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Der Alte von Menkendorf

Edmund Hoefer: Der Alte von Menkendorf - Kapitel 14
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typefiction
authorEdmund Hoefer
titleDer Alte von Menkendorf
publisherGrüne Bücher
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Dreizehntes Kapitel

Bedrückte Seelen

Dienstag, 1. Juni.

Ich bin seit Monaten nicht an diesem Schubfach gewesen und habe auch meines Wissens nichts darin zu suchen gehabt, daß ich es von Grund auf hätte umkehren sollen. Und dennoch liegt das ehemals gewiß zuunterste jetzt oben auf: dies kleine Buch. – Seltsames Rätsel!

Ich weiß es noch wie heute, es werden zu Weihnachten zehn Jahre. Zum Fest waren wir, wie gewöhnlich, zu Menkendorf, und am heiligen Abend auch, wie immer, ›beim Junker‹. Da lag bei meinen übrigen Geschenken unter dem Baum auch dies Buch, und ich erfuhr, daß es von Blanka sei. Am folgenden Morgen fragte der Großvater nach meinen Geschenken, und da ich das Tagebuch dabei nicht nannte, schaute er mich launig an und sprach etwa so: »Hab's mir schon gestern abend gedacht und nun merk' ich's noch besser – dir scheint das eine sehr unnütze Gabe. Aber sieh' das Buch doch lieber nicht so ganz von obenher an: Blanka hat mich um meinen Rat gebeten, und ich habe ihre Wahl eine gute geheißen. Daß du ein wirtliches Tagebuch führen sollst, verlangt und erwartet niemand von dir, – ihr Heutigen habt dazu noch weniger Muße und Lust als wir zu unserer Zeit. Aber es kommen Tage und Stunden, wo wir einsam sind und uns unsicher fühlen, wo wir nach Mitteilung, nach Rat und Trost eines Freundes verlangen und dennoch davor zurückscheuen. Da lange nach dem Buch hier und sprich dich aus gegen dich selbst. Wenn auch nicht immer Frieden, Klarheit wirst du sicherlich finden.« Die Worte machten Eindruck auf mich, und ich knüpfte daran meinen ersten Eintrag und ließ – es dabei bewenden. Ich habe stets zu gern und fröhlich gelebt, als daß ich über das Leben hätte viel nachdenken sollen. Was ich erlebte, war auch zu einfach und augenblicklich, um große Worte daran zu hängen. Eine Stunde, wie der Alte sie gemeint hatte, kam mir nicht – bis heut. Und da liegt das Büchlein mit einem Male und ungesucht vor mir ...

Ich bin mit Blanka aufgewachsen, von jung auf. Als mein Vater starb, war ich neun Jahre alt, und die Großeltern nahmen mich nach Menkendorf. Da fand ich Robert und Blanka als noch hilfsbedürftigere Waisen und schloß mit ihnen Freundschaft, und für Blanka wurde ich in kurzem der »Allerbeste«, gegen den der wilde »Robertbruder« wenig in Betracht kam. Und so blieb's; auch als ich wieder in die Stadt, zum Onkel und aufs Gymnasium kam und später zur Universität ging und weiter bis zu meiner endlichen Heimkehr. Wir hatten uns lieb und vertrauten einander wie wirkliche Geschwister. Ein anderes, tieferes Gefühl gab es nach meinem besten Wissen und Gewissen bis dahin in mir nicht. Von Blanka red' ich gar nicht. Ihr Herz war noch nicht erwacht. Erst beim Abschied, als es Anno sechsundsechzig ins Feld ging, spürt' ich, daß ich in Blanka doch noch etwas anderes als die »Schwester« lieben möchte, und noch mehr empfand ich dies, als ich aus dem Kriege zurückkam und der Erholung wegen vier Wochen zu Menkendorf weilte. Man trug mich von allen Seiten auf den Händen, und Blanka war geradezu liebreizend, so daß ich mich wie im Himmel und ihr täglich inniger verbunden fühlte. Trotzdem änderte sich in unserem Verhältnis auch jetzt äußerlich nichts und blieb auch innerlich, bei ihr sicher, in der Hauptsache alles beim alten. Wir sahen uns in den nächsten zwei Jahren nicht häufig und erfuhren auch, obschon unausgesetzt, im Grunde doch ziemlich wenig voneinander. Trafen wir zusammen, so war unsere Freude groß; trennten wir uns wieder, so nahmen wir das als etwas Natürliches hin und fanden uns ruhig hinein. Wir waren ja einander sicher: was hätte uns scheiden können? Ob sie mich jemals in anderem Lichte gesehen, weiß ich nicht, glaub' es aber auch nicht: ihre Innigkeit und Vertraulichkeit blieben sich stets gleich. Und vielleicht gerade darum rückte auch in mir nichts vorwärts. Sie war für mich das liebste und schönste Geschöpf unter der Sonne, und ohne sie konnte ich mir überhaupt mein Leben gar nicht denken. Dennoch erhob sich noch immer kein bestimmter Anspruch. – Blanka war für mich etwas wie eine Märchengestalt. Wie hätte diese in die Wirklichkeit passen können?

Vor anderthalb Jahren wurde Stephani, ein Kriegskamerad, zum hiesigen Regiment versetzt. Bei meinen damals nach zahlreichen gesellschaftlichen Verbindungen traf ich von Anfang an mit ihm und seiner Frau fast täglich zusammen und kam mit ihr, ohne recht zu wissen wie, schnell in ein vertraulicheres Verhältnis. Klara erschien mir als ein ungebändigtes und unbedächtiges Wesen, an dem die Erziehung überdies nicht nur nichts gemäßigt, vielmehr alles noch gesteigert hatte. Und das ist schade, denn der Kern ist ein durchaus edler und würde sich unter einer liebevolleren Pflege sicherlich aufs erfreulichste entfaltet haben. Aber daran hatt' es gefehlt von seiten der Mutter, die das Mädchen sich selbst überlassen, und nicht weniger von seiten ihres jetzigen Gatten. Es ist ein Mensch, bei dem man fortwährend fragen muß, wie es eigentlich möglich gewesen, daß sie zu ihm gekommen? Ein fader Mensch, an dem ich keine Eigenschaft, keinen Zug jemals entdeckt habe, die den Umgang mit ihm erträglicher zu machen vermöchten. So gesellte sich zu meiner freundschaftlichen Hinneigung gegen dieses Mannes Frau, die sich trotz allem noch immer leidlich aufrecht erhielt, allmählich ein wachsendes Mitleid. Ich machte aus meiner Teilnahme für und aus meinem Urteil über sie kein Geheimnis, fand indessen bei anderen nur wenig Zustimmung – begreiflicherweise, da dort nur der äußere Schein wirkte, während ich die Wahrheit vor mir hatte. Von einem tieferen Gefühl für die unglückliche Frau, wie mancher mich damit zu necken begann, gab es in mir keine Spur. Ich fühlte mich völlig frei und unverändert, selbst in meiner Stellung zu Blanka. Ja, sie trat mir noch näher als bisher, durch das Verständnis und die Teilnahme, die meine Mitteilungen über Klara in ihr erweckten. Zusammen trafen beide nicht.

Gleich nach Neujahr kam Blanka heuer auf mehrere Wochen zu den Ihren hierher, um einmal an der größeren Geselligkeit teilzunehmen. Wir trafen weniger zusammen als sonst immer, denn ich stak tief im Assessorexamen und fand mich in den wenigen freien Stunden meistens zu müde und auch zu zerstreut, um mich im alten frohen Behagen anderen widmen zu können. Da wurde mir eine Veränderung an Blanka bemerkbar, die mich bestürzte und mich um so mehr peinigte, als ich keinen Grund dafür zu entdecken vermochte: Blanka selbst leugnete sie auf meine herzliche Frage rundweg ab. Und doch: die alte milde und innige Heiterkeit fehlte, die herzliche Unbefangenheit und das, alte, schrankenlose Vertrauen kam entweder gar nicht mehr oder nur unter dem Druck einer rätselhaften bangen Scheu zum Durchbruch. Wir schieden zum erstenmal nicht in der alten treuen Innigkeit, sondern es lag auf uns beiden, glaub' ich, der Schmerz des Sich-nicht-verstehens.

Als sie fort war, schlug bald eine Stunde, die über Klara und meine Stellung zu ihr unwiderstehlich entschied. Sie traf uns völlig ahnungslos und riß uns fort, und als sie ausgeklungen hatte, waren wir nicht mehr, die wir gewesen. Dazu läßt sich nichts sagen, als daß, wo das Menschtierische sich in uns erhebt, auch die gestählteste Kraft zumeist unterliegt und nichts übrig bleibt, als sich hinterdrein mit dem Geschehenen so gut abzufinden, wie es eben möglich wird. Und dies würde auch mir wohl gelungen und ich durch Reue ins Reine gekommen sein, – aber da ich aus der ersten Betäubung erwachte, erhob sich vor mir Blankas Bild: – ihr war ich zu eigen, ihr war ich untreu geworden! Und wie sie so im Geiste vor mir stand, wie die vergangenen Wochen ihrer Anwesenheit an mir vorüberzogen, regte sich in mir etwas wie eine Ahnung, ob ihre Veränderung für mich am Ende nicht auch – auf das glückseligste hätte gedeutet werden dürfen? Blanka liebt – liebte – mich vielleicht! – Vordem war mir eine solche Möglichkeit nie in den Sinn gekommen. Jetzt war sie da – jetzt, wo – was soll ich sagen? Ich kann das nicht hinschreiben, wie ich es auch nicht auszudenken vermag.

Gestern abend ist sie plötzlich wieder angekommen und soll bis zu den Manövern bei der Tante bleiben ... Könnt' ich nur fort – nur verschwinden vor ihr!

 

Montag, 21. Juni.

Wie ich lebe, danach darf ich gar nicht fragen. Aber daß ich noch lebe, erscheint mir selber zuweilen halb wie ein Kunststück, halb wie ein Rätsel. – Blanka ist wie im Winter die Güte selbst und die Innigkeit, aber auch voll jener mir unerträglichen bangen Scheu. Sie ist tief niedergedrückt durch die tollen Nachrichten über Viktoria, welche die ganze Familie verstimmen und reizen. Aber daß allein ist's nicht. Es ist etwas in ihren Zügen, das mir wie eine Spur des häufigen traurigen Nachdenkens erscheint, und in ihren Augen find' ich einen Ausdruck, als ob sie inzwischen weit ins Leben hinauszublicken gelernt hätten. Das tut mir bitterlich weh für sie, und mir ist, als ob gerade ich sie am besten davor hätte bewahren können. Ich gehe ihr aus dem Weg, wo ich nur kann und lasse mich lieber von allen wegen meiner Zurückhaltung auszanken. –

Als wir heut Abend, beim Heimgang aus dem Wehrlander Holz, wieder einmal ganz wie sonst beieinander waren, schaute sie mich auf einmal ganz unsagbar traurig an, und da war es mir gewiß: Sie weiß, wie es um mich steht –! Vorbei ...

 

Freitag, 25. Juni.

Meine Stellung zu Klara wird täglich qualvoller und unhaltbarer. Es ist nichts zwischen uns als ein aufspritzender, gleißender Schaum, nichts als die kaum noch verhüllte Lüge. Sie weiß nicht, was mich von ihr entfernt, aber sie spürt es Wohl, daß mich nichts mehr an sie bindet, als – eine Art von Pflicht: Ich habe nicht die Kraft, ein Ende zu machen, und ich kann mich drum nicht feig noch schlecht schelten; ich kann sie nicht opfern, die mir alles geopfert; ich kann mich nicht retten durch den Verderb eines andern! Mag das ein falsches Ehrgefühl sein, – ich kann nicht anders!

 

Donnerstag, 8. Juli.

Heut morgen trat plötzlich Leopold Busch bei mir ein und gab sich ganz und gar als der alte behagliche und wackere Gesell, den wir vordem ausgelacht, geneckt und dennoch alle von Herzen lieb gehabt haben. Er hat diese Anziehungskraft auch hier sogleich wieder erprobt und ein paar Bären gezähmt. Ich hatte eine große Freude an ihm. Aber – das ist eine böse Erfahrung! – sie hielt nicht vor: ich bin, wie es scheint, eines herzlichen, warmen, selbstlosen Anteils an einem andern gar nicht mehr fähig. Ich sah ihn mit einer Art von Erleichterung scheiden. Er ist ein scharfer Beobachter – den kann ich jetzt am wenigsten brauchen. Als ich ihn ein Stück durch die Stadt begleitete, begegnete uns der Oberstleutnant und brachte mir Blankas Abschiedsgruß: sie ist heut morgen nach Drakenhof gefahren – ohne Abschied. Vordem hätte mich dies, wäre es überhaupt möglich gewesen, verdrossen oder betrübt. Nun erleichtert es mich beinah. Ich bin doch nicht immer im Bann dieser Augen. Und dennoch – dennoch ist mir's, als gab' es nur unter diesen Augen für mich noch eine Rettung. Und die Möglichkeit eines Weiterlebens!

 

Dienstag, 27. Juli.

Als heut morgen die Stunde des Scheidens kam, wollte sie mich durchaus begleiten. Meine Vorstellungen hiergegen fruchteten nichts. Es war eine merkwürdige Ruhe und Entschiedenheit in ihr. So ging sie mit und war still an meiner Seite, wie die paar Stunden zuvor, wo wir Hand in Hand in einer Fensternische saßen und in die Nacht hinausschauten ... Kaum ein Dutzend Worte fielen: Stephani liegt wieder in neuen Banden. Sie weiß auch in welchen. Adele hat es ihr gesagt. Und die weiß es von ihrem Mann ... Nun ja, was gäbe es auch darüber viel zu sprechen? – Als wir ganz nahe bei der Pforte waren, da machte sie Halt und sagte leise: »Nun denn Alfred, lebewohl, – ich glaube, wir sehen uns heut zum letztenmal so.« Dies überraschte mich so, daß ich mir wie betäubt vorkam. Und bevor ich ein Wort dagegen finden konnte, redete sie weiter in dem gleichen leisen und doch jede Einwendung zurückweisenden Tone: »Es ist nicht anders, Alfred, und es wird nicht anders. Ich habe das Wort schon ein paarmal auf den Lippen gehabt, ohne es sprechen zu können. Man gibt so schwer auf, was man einmal für unvergänglich hielt.« Mir zog sich bei diesen Worten das Herz zusammen und ich wurde trauriger und immer trauriger. Denn ich verstand nur allzu gut, wohin sie deutete, und wußte, was noch kommen würde. Und ich wagte auch keine Antwort, denn was sie sagte, es war ja alles wahr. »Ich weiß es gut, was die Pharisäer in der Stadt über mich sprechen,« sprach sie weiter, »halb ist mir's eins, halb kann ich's nicht leugnen – von sich aus haben sie ja recht: ich bin eine Törin und habe nur meiner Torheit Gehör gegeben – für dich. Mißversteh mich nicht. Ich rechne dir nicht vor, was ich um dich geopfert, was ich über dich vergessen. Es war ja so mein eigener Wille und meine eigene Tat, und solange ich dich glücklich sah oder doch glaubte, ist dergleichen niemals in mir laut geworden. Ja, glaube mir nur, – es wird auch setzt noch nicht laut, wenigstens nicht gegen dich! – Was gestern noch einmal hervorbrach, rechne mir nicht an: es war nur etwas wie ein letzter Rotschrei, und nun ist's überwunden. Sage mir nichts dagegen, ich tausche mich nicht. Aus Liebe warest du heut nicht bei mir und schon seit Monaten nicht mehr. Was dich zu mir führte und bei mir erhielt, war – heißt Mitleid oder Dankbarkeit, oder Pflicht. Aber du siehst – das ist für dich und mich kein Band mehr, im Gegenteil! Wo Pflicht zu sprechen anfängt, kommen für uns beide wieder andere Gebote zur Geltung, die wir wohl eine Zeitlang vergessen konnten, denen wir uns aber niemals ganz zu entziehen vermögen. Überlege dir dies, Lieber, und sieh es ein wenig ruhig und ehrlich an, du wirst denken wie ich. Wir müssen den Dingen ihren Gang lassen, ob sie uns nur für jetzt scheiden, ob für immer. Gute Nacht, Alfred.«

Das etwa waren ihre Worte. Und so wären wir wirklich frei voneinander und auch von uns selbst? Ich glaube es nicht. Selbst wenn wir es in vollem Ernst wollten – konnten wir's? Das Geschick läßt sich nicht mit sich handeln, sondern entscheidet unerbittlich ...

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