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Der Alte von Menkendorf

Edmund Hoefer: Der Alte von Menkendorf - Kapitel 2
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typefiction
authorEdmund Hoefer
titleDer Alte von Menkendorf
publisherGrüne Bücher
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Erstes Kapitel

In der Herberge zu den »St. Jakobsbrüdern«

Die alte Stadt, in der unsere Geschichte beginnt, hat wie fast jede an den deutschen Küsten eine große Vergangenheit hinter sich. Als sie aus einer kleinen Ansiedlung armer Fischer zu einem Markt und bald darauf zur Stadt in festen Ringmauern wurde, erhob sie sich mit überraschender Schnelligkeit und Kraft zu Reichtum, Ansehen und Macht. Die Straßen mit ihren stolzen Giebelhäusern dehnten sich aus, und als hundert Jahre herum waren, war der Platz ein geachtetes Mitglied der Hansa, und seine Orlogschiffe vereinten sich mit denen der Schwesterstädte zu den gewaltigen Flotten, welche die Ost- und Nordsee der deutschen Herrschaft unterwarfen. Aber die Zeiten änderten sich. Auf die Jahrhunderte des Emporblühens folgten andere, wo Stillstand sich mit Lässigkeit gesellte. Das Herabsinken hub an. Fehden im Innern, Kriege, aus Dünkel geboren, untergruben die gedeihliche Ordnung. Der Verfall begann. Und in dem gleichen Maße wie Deutschlands Ansehen abnahm, wuchs die Macht und der Übermut der Nachbarn. Der Handelsverkehr erlahmte. Die Häfen versandeten und verschlammten. Die Städte wurden zu öden, bedeutungslosen Orten, in denen Mutlosigkeit und dumpfe Ergebung in ein anscheinend unabänderliches Geschick ihre widerwärtigen Früchte zeitigten. Genau so, ja schlimmer als mancher anderen, war es auch unserer Stadt ergangen. Erst in den allerletzten Jahrzehnten hatte sich ein Umschwung bemerkbar gemacht, und neuerdings schien sie sogar den Vorrang wieder zu gewinnen, den sie einstmals behauptet hatte.

Es war an einem wildstürmischen Juliabend des unbeständigen Sommers 1869, als unvermutet ein Dampfer in den Hafen einlief und nach langem Hinundher einen Fahrgast ans Land setzte, wobei nicht zweifelhaft blieb, daß dieser mit einem wenig guten Einvernehmen vom Kapitän des Schiffes sich verabschiedet hatte. Der offensichtlichen Eile des Reisenden, seiner bisherigen Umgebung außer Sichtweite zu gelangen, bereiteten die Umstände hier jedoch nicht das geringste Entgegenkommen. Es zeigte sich weder eine Droschke noch ein Hausknecht mit einem Handkarren. Ja, da das Unwetter schon seit Stunden tobte und auch die Stadt heimgesucht hatte, so fehlte auf dem Hafendamm sogar das Gesindel der Gelegenheitsarbeiter. »Ist denn da niemand, der mir und dem Gepäck weiterhilft?« schrie der Fremdling nach einer Weile ungeduldigen Umherspähens halb bittend, halb mißmutig der einzigen sichtbaren Menschengestalt zu, die unter einem Torbogen stand und den Vorgang höchst teilnahmslos verfolgt hatte. Je nun, wo der Herr denn hin wolle? lautete immerhin die Antwort, ohne daß der Mann dabei sich übrigens gerührt hätte. »Unter Dach und Fach,« erwiderte der Herr, »ich brauche Ruhe, Stille, Schlaf; die Fahrt war schrecklich und –« – er sah zum Himmel auf – »in zehn Minuten geht es wohl von neuem los!« Zunächst schien es, als wären auch diese Worte vergeblich gewesen, denn der Angerufene grinste nur seine Zustimmung betreffs der geäußerten Wetterwissenschaft herüber; dann aber setzte er doch seine schwerfälligen Seemannsbeine in Gang und steuerte geradenwegs, über Pfützen und Lachen, auf das Gepäck des Fremdlings zu, ergriff es ohne irgendwelche Erklärung und schritt damit so mächtig aus, daß der Eigentümer Mühe hatte, ihm auf den Fersen zu bleiben, um so mehr, als auch der Wirbelwind bereits wieder zu rasen anfing. »Unter Dach, nur unter Dach!« rief der Ärmste, nachdem er den Träger eingeholt hatte, atemlos aus, »ich frage den Teufel wie und wo, nur ein Wirtshaus, meinetwegen das erste beste –.« Indem zuckte, ganz nahe, ein Blitz hernieder; Donner schmetterte betäubend nach. Und als seien dadurch die Wolken zum Bersten gebracht worden, stürzte eine Regenflut jählings herab, die, obendrein vom Sturme gepeitscht, die beiden Menschen schier des Gehörs und des Gesichts beraubte. Der Einheimische faßte sich indessen rasch. »Na, vorwärts müssen wir dennoch, es schwemmt uns sonst weg,« brüllte er dem Fremden ins Ohr, »ja, ja, Herr, es wäre wohl nicht zum ersten Male, wenn hier in der Dammgegend einer ersöffe!« Und in der Tat schoß das Wasser jetzt von den Dächern wie aus eben geöffneten Schleusen, so daß die Straße in wenigen Augenblicken einem wilden Bach glich. »Fasse der Herr mich dreist um die Mitte, ich bring ihn schon von der Stelle!« Dieser ermunternden Aufforderung wurde schnell entsprochen. Und so erreichte man wirklich ohne Unfall die nächstgelegene Unterkunft, die alte Herberge zu den »St. Jakobsbrüdern«.

Auf dem kleinen Vorflur hielten die beiden Männer tief Atem schöpfend an. »Verdamm' mich, so hab ich es lange nicht mehr erlebt,« meinte der Führer zurückschauend, »und es kommt noch mehr! – Na,« fügte er hinzu, »Peter wird wohl sein Willkommensgesicht machen, aber das soll ihm nichts helfen! Kann uns doch nicht hier auf Gottes Erdboden elend ersaufen lassen! – Hier herein, Herr!« Und er stieß eine Seitentür auf und trat, dem Fremden voran, mit dem triefenden Gepäck in die Gaststube.

Es war ein sehr großer Raum, nicht hoch an den Wänden, aber desto höher überwölbt. In der Mitte lief eine Reihe von freistehenden Pfeilern entlang. Kleine Tische wurden hüben und drüben von Bänken mit hohen Rücklehnen eingefaßt. An der Mitte der inneren Längswand sprang ein sehr geräumiger Wirtsstand mit hohen Seitenwänden und einem breiten Schenktisch vor, und im Hintergrunde, hart an der Wand, schwang sich eine Wendeltreppe empor zu einer schmalen Spitzbogentür, die wohl in die inneren Räume des Hauses führen mochte. Als unsere beiden Flüchtlinge diesen Raum betraten, war freilich von der geschilderten Einrichtung wenig zu sehen; denn obgleich nach der Straßen- wie nach der Rückseite zu mehrere Fenster das Tageslicht hereinließen, wurde dieses doch selbst durch den düstern Gewitterhimmel bis zur vollen Dämmerung herabgedrückt. Hier, im Innern des Hauses und unter dem Gewölbe aber war diese Dämmerung noch gesteigert, nur in der Nähe der Fenster war es etwas heller, während gegen die Mitte zu und in der Höhe schon ein undurchsichtiges Dunkel herrschte. In dieses rief der Seemann jetzt ein kräftiges: »Holla, Peter, wo steckst du?« hinein, was allsogleich ein erbostes Murren zur Folge hatte.

Bald darauf erschien eine breite, gedrungene Gestalt, die weniger schritt, als sich vorwärts schob. Nun stand sie vor den Ankömmlingen, rieb sich die Augen und gähnte, – man sah's wohl, der Mann hatte einen ordentlichen Schlaf getan; denn als jetzt Blitzgezuck das Gemach mit gelblichem Lichte füllte, schüttelte er den Kopf und meinte, mit neuem Gähnen: »So, ist das noch immer im Gange? Dachte, es wäre schon Nacht und das Weiberzeug hätte vergessen, die Lampen anzuzünden!« Und damit kam er näher »Was ist's mit dir, Christen? Was soll das Gepäck da und was will der Herr? 's hat euch beide gepackt, scheint's. Seht aus wie gebadete Katzen.«

»Richtig, und zu dir hereingeschwemmt,« versetzte der Einheimische und äußerte die Wünsche seines Schützlings in einer kurzen und bestimmten, dennoch aber bescheidenen und überredenden Weise, was jedem sonderbar vorkommen mußte, der nicht wußte, daß Peter Jansen sein Haus nach Grundsätzen führte, die nicht immer ganz durchsichtig waren. Er sagte nun auch, indem er den Gast mit einer nichts weniger als freundlichen Miene beaugenscheinigte: »Na, an Leibesnahrung fehlt's in den ›Jakobsbrüdern‹ nicht, aber vom Übernachten steht nichts geschrieben.

»Mache keine Faxen, Peter,« unterbrach Christen, ihn scharf ansehend, »was sein muß, das muß sein! Der Herr soll nicht erzählen, daß wir hier die Fremden auf den Straßen ersaufen lassen. Er ist hier, und ich kann ihn nicht weiter bringen. Und deines Wilhelm Kammer ist frei und bis morgen gut genug. Also!«

»Bis morgen – so? Und was ist denn so ungefähr der Herr?« Diese Frage, halb hierhin, halb dorthin gerichtet und einigermaßen gedehnt, zeigte nicht gerade an, daß nach ihrer Befriedigung schon ein abschließendes Ergebnis zu erhoffen sei.

Der Fremdling hatte dem merkwürdigen Gespräch übrigens geduldig zugehört. Der Raum und seine Einrichtung machten einen fast anheimelnden Eindruck auf ihn. Auch der Wirt und seine Worte mißfielen ihm nicht, sondern weckten seine Neugier und Laune. Und so antwortete er denn auch ganz zutraulich: »Ich bin Arzt und gehe nach Stettin oder noch ein bißchen darüber hinaus, wo ich mich setzen kann. Auf dem alten Zitterkasten von Schiff ist's mir zu elend geworden. Ich will lieber auf der Bahn weiter. Morgen, so Gott will! Und von hier geh' ich bis dahin nicht mehr fort.«

»Wäre es heller gewesen, so hätte der Herr in den Mienen der beiden Männer eine plötzliche Veränderung beobachten können: Beide schauten mit ersichtlicher Freude auf ihn, und ob der Wirt auch noch spottend sagte: »So? Ein Doktor und selber krank?« so klang es doch um vieles entgegenkommender, als seine bisherigen Reden. »Na, können Sie sich vor dem Jammer etwa schützen?« erwiderte zudem launig der Arzt, »und ich bin doch kein alter Seehund, wie ihr beide mir zu sein scheint.«

»Da hat der Herr Recht,« stimmte der Wirt bei, »mich hat's noch auf meiner letzten Fahrt wieder schier umgedreht. Und da der Herr, wie ich höre, ein Plattdeutscher ist,« fügte er hinzu und streckte seine breite Hand dem Gaste hin, »so ist das was anderes, und ich werde Platz schaffen.« Er drehte sich um und schritt ins Dunkel zurück. »Alte, bring' Licht!« rief er dort, »es ist 'n Gast da!«

»Also das wäre gemacht, aber es ging wohl nur, weil der Herr von unserer Art ist,« bedeutete Christen seinem Nachbar heimlich, indem er sich an den nächsten Tisch setzte. »Besser als bei Peter Jansen und seiner Alten findet es man auf der Welt nicht. Aber sie können freilich nicht immer, wie sie wollen.« Mittlerweile war eine gleichfalls auffällig dicke Frau hereingekommen, hatte sich ein paar Vaterunser lang leise mit dem Mann besprochen und wandte sich jetzt zu den Angekommenen: Christen möge in Gottes Namen den Koffer hinauftragen, und der Herr, der solle sich flugs umkleiden; nachher werde wohl das Abendbrot bereit sein! – Dem freundlichen Geheiß wurde entsprochen.

Als der Arzt in dem ihm zugewiesenen Raum allein war, kroch ihn mit einem Male dunkel der Gedanke an, daß hier etwas Abenteuerliches sich zu begeben angefangen habe ...

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