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Der Alte von Menkendorf

Edmund Hoefer: Der Alte von Menkendorf - Kapitel 23
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authorEdmund Hoefer
titleDer Alte von Menkendorf
publisherGrüne Bücher
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Zweiundzwanzigstes Kapitel

Eine Überraschung

Agnes Silberg hatte ihr Leben lang das Stillsitzen und Zusehen, wo andere arbeiteten, nicht verstanden, und es war ihr nie wohler, als wenn, wie heute, sie alles um sich her in voller Tätigkeit sah und selber am allerfleißigsten sein durfte. Ihr ganzes runzelvolles Gesicht strahlte. Sie hackte und harkte schier ohne Unterbrechung. Nur wenn sie einmal allzu müde war, das heißt, wenn es ihr schon schwarz vor den Augen wurde, da richtete sie sich ein wenig auf, um dann dem Storch droben auf dem Dach zuzulächeln oder den Hühnern zuzusehen, die heute einen Freipaß zum Garten erhalten hatten und es sich königlich schmecken ließen bei all' dem Gewürm in dem umgestürzten Erdreich.

Plötzlich, als sie wieder einmal so in Freude eingehüllt dastand, legten sich ein paar Hände von hinten her vor ihre Augen und es klang dazu, als ob der Necker kaum seine Freude über den gelungenen Scherz zu zügeln vermöchte. »Nu – da weiß ich doch wirklich nicht, auf wen ich da raten soll! So junge, weiche Hände und solche Stimme –. Sollte etwa – nein, das kann doch nicht –« Da sanken die Hände herab und ein fröhliches Lachen wurde laut. »Gelt, du goldene Tante, das war einmal gelungen!«

Die Pfarrerin hatte wirklich Mühe, sich zu fassen. »Ja, du garstiges Kind, mich zu erschrecken, und zwar gründlich, das ist dir gelungen und gelingt dir noch jetzt!« sagte sie mit ein wenig zitternder Stimme, »denn wo um Gottes willen kommst du her, Blanka? Es ist doch kein Unglück geschehen?«

»Tantchen, gold'nes Tantchen, sei nicht bös! Sieh', den Scherz könnt' ich dir nicht schenken, die Großmama hat ja auch Ja und Amen dazu gesagt! Und als ich in den Garten kam und dich hier so still stehen sah, – da hätt' ich mich bald durch helles Aufjubeln verraten! O, Tantchen, ich bin ja so glücklich!«

»Nun, Kind, wenn die Großmama mit im Bund ist, da bin ich verloren. Aber wissen möcht' ich doch endlich gern, was eigentlich los ist, daß ihr da eure Fahrt unterbrecht und du zurückkommst? Bist du nur der Vorläufer? Kriegt die Alte am Ende schon Heimweh nach ihrem Alten und will gar nicht reisen, und ich soll euch hier versteckt halten?«

»Ganz so nicht, Tantchen! Großmama reist wirklich mit der Base Viktoria gehorsam ab. Aber ich bleibe hier. So haben wir's über Nacht beredet, und da sie sah, daß mich dieser Plan ganz glücklich machte, so gab sie's gern zu: der Großpapa ist doch sehr an uns gewöhnt, und der Abschied wurde ihm, wie du wohl sahst, recht schwer. Immer könnt ihr doch auch nicht bei ihm sein, und so allein in dem großen Hause – er hält's nicht aus! Und da er mich doch gern hat –«

»So dachtest du, könntest du ihm und uns eine angenehme Überraschung bereiten. Denn darauf läuft's doch am Ende hinaus, du großmächtiges Kind, das von irgendeinem Unwesen seit gestern mit unserer vernünftigen Blanka vertauscht worden ist? Und nun, Scherz beiseite – dein Plan gefällt mir, denn wie der Alte einmal ist, so haben Silberg und ich wirklich mit einiger Sorge für ihn an die nächste Zeit gedacht, und wenn er zuerst wohl über deinen Einfall ein wenig zanken mag, so wird's ihm doch lieb genug sein. Und deinen Überfall will ich dir auch nicht verderben – ich helfe dir am Ende Wohl noch dabei. Lieber Gott, wir sind auch jung gewesen! Und so ist alles recht, und nur das eine will mir nicht recht in den Kopf –, daß du die Stadt so leicht aufgeben und dich mit unserer Einsamkeit begnügen konntest. Hast du denn gar keinen Trieb dahin? Du warst den ganzen Winter hier.«

»Nun ja, Tante, ich hätte sie schon gern einmal wiedergesehen – auf ein paar Tage, länger aber nicht. Denn hier ist es doch immer am schönsten, und nun gar, wo es Frühling wird!«

Die Pastorin schüttelte den Kopf, und in den Augen, die sich von dem Mädchen abwandten, regte sich etwas wie ein zerstreutes Lächeln. Aber sie sagte nichts. Und dann kam es so, wie es kommen mußte. Der ›Junker‹ war, da er die Enkelin abends so unvermutet wieder ins Zimmer schlüpfen sah, anfänglich nicht wenig überrascht, ja wirklich einigermaßen erschrocken und hatte große Lust, recht ordentlich auf das »Komplott hinter seinem Rücken« loszuzanken. Allein Blankas Freude und Zärtlichkeit, und die sehr entschiedene Parteinahme der alten Silbergs für den Plan, ließen ihn nicht recht dazu kommen, und im Grunde tat ihm die Liebe, die diesen Plan hervorgerufen hatte, doch gar zu wohl, als daß er sich lange hätte dagegen wehren sollen. Schließlich freute er sich sogar darüber, und zu allerletzt wunderte er sich allen Ernstes, wie er denn überhaupt auf solch einen verrückten Gedanken hatte kommen können, jetzt »seine Kleine« fortzuschicken; denn Gelegenheit und Veranlassung zum Fleiß, zum Zugreifen und zum Aufpassen hatte es zu Menkendorf nie in höherem Maße gegeben als jetzt.

Der Brand- und Wasserschaden war größer, als man gefürchtet hatte. Als man in den Keller einzudringen vermochte, fand man, daß die Gewölbe, zumal gegen den Eingang zu, wo die Gewalt des Feuers am stärksten und die Wirkung der Wassermassen am größten gewesen, schwer gelitten hatten. Droben war die Treppe so gut wie ganz zerstört und, wie sich jetzt zeigte, auch ein Teil des Gebälks schon angegangen gewesen. Man mußte sich stets von neuem Glück wünschen, daß die Entdeckung des Brandes eine so rechtzeitige gewesen war, und die Hilfe eine so rasche und ausgiebige hatte sein können. Es hatte verzweifelt wenig daran gefehlt, daß das ganze Haus verloren gegangen wäre. Und je sorgfältiger man jetzt so alles überlegte und zusammenhielt, desto weniger konnte selbst der Ungläubigste noch an einem Verbrechen zweifeln, ob auch die wirklichen Zeichen und Spuren des Täters und seiner Tat durch den Brand selber zerstört waren.

An eine Unvorsichtigkeit der Hausgenossen war nicht mehr zu denken, da es sich hatte nachweisen lassen, daß eine solche gerade in den letzten Tagen vor dem Brand bestimmt nicht stattgefunden hatte. Ebensowenig konnte von irgendeinem andern unglücklichen Zufall die Rede sein. Dagegen stieß, genauer angesehen, die verbrecherische Absicht von keiner Seite auf ernstliche Hindernisse. Man hütete zu Menkendorf so wenig, wie überhaupt auf den ländlichen Besitzungen, das Haus mit besonderer Ängstlichkeit; ein wirklicher Verschluß fand nur während der Nachtstunden statt. Wer sich einschleichen wollte, fand in den vorausgehenden Abendstunden Gelegenheit genug dazu. Es waren ja auch Kelleröffnungen da, welche, zumal auf der Gartenseite, den meisten Blicken vollständig entrückt blieben, gegenwärtig, wo der Frühling kam, von der Winterdecke befreit und endlich nicht einmal durch feste Gitter geschützt waren. Da gab's zur Not schon einen Eingang und ein Zündstoff ließ sich leicht hinabbefördern. Man fand bei einer solchen Öffnung auch wirklich das schwache Gitter herausgebrochen, aber es ließ sich allerdings nicht mehr feststellen, ob es nicht am Ende erst von den Löschenden selber beseitigt worden sein möchte. Der ›Junker‹ wollte, wie von Anfang an, auch jetzt noch von diesem Verdachte kaum etwas wissen. »Ich will den Teufel und mir den Kopf, der ohnehin schon kraus genug ist, obendrein mit Mißtrauen und Umherspüren nicht noch toller machen,« sagte er verdrießlich. »Wir wollen uns für die Zukunft besser sichern, und damit sei's genug.« Silberg und Langhans dachten aber nicht ganz so gleichgültig und nachsichtig, sondern behielten die Sache und vielleicht auch den einen oder andern Menschen scharf im Auge.

Und daran taten sie recht ...

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