alledem zum Kampfe erhebt und schwer ringend die Hindernisse zu überwinden versucht, – da findet er sich einsamer und verlassener als je. Vor einem Jahre, als er noch tief in jenem dunklen Verhältnis zu Klara befangen gewesen, hatte er die Seinen sich gegenüber meist nur in einer gewissen, zweifelnden oder schalkhaften Aufmerksamkeit gefunden. Gegenwärtig aber begegnete ihm hier eine Kälte und Entfremdung, ja, eine wirkliche Feindseligkeit, welche sich kaum noch Mühe gab, unter den gesellschaftlichen Formen sich zu verbergen.

Im Pfarrhause St. Marien, unter seinen Nächsten, fand er nur gleichgültige oder mißtrauische Mienen, selbst der Onkel und sogar die Kinder, seine besten Freunde, wußten anscheinend nichts mehr mit ihm anzufangen. Auch mit der Familie des Oberstleutnants ergaben sich tagtäglich unbehaglichere Beziehungen. Und als nun Frau Agnes, in der er von Jugend auf eine ernste, aber mütterlich wohlwollende Freundin hatte, von Menkendorf herüberkam, mußte er mit tiefem Schmerz selbst sie sich fremd werden sehen. Von ihr lag der Schluß auf diesjenigen nur allzu nahe, in denen er seine Liebsten zu erkennen und zu empfinden gewohnt war, – auf die Großeltern, den ›Junker‹ und endlich auf sie, auf Blanka, auf die er nicht mehr zu hoffen wagte und der er doch nicht zu entsagen vermochte; die für ihn der Inhalt alles Denkens und Träumens blieb, und nach der dies Denken und Träumen immer umsonst in die Ferne hinausschweifte. Denn es war von ihr schon seit Monaten auch nicht ein Laut mehr zu ihm gedrungen. Von allen getrennt, allen entfremdet! Und dazu hatte er noch nie solch Verlangen gehabt nach Teilnahme und Vertrauen, wie jetzt, seit gestern! Seine letzte Frage an Matthies hatte etwas berührt, was für ihn neuerdings einen Brennpunkt von unheimlichen Gedanken geworden war, und die seltsame Antwort darauf hatte ihn in eine Vermutung geworfen, die so Ungeheuerliches barg, daß er vor Angst und Furcht, sie möchte sich bewahrheiten, schier verging.

»Auf ein Wort, Herr Assessor, wenn Sie für meine Erscheinung noch eines übrig haben,« sagte da eine helle Stimme neben ihm scherzend.

Er sah fast erschrocken auf, denn er war durch seine Träumereien so fernab geführt, daß er auf keinen Begegnenden geachtet und es nicht bemerkt hatte, daß die ihm entgegenkommende Dame schon vor ihrer Anrede durch ein leichtes Räuspern seine Aufmerksamkeit zu erregen versucht hatte. »Frau von Wildenow!« sagte er nun voll Verlegenheit.

»Noch einmal, tausendmal Verzeihung, daß ich Sie aus Ihren himmlischen Bereichen auf die Erde zurückzurufen wagte! Und nur um einer sehr irdischen Neugier willen! Es hat, glaub' ich, gottlob niemand gesehen, daß ich Sie angerufen habe! Wenn Sie ein paar Augenblicke Zeit haben, begleiten Sie mich ein paar Schritte zurück.« Als er bereitwillig ihrem Wunsche nachgekommen war, fuhr sie fort: »Wer war der Herr, mit dem Sie vor einer halben Stunde in den »St. Jakobsbrüdern« am Fenster saßen?«

»Ein junger Arzt, zudem ein alter Freund von mir, der hier sein Heil versuchen will.«

»So! Nun denn, hören Sie weiter. Wildenow und ich begleiteten gestern nachmittag Bekannte nach dem Bahnhof, die das gleiche Abteil wählten, aus dem dieser ihr alter Freund mit einem andern Herrn ausstieg. Kennen Sie diesen zweiten auch?«

»Nur als Begleiter meines Freundes, der mit ihm von der Residenz zusammen herübergefahren ist und ihn gestern abend und heut mittag mit sich zu Peter Jansen brachte. Ein Rechtsanwalt. Als Doktor Stein wurde er mir vorgestellt. Er sei aus Mannheim, gab er an, und habe in Geschäften hier zu tun. Das ist alles, was ich weiß. Aber warum fragen Sie, meine gnädige Frau?«

»Hm, es liegt so etwas Spürnäsiges in seinem Gehaben. Er ist mir heute schon dreimal begegnet und zuletzt war es mir, als wolle er eine Frage an mich richten. Seh' ich Sie heut abend nicht einmal wieder bei unserer armen Klara? Sie ist wirklich leidend und bedarf einer kleinen Aufheiterung!«

Er entschuldigte sich mit dem Freund, dem er sich setzt, bei seiner Niederlassung, notwendig mehr widmen müsse, als es später der Fall sein würde. Sie aber schüttelte dazu ungläubig den Kopf. »Sie tun unrecht, Wehrenberg,« sagte sie leise und wandte sich nach einer leichten Verneigung ab, um weiter zu gehen. Er unterdrückte die Mißempfindung, die ihre letzten Worte in ihm hervorgerufen hatten, und schritt tief nachdenklich durchs Tor und in die Straße hinein, an deren Ende sich die alte Marienkirche erhob. Die Antwort der Frau von Wildenow erfüllte ihn mit steigendem Mißtrauen gegen den Fremden.

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