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Der Alte von Menkendorf

Edmund Hoefer: Der Alte von Menkendorf - Kapitel 21
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authorEdmund Hoefer
titleDer Alte von Menkendorf
publisherGrüne Bücher
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Zwanzigstes Kapitel

Gegensätze

Sie, mit der wir das vorhergehende traurige Kapitel so freundlich geschlossen haben, saß an ihrem Fenster mit einer Nähterei beschäftigt. Voll Eifers war sie und schaute nur selten auf, obgleich heute endlich, nach regnerischen und stürmischen Wochen, der erste rechte Frühlingstag gekommen zu sein schien: so nicht ganz klar noch, ein bißchen träumerisch dunstig, ein wenig kühl und voll erregt streichender Luft, und dennoch von jenem verheißungsvollen Reize, der die Augen lächeln und die Brust ausweiten läßt nach der langen Winterenge: o, der Lenz ist wieder da! – Ja, er war da. An den Zweigen der alten Winterlinde, die im Luftzug gegen Blankas Fenster nickten, fingen die Knospen schon an zu schwellen, und von den Gebüschen drüben, wo der Garten in den Park überging, schimmerte es jauchzend grün herüber, wohl ob der üppigen Schneeglöckchenkränze, ach und auf den Rabatten stand der Krokus in voller Blüte, und über Nacht waren auch die Veilchen völlig aufgewacht. Und in allen Kronen und allen Büschen schwirrte und schwärmte, lockte und jubilierte es; die Schwarzamseln flöteten, die Finten schlugen, die Stare Pfiffen, und die Sperlinge vollführten in den dichten Efeuranken, die sich nicht fern von Blankas Fenster an der Hausmauer allmählich zu einer dichten grünen Wand zusammen- und hinaufgeschlungen hatten, einen unbändigen Lärm; und hatte Blanka dann und wann aus dem Fenster hinausgehorcht, so hätte sie Wohl auch, bald leiser, bald lauter, den Jubel der Lerchen, die sich über den nächsten Feldern in undurchsichtiger Höhe wiegten, vernommen. Vielleicht auch hätte sie es doch noch getan, wäre nicht Komtesse Viktoria bei ihr jetzt eingetreten.

»Ach, Blanche, ich bin durch den Korridor und über den Vorplatz geglitten wie ein Gespenst oder ein Dieb in der Nacht, daß mich nur um Gottes willen niemand erwische und erbarmungslos in meine Klausur zurückverbanne!« Aus dem weiten Gewand der Sprecherin entströmte eine ganze Flut von durchdringenden künstlichen Wohlgerüchen und breitete sich fast widerwärtig durch das ganze, nur von frischer Luft erfüllte, schlichte Gemach aus.

»übertreibe nicht, Base! Wenn du Lust hast zu plaudern –«

»Plaudern, sagst du? Ja, plaudert man denn hier wirklich? Man verstummt ja in dieser friedlichen Einsamkeit! Ach, Haus Menkendorf! Daß die Großeltern nirgends lieber weilen, ist begreiflich – die Gewohnheit, sagt man, soll eine merkwürdige Gewalt über die Menschen haben! – Aber daß die anderen, die jungen, wenn sie einmal hier sind, es aushalten, und daß auch selbst nur du es aushältst, bescheidenstes Kusinchen – das verstehe ich nicht! Ich – ich sterbe vor Langerweile!«

Blanka hatte ihre Arbeit indes wieder aufgenommen und nähte eifrig. »Dafür habe ich kein Verständnis,« sagte sie kühl hin.

»Verständnis?« wiederholte die Komteß bitter, indem sie sich setzte. »Wo hat man das hier zu Menkendorf oder dort unten in dieser schauerlichen Stadt für irgend etwas, das man wirklich Leben heißen kann? Ach, Blanche, – Leben – Leben! Ach, wenn ihr einmal empfunden hättet, wie es wirklich da ist, wirklich euch umflutet, umstürmt, euch durchdringt und erfüllt, euch beseligt und erhebt und hinabstürzt in den Abgrund der Verzweiflung, und wieder aufreißt mit dem Arm der Liebe und in ihm euch hinaufträgt in die Tonnenfülle des Himmels – ›himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt!‹ – Ach!« – Sie war aufgesprungen; breitete die Arme aus, und ihre Augen erhoben sich schwärmerisch zum Himmel. So stand sie, wie verzückt. Aber nun flog es wie ein Schatten durch ihre erregten Züge, ihre Arme sanken matt herab, und ihr Kopf neigte sich gegen die Brust. »Warum mußt' ich zu euch, in diese Öde zurückkehren – unter Larven die einzige fühlende Brust!«

Blanka hob die Augen nicht von ihrer Arbeit, und in ihrem Antlitz herrschte eine noch größere Stille als sonst. »Ich hab' es gar nicht gewußt, Base, daß du in der Stadt mit den übrigen Komödie gespielt hast.«

Viktoria erhob überrascht den Kopf, »Spotten, Kindchen, du? Ich glaubte bisher nicht, daß du das könntest!« sagte sie dann mit einer wegwerfenden Bewegung. Allein in der nächsten Sekunde schon blickten die Augen wieder voll Schwermut, und ihre Stimme klang fast klagend. »Blanche – wie sanft dieser Name klingt – und wie hart und grausam doch dein Herz! Ach, Blanche, lasse dich nicht verleiten von diesen erbarmungslosen Menschen! Bleibe sanft und gütig, wie es die Natur dir verliehen hat! Ach, wenn du selbst einmal das Leben kennen lerntest, in seinem unendlichen Glück aufjauchztest und unter seiner Trauer dich beugtest; wenn dein Herz spräche und überall dir die Schranken des Standes entgegengehalten würden, mit eiskaltem Sinn, mit eiskalter Miene – da würdest du schon auch denken und fühlen lernen wie ich, und dich voll Verzweiflung allein finden und einsam unter allen diesen – diesen erbarmungslosen Menschen!« Sie deckte die Hände vor das Gesicht und wandte sich ab. Blanka arbeitete weiter, ohne aufzublicken, und schwieg beharrlich. Und so trat sie wieder näher, und ihre verschleierte Stimme begann von neuem zu schwirren: »Wenn du es erlebt hättest, wie ich damals bei Berta, »wenn ein Mann wie Joseph dir entgegengetreten wäre in seiner prächtigen Männlichkeit, voll Poesie, voll Geist und dir das alles zu Füßen gelegt, sein ganzes Sein und Wesen dir gewidmet hätte – ach, Blanche, auch du wärest warm geworden in deinem Herzen, auch du hättest alles umher vergessen außer deiner Liebe und deinem Glück! – Und alle die Einreden, die Hemmnisse, der Widerstand von allen Seiten – Bertas und Letzingens Predigten und Vorwürfe, Tante Hildegards Strafbriefe, die groben Drohungen – ach, sie hätten auch dich nicht erschüttert, sondern nur gestärkt! – Wer für sein Glück und seine Liebe nicht kämpft und nicht sein Alles daran setzt, der verdient weder das Glück noch die Liebe! Sieh, die Männer verstehen das meistens nicht und verdienen es auch nicht, aber Joseph, der treffliche Mensch, bestand auch diese Probe. Die Verwandten liefen Sturm, ein alter Onkel drohte mit Enterbung, Ihn rührte das alles nicht. – Wenn ich an seiner Seite stehen wolle, sagte er mir, so kümmere er sich wenig um die Drohungen und Quälereien. Aber sieh' – ich wurde schwach. Ich sah's wie er litt, ich wußte, was er opferte, – ich konnte das nicht annehmen. – Ich trat zurück, und da Eugen mich abzuholen kam, leistete ich keinen Widerstand, sondern folgte ihm – hierher, zu euch kalten, erbarmungslosen Menschen.« Sie schwieg nun eine Weile, setzte sich wieder und stützte traurig den Kopf in die Hand; endlich sagte sie bitter. »Sieh, auch du hast kein Wort für mich!«

Jetzt ließ Blanka die Arbeit sinken. Die Kälte in ihren Augen hatte einen milderen, fast mitleidigem Ausdruck Platz gemacht, und auch ihre Stimme klang bewegt, als sie entgegnete: »Was kann ich zu dir darüber reden, Base? Du sagst es selbst, daß mir solche Erfahrungen und Empfindungen fremd sind. Wie kann ich da urteilen, trösten? Nur, was du über die Unseren sagst – du weißt wohl, ich denke anders und kann nur sagen wende dich einmal, ein einzigmal nur, voll Vertrauen an ihre Herzen – sie sind gewiß nicht kalt.«

»Für dich – nein, gewiß nicht! – Aber für uns, Eugen und mich, – o, empfändest du es nur einmal! Ich verteidige Eugen nicht. Er trieb es danach, daß die Seinen ihn kaum noch halten konnten oder durften. Aber war's nur seine Schuld? Hätte er wirklich nicht mit Geduld, Nachsicht und vernünftiger Strenge im Zaum gehalten, ja, für die Familie möglich bleiben können? Und geht es mir anders? Wir sind im Grunde nie mehr als die Stiefkinder aller gewesen und haben für unseren Vater büßen müssen. Sage dagegen nichts! Die Viktoria ist nicht so töricht, wie sie sich zuweilen gibt – ich merkte von jeher, wie wir daran waren, und seit meiner Rückkehr deutlicher als je. Ja, ich habe mich schon mehrmals gefragt, weshalb man mich denn eigentlich durchaus wieder hier haben wollte und mich nicht lieber mir selbst überließ?«

»Aber Base!« sagte Blanka ergriffen. Selbst das junge, in der wärmsten Liebe der Seinen aufgewachsene Kind empfand es tief, wie viel Wahrheit die eben gesprochenen Worte enthielten. Man war einmal, und zwar mit gutem Recht, gegen die Altheims eingenommen und ließ sie das auch meistens mit mehr als billiger Schärfe empfinden. »Ja, Viktoria, vielleicht hast du in manchem recht. Aber man lebt hier und besonders auf Drakenhof sonst doch nicht ungesellig.«

»Wenn du das Geselligkeit heißest, daß man hin und wieder in den Wagen steigt, um einem Nachbar einen Besuch zu machen, oder ihn ebenso ein paar Tage später bei sich empfängt, in den schicklichen Pausen Kaffee trinkt, dann einen Tee nimmt, darauf sich zum Essen setzt, hintendrein ein wenig musiziert und endlich mit der zärtlichen Versicherung der herzlichsten Dankbarkeit für die genossenen frohen Stunden einen gerührten Abschied nimmt – sieh', Blanche, du lachst selber. Ich versichere dich, mein Gesicht war infolge aller Gähnkrämpfe zuletzt ganz verzerrt, und meine Finger wurden wund: ich habe in meinem ganzen Leben nicht so viel genäht wie in diesen acht Wochen. O, wie bescheiden wurde man in seinen Ansprüchen, wie dankbar war man dem lieben Gott für jede Geburtsanzeige eines liebenswürdigen jungen Kalbes, für jedes unter uns auftauchende neue Gesicht, ob's einem Weinreisenden gehörte, oder Seiner freiherrlichen Gnaden von Mirow und seinem noch immer nicht ausgewachsenen, unschuldigen Wilhelm! – Ach, hätt' ich mein Skizzenbuch hier, ich könnte dir Aufnahmen zeigen ...

»Spötterin!« warf Blanka ein und lachte nun mit einem Mal voll reiner, kindlicher Fröhlichkeit.

»Spötterin? Nichts weniger als das, die blanke Wahrheit, sag' ich dir, oder vielmehr noch lange nicht die ganze Wahrheit! Denn die will ich dir erst offenbaren – denke, Blanche, du spieltest eine Hauptrolle bei Mirows letztlichem Besuch!«

»Ich?« erstaunte Blanka, »hat Herr Wilhelm sich über mich beklagt? Nun, ich nahm im vorigen Winter seine Aufmerksamkeiten wirklich nicht allzu freundlich auf.«

»So hofft er jetzt vielleicht auf besseren Erfolg, Base Blanka!«

»Herr von Mirow kann sich über meine Gesinnungen nicht täuschen, liebe Viktoria!«

»Nimm dich nur in Acht, Herzchen, daß du nicht aus deinem kleinen süßen Traum recht unsanft erweckt wirst. Der Herr Baron machte eine höchst empfindliche Bemerkung über –«

Indem erklang vom untern Stockwerk herauf ein so furchtbar aufgellender Schrei einer Frauenstimme, daß die beiden Mädchen entsetzt von ihren Sitzen auffuhren. »Was war das?« rief Blanka mutig, und da wurde ein zweiter, noch grellerer Aufschrei hörbar. Viktoria bebte: »Kindchen, – bleib'! Ich ängstige mich tot!« Blanka aber stieß die Tür auf. – Über den weiten Flur hin breitete sich eine Rauchwolke aus, die aus der Treppenmündung hervorquoll ...

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