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Der Alte von Menkendorf

Edmund Hoefer: Der Alte von Menkendorf - Kapitel 24
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authorEdmund Hoefer
titleDer Alte von Menkendorf
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Dreiundzwanzigstes Kapitel

Aufhellungen

»Da ich mich einmal darein ergeben habe, von dir, mein geliebter alter Detlef und euch Lieben allen, eine Zeitlang getrennt zu bleiben, so suche ich mich denn allmählich auch so gut wie möglich an die hiesigen, mir äußerst fremd gewordenen Menschen und Zustände hineinzufinden, um nicht jeden Augenblick durch diese Fremdheit gestört und irregeführt zu werden. Die ersten Wochen, ich kann es nicht leugnen, sind mir recht schwer geworden. Unsere vieljährigen vertrauten Menkendorfer Alltagskleider wollten hier, wie ich bald merkte, gar nicht passen; alle Welt, selbst die Unseren, erscheinen in ganz anderen Kleidern, als wir sie draußen kennen, und es erschien mir töricht, mich durch eigensinniges Beharren bei meiner alten, für alle anderen abgetanen Weise auszeichnen zu wollen. Wir haben uns zu Menkendorf – ich rede nicht von den alten Freunden, sondern nur von uns! – auf das tadelnswerteste eingesponnen. Das ist für dich, mein lieber Alter, und mich nicht recht, und für Blanka rechne ich es uns sogar zum ernsten Vorwurf an. Wüßt' ich sie bei euch nicht wirklich unentbehrlich, so müßte sie kommen. Wenn ich die acht Tage abrechne, die ich hier vor drei Jahren verweilte, so bin eigentlich seit Blankas Geburt nie recht aus unserem alten Menkendorf herausgekommen. Das ist eine erschrecklich lange Zeit, zumal für Menschen in schon vorgerückten Jahren und in einem so raschen Leben wie dem heutigen. Da kann von dem Früheren nicht viel übrig geblieben sein, und ist es auch nicht. Die Stadt freilich ist noch immer die gleiche. Ich finde noch all die alten Plätze wieder und wallfahrte zu ihnen mit getreuem Herzen – wie waren wir hier froh und glücklich und wie bescheiden! Aber mit den Menschen ist es allerdings weit anders: Ein paar von ihnen sind tapfer fortgeschritten. Andere blieben aber stehen und verfielen, sei es aus Eigensinn, sei es aus Schwäche. Ich fand so ein paar, aber sie erschienen mir merkwürdig kleinlich und spießbürgerlich, so daß ich mich erschrocken fragte, ob wir vordem alle so gewesen, oder ob es mit uns nur allmählich so geworden, und ob zum Beispiel auch wir jetzt den übrigen in diesem unerfreulichen Licht erscheinen mochten? Lacht mich aus wegen meines – so werdet's ihr wohl heißen! – Philosophierens. Glaubt mir, ich habe nie so viel und so tief nachgedacht über die Menschen und das Leben wie hier in diesen Wochen, diesen Kreisen, und ich meine sagen zu dürfen, daß ich nicht nur klarer geworden bin, sondern auch nachsichtiger. – Ich bin da, wie ihr wohl begreift, bei Viktoria. Wie sie einmal ist, kann sie in unseren Kreisen, bei uns und zu Drakenhof, vorzüglich aber bei Moritz und den Seinen, unmöglich an ihrem Platze sein, sich wohl und frei fühlen und auch ihre guten Seiten zur Geltung kommen lassen. Sie ist für uns eben eine Einzelerscheinung und daher für uns abgeschlossene Menschen fremdartig. Hier verschwindet das Auffällige und Hervorstechende fast gänzlich. Ich verteidige weder ihren Charakter, noch ihre Verirrungen, allein ich begreife nur allzu gut, wie sehr wir es meistens ihr gegenüber versehen, wie selten wir es auch nur versucht haben, es ihr bei uns einmal heimisch werden zu lassen. Sie fand bei uns stets nur so etwas wie einen Strafaufenthalt. Ich beobachte sie scharf. Ich lasse sie in ihrer Weise gewähren und mich von ihr, wenn sie darnach verlangt, in möglichster Ruhe und Freundlichkeit finden. Die Wirkung ist schon jetzt günstig. Ich finde sie nicht bloß natürlicher und gleichmäßiger, sondern auch wirklich vertrauensvoller gegen mich, als je zuvor. Und wir haben ein paar Gespräche miteinander gehabt, wie ich sie zwischen ihr und mir gar nicht für möglich gehalten hätte. Wenn ich sie so ansehe und obendrein mit einzelnen anderen Hiesigen vergleiche, so gewinnt sie wirklich ernstlich. Ich habe mich – ich muß hinzufügen: schwer – entschlossen, neulich einmal zu der armen Rosa Mereau zu gehen – ach, Detlef, was ist das für ein Jammer! Wenn du diese Selbstanklagen und diese Selbsterniedrigung gehört und gesehen hättest, diese Verzweiflung über ihre Leichtgläubigkeit und ihren Fall, über ihr Auftreten bei uns, diese flehenden Bitten um unsere Verzeihung, diese überströmende Dankbarkeit für unsere Hilfe in ihrer trostlosen Lage – es wäre dir wie mir ergangen! Du hättest ihr deine warme Teilnahme zeigen, du hättest ihr nach Kräften tröstend und aufrichtend zureden müssen! Was kann das unglückliche Geschöpf dafür, daß ein nichtswürdiger Mensch sie erbarmungslos in den Abgrund des Verderbens stürzte? – Ihr Zustand ist noch immer traurig, und der Arzt schüttelt den Kopf und wagt selbst von der Zeit kaum eine volle Wiederherstellung zu hoffen. Die Mißhandlung ihres tiefsten und besten Fühlens läßt den Körper nicht zur Genesung und Erstarkung gelangen, und der Arzt fürchtet die allmähliche Entwicklung eines Herzleidens. Genug, an ihre Abreise war noch nicht zu denken, und wenn ich ehrlich sein will, muß ich sagen, daß auch ich noch gar nicht daran denken mag. Die Eltern scheinen, soweit ich davon erfahre, nicht versöhnt, sondern voll starrer Härte zu sein. Man kann einen Menschen doch nicht wissentlich und geradeswegs in den Tod schicken. Ich habe daher auch ihr selbst gesagt, daß die Zukunft fürs erste noch gar nicht in Frage für sie kommen dürfe. Sie sei einstweilen wohl aufgehoben und brauche um das Ende dieses Unterschlupfs, wenigstens von uns aus, nicht zu sorgen. Genug, ich bin vorgestern schon zum zweitenmal dagewesen und werde jetzt öfters zu ihr gehen, da ich sah, wie sichtbar wohl ihr mein Besuch tat. Die Pflegerin, welche Silbergs Sohn für die Kranke aufgefunden hat, entspricht ihrem Zweck in der vollendetsten Weise. Sie heißt Renate Stein. Sie hat leider gleichfalls eine dunkle Vergangenheit gehabt, aus der sie sich aber voll Bravheit wieder heraufgearbeitet hat. Sie hat sich als Nähterin durchaus achtungswert durchgebracht und nach Kräften für ihr Kind gesorgt – ein etwa siebenjähriges, ungewöhnlich hübsches Mädchen, dessen Gesichtchen mich stets an ich weiß nicht wen erinnert. Im vorigen Sommer ist sie in Folge der Überarbeitung krank geworden und seitdem brustleidend geblieben.«

Es war in diesem Briefe und auch in späteren noch manches, was den Angehörigen und Freunden zu Menkendorf an der treu geliebten alten Frau nicht wenig auffiel, – vor allem eine Art von Wohlgefallen an der Stadt. Die Stadt war für die beiden Menkendorfer Familien etwas wie die rechte, ursprüngliche Heimat; die Pfarrfrau hatte dort ihr Elternhaus gehabt, die übrigen verlebten daselbst, wenn nicht den größten, doch besten Teil ihrer Jugendzeit. Von ihren Kindern ließ sich, wenigstens für die Zeit, wo ihre Erziehung vollendet wurde, das Gleiche sagen, einzelne gründeten, wie wir wissen, dort sogar ihre eigene Häuslichkeit, und bei den Enkeln traf alles auch wieder in ähnlicher Weise zu. Dazu war die Entfernung zwischen dem einen und dem anderen Platz durchaus nicht bedeutend. Trotzdem war und blieb der Verkehr zwischen beiden Plätzen stets ein beschränkter. Der ›Junker‹ kam, seiner Geschäfte wegen, noch am häufigsten für längere Zeit hinüber.

Die seit dem Juli des vorigen Jahres verflossenen neun oder zehn Monate hatten mehr und Ernsteres für die Familie des ›Junkers‹ mit sich gebracht, als vordem eine ganze Reihe von Jahren. Und obendrein war das Geschehene noch keineswegs zum Abschluß gelangt. Jetzt, auf die Briefe der Frau Agnes, fingen die Zurückgebliebenen an, sich auszusprechen, das Vergangene und Bestehende sich erst recht klarzumachen, das Kommende sich bewußter zu überlegen. Versuchen auch wir bei dieser Gelegenheit einmal, sei es auch nur in flüchtigen Strichen, alles, was geschehen war, zusammenzustellen.

Als der ›Junker‹ an jenem schweren Tage den Enkel ausgewiesen und seine Entscheidung den Seinen mitgeteilt hatte, stieß er selbstverständlich auf keinerlei Einwendungen. Selbst Viktoria hatte für den Bruder kein Wort gefunden. Sie hatte auf der gemeinsamen Reise von ihm manches zu erleben gehabt, was ihre Geduld bis zum Zerreißen anspannte, die härtesten Vorwürfe über ihre »unerhörte« Verirrung, den schonungslosesten Hohn über ihre »sogenannte« Entsagung, den grimmigsten Spott über ihre »heuchlerische« Trauer. Und da betraf sie ihn schon in der Ankunftsstunde auf einem Vergehen, das ihn durch die Nichtswürdigkeit seines Handelns in den Augen aller und selbst in ihren eigenen tief herabsetzen und jeder ferneren Schonung unwürdig erscheinen lassen mußte. Viktoria konnte seine jetzige Strafe nur gerecht heißen, wenn sie auch die ursprüngliche Schuld nicht weniger in der ihm gewordenen falschen Behandlung der Seinen, als in seiner eigenen unverbesserlichen Natur finden zu müssen glaubte.

Eugen hatte den Weg zur Garnison wider Vermuten ohne Zögern zurückgelegt und sich dort nach Befehl zum Arrest gemeldet. Es fand noch am selben Tage ein Verhör statt, von dessen Inhalt natürlicherweise nichts bekannt wurde. Am nächsten Morgen war er aus seiner Haft und der Stadt verschwunden und wurde, trotz der anscheinend rücksichtslosen Verfolgung, nicht mehr eingeholt. Ja, man entdeckte nicht einmal die Richtung seiner Flucht. In der Öffentlichkeit zuckte man selbstverständlich über die »Tatkraft« der Verfolgung die Achseln, da man begreifen zu dürfen glaubte, daß die Militärbehörde im stillen mit diesem Ausgange der anrüchigen Angelegenheit sehr zufrieden war. Denn die Flucht des Unverbesserlichen befreite sie mit einem Male von allen weiteren denkbar unangenehmen und peinlichen Vornahmen und erlaubte ihr, sich gegenwärtig mit den gewöhnlichen Schritten gegen einen schuldenhalber entwichenen Offizier zu begnügen. Für sie war ja einstweilen nur von, freilich zahlreichen und wenig ehrenhaften, Schulden die Rede. Acht Tage später gewann die Sache allerdings ein bei weitem anderes Ansehen, und man wünschte sich bei dem Regiment vermutlich nun noch lebhafter Glück, daß man den Herrn für immer losgeworden war. Es gelangte nämlich ein kleines Paket an den Regimentsadjutanten, das die abgenutzte große rote Brieftasche und in dieser eine ganze Reihe von weiteren Schuldscheinen Eugens enthielt. Ferner ein genaues Verzeichnis der Scheine, die auf des Leutnants Wunsch von dem Makler angekauft worden waren. Jetzt gab die Militärbehörde die ganze Sache allerdings an den Untersuchungsrichter ab.

Es erfolgte ungesäumt der Steckbrief und die Verfolgung wurde auch sonst mit allem Eifer aufgenommen. Aber sie hatte leider keinen Erfolg, der Flüchtling blieb verschwunden.

Wiewohl man nun diesen Anhalt wider Eugen gefunden hatte, so sah sich die Untersuchung des ganzen Willmann'schen Falles dennoch hierdurch kaum recht gefordert. Die Brieftasche – sie war natürlich die des Ermordeten – enthielt außer dem Angegebenen nichts als ein paar völlig gleichgültige weitere Papiere; vor allem fehlte auch jener angebliche Brief des alten Silberg, den Willmanns zu Grünau erhalten und eingesteckt hatte. Aber auch in Ansehung des Vorhandenen hatte man mit Widersprüchen und Rätseln zu kämpfen, für die sich keine Auflösung finden wollte. Man sah allerdings, wie viel dem Grafen an der Beschwichtigung des Willmanns hatte liegen müssen, man verstand jedoch nur um so weniger das von ihm beliebte Verfahren. Er hatte, wie man durch seine beiden Vertrauten, durch die Herren von Brunneck und Birken, wußte, gegen diese niemals die Richtigkeit der Willmannschen Forderung abgeleugnet, vielmehr gerade durch sie mit dem ungeduldigen Gläubiger wegen eines Aufschubs verhandeln lassen. Und dennoch hatte er nicht bloß vor seinem Großvater und dem Obersten, die erst durch ihn selbst davon erfuhren, sondern anscheinend auch gegen Willmanns selber die Forderung für eine betrügerische erklärt. Daß er den Mord nicht persönlich vollbracht hatte, schien durch Birkens und seiner Gutsangehörigen Zeugnis wohl bewiesen zu sein. Hatte er aber einen anderen zu der Tat veranlaßt, so war es auffällig genug, daß dieser willfährige Täter sich nach der Tat alsbald wieder gegen Eugen erklärte und die für diesen wichtigsten Papiere der Behörde auslieferte. Oder endlich – fand zwischen dem Offizier und dem Täter am Ende gar kein anderer Zusammenhang statt, als daß ihre Absichten sich rein zufällig zu gleicher Zeit wider Willmanns gewandt hatten? Wer war dann dieser Täter und was sein Beweggrund? Das Paket als solches gewährte überhaupt keinen Anhalt. Es war in Bremen zur Post gegeben ohne Wertangabe. So stand bei dem »Willmanns'schen Fall« noch alles so ziemlich beim alten. Neue Entdeckungen fehlten; Matthies Matthiesen blieb verschollen, und von dem Hauptverdächtigen Peter Ahrens hatte man seit seiner kecken Flucht gleichfalls nichts mehr vernommen, obgleich der Fernschreibedienst noch am gleichen Tage die gesamte Küste wachgerufen hatte und der Bursche daher voraussätzlich überall, wo er sich zu zeigen wagte, sogleich entdeckt werden mußte. Aber die Gestaltung dieser Küsten ist allerdings von der Art, daß eine genaue Überwachung beinahe zur Unmöglichkeit wird, und überdies konnte es beiden Flüchtlingen nirgends an Bekannten fehlen, denen sie sich im Fall der Not ziemlich sicher anvertrauen durften. Das Seevolk läßt einander nicht leicht im Stich und haßt nichts entschiedener, als den Verrat eines alten Freundes, wie wenig der auch eine solche Treue verdienen mag.

Anfangs hatte man sich auch von der Ergreifung des Mahlknechts Gottlieb Kraus einen Erfolg versprochen und war auf das schärfste gegen ihn vorgegangen, jedoch Nennenswertes wurde nicht erzielt. Der Bursche stand von Jugend auf als heimtückischer und händelsüchtiger Gesell in schlechtem Ruf und war schon mehrfach bestraft worden, so daß er nach seiner letzten Entlassung aus dem Gefängnis in der Stadt keine Stelle mehr fand und sich nach Menkendorf wandte. Mit der Ermordung des Willmanns hatte er nachweisbar nichts zu tun und über den Mörder behauptete er keine Vermutung zu haben – auf Peter Ahrens, den er früher einmal kennen gelernt und zufällig auf dem Golm wieder getroffen haben wollte, warf er keinen Verdacht; daß er den bitter gehaßten Gerichten gegenüber gewissermaßen Partei für den Mörder nahm, ließ sich bei seiner Natur erklären, und ebenso, daß er dem ehemaligen Mitschüler und jetzigen Gerichtsbeamten Wehrenberg im Grimm eine freche Drohung zugerufen hatte. Hierfür übrigens bekam er eine mehrwöchige Gefängnisstrafe.

Es bleiben uns noch ein paar Worte über das arme Mädchen zu sagen, das Eugen schutz- und hilflos den Seinen zurückgelassen hatte. Die niederträchtige Handlungsweise Eugens hatte bei der Unglücklichen einen vollständigen Gesinnungswechsel zur Folge gehabt: sie verlangte jetzt mit der gleichen Leidenschaftlichkeit davon, mit der sie bisher zu dem Geliebten und den Seinen gestrebt hatte. Aber der ›Junker‹ gab dem nur insofern nach, als er ihre Übersiedlung in die Stadt gestattete, wo sie die Ordnung ihrer Angelegenheiten abwarten sollte. »Sie soll uns nicht mit dem Schuft verwechseln, sondern muß sehen, daß es noch barmherzige Menschen in der Welt gibt!«, sagte er. Als sie von einem Knaben entbunden worden, setzte der ›Junker‹ es gegen ihren Willen durch, daß das Kind auf des Vaters Namen getauft wurde. Er wollte alle dadurch begründeten Ansprüche mit seinem vollen Ansehen vertreten, und er nahm keine Rücksicht auf die Mißbilligung, die sein Verfahren hie und da, beispielsweise bei seiner Schwiegertochter Hildegard, fand. »Lieber tot, als ehrlos, heißt's bei den Gunsleben!«, sagte er hart.

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