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Der Alte von Menkendorf

Edmund Hoefer: Der Alte von Menkendorf - Kapitel 17
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authorEdmund Hoefer
titleDer Alte von Menkendorf
publisherGrüne Bücher
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Sechzehntes Kapitel

Heimlichkeiten hier und dort

Das Fest hatte trotz alledem bis in die Nacht hinein gedauert.

Der Nachfesttag brach an, und der ›Junker‹ war schon »vor Tau und Tage«, wie man's heißt, auf den Beinen; Langhans, der Wirtschafter, gleichfalls, denn da es in der Ernte war, hatte draußen in den Ställen und auf dem Hof das Tagesleben schon seit fast einer Stunde sich geregt, ja die Schnitter waren mit den »Bindern« und »Aufhockern« bereits hinausgezogen. Aber die »richtige« Zeit hatte der Wirtschafter heut dennoch ein wenig verschlafen. Er kämmte sich vor dem kleinen Spiegel, der am Fenster hing, eben erst den starken, blonden Bart, und seine wasserblauen Augen schauten noch ziemlich trübe in den Morgen hinaus. Als er den Gebieter jetzt kommen sah, tat er rasch den letzten Kammstrich, wirbelte den langen Schnurrbart gehörig auf und trat im nächsten Augenblick, unterwegs den leichten Ruck anziehend, aus der Haustür. »Na, na, lassen Sie sich nur Zeit,« meinte der ›Junker‹ gutmütig, »hätten das ebenso gut durchs Fenster abmachen können. Hätt' ich Drews gesehen, wäre ich nicht zu Ihnen gekommen. Will nur fragen, ob man was Neues erfahren hat.«

»Drews war bei mir, Herr von Gunsleben,« versetzte der Wirtschafter, »sie haben allerwärts gesucht, aber nichts gefunden – der Nebel war ja auch teufelmäßig dicht. Drews hat ein paar Leute an den Grünauer Weg geschickt und sie beordert, dort zu bleiben, bis auf neue Botschaft –«

»Unsinn!« unterbrach ihn der Gutsherr trocken. »Der wird sich gerade dort packen lassen!«

»Hab' ich ihm auch gesagt, Herr, und ihn gleich einen Jungen hinausschicken heißen, daß sie zurückkommen – wir müssen wirklich alle Mannschaft hier haben: ich traue dem Wetter nicht. Aber wenn ich die Wahrheit sagen soll, Herr, so wird mir das Ding immer verteufelter, je mehr ich's im Kopf herumdrehe. Ein Hiesiger ist's nicht gewesen, da verwett ich meinen Kopf darauf. Also ein Fremder. – Damals hat er den Willmanns abgefaßt; aber was will er jetzt bei uns? Und wo kommt er her? Zu- und Ausgänge gibt's genug, ja. Aber dort hinten sind die Graben- und Holzarbeiter, und Brüst mit den beiden Burschen ist auch häufig unterwegs; und hier hinaus ist auf den Feldern alles voll. Es müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn so ein hundsfottischer Schleicher nicht von irgend jemand gesehen würde. Also, Herr, bleibt nur noch –«

»Der Müller, Langhans, ganz richtig!«

»Ja, Herr, und wenn ich ehrlich sein soll – ich weiß nicht, Weshalb, aber ich traue ihm neuerdings nicht recht.«

»Ich auch nicht, mein Freund! Und unter uns gesagt, bin ich eben auf dem Wege zu ihm. Will mir vorher nur den Alfred abholen, solch ein Rechtsgelahrter hat schärfere Sinne als unsereiner. Ich möchte gern wieder heim, bevor das ganze Haus wach wird. Also bis hernach, Langhans, – heut morgen werde ich wohl nicht zu euch hinauskommen können.« Damit wandte er sich ab und ging. Aber nach zwei, drei Schritten drehte er sich wieder um. »Holla, Langhans, noch etwas! Wissen Sie zufällig, was es gestern nachmittag drüben gegeben hat? Silberg tat verwünscht kaltblütig und geheimnisvoll.«

»Herr, ich hörte nur, daß die gelbe Kutsche vom Postmeister gekommen ist, mit einer einzelnen Dame in dichter Florkappe, daß keiner sie erkannt hat.«

»Eine einzelne Dame? Wüßt ich nicht. Na, werden's ja seinerzeit erfahren. Also – gute Zeit!«

Knapp vor dem Herrensteigende traf er auf Alfred, der ihn ungeduldig begrüßte. »Guten Morgen, Papa, – ich habe Sie früher erwartet.«

»Na, nur nicht so heftig, mein Junge, hab' mich bei Langhans etwas verweilt! Für unsern Gang ist's nicht zu spät, Clarmann ist sicherlich noch daheim. Aber zuerst noch eine andere Frage: Weißt du, was es bei euch gegeben hat? Ich liebe solche Versteckspiele bekanntlich nicht übermäßig.«

»Ich, hm, Papa, ich wurde gestern abend ausquartiert, weil mein Zimmer für einen anderen plötzlichen Gast gebraucht wurde.«

»Oder vielmehr eine Gästin, was? – gerade heraus: ist's die Viktoria?«

»Behüte Gott, Papa, das ist ja völlig unmöglich, und ich wüßte nicht, was die Großeltern Ihnen gegenüber mit ihr zurückzuhalten hätten.«

»Da hast du auch wieder recht und – das beruhigt mich!«

Indessen hatten sie sich dem Mühltal so weit genähert, daß sie bei den nächsten Schritten von der Mühle aus gesehen werden konnten und da dies wenig in ihrer Absicht lag, bewegten sie sich in einer Weise vorwärts, die alles weniger denn »herrisch« war, gerade daß. sie nicht auf dem Bauche krochen, ansonsten hatte diese Annäherung aber auch jede Ähnlichkeit mit der Bewegungsweise eines Strauchdiebes. Als sie so zum Müllerhause gelangt waren, trat ihnen der Müller schon in der Tür entgegen und begrüßte sie in der achtungsvollsten Weise, er sei sehr geehrt durch den frühen Besuch! Na, das war also mißglückt.

»Clarmann, Ihr wißt,« suchte der ›Junker‹ die Sachlage zu retten, »Ihr wißt, daß ich in der Mühle ein für allemal keine Herberge für Fremde haben will. Wen habt Ihr über Nacht hier gehabt und wo steckt er?«

»Keinen Menschen, gnädiger Herr! Wie sollt' ich Euer Gnaden Befehl so mißachten?« Meister Clarmann sah wirklich aus, als fühle er sich ernstlich gekränkt. »Na, ja, ich weiß schon, von wem das wieder aufgebracht worden ist. Es ist kein wahres Wort daran, Euer Gnaden. Geherbergt hat bei mir kein Fremder und gesehen habe ich gestern und heut auch keinen – weder nah noch fern.«

»Seid Ihr gestern abend zu Haus gewesen, Clarmann?«

»Euer Gnaden, ich war vom halben Nachmittag an auf dem Hof und habe mit Drews und ein paar anderen ein Spielchen gemacht – 's ist ja ein Festtag für uns, Euer Gnaden. Hernach, als der Herr Inspektor den Drews abrufen ließ und mit Mannschuft fortschickte, bin ich auch fort und nach Hause – es war dicker Nebel, so daß ich mich kaum heimfand, und von Umsichsehen war keine Rede: da können zehn an mir vorbeigegangen sein, ohne daß ich's gemerkt hätte.«

»Nun, Meister,« warf Alfred in beschwichtigendem Tone ein, »es könnte ja auch einer von Euren Leuten etwas bemerkt haben! Denn die werden doch auch wohl droben gewesen sein?«

»Ja, Herr Assessor, das könnte sein. Droben gewesen sind 'n paar,« entgegnete der Mann, sich hinter dem Ohr kratzend. »Aber,« und damit wurde er wieder gereizter, »ich sag's, ich weiß schon, wer das wieder auf mich gebracht hat. Allein, und das ist ein Wort, ich geb' es ihm einmal heim und –«

»Redensarten, Clarmann!!« unterbrach ihn der ›Junker‹ verdrießlich. »Wer hat was auf Euch gebracht und was wollt Ihr mit ihm? Ihr wißt, solche Spaße sind nicht nach meinem Geschmack.«

»Na, Euer Gnaden, Redensarten und Spaße sind das nicht, sondern schon die bare und bittere Wahrheit,« versetzte der Zurechtgewiesene jetzt in trotzigem Ton. »Der Herr weiß es wohl, das ist niemand als der Langhass selber. Gehabt hat er es von jeher auf mich, und nun möcht' er, scheints, nur noch besonders auf den Hals!«

»Clarmann, nehmt Euch in acht, oder –«

Alfred mischte sich da rasch ein, denn das Gesicht des Müllers wurde puterrot. »Papa,« sagte er, »erlauben Sie mir em paar Worte. Der Meister ist ja ein verständiger und wackerer Mann, der mit keinem Unrecht etwas zu tun hat, scheint aber die Bedeutung dieser Sache und unser Recht zu diesen Fragen noch nicht zu kennen.« Und sich zu jenem wendend, »Sie wissen, Clarmann, daß, als Willmanns gefunden wurde, sich hier gleichfalls ein Fremder umhertrieb. Ja, er kam hier vorbei und scheint mit dem Boot des Erschlagenen sich davon gemacht zu haben. Weiter erfuhr oder weiß man von ihm bisher noch nichts. Nun wurde ich gestern abend im Park aber von jemand wegen meines Anteils an der Untersuchung mit einer Kugel bedroht. Das kann nur der Täter selber oder ein genau mit diesem bekannter Mensch sein. Also müssen wir ihm nachforschen, und wenn hier Herr von Gunsleben nichts zu fragen hätte, so würde ich das im Namen des Gerichts zu tun haben. Das begreifen Sie doch, Meister?«

Es war weder vom ›Junker‹, noch von Alfred übersehen worden, daß und wie auffällig der Ausdruck in den Zügen des Müllers bei dieser Mitteilung wechselte. Auf eine anscheinend unangenehme Überraschung folgte ein ersichtlich nicht geringes Unbehagen, eine ernstliche Bestürzung und ein gründlicher Ärger. Das alles aber war im Grunde nichts als ein jähes Aufzucken und Wiederverschwinden, und als Alfred geendet hatte, zeigte sich in dem Gesicht nur noch eine, nach solchen Worten für einen ehrlichen Mann ganz natürliche und, man möchte sagen, höchst achtungswerte Entrüstung. »Ja, Herr Assessor, das hab' ich freilich nicht gewußt,« entgegnete er nun lebhaft und mit einer Art von treuherziger Offenheit. »Das ist schandmäßig, sag' ich, und dahinter muß man wohl her sein. Und was ich dabei tun kann – aber, Herr, wie ich sage,« brach er achselzuckend ab, »Was weiß ich am Ende und was kann ich dabei tun?«

»So ist's recht, Meister! Wie ist's aber mit Ihren Leuten? Sind sie ihrer sicher? Haben sie Verkehr nach auswärts? Sind sie alle Einheimische oder sind auch Fremde dabei?« forschte Alfred nunmehr weiter.

Durch das Gesicht des Gefragten flog wieder ein gewisses Unbehagen. »Ja, Herr Alfred, für die stehe ich ein, sind alle hier aus der Gegend. Nur der Mahlknecht, der Gottlieb, ist erst seit dem Frühling bei mir und aus der Stadt. Er ist ein mürrischer Bursch und nicht umgänglich. In seinem Geschäft ist er aber recht, und eine Klage habe ich auch sonst nicht über ihn. Er ist nicht aus dem Hause zu bringen – es gefällt ihm hier nicht, sagt er; – und auch gestern ist er mit keinem Schritt aus der Mühle gewesen, wie meine Frau mir gesagt hat.«

»Könnte man ihn wohl einmal sehen?« warf Alfred jetzt leicht hin, aber in seinen Augen flackerte es lebhaft.

»Herr, er ist heut' morgen mit Mehl nach Drömnitz und dem Golm hinüber. Aber zu Mittag, spätestens zu Abend ist er wieder hier und dann –«

Aus der Tiefe des Hauses, wo die Küche lag, kam jetzt die Müllerin hervor, eine Frau in rüstigen Jahren, wie der Gatte, und von wohlbehäbigster Rundheit aller Formen. »Du mein Gott und Herr,« rief sie aus, »da stehen Euer Gnaden und der Herr Alfred an der Tür, und der Mann ist ein Klotz – er hat noch nicht ausgeschlafen, Euer Gnaden! – Und der Herr Alfred – Jesus, den hab' ich noch auf den Armen getragen, und nun ein so großer und stattlicher Herr! – Ja, ja, wir werden alt! – Aber spazieren Euer Gnaden nicht herein? Mein Kaffee ist den Augenblick fertig und das Brot kommt eben aus dem Ofen.« Und Clarmann schloß sich den Bitten seines Weibes an. Da die Herrschaften herangekommen seien, habe er an ein Verweilen gar nicht gedacht, und hernach habe ihn das Gespräch zerstreut, entschuldigte er seine Unachtsamkeit und machte dabei den Weg frei, während die Frau die nahe Wohnstubentür öffnete. – Der ›Junker‹ tauschte mit seinem Begleiter einen verständigenden Blick aus und trat voran in das dunstige Gemach. – – –

Es mochte eine gute halbe Stunde vergangen sein, als die Herren wieder zum Vorschein kamen; sie waren jetzt noch ernster als vorhin und schritten eilig aus.

»Nun, Junge, was hältst du davon? War's wirklich guter Wille oder nur Wind, um uns ein X für ein U zu machen? Diese Verdächtigung meines alten Brüst zum Beispiel. Ich kenne ihn seit vierzig Jahren –«

»Ei, Papa, darauf ist nichts zu geben, Clarmann urteilt allzu oberflächlich. Wirkliche Lügen und Täuschungen brachte er sicher auch nicht vor. Aber die volle Wahrheit – das ist etwas anderes! Jedenfalls werde ich heute morgen noch dem Golm einen amtlichen Besuch abstatten –.«

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