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Der Alte von Menkendorf

Edmund Hoefer: Der Alte von Menkendorf - Kapitel 13
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typefiction
authorEdmund Hoefer
titleDer Alte von Menkendorf
publisherGrüne Bücher
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Zwölftes Kapitel

Nachtfrühstück

»In der Tat, Alfred, Sie sind heut abend von einer kaum noch »tragbaren Laune!«

»Und weil ich das selber nur allzu sehr fühle, ohne es ändern zu können, meine gnädige Frau, hoffe ich auch, daß Sie mich nun ohne Groll entlassen werden.«

»Flausen! Kommen Sie!«

Sie hub an die Treppen zu ersteigen und er folgte ihr nach. Droben wartete das Mädchen mit dem Licht.

»Hübsch von Ihnen, Rosett, daß Sie nach uns ausgeschaut haben! In der Tat, es ist schon ganz dunkel hier. Stoßen Sie sich nicht, Herr Assessor! Rosett, leuchten Sie besser! Haben die Kinder gegessen und sind sie im Bett? Haben Sie alles besorgt, wie ich Ihnen gesagt, Rosett? Gehen Sie in mein Zimmer und zünden Sie an. Sobald Frau von Wildenow kommt, wollen wir den Tee trinken. – Bitte, Herr Wehrenberg!«

Nun waren sie allein.

»Ich sehe es gut, Alfred – es ist Ihnen eine Qual, hier bei mir zu sein!«

»Aber ich bitte Sie –!«

»Leugnen Sie es nicht! Ich verstehe Sie gut genug. Und ich kann es nicht für ehrlich und redlich halten, daß Sie mich trotzdem zu täuschen suchen. Wenn Sie mit mir brechen müssen –«

»Ich beschwöre Sie, Klara! Bedenken Sie, daß Rosett nebenan –«

»Das ist für den Augenblick gleichgültig. Ich finde sonst heut keinen Augenblick, mit Ihnen hierüber zu reden und kann es nicht aufschieben. Denn Sie müssen begreifen, Alfred, daß ich diese Weise nicht länger zu ertragen vermag – nicht um Ihret-, nicht um meinetwillen, Alfred!«

Er nahm nun ihre beiden Hände zwischen die seinen und zog sie an die Lippen. »Noch einmal, Klara,« sagte er dazu voll einer schwermütigen Herzlichkeit, »mäßigen Sie sich und werden Sie ein wenig einsichtiger und billiger. Sie tun mir wahrhaftig unrecht. Ich kann und darf mich Ihnen nicht soviel widmen wie bisher; es ruhen allzu viele Augen auf uns und Ihr Ruf soll durch mich nicht gefährdet werden.«

»Mein Ruf!« murmelte sie bitter.

»Ja, Ihr Ruf, Klara!« wiederholte er ernst. »Sie wissen, wie man gerade dort, wo man vordem nicht freundlich genug sein konnte, neuerdings zu verfahren liebt. Und im übrigen seien Sie, wie ich bat, billig. Sie wissen, wieviel auf mir liegt und daß ich, nach den meisten Seiten hin, keinen Grund zur Heiterkeit habe.«

»Nun wohl, Alfred, mit Ihnen kann ich nicht rechten, und bessern – das weiß ich wohl! – kann ich durch Vorwürfe auch nichts. Nur um eines bitte ich Sie. Ich habe mich auf heut abend gefreut – ich hoffte, Ihnen zu zeigen, wie gern ich Sie habe! Bitte, Alfred, – seien Sie ein wenig heiter und lassen Sie mich noch einmal glücklich sein. So, und nun gehen Sie in die gute Stube und sollte Adele indes kommen, so empfangen Sie sie. Ich beeile mich sehr.«

Er ging. Kaum hatte er sich in dem angewiesenen Raum niedergelassen, als auch Frau Adele von Wildenow schon hereinrauschte.

»Ah, schon da und schon im Abendkleid!« schmeichelte er.

»Ei, die Bewunderung ist an mir,« versetzte sie scherzend.

»Lieber Gott, wenn Frau Klara freundlich ist, widersteht man nicht, und wenn sie zankt, ergibt man sich – Sie wissen's! Aber es ist doch gut, daß Sie so bald kamen. Ich war hier in der Einsamkeit beinahe schon wieder melancholisch geworden.«

»Hier? – Hier, mein' ich, könnte man nur lustig sein! Es ist entzückend hier, sage ich stets von neuem!«

Das traf zu. Wer die Häuser der alten Stadt ansah und ihre grämlichen Fenster, sowie ein paar Wohnungen hinter ihnen, der hätte nie geglaubt, daß sich hier ein so entzückender Platz befände oder auch nur herstellen ließe, – ein Zimmer voll solchen Geschmacks, solcher sich geradezu um alle Sinne schmiegenden Üppigkeit. Es war nicht der Reichtum und Überfluß von Gemälden, nicht die überfülle von zierlichen Pflanzen und duftigen Blüten, noch die Zahl und Form der Möbel, was dies Gemach auszeichnete und seine Besucher mit einem so ungemeinen Behagen umfing: sondern es war der wunderbare Einklang in und unter allem, und die anscheinend vollkommene Zufälligkeit, in der sich alles zusammengefunden hatte, um dem Menschen zu dienen und es ihm Wohl werden zu lassen.

Nun erschien auch die Hausherrin, in einem Kleide, das wie aus Duft gestaltet schien; und wenngleich Hülle wohl in allem und jedem, so doch in keinem Teile nur dies allein, auch Reiz, auch Schmuck, ohne indessen die Regel zu gefährden, die der Gastgeberin artige Zurückhaltung auferlegt. So empfand es wenigstens Alfred. Und plötzlich strahlten seine Augen die leuchtenden Blicke, die zu ihm herüberflogen, noch glänzender zurück; von seinen Lippen schwang sich bald auch das munterste Lachen, und sein ganzes Wesen schäumte schließlich noch einmal übermütig auf, wie der funkelnde Wein vor ihm im Glase ...

Aber es nimmt alles ein Ende, auch solch ein Abend! Und Frau von Wildenow stand auf und meinte seufzend: es helfe alles nichts, sie müsse nach Haus, denn ihr Gatte werde wohl schon daheim sein und nicht wenig über die Nachtschwärmerin brummen. Und sie hüllte den Kopf und die Schultern in den leichten Spitzenmantel. »Begleiten Sie mich, Herr Alfred?«

»Du bist grausam, Adele,« sagte Frau Klara schmollend. »Jetzt, zur besten Zeit brichst du auf und entführst mir auch noch den da – heut, wo wir einmal sehen, daß er auch zuweilen Mensch ist! Aber – noch einen Augenblick Geduld! – Mein Mann hat ja etwas für Sie hier gelassen, Alfred!« Und als sie aus dem Nebenzimmer wieder zurück kam, hielt sie ein kleines Paketchen in der Hand. »Sehen Sie, wie ehrlich ich bin – ich sah nicht hinein, obgleich ich schon Lust hätte zu erfahren, was ihr beide für Geheimnisse vor mir habt.« Und damit überreichte sie es ihm. »Aber wir müssen wirklich fort,« drängte indes Adele. »Kommen Sie, Herr Alfred!«

»Wagst du es wirklich mit ihm. Adele?« flüsterte Klara, seltsam erregt, da man den Flur durchschritt, »nimm dich in acht, – er ist heut gefährlich! – Nun denn, so geht ihr langweiligen Menschen! – Auf Wiedersehen!« – –

»Ja, es ist wahr,« sagte Frau von Wildenow, als sie mit ihrem Begleiter – ihre Behausung lag schräg gegenüber – die stille Straße querte, »sie ist, wenn in der reckten Laune, eine Zauberin und unwiderstehlich, und ich verdenk' es weder Ihnen, noch sonst einem Mann, wenn ihr alle ihr zu Fußen liegt – bitte, bitte, geben Sie sich keine Muhe, ich schweige schon!« brach sie auf seine abwehrende Bewegung lachend ab. »Also eine andere Frage, – wissen Sie etwas Näheres über diese tollen Geschichten, die man sich von Komtesse Viktoria erzählt?« Er zuckte die Achseln. »Eben nicht mehr, als was man sich erzählt. Ich komme nur selten zu Gunslebens, und sie äußern sich gar nicht darüber.« Frau von Widenows Neugier hatte aber ersichtlich einen anderen Grund, denn es lag etwas Tastendes in ihrem Ton als sie das Gespräch nun weitergleiten ließ: »Das verdenke ich ihnen nicht. Wenn es wirklich wäre, wie man sich zuflüstert, es wäre ja ein wahrer Skandal! Um die hochadelige Verwandtschaft bekümmert mich das nicht, aber desto ernstlicher um den armen Eugen. Er ist so empfindlich m diesem Punkt, und zwar um so mehr, je schwerer er an dem Herrn Papa zu tragen hat. Und wenn er nun solche Dinge erfahrt – in der Ferne, nicht schonend –«

»In der Ferne, sagen Sie?« fragte Alfred leichthin dazwischen. »Ich horte doch, er sei neulich hier gewesen!«

»Eugen, Graf Altheim, hier? versetzte sie anscheinend sehr überrascht und blieb stehen, denn man war vor ihrem Hause. – »Ich begreife das nicht; wir wissen gar nichts von ihm! – Wer kann Ihnen das gesagt haben?«

»Ich dachte, Frau Klara, und sie sagte, glaub' ich, daß sie es von Ihnen selber –«

»O, wie boshaft! Das verdient Rache! – Über ich sehe, mein Mann ist wirklich daheim. Also gute Nacht, Herr Assessor. Schonen Dank für Ihre Begleitung!«

Hatte Alfred Wehrenberg sich noch etwas verweilt, statt sogleich weiterzugehen, so hatte er trotz des schwachen Mondlichtes vielleicht bemerkt, daß sich ein verhüllter Frauenkopf aus einem leicht erhellten Fenster beugte und mit neugierigem Getue in die einsame Straße hinabspähte, wobei dem Beobachtenden vielleicht auch dies Flüstern hörbar geworden wäre: »Ich habe wahrhaftig geglaubt, Dagobert, daß er heimlich umkehrte! Hättest du die beiden heut abend gesehen, – ach, sie sind wirklich ganz toll!« – »Bah, – es führen viele Wege nach Rom, Adele! Aber was geht's uns an? Komm, ich bin hundemüde – und in drei Stunden schon wieder zu Pferd! Gunsleben ist in der Tat des Teufels!«

Inzwischen war Wehrenberg rechts in eine dunkle, öde Seitengasse eingebogen, jetzt bog er abermals rechts ein und blieb dann nach wenigen Schritten an einer verwitterten Gartenpforte lauschend stehen. Jetzt zog er das ihm von Klara eingehändigte Paketchen hervor und bekam, indem er es enthüllte, einen Schlüssel in die Finger. Bebend steckte er ihn an, horchte wieder, schloß, sich nochmals umsehend, hastig das Törchen auf und huschte hinein –.

Ein paar Stunden später öffnete sich die Pforte von neuem und ließ den Nachtschwärmer wieder hinaus. Diesmals war er jedoch nicht allein. Es schob sich in der schmalen Türöffnung eine weiße Hand in die seine, und auf ein leises »Gute Nacht, Klara!« – klang ein: »Gute Nacht, Alfred!« in einem wehmütigen Ton von innen zurück.

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