Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edmund Hoefer >

Der Alte von Menkendorf

Edmund Hoefer: Der Alte von Menkendorf - Kapitel 22
Quellenangabe
pfad/hoefer/menkendo/menkendo.xml
typefiction
authorEdmund Hoefer
titleDer Alte von Menkendorf
publisherGrüne Bücher
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110519
projectidd61450dc
Schließen

Navigation:

Einundzwanzigstes Kapitel

Die Feuerprobe

Das Menkendorfer Herrenhaus, wie wir berichteten im letzten Drittel des siebzehnten Jahrhunderts erbaut, war zurzeit noch so fest und so gut wie am ersten Tage, da die Bewohner einzogen. Es fanden sich keine Spalten oder Risse, es hatte sich nichts gesenkt, noch geworfen, und wenn alles gehörig geschlossen war, so mochte der schärfste Wind um das Haus sausen, ohne daß seine Insassen etwas von dem verderblichen »Zuge« unserer neuzeitliche Behausungen zu leiden gehabt hätten. Trotzdem fehlte es in dem weitläufigen Gebäude natürlicherweise nicht an einzelnen Mißständen, und einer der unangenehmsten von diesen war, daß bei einer gewissen Beschaffenheit der Luft und dieser oder jener Windrichtung der Rauch des Herdfeuers in den beiden Küchen und zuweilen auch in dem einen oder anderen Zimmerofen trotz aller Vorkehrungen und Beibesserungen nicht immer den gehörigen Abzug finden konnte, sondern in die inneren Räume zurückgedrängt wurde. Es war daher auch ganz und gar nichts Besonderes, daß die Hausgenossen am heutigen trüben und windigen Morgen schon von früh an einen leichten Rauch oder vielmehr bei dem Luftzug, der durch mehr als eine offene Türe strich, nur seinen Geruch spürten. Nach neun Uhr, als Frau von Gunsleben ihren Küchenbesuch machte, war der Übelstand aber im Hausflur auch sichtbar geworden.

»Was für ein leidiger Rauch!« sagte sie verdrießlich, »ich hab' es den ganzen Winter über nicht so stark im Hause gespürt und hoffte wirklich, Krons letzte Verbesserungen hätten uns endlich einmal Ruhe geschafft!« Die Wirtschafterin, die gerade herbeikam, meinte achselzuckend, es sei so ziemlich sich gleich geblieben und der Herr werde sich am Ende doch einmal nach einem erfahreneren Meister umsehen müssen. Damit gingen die beiden weiter und ihres Wegs zu dem Stalle; und als man hier gleichfalls fertig war, begab Frau Agnes sich ins Dorf zu einem Kranken, und die Wirtschafterin kehrte ins Haus zurück.

Eben war, wie von Zeit zu Zeit öfters, der Tierarzt unvermutet angefahren, um nach dem Gesundheitsstande in den Ställen zu sehen. Als er seine Geschäfte abgetan hatte, kam er auch wie üblich zum Hause, um sich in des ›Junkers‹ Zimmer sein Frühstück vorsetzen zu lassen. Da man von seiner Anwesenheit noch nichts wußte, war der Imbiß noch nicht bereit, und das Mädchen, das den abwesenden Diener zu ersetzen hatte, eilte, den ungeduldigen Gast zu befriedigen. Einem solchen setzt man aber bei einer solchen Gelegenheit auf den Gütern keinen Weinrest vor, sondern eine frische Flasche, und weil eine solche gerade nicht oben war, ging die Dienerin mit dem Kellerschlüssel davon, sie aus dem Keller heraufzuholen. – Der Menkendorfer Keller, übrigens einer der besten im ganzen Lande, hat drei Abteilungen, die durch feste Mauern voneinander geschieden sind. Auf der Nordseite befindet sich der Milchenkeller. Der sich südlich anschließende, um vieles größere Raum birgt die eigentlichen, man möchte sagen: laufenden Wirtschaftsvorräte und wird daher von der Wirtschafterin und ihrem Dienstgefolge am häufigsten aufgesucht. In der dritten Abteilung endlich lagert der Wein. Es begreift sich daher, daß dieser Raum um vieles seltener betreten wird als jenseits die beiden anderen Abteilungen. Ja, es kann zuweilen leicht ein ganzer Tag vergehen, ohne daß hier jemand hinabsteigt. Die Eingangstür unter der großen Haustreppe ist daher meistens auch fest verschlossen. –

Als das Mädchen nun dorthin kam, mußte sie husten, so dicht war hier der Rauch. Aber ohne auch jetzt noch an etwas Ungewöhnliches, geschweige denn an ein wirkliches Unglück zu denken, drückte sie den Türgriff auf und – prallte zurück: – Rauch und Flammen schlugen ihr erstickend entgegen. Das Mädchen stieß ein gellendes: »Feuer!« aus, sprang zurück, und im nächsten Augenblick wurde der Notruf von der Wirtschafterin und den Mägden, die aus der Küche herbeieilten, sowie von dem gleichfalls herbeispringenden Tierarzt noch lauter wiederholt. Der aber suchte besonnen bis zur Tür vorzudringen, um sie womöglich noch zu schließen und somit das Feuer auf seinen ersten Herd zu beschränken, allein Rauch und Flammen jagten ihn schnell zurück. Drunten schien bereits alles eine Glut zu sein. Es lag nämlich in der nächsten, kleineren Abteilung seit dem vorigen Herbst ein kleiner Vorrat von Holz und Torf, den der ›Junker‹ wegen der außerordentlich feuchten Witterung ausnahmsweise hier einzutun erlaubt hatte. Und da mochte wohl der Hauptherd des Feuers sein.

Es war ein schrecklicher Augenblick.

Eine Annäherung schien von Minute zu Minute unmöglicher zu werden; die Haustreppe, seit hundert und mehr Jahren ausgetrocknet, fing schon an zu brennen. Von Männern fanden sich nur ein paar auf dem Hofe, denn die Gespanne und auch die Ochsenhaken waren alle draußen auf dem Felde, und es wurde auch in den Scheunen heute nicht, wie sonst meistens in dieser Zeit gedroschen. Der Tierarzt faßte sich wenigstens so weit, daß er aus dem Hause und zur großen Hofglocke stürzte und den Strick gewaltig anzog. Allein, wann und wo traf der Klang auf die Helfer, und konnten sie das Haus noch schnell genug erreichen?

Gerade als die ersten Klänge sich in die Weite schwangen, kam der ›Junker‹ mit dem Magister Silberg durch die Herrensteigpforte auf den Hof herauf und sah sich bestürzt nach dem Grunde des Weckzeichens um. Der erste Blick zeigte ihm alles.

»Die Tür zu, sonst ist das Haus zum Teufel!« schrie der ›Junker‹ und sprang mitten hinein in den Dampf und Qualm. Er packte an, und die Tür, woran die Flammen leckten, gab dem gewaltigen Griff nach, sie ging nach vorn und schnappte ins Schloß. »Wasser dagegen! Wasser auf die Treppe! – Haltet aus, Kinder, nur ein paar Minuten!« rief er weiter und riß der nächsten Dirne den gefüllten Eimer fort und goß ihn in mächtigem Schwunge gegen die Tür, die in der Tat noch hielt. Aber am oberen, schon verkohlten Rande schlugen die Flammen bereits durch. Er warf den Eimer zurück, er riß einen anderen an sich. »Wo ist meine Frau? Wo sind die Fräulein?«

»Jesus, mein Gott!« schrie die Wirtschafterin auf. Die Fräulein müssen ja oben sein und die Jungfer –«

Der ›Junker‹ fuhr sie an. »Lasse sie das verwünschte Geheul! Halte sie den Kopf zusammen! – Karl, ich sah vorhin im Garten eine Leiter, – flugs sie angelegt an der ›Kleinen‹ Fenster!« befahl er und schwang sich auf die untersten Treppenstufen. »Ich komme, Kinder!« rief er hinauf.

Da erschien droben im Rauch Blankas Gestalt. »Bleib da, ich komme schon!« klang es beherzt herab. Und damit faßte sie die Kleider fest zusammen und sprang am brennenden Geländer vorüber und über die dampfenden und glimmenden Stufen leicht herunter in die Arme des Alten. »Großpapa, Viktoria und ihre Jungfer müssen Hilfe haben!« rief sie dabei.

Er hielt sie fest umfaßt, hob sie auf und trug sie einem sicheren Platz zu. »So, mein Herzblatt!« sagte er, sie niedersetzend, und musterte sie genau – das wollene Morgenkleid glimmte noch hie und da. Sie aber faßte schon zu und drückte die Funken ohne viel Wesens mit der Hand aus. »Recht so, meine Kleine, nur immer Mut! Für die anderen wird auch gesorgt, – Karl holt sie herab. Es sind Katzen, mögen sie klettern!« sagte er mit einem Anfluge seines alten Humors und wandte sich wieder den Löschenden zu.

Wie rasch sich dies alles auch aneinander geschlossen hatte, begannen jetzt dennoch schon die Helfer von allen Seiten herbeizukommen. Der Ton der Glocke, die immer noch gezogen ward, drang weit in die Gefilde hinaus, und wo er hier und da im Dorf vernommen wurde, ließ jedermann alles stehen und liegen, die Männer und Frauen liefen, was sie konnten, und die Knechte jagten mit den abgestrengten Gespannen querfeldein zum Hofe zurück. Denn dieser Ruf zu dieser Stunde verkündete allen die drängendste Not, und obendrein wurde als traurigstes Wahrzeichen auch die Rauchwolke um das Haus immer dichter und weit in die Ferne hinaus sichtbar.

Auf dem Hofe war nun alles in rastloser Tätigkeit. Der alte Pfarrer hatte um sich alle Leute gesammelt und trieb sie, mit dem eigenen Beispiel vorangehend, zum raschen Angreifen. Die größere Spritze stand vor dem Hause und ihr Schlauch goß Wassermassen auf die stark brennende Treppe und die schon zusammenbrechende Kellertür. Die kleinere wurde in den Garten gebracht, um durch die Kelleröffnungen auf den Herd des Feuers drunten zu wirken. Vom Teich kamen allmählich auch die großen Wasserkübel rascher und rascher herbei, und wer sich bisher mühsam mit den Eimern geschleppt, durfte seine Kräfte besser verwerten. Man fing an, den kostbaren Besitz aus dem Hause zu schaffen, der Schäfer begann seine Herden auszutreiben, und im Viehstall band man die Kühe los, um sie rechtzeitig davon zu bringen. Geriet das Haus wirklich in vollen Brand, so war darauf zu rechnen, daß bei der Richtung des Windes auch der größte Teil des Hofes nicht zu retten war. Genug, eine kleine halbe Stunde, nachdem Silberg draußen und der ›Junker‹ drinnen den Befehl übernommen hatten, geschah alles, was sich mit den vorhandenen Kräften und Mitteln nur irgend zur Rettung des Hauses leisten ließ.

Sie gelang.

Und zu der Zeit, wo sonsten die Arbeitleute durch die Klapper zum Mittagessen gerufen wurden, war die eigentliche Gefahr für das Haus überwunden. Und nun war man endlich so weit, auch zu überlegen, was bisher die einzelnen nur für sich selbst allenfalls gefragt haben mochten: was war denn eigentlich geschehen und wie hatte es geschehen können? –

Daß in dem Menkendorfer Hause mit Feuer und Licht auf das gewissenhafteste und vorsichtigste umgegangen wurde, versteht sich hier von selbst. Es hängt gar zu viel davon ab und jedermann tut sein Bestes, sich vor Unheil zu bewahren, und Fälle, wo ein Unglück durch kahle Nachlässigkeit und Unvorsichtigkeit hervorgerufen worden ist, sind daher auch kaum findbar. Natürlich sind auch alle Einrichtungen demgemäß und auf das zweckentsprechendste getroffen, und zu Menkendorf zum Beispiel durften die eigentlichen Vorratsräume, wo irgend feuergefährliche Gegenstände lagerten, auf ausdrücklichen Befehl des ›Junkers‹ und seiner Gattin nur in ganz besonderen Ausnahmefällen bei Nacht mit Licht betreten werden. Diese Bestimmung galt ebensogut auch für den Herrschaftskeller, obgleich natürlicherweise hin und wieder ein später Besuch hier auch, wie zum Beispiel des Weines wegen, schon eher einen späten Gang veranlaßte. In solchen Fällen wurde aber der Tragende meistens von einem Leuchtenden begleitet. Diese Auseinandersetzung ließ sich für uns nicht umgehen, wenn wir den Fall unseren Lesern wirklich und vollständig klar machen wollten. Am vergangenen Tage war niemand mit Licht hinabgegangen, ja, der Keller war, wie sich leicht nachweisen ließ, überhaupt seit der gestrigen Mittagsstunde von keinem Fuß mehr betreten worden. Trotzdem mußte aller Wahrscheinlichkeit nach das Feuer in den Abendstunden auf irgendeiner Stelle zu glimmen begonnen haben. Das eine sah man deutlich genug: wäre der Brand, wie es nur durch ein glückliches Ungefähr verhindert zu sein schien, schon in der Nacht vollends ausgebrochen, so würde an eine Rettung des Hauses nicht zu denken gewesen und selbst die Bewohner in ernste Gefahr geraten sein. Über den ersten Anfang des Brandes oder gar über seine Veranlassung, hatte man gegenwärtig nicht einmal Mutmaßungen. Die Dorf- und Hofleute redeten zwar, wie fast überall in solchen Fällen, unter sich mit aller Bestimmtheit von einem Verbrechen, ohne jedoch imstande zu sein, einen Verdächtigen auch nur ahnen zu können. Der ›Junker‹ und die Seinen aber schüttelten hierzu für jetzt noch ungläubig den Kopf, wenn sie auch den bestehenden Verhältnissen nach keine natürliche Erklärung zu erdenken beimochten. Ein Verbrechen angenommen, mußte man doch, wie es schien, vernünftigerweise gleich anfangs von den Hausgenossen und den Menkendorfern überhaupt absehen. Und wo man Fremde ins Auge fassen wollte, mußte man einerseits von keinem einzigen Feind des ›Junkers‹, und begriff andererseits nicht, wie ein solcher Täter hätte ins Haus gelangen und seine Tat gerade auf diesen Platz und obendrein so unvollkommen ins Werk setzen sollen. Die Hofgebäude waren nicht nur zugänglicher, sondern auch widerstandsloser als das Herrenhaus, und der erwachsende Schaden konnte unter Umständen dort fast noch größer sein als hier.

»Dem sei nun, wie ihm wolle,« meinte der ›Junker‹, als er mit dem alten Freunde von dem Rundgange zurückgekehrt war und, im Flur den Wirtschafter treffend, das zunächst Nötige und auch den Verdacht der Leute besprochen hatte. »Daran ist jetzt wenig gelegen. Die Hauptsache ist der Zustand des Hauses, und der macht mir Sorge, – es ist teufelmäßig viel Wasser hineingekommen. Schlafen lasse ich keinen Menschen mehr darin vor der gehörigen Besichtigung. Für heute nacht meld' ich die Damen bei dir an, Moritz, und morgen fahren sie auf ein paar Monate zur Stadt. Hier kann ich sie nicht brauchen. Schicken Sie nach Liepen, Langhans, und bestellen Kron und Melow zu morgen. Wir müssen gleich ans Werk.«

Silberg hatte indem auf den Hof hinausgesehen. »Ziehe dir nur erst einen trockenen Rock an und nimm deine Gäste in Empfang,« sagte er nun mit einem launig boshaften Schmunzeln und deutete dazu wichtig gegen das Hoftür, wo eben eine vierspännige Herrschaftskutsche einlenkte.

»Den Teufel auch!« rief der ›Junker‹, die Brauen zusammenziehend, grimmig aus. »Wer kann denn das sein?«

»Es sind, glaub' ich,« bemerkte Langthans, »die Mirowschen Pferde, Herr!«

»Der ›Junker‹ drehte sich scharf auf dem Absatz um und ging seinem Zimmer zu. »Zieh' einen schicklichen Rock für Seine Gnaden an,« rief Silberg ihm lachend nach. »Du siehst wirklich wie einer von des Alten Fritz Grasteufeln aus! – Kommen Sie, Langhans, wir wollen ihnen entgegen gehen, denn anfahren können sie hier nicht.« – Der Wirtschafter aber machte einen feindseligen Katzenbuckel und pfauchte scherzhaft: »Danke, danke, Herr Magister, – ich muß in den Wirtschaftsleiter, denn da traue ich dem Frieden noch nicht!« Und drückte sich. Silberg zuckte lächelnd die Achseln und ging allein den Anfahrenden entgegen.

»Das ist ja ein schreckliches Unglück!« rief Baron Mirow schon von weitem aus. »Wir hörten draußen beim Vorwerk davon, hielten's aber, da wir doch das Haus unverletzt und keinen Rauch sahen, für übertrieben. Die Hauptsach« scheint ja aber jetzt vorüber.« Mit musterndem Blick legte er zwei Finger in des herantretenden Silberg Hand. »Da wird man doch für einen Augenblick eintreten und sich nach den Damen umsehen können.« Er verließ dabei den Wagen, gefolgt von einem langaufgeschossenen, hageren jungen Menschen, der, den Pfarrer völlig übersehend, durch ein Stielglas unendlich gleichgültig das Haus betrachtete.

Da kam auch der ›Junker‹ wieder zum Vorschein. Den Rock hatte er nicht gewechselt, und auch Bart und Gesicht trugen noch alle Spuren seiner vorhergehenden Tätigkeit. Er hatte sich, wie es schien, nur eine frische Pfeife angezündet, – was in anbetracht seiner Leidenschaft und der langen Pause, die er hatte machen müssen, gerade kein Wunder war. »Na, Mirow,« rief er, herantretend, mit seiner gewöhnlichen Ungezwungenheit aus und nahm statt der dargebotenen zwei Finger die ganze Hand des Barons und schüttelte sie kräftig, »da hätten Sie sich auch einen bessern Tag aussuchen können, – sehen Sie wohl, 's sieht hier nicht gesellschaftlich aus! Weiß nicht einmal, ob ich Ihnen einen trockenen Platz zum Sitzen bieten kann. Haben hier noch alle Hände voll zu tun, denn der Teufel ist drunten noch immer geschäftig. Aber nur herein, es wird schon Rat werden, wenn Sie uns auch nicht viel zu sehen bekommen. Mein alter Moritz hier muß einmal wieder aushelfen.«

Der Baron lächelte beruhigend. Da er nach Grünau zum Kreistage fahre, habe er hier nur einmal einsehen und den alten Freunden seinen Sohn vorstellen wollen, erklärte er.

»So? Ist das der Herr Sohn? schob der ›Junker‹ nicht eben erbaut dazwischen, indem er mit scharfem Blick den sich tadellos verbeugenden Begleiter Mirows von Kopf zu Füßen musterte.

»Ich hatte gehofft,« fuhr der Baron fort, Sie vielleicht zum Mitfahren bereden zu können. Man wird drunten viele alte Bekannte finden und sich ein paar Tage gut unterhalten. – Jetzt freilich – schade, schade! Hätte auch mit Ihnen allerhand zu sprechen, alter Freund! Nun, aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben, und vielleicht berede ich Ihre Damen doch noch. Sie bringen uns doch zu ihnen?«

»Zu meinen Damen? Na, Baron, da müßten wir erst ganz jägermäßig auf die Suche gehen! Ich will erschossen werden, wenn ich weiß, wo sie stecken. Die Viktoria ist davongelaufen, – Moritz lasse sie holen, sie wenigstens kann euch Gesellschaft leisten. Die anderen, – na, wo sie stecken, weiß ich nicht, und allzu präsentabel sind sie keinesfalls, denn sie haben gleichfalls ihr Teil von dem Spektakel abbekommen.«

»Fräulein von Warneck?« fragte der junge Herr, der zum erstenmal die Lippen öffnete, anscheinend sehr bestürzt.

Der ›Junker‹ streifte ihn mit einem flüchtigen Blick. »Die? Na, ein bißchen angesengt ist sie auch und zum Staatmachen reicht es heut nicht. Sie könnte gar nicht einmal hinauf, – sehen Sie sich mal die Treppe an, Mirow! Es ging um ein Haar, sag' ich Ihnen! – Aber nur herein einmal, und das Weitere wird sich dann finden.«

Damit sah es indessen nicht zum besten aus, denn es gab wirklich noch zu viel und zu Ernstliches zu tun, als daß man zur Ruhe kommen und den Gästen die gebührende Aufmerksamkeit hätte erweisen können. Pfarrer Silbern ließ sich die Unterhaltung der Gäste nach Kräften angelegen sein, und nach einer Weile kam ihm darin Komtesse Viktoria, die inzwischen aus dem Pfarrhause zurückgekehrt war, wenn anfangs auch noch m einer gewissen matten Stimmung, allmählich doch immer aufgeweckter zu Hilfe, so daß die beiden Gäste sich augenscheinlich wohler zu fühlen begannen. Zu dem Mittagessen erschien natürlich die Gutsherrin auf kurze Zeit, auch der Gutsherr, aber auf eine noch kürzere, während von Blanka hingegen überhaupt nichts sichtbar wurde. Ein behagliches, zum Verweilen einladendes Beieinandersein ließ sich eben nicht erzwingen, und als man seine Tasse Kaffee getrunken hatte, brach man voll lebhafter Versicherungen des grüßten Bedauerns und, mit dem Versprechen eines baldigen neuen Besuches wieder auf.

Als der Wagen außer Hörweite war, meinte der lange Sohn, aber gar nicht schüchtern, daß er nicht verstehe, was der Herr Vater an diesen Leuten so besonders rühmenswert finde? Höchstens Komtesse Viktoria –. »Ah bah,« unterbrach ihn der Vater schnell, »diese Altheims fangen an zu verkommen: Der Graf lebt wie ein Narr, der Sohn geht durch, die Tochter, – mon fils, vergiß nie, daß Gunsleben unser erster Grundbesitzer ist und fabelhafte Summen in der Bank liegen hat. Dazu sind sie vom besten Blut, – es ist meines Wissens kein unreiner Tropfen darin! – und dies alles entschuldigt wohl die einigermaßen bürgerlichen Sitten und Neigungen. Endlich, wenn du bekommst, was du wünschest, – was geht dich das übrige an?«

Ungefähr zur selben Zeit klopfte Detlef von Gunsleben seiner Enkelin auf die Schulter und sagte: »Na, Blanka, mein Herzchen, dir gebe ich eine Ehrenerklärung. Ich dachte bisher, daß deine Abneigung gegen Mirow nur eine Mädchenlaune sei. Aber du hast auch hier eine Probe gehalten, wie heute morgen unter Feuer und Wasser.«

 << Kapitel 21  Kapitel 23 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.