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Der Alte von Menkendorf

Edmund Hoefer: Der Alte von Menkendorf - Kapitel 19
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authorEdmund Hoefer
titleDer Alte von Menkendorf
publisherGrüne Bücher
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Achtzehntes Kapitel

Ausgespielt

»Wie ich sage, dieser 5. August hier auf Menkendorf war uns ein erhabenes Erlebnis, ist es doch schon eine wahre Freude, Ihren Herrn Vater anzusehen! Und dann sein kleines Reich! Gottlob, da ändert sich nichts, da ist immer die alte rechte Weise, wohin man auch sieht, und auch die alten trefflichen Menschen. Die Zeit ist machtlos bei Ihnen, möcht' ich sagen, und die Schönheit verblüht nicht! Als ich gestern mich in diesem Kreise umsah – war mir's doch, als wären wir alle dreißig Jahre jünger und huldigten noch einmal all' den reizenden Gestalten, die uns umgaukelten! – Was für eine vortreffliche Erscheinung, Ihres Bruders Rosa, – und diese entzückend hübsche kleine Warneck. – Ich mußte bei ihr immer an meinen Wilhelm denken. Was mußte der ungeschickte Mensch auch gerade wieder fehlen. Sie hat, wie ich merkte, im Winter drinnen in der Stadt einen ernsten Eindruck auf ihn gemacht, und wäre er jetzt hier gewesen – sagen Sie, Freund, würde er Aussichten haben? Wie dürften die alten Herrschaften darüber denken?«

»Danach müssen Sie wirklich meine Eltern fragen, Baron! Was man gegen Ihren Herrn Sohn haben könnte, seh' ich nicht. Die Entscheidung freilich würde zuletzt in der Hand meiner Nichte liegen.«

»Und man versteht sie zu würdigen! Sie wurde im Winter, sagt man mir, hoch gefeiert – begreiflich, sie ist entzückend, sag' ich! Man sah es auch hier. Dieser große junge Mann – beim Mahl an ihrer Seite – ein wenig sauertöpfisch – im übrigen aber ganz hübsches Benehmen – bemühte sich doch –«

»Den Assessor Alfred Wehrenberg, meinen Sie?«

»Richtig! So hieß man ihn, dächt' ich. Wehrenberg? Hängt das nicht irgendwie mit ihrer Pfarrfamilie zusammen?«

»Allerdings, Baron. Ein Enkel von Papa und Mama Silberg.«

»Ah! – Treffliche Leute! Und Enkel und Enkelin setzen die alte Freundschaft fort? Finden Sie aber solche Abendspaziergänge im Park, wie ich gestern zufällig bemerkte, recht, lieber Wolfgang Gunsleben?«

»Warum nicht? Blanka sagte mir davon. Sie war dem Jungen sehr dankbar, denn sie wurden unterwegs von jenem Strolch erschreckt – Sie hörten wohl davon, Baron?«

Vom Hause her kam jetzt der ›Junker‹ und rief schon von weitem: »Holla, Mirow, Ihre Damen werden ungeduldig und die Pferde wollen nicht stehen – unhöflich oder nicht, ich muß Sie holen!«

»Ihre Schuld, alter Freund! Sie und Menkendorf fesseln Ihre Gäste!« versetzte der Baron verbindlich heiter und schritt an des ›Junker‹ Seite nun rasch dem Hause zu, von wo seine Gemahlin lebhaft ihm entgegenwinkte. Der ›Drakenhöfer‹ folgte langsamer und knurrte innerlich: »Die letzten und die Lästigsten! Wahrhaftig, es ist Zeit, daß sie gehen und daß man wieder ein bißchen unter sich ist.«

Der Aufbruch gestaltete sich indessen noch recht umständlich. Als der Wagen endlich aus dem Hoftor gefahren war, fügte der ›Junker‹ zu seiner Gattin: »Hast du eine Ahnung, Alte, was uns diese Ehre verschafft hat? Ich glaube, Mirows waren seit zwanzig Jahren nicht hier.«

»Nun, Vater, vielleicht kamen sie auch diesmal nicht der Alten, sondern etwa nur der Jungen wegen,« meinte Wolfgang voraus. Sein Blick streifte indem zwinkernd zu Blanka hinüber, die mit ihrer Base Rosa in der Nähe plaudernd auf und ab ging. Der Alte schaute ihn überrascht an, denn ein Scherz von seinem Ältesten war für ihn etwas ziemlich Unbekanntes. Dann aber, da er das Zwinkern bemerkte, machte er nur »Bah!« und schritt pfeifend hinweg. Frau von Gunsleben aber schaute prüfend ihren Sohn an und fragte darauf: »Hat der Baron wirklich dergleichen mit dir beredet, mein Kind?« Und da er nur die Achseln zuckte, setzte sie bedächtig hinzu: »Das wäre nicht angenehm. Sie hat des jungen Mannes neulich einmal rein zufällig auf das Allerungnädigste gedacht.«

»Ich merkte leider das gleiche auch bei uns in der Stadt,« mischte sich da Frau Hildegard ein, »aber unsere jungen Mädchen urteilen eben nur nach dem ersten Eindruck.«

»Also warten wir's ab, meine Kinder!« entschied die alte Dame, da sie im Auge ihrer Schwiegertochter etwas Spitzes aufkommen bemerkte, »wir haben ja nun Wohl dringlicheres zu denken. Hat Silberg noch immer nichts verlauten lassen?«

»Nein, Mama,« sagte Wolfgang kopfschüttelnd, aber Vater will jetzt mit mir hinüber –. Ah, da kommt er ja schon zum Gang gerüstet –, also, lebt wohl, und hoffentlich gibt's nicht Schlimmeres als wir nach dieser hartnäckigen Heimlichtuerei unseres alten Freundes ohnehin schon fürchten!«

Aber es gab Schlimmeres! Schlimmeres sogar, als selbst wir hätten voraussehen können, – wir, die wir doch schon wissen, was der Menkendorfer Pfarrhof seit gestern nachmittag an Geheimnissen barg: – einer Betrogenen Ankunft, ihr Glaube und ihre Hoffnung!

Als der ›Junker‹ mit seinem Ältesten drüben anlangte, sahen sie vor dem Tore eine schwerbepackte Eilpostkutsche halten, während ihnen aus dem Hause laute Stimmen entgegenschollen. Da traten sie eilends ein. »Bei der Allmacht – das muß Eugen sein!« sagte Wolfgang, indem er horchend stehen blieb. Der Vater nickte mit düster gefalteter Stirn, schritt aber weiter und stieß eine nur angelehnte Tür auf und sah mit verbissenen Lippen auf die Gruppe, die sich ihm bot: Es waren nicht bloß der alte Freund und seine Frau da, sondern auch dessen Sohn mit den Seinen und zwischen ihnen stand der lebhaft redende Eugen, während eine Dame neben ihm ihr Gesicht mit dem Taschentuch verhüllte. Die Aufmerksamkeit aller war Eugens Mitteilungen so vollständig zugewandt, daß die beiden Ankömmlinge ein paar Augenblicke lang unbemerkt blieben. Und erst als der ›Junker‹, einen Schritt weiter ins Gemach tretend, gallig sagte: »Da gibt es, scheint's, wieder eine gebrochene Achse!« – da wandten sich ihm die Blicke aller zu.

Eugen, rasch gefaßt, erhob seine Rechte militärisch zum Haupt: »Mein Herr Großpapa – ich melde mich zurück von dem Kommando – teufelmäßig schwere Kommission, Großpapa, aber brillant gelungen!« Und mit einer leichten Handbewegung setzte er im gleichen Tone hinzu: »Hier die Törin!« Schon nach den ersten Worten hatte sich Wolfgang der Dame zugewandt, die ihm lebhaft beide Hände entgegenstreckte. Seine Miene wurde milder, und seht sprach er laut: »Sei willkommen daheim, Viktoria!« Der alte Gunsleben nahm nur durch einen Seitenblick hiervon Kenntnis. Sein Auge traf wieder fest und hart auf Eugen, und ebenso klang auch seine Stimme: »Also wieder eine Achse gebrochen, oder weshalb hast du hier lieber Einkehr gehalten, als im Hause deines Großvaters?«

Was Eugen auch zu seiner anfänglichen, übermütigen Weise veranlaßt haben mochte, – die Miene und die Abkehr des Onkels und jetzt die Worte des alten Herrn hießen ihn alsbald sich besinnen und einlenken. »Als wir herausfuhren,« versetzte er kühl, »begegneten uns ein paar Kutschen und erinnerten uns an das gestrige Fest – der Tag, begreiflicherweise, ist mir einigermaßen aus dem Kopf gekommen. Nehmen Sie meinen nachträglichen besten Glückwunsch, Großvater! – Ich konnte nicht wissen, wer und wie viele Gäste noch bei Ihnen sein würden, und da wollten wir lieber hier bei den alten werten Freunden Erkundigungen einziehen.«

»So!« sagte der ›Junker‹ kalt und wandte sich ab, zu Viktoria tretend. Er bot ihr die Hand hin, die sie ungestüm ergriff und sah ihr fest in die unstäten Augen. »Ich freue mich, dich hier zu sehen. Und nun seht euch in euren Wagen und fahrt zum Hofe, – es sind nur die Unseren dort. Wolfgang und ich werden später kommen. Wir haben hier noch mit den Freunden zu reden.« Er ließ indem seinen Blick suchend durchs Zimmer und über die Anwesenden gleiten. »Deine Frau, Moritz –«

»Ist eben hinausgegangen und hat zu tun,« unterbrach ihn der Freund mit einer gewissen, von seiner gewöhnlichen Weise bemerkbar abweichenden, ungeduldigen Kürze. »Wir haben eine Kranke im Haus.«

Viktoria war auf die Worte des Großvaters schon der Türe zu und in den Flur hinaus geschritten, und nun folgte auch Eugen mit einem höflichen: »So nehmen Sie unsere Entschuldigung, mein lieber Herr Pfarrer! Ich sehe Sie vor meiner Abreise noch wieder.« Da mit einem Male klang aus dem Hintergrund des Flurs der helle Aufschrei einer jungen Stimme: »Eugen – o Eugen, ich bin hier!« Und fast zugleich flog eine Gestalt herbei und auf den Angerufenen zu und schlang ihre Arme leidenschaftlich erregt um ihn und schrie mit blitzenden Augen: »Diese Menschen wollen uns trennen – sie verbergen mich vor dir! Aber ich lache ihrer! – Sag' es ihnen, Eugen, daß du mein, daß ich dein bin!« –

Graf Eugen Altheim war schon bei dem ersten Zuruf wie vor einem Stich zusammengezuckt; es erfaßte ihn ein nicht nur seine ganze körperliche, sondern auch geistige Kraft lähmendes Entsetzen. So duldete er's, daß die Heranstürzende ihn umarmte, so hört er's an, daß und wie sie ihn anrief. Allein die wunderbare Selbstbeherrschung und Geistesgegenwart dieses Menschen verleugnete sich auch jetzt nur einen kurzen Augenblick. Schon kehrten Leben und Farbe in seine Züge zurück und Zorn drohte aus seinen Augen und seiner Stimme: »Ist das Ihre Kranke, mein Herr Pfarrer Silberg? Es scheint mir eher eine Tolle zu sein, die Sie besser hüten sollten!« Und er riß sich ungestüm von dem unglücklichen Geschöpf los, stieß sie rüde von sich ab, begab sich stolzen Schrittes zu dem Wagen hinaus und stieg gelassen ein.

»Halt!« donnerte der ›Junker‹, sprang vor und kam noch gerade früh genug, um im Verein mit Silbergs Sohn die von dem rohen Stoß Eugens zurücktaumelnde und jetzt zusammensinkende Fremde in den Armen aufzufangen. Und so die Ohnmächtige unterstützend, wandte er das Haupt zu Silberg und sprach hart: »Kannst du mir etwas zur Erklärung dieser schmachvollen Szene sagen, Moritz?« Der alte Geistliche erhob seine Augen zu einem demütigen Blick zum Himmel, um sie in der nächsten Sekunde mit desto ehrlicherem Zorn auf die Erde zurückkehren zu lassen. »Ja,« antwortete er dann, »ich in meiner Schwäche gedachte es gut zu machen und die Begegnung bis nach genügender Aufklärung zu verhindern. Aber unser Herrgott weiß es besser! – Dies arme Kind, Rosa Mereau, trägt einen Ring deines Enkels am Finger und ist ihm, da er sie in ihrem Elend –«

»Die Dirne lügt – ich –« rief Eugen auffahrend, als wolle er wieder aus dem Wagen springen.

Der Großvater traf ihn mit einem vernichtenden Blick. »Bring' sie hinein, sie kommt wieder zu sich!« befahl er dann Wolfgang und, dem Postkutscher ein barsches: »Fahr zu!« – hinwerfend, trat er in die Stube zurück, wo sein Ältester indes die Unglückliche bereits auf ein Ruhebett gelegt hatte und sich jetzt weiter um sie bemühen wollte. »Laß das, Wolfgang,« sprach er da nach einem kurzen, verkrampften Schweigen, »geh' du besser voraus nach Hause und lasse deine Mutter nicht unvorbereitet. Und wirf ein Auge zuweilen auf den schlechten Menschen, daß er uns nicht ausrückt. Ich denke noch ein Wort mit ihm zu reden, – das letzte!«

Die Sonne stand schon tief im Westen, als der ›Junker‹ das Pfarrhaus verließ und über den Herrensteig seinem Hofe zustrebte. Eine grimmige, rücksichtlose Entschlossenheit starrte stechend aus seinen Zügen.

Daheim, als er von Karl, seinem alten Diener, vernahm, daß Agnes, Blanka und Hildegard noch im Garten seien, seine Frau jedoch befohlen habe, sie bei seiner Rückkehr sogleich zu rufen, untersagte er dies und fragte nur noch nach den angelangten Enkeln. Gräfin Viktoria ruhe auf ihrem Zimmer, Graf Eugen sei gleich anfangs hinaufgegangen und auch zum Mittagessen nicht heruntergekommen, meldete der Diener, worauf er knurrte: »Recht! Man soll mich vorderhand ungestört lassen!« Dann ging er in sein Arbeitszimmer, klumpte dort wie ein Markkranker in den Schreibtischsessel und verbarg sein Haupt aufstöhnend in die Hände ... Das schandbare Vorkommnis hatte diesen trotzigen Bären doch ärger getroffen als er bisher zugeben wollte. Als er endlich aufsah und sein Blick auf die noch uneröffnete Briefmappe fiel, langte er darnach wie nach einer willkommenen Zerstreuung. – Zuoberst lag ein amtliches Schriftstück; er öffnete es hastig und las: Da man wisse, daß er mit dem Leutnant, dessen Aufenthalt beim Regiment augenblicklich nicht bekannt, im Verkehr sei, so bäte man um Angabe dieses Aufenthalts und zugleich um gefällige und möglichst schleunige Übermittlung des inliegenden Befehls – –

 

Da erhob sich der alte Herr straff, ging zum Gewehrschrank, entnahm ihm einen Revolver, legte ihn auf den Tisch und klingelte dem Diener; fragte dem Herbeieilenden, ob der Postillon noch da sei, und da dies der Fall war, befahl er, daß angespannt und dem Grafen Altheim gemeldet werde, daß der Wagen bereit sei. Dann durchmaß er mit gestreckten Schritten ein paarmal den Raum, trat ans Fenster und schaute, die Hände auf dem Rücken ineinander gelegt, schweigend und regungslos auf den Hof hinab, wo bereits der Postkutscher seine Gäule vor die alte Kalesche schob.

»Mein Herr Großvater,« platzte jetzt eine einigermaßen freche Stimme ins stille Zimmer herein, »Karl hat mir da eben eine Botschaft gebracht, die einen Irrtum enthalten muß –«

»Wieso: muß?« Diese Frage kam scharf vom Fenster her.

»Sie wollen mich also in der Tat wegen einer Verrückten aus Ihrem Hause weisen, Herr Großvater?«

»Dort auf dem Tisch liegt ein Brief! Vom Regiment. Lies!«

Graf Eugen tat's und sagte dann verbissen: »Dies ist mir rätselhaft, aber noch mehr unerträglich. Ich empfange da einen Befehl, mich beim Regiment oder, falls ich noch fern, bei der nächsten Garnison augenblicklich zum vorläufigen Arrest zu melden! – Ich habe gute Lust –«

»Das geht mich nichts an,« wurde er unterbrochen, »ich habe einfach deines Obersten Wunsch erfüllt! Dort auf dem Tisch liegt noch etwas – ebenfalls für dich! Du wirst keine Waffen bei dir haben und das Land ist unsicher. Und nun noch eins: Hast du bis heut über acht Tage keine ehrenhafte und befriedigende Entscheidung über deine Verlobte getroffen, so treffe ich sie für dich und sie. – Wer zu den Gunsleben gehören will, gehorcht dem alten Spruch: lieber tot als ehrlos.«

Eugens Gesicht war von einer fahlen Blässe bedeckt. »Mein Herr Großvater –« knirschte er bebend.

»Wie ich sage,« kam es unverändert vom Fenster her. »Wir sind fertig! Und der Wagen ist bereit!«

Als einige Augenblicke später die Zimmertür knallend ins Schloß flog, trat der ›Junker‹ langsam vom Fenster zurück und warf einen schnellen Blick nach dem Tisch hin und sagte dann leise vor sich hin: »Er hat ihn liegen lassen – hm, das soll wohl heißen: ehrlos immer noch besser als tot! – Na, schön! so hat er wenigstens die Maske abgeworfen und – ausgespielt – –«

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