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Der Alte von Menkendorf

Edmund Hoefer: Der Alte von Menkendorf - Kapitel 12
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authorEdmund Hoefer
titleDer Alte von Menkendorf
publisherGrüne Bücher
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Elftes Kapitel

Eine Spur ins Dunkel

Die gerichtliche Untersuchung war in vollem Gange und wurde mit all' dem Eifer geführt, der nicht bloß der Schwerheit des Verbrechens, sondern auch dem Schrecken und der Entrüstung in allen Kreisen der Bevölkerung entsprach. – Das Leben verfließt bei den Bewohnern dieser Küstengegenden am Ende nicht viel ehrbarer als anderwärts. Und Totschläge sind auch nicht gerade ohne Beispiel. Hingegen ist von heimtückischem Nachschleichen und Überfallen eines Feindes selten die Rede; man liebt es, seinen Streit augenblicklich, Mann gegen Mann und Aug' im Auge auszumachen. Von einem Raubanfall auf einsame Wanderer erfährt man in vielen Jahren kaum einmal etwas. Zu einem wirklichen vorbedachten und vorbereiteten Morde vollends kommt es fast nie. Es waren jetzt schon achtzehn Jahre seit dem letzten Falle verstrichen, der sich wenigstens einigermaßen mit dem vorliegenden vergleichen ließ. Damals wurde Herr von Warneck, der Präsident des Gerichtshofes und der Schwiegersohn des ›Junkers‹, im Walde hinter Menkendorf eines Tages erschossen gefunden, ohne daß in den ganz nahen Gartenanlagen, wo nachweisbar zu dieser Zeit Kinder so gut wie Ältere anwesend gewesen, ein Schuß vernommen worden war, ohne daß man einen Beweggrund zur Tat zu erdenken vermochte, ohne daß man imstande war, auf den Täter zu raten, geschweige denn ihn zu entdecken. – Nun hatte es einen andern dahingerafft, der allerdings kein vornehmer Mann war, indessen ein Mensch, im ganzen Lande bekannt »wie ein bunter Hund« und im Besitz einer verhältnismäßig nicht geringen Achtung bei aller Welt.

Willmanns war, soweit man davon wußte, kein reicher, aber ein wohlhabender Mann, der in der ehrlichsten Weise zu dieser Wohlhabenheit sich hinaufgearbeitet hatte Seine Geschäftstätigkeit war sehr vielseitig gewesen, allem von schmutzigen oder auch nur zweifelhaften Geschäften wußte niemand etwas. Im Gegenteil, der eine oder andere konnte von irgendeinem Fall berichten, wo der Händler bei dieser oder jener Gelegenheit einen namhaften Vorteil zurückgewiesen hatte, weil ihm der Weg oder die Weise nicht zusagten, wodurch er zu diesem gelangen sollte. Feinde, wenn man es so heißen kann, besaß er, soviel man wußte, ebensowenig, wie der vorhin genannte Schicksalsgenoß, der Herr von Warneck. Die öffentliche Stimme wurde durch die Angaben seiner Familie und seiner, allerdings wenig zahlreichen näheren Bekannten – Freunde im gesellschaftlichen Sinne besaß er keine – durchaus bestätigt. Man wußte auch hier von keinen geheimen oder zweifelhaften Geschäften und Verbindungen; ja man glaubte angeben zu können, daß, wenn er sich ausnahmsweise einmal zu einem Darlehen verstanden hatte, dies im Grunde stets nur aus besonderer Gefälligkeit oder Teilnahme gegen den Anleiher und ohne Anspruch auf einen höheren Vorteil stattgefunden hatte. Doch mußte hierbei allerdings zugestanden werden, daß er über seine gesamte Geschäftstätigkeit von jeher nicht viel Worte und selbst seiner Frau nur äußerst selten die eine oder andere Mitteilung gemacht hatte. Ähnliches fand man auch bei der Durchsicht seiner Bücher und Papiere. An Ordnung hatte er es ersichtlich nicht fehlen lassen, nur war diese keine wirklich kaufmännische, sondern eine, die er etwa selber sich ausgedacht und für sich und seine Geschäfte im Laufe einer langen Tätigkeit als genügend erkannt hatte: er war kein Mann der Feder gewesen und hatte sich augenscheinlich mehr aus sein Gedächtnis als auf seine Bücher verlassen Das Übelste war, daß die Eintrage, ob vollständig oder nicht, meistens schwer zu entziffern und nicht selten völlig unverständlich waren: Willmanns hatte sich zuweilen mit einzelnen Buchstaben begnügt und hie und da sogar nur Zeichen gemacht Es kamen Eintrage vor, wie z B: »Für G. A. die Ordnung seiner Schulden übernommen«, oder: »Von G. A. befriedigt. Bleibt noch Wechsel von F. D.« – oder: »Von G. A. Rest.« Von schriftlichen Belägen derartiger Eintrage war trotz den genauesten Nachforschungen aber nichts zu entdecken, während andere Papiere, die sich auf die eigentlichen und bekannten Geschäfte des Händlers bezogen, in ziemlich ansehnlicher Zahl und erträglicher Ordnung aufgefunden wurden.

Es bedarf kaum einer besonderen Ausführung, daß diese Entdeckungen auf die mit der Untersuchung Beauftragten einen nichts weniger als günstigen Eindruck machten, denn sie schienen den Beweis zu liefern, daß der Ermordete sich wenigstens gelegentlich mit Dingen befaßt habe, die den Ruf von unantastbarer Ehrenhaftigkeit einigermaßen in Frage stellen konnten und, anscheinend auch nur daher, von ihm nach Kräften geheim gehalten worden waren. Seine Frau – die Kinder kamen schon ihrer Jugend wegen gar nicht in Betracht – wußte hier wenig Auskunft zu geben. Sie behauptete, keine Ahnung von dieser Geschäftsseite gehabt, noch jemals einen dahin zielenden Verkehr ihres Mannes mit Fremden bemerkt zu haben. Sie wußte nur von einem einzigen Fall, der etwa hierher gehören mochte: Willmanns hatte vor zwei Jahren die Regelung der bedeutenden Schulden des Grafen Altheim übernommen – halb aus Mitleid mit dem leichtsinnigen Herrn, halb aus Rücksicht auf den ›Junker‹, den Willmanns hoch verehrte und durch eine genauere Einsicht in die meistens äußerst unerquicklichen Schuldverhältnisse des Enkels nicht geärgert wissen wollte. Die Frau entsann sich einer späteren Äußerung ihres Mannes, wonach der Graf ihn »wunderbarerweise« wirklich und vollständig befriedigt haben sollte, ohne Hilfe des Großvaters. – Diese Unordnung und Geheimniskrämerei Willmanns hatte bei der gegenwärtigen Untersuchung leider zur Folge, daß man gleich von vornherein auf anscheinend unüberwindliche Hindernisse stieß. Willmanns war während der letzten Wochen vor seinem Ende in der gewohnten Weise tätig gewesen und seine für gewöhnlich gleichmütige und zufriedene Stimmung, vor den Seinen wenigstens, durch nichts besonders gestört worden. Alles kam und ging wie in diesen Sommermonaten alljährlich; die Leute, die ins Haus kamen, um Geschäfte zu machen oder im Lager zu arbeiten, waren die bekannten. Daß Fremde eingesprochen, hatte man nicht bemerkt, daß ungewöhnliche Geschäfte vorbereitet oder abgeschlossen und ausgeführt worden, war niemand zu Ohren gekommen. Es war hierbei allerdings nicht nur wiederum die bekannte Schweigsamkeit des Mannes, sondern auch die Lebensweise der Familie und die Einrichtung der Wohnung in Betracht zu ziehen. Willmanns hatte in seinem wenig geräumigen Hause zur ebenen Erde rechts sein bescheidenes Kontor, wo er allein arbeitete und Störungen seiner Arbeitszeit durch die Seinen nicht liebte. Gegenüber, im Flur links, lag ein kleineres, sogenanntes Handlager, während das große ein Hintergebäude auf dem Hof ausfüllte. Die kleine Wohnung über eine Treppe war meistens an einzelne Herren, Offiziere oder beim Gericht Angestellte, vermietet; zwei Treppen hoch begnügte sich die Familie mit zwei einfach ausgestatteten Räumen. In einer Kammer unter dem Dach endlich wohnte der eine von den Lagerarbeitern. Frau Willmanns hatte vor Zeiten, als das Geschäft angefangen, durch Nähtereien und Feinbügeln einen hübschen Beitrag zu den Wirtschaftskosten erworben und diese Beschäftigungen auch mit der Verbesserung der Verhältnisse nicht aufgegeben, vielmehr seit Jahr und Tag ihre nunmehr erwachsene Tochter gleichfalls darin eingeführt. Der um mehrere Jahre jüngere Sohn, der demnächst seinem Vater im Geschäft helfen sollte, und eine wiederum jüngere Tochter besuchten noch die Schulen.

Nun war, ungefähr acht Tage oder etwas darüber vor Willmanns letzter Reise, eines Abends spät, als man schon zu Nacht gegessen hatte, drunten noch die Kontorglocke angezogen worden. Willmanns war ungewöhnlich müde und hatte den vierzehnjährigen Sohn hinabgeschickt, um nach dem späten Besucher zu sehen. Der Knabe kam zurück mit der Meldung, daß ein Mann den Vater zu sprechen verlange, – in langem, dunklem Rock und mit breitrandigem Hute, ganz ordentlich, aber dem Knaben unbekannt und in der letzten Dämmerung des Sommerabends auch nicht mehr recht erkenntlich. »Aber weißt du, Vater,« setzte der Kleine hinzu, »ich mußte bei seiner Stimme und wie er aussah, an den Vetter denken, der dazumal mit einemmal von hier fort war.« – »Du bist nicht bei Trost,« sagte Willmanns verdrießlich. »Was Vetter! Wenn der noch lebt und zurückkäme, würde er wohl nicht drunten stehen bleiben, sondern heraufkommen.« Und damit zündete er ein Licht an und ging hinunter. – Als er, erst nach einer Stunde oder länger, da die Seinen bereits ihre Betten aufgesucht hatten, wieder heraufkam, brummte er, daß die Menschen wohl einmal lernen könnten, müden Leuten ihre Ruhe zu gönnen. Das Geschäft habe gut Zeit bis zum Tage gehabt. »War's der Vetter also nicht?« fragte die Frau. Er versetzte grämlich: »Dummheiten! Ich sagt' es ja gleich – wie käme der hierher?« Damit war die Sache abgetan. Willmanns Angehörige legten so wenig Wert darauf, daß sie den Vorgang vergaßen und sich seiner erst im Laufe der Untersuchung wieder erinnerten. Für sie so gut wie für die Gerichtsbehörde handelte es sich gegenwärtig mehr um die ungewöhnliche Reise und um den letzten Verkehr und die letzten Wege des Unglücklichen.

Und darüber ergab die Untersuchung folgendes:

Etwa acht bis zehn Tage nach dem kleinen Begegnis teilte Willmanns seiner Frau eines Mittags grämlich mit, daß er am nächsten Morgen mit dem Achtuhrzuge nach einem kleinen Ort jenseits der Grenze fahren müsse, weil er eben erfahren habe, daß auf der benachbarten großen Besitzung Belitz, trotz seiner eigenen schon geleisteten bedeutenden Vorschüsse, neuerdings anderweitige Verträge abgeschlossen würden, und er sich daher rechtzeitig sichern müsse. Einmal unterwegs werde er natürlich auch sonst noch das eine oder andere abzumachen suchen, ja vielleicht über Menkendorf zurückkehren, wo er mit dem alten Pfarrer zu reden habe, und seine Heimkehr könne möglicherweise daher erst in vier bis fünf Tagen erfolgen. Als die Frau am andern Morgen im Kontor Abschied von ihm nahm, sah sie, daß er eine verhältnismäßig nur geringe Summe der Kasse entnahm und in die Geldkatze schob, und daß er ebenso nur wenige Papiere in die alte Reisebrieftasche schnallte. Im Gasthof jenes kleinen Ortes des Nachbarbezirks war er rechtzeitig erschienen und hatte über die Verhältnisse zu Belitz Schlimmeres erfahren, als er gefürchtet. Er hatte am Nachmittag und den ganzen folgenden Tag draußen zu verhandeln gehabt, auch mit einem Rechtsanwalte, und war erst am dritten Mittag mit der Post nach Grünau, dem eigentlichen sogenannten Grenzstädtchen, gefahren, und – wie er dem Wirt mitteilte – im allgemeinen mit dem Erreichten zu frieden. Zu Grünau langte er gegen Abend an und stieg, wie immer, in der »Garbe« ab, von dem Wirt, natürlich wieder einem alten Bekannten, seltsamerweise bereits erwartet. Denn es war vor einigen Stunden ein Brief für ihn eingetroffen. Beanschriftet war der Brief ursprünglich nach seinem gewöhnlichen Wohnort mit dem Beifügen: »Baldigst zu bestellen!« Der Name der Stadt war indessen durchstrichen und statt desselben »Grünau, in der Garbe« hingeschrieben worden. Dessen entsann sich der Wirt später und auch darauf, das der Poststempel nur die nächste Eisenbahnhaltestelle als Aufgabeort angegeben habe, – ein um so bemerkenswerterer Umstand, als da man, wie sich freilich erst durch die folgende Untersuchung herausstellte, auf dem heimischen Postamt und im Hause des Händlers von diesem Briefe nicht das geringste wußte. Leider war der Briefumschlag und das Schreiben selber von Willmanns eingesteckt worden und mit seinen übrigen Papieren verschwunden. Der Brief und noch mehr sein Inhalt hatten den Empfänger lebhaft überrascht »Na,« hatte er gesagt, »das ist seltsam! Ich wollte allerdings nach Menkendorf zum alten Herrn Silberg, und nun läßt er mir durch seine Sohnstochter schreiben – er ist krank, sagt sie –, daß er mich morgen wohl erwarten könne, und es sei gut, wenn man auf dem Hofe nichts von dem Besuch erfahre. Da bin ich doch neugierig, wie er von meiner Absicht erfahren hat und ob er am Ende schon ahnt, was los ist« – »Und was ist denn los?« war die Frage des Wirtes. Und da hatte Wlllmanns, die Stirn runzelnd, erwidert: »Na, Teufeleien, was sonst? Einer mit dem ich's gut genug im Sinne gehabt, will mich, wie es scheint, zum Betrüger machen. Aber ich kann ihm dienen, ich führe die Papiere bei mir, und wenn's mir nicht um andere wäre, so wäre morgen sein Lied geblasen. So aber will ich zuvor mit dem alten Herrn reden – vielleicht weiß er Hilfe.« Der Wirt wollte weiter fragen, aber sein Gast wies ihn ungeduldig ab, er wolle keinen Menschen ohne Not unglücklich machen »Übrigens,« fügte er hinzu, »wie komme ich denn hin?« – »Ja, das ist bös,« meinte der Wirt. »Einen Wagen kann ich dir jetzt um's Leben nicht schaffen,« – in der Umgebung hatte schon die Ernte begonnen – »und er nutzte dir ia auch nichts, wenn du nicht gesehen werden willst. Geh' nach Wiek und sieh' zu, ob du 'n Boot bekommst; sie haben's freilich gewaltig eifrig mit den Heringen.« – »Das wird das beste sein,« entschied Willmanns. »Wenn ich nur 'n Fahrzeug finde, Mannschaft brauch' ich im Notfall nicht. Werde schon selber fertig.« Am nächsten Morgen war er in aller Frühe nach dem kleinen Hafen, der auch hier wie anderwärts den Namen »Wiek« führt, hinausgegangen, hatte als hier wohlbekannter Mann ein Boot für den Tag bekommen, wo bei man auch sein Anerbieten, dieses allein zu führen, annahm, und war dann davongefahren. Das Fahrzeug wollte er entweder abends zurückbringen, oder in der Obhut des Menkendorfer Müllers lassen, wo es dann einer der Fischer gelegentlich abholen könne. Daß und wo er zu Menkendorf am Strande angelegt zu haben schien und wie er zwischen elf und zwölf Uhr mittags von dem Sohn des Müllers im Wäldchen hinaufsteigend erblickt worden war, horten wir schon. Über alles weitere gab es wenigstens einstweilen keine Auskunft; besonders, wie er hinter den Pfarrstall gekommen oder gelockt worden war, blieb durchaus rätselhaft. Wer die Namen des Pfarrers und seiner Enkelin mißbraucht haben konnte, wer imstande gewesen war, die Absichten des Reisenden zu erfahren, die selbst der Frau nur halb bekannt waren, ob endlich der Verfolger allein oder mit Helfern gearbeitet hatte, das blieben einstweilen alles wieder antwortlose Fragen, wenn man nicht die beiden Wirte in Verdacht ziehen wollte, eine Annahme, die sich durch nichts rechtfertigen ließ. Man stand, wie man mit jedem Fortschritt der Untersuchung besser erkannte, vor einem Verbrechen, das nicht nur auf das schlaueste auf den Charakter und die Eigenheiten des Willmanns gegründet, sondern auch mit der sorgfältigen Berechnung aller Umstände vorbereitet und mit der grüßten Umsicht vollendet worden war. Dies alles zwang beinahe zu dem Schluß, daß, wenn auch vielleicht der eigentliche Täter, doch sicherlich nicht der Anstifter niederen Standes gewesen sein müßte.

Es liegt auf der Hand, daß die seltsame Mitteilung, welche Alfred Wehrenberg neulich von seinem alten Freunde Busch empfangen und natürlicherweise jetzt keinen Augenblick zurückgehalten hatte, gegenwärtig eine Bedeutung gewann, die ihr anfangs auch der Mißtrauischste nicht abzusehen vermocht hätte. Ebenso erging es jener anfangs erwähnten Begebenheit, die nun sozusagen von selbst in den Zusammenhang trat. »Sie reden da nur von einem Vetter, den Ihr Sohn zu erkennen glaubte, der aber auch Ihnen von alters her gut bekannt war,« sagte der die Untersuchung führende Rat zu Frau Willmanns. »Wie heißt der Mann und was war oder ist er?« Und sie gab zur Antwort, daß es ein Mensch namens Matthies Matthiesen sei – der Rat und Alfred Wehrenberg, der das Protokoll führte, tauschten einen überraschten Blick aus – er sei als ganz junger Mensch von dem alten Jäger Brüst zu Menkendorf als Lehrling angenommen worden. Nach einigen Jahren sei indessen seine Neigung zum Seeleben erwacht und habe ihn davon und zu Schiff getrieben. Später habe er sich eine Zeitlang hier aufgehalten, um seine Steuermannsprüfung zu machen, und in ihrem Hause viel verkehrt, – ein wilder und reizbarer, im Grunde aber gutherziger und ganz wackerer Mensch, den sie alle gern gehabt hätten. Was ihn zuletzt fortgetrieben, wisse sie nicht; doch habe sie etwas von einer Schlägerei mit tödlichem Ausgange gehört, bei der er eine Hauptrolle gespielt haben solle. Das alles möge acht Jahre her sein, und seitdem sei ihnen nichts mehr von ihm zu Ohren gekommen.

Auf diese überraschende und höchst bedeutsame Mitteilung hin, wandte man sich an den alten Wirt zu den »St. Jakobsbrüdern« und unterzog ihn, in Berücksichtigung seines Trotzes und Eigensinns einer Art von vorläufiger Vernehmung. Der störrische Alte zeigte sich indessen zugänglicher als man hätte hoffen dürfen. Ja, der Matthies sei kürzlich mit einmal wieder bei ihm aufgetreten und habe für einige Tage ein Unterkommen erbeten und auch bekommen, erklärte er. Er habe sich gleich gedacht, daß das nicht gut abgehen möge, denn es sei ein Mensch, der in seinem Leben nicht vernünftig werde, sondern sich immer wieder auf Dinge einlasse, die ihn in Gefahr brächten. Wer aber der »Herr« gewesen, mit dem Matthies in jener Nacht verkehrt haben sollte, könne er sich wirklich nicht denken. Als man zuletzt eine leise Andeutung wagte, ob dieser Matthies möglicherweise etwas mit dem an Willmanns verübten Verbrechen zu tun haben könne, widersprach der Alte dem auf das Entschiedenste. Bei Gott, nein! zum Dieb und Mörder werde einer wie der, wie wild er's auch getrieben haben möge, nie und nimmer! – »Und dennoch soll ihn eine böse Sache in die Ferne getrieben haben!« warf man demgegenüber ein. »Das ist nichts!« versetzte Peter Jansen ohne Bedenken, »eine Geschichte, kaum mehr des Aufhebens wert! Draußen in Kaspar Lepels Schenke, wo's abends oft toll genug zugeht, hat sich damals ein Mensch – Meierbusch hieß er: ein Krämer, Pfandleiher, Leuteschinder – eingedrängt, geprahlt, gedroht, gelästert und endlich Streit mit unseren blauen Jungen gekriegt. Es hat tüchtige Schläge gesetzt und da er das Messer herausgeholt, ist er aus der Tür geworfen worden und Matthies soll ihm den letzten Stoß gegeben haben, so daß er von den Stufen hart auf das Pflaster niederschlug und sich den Schädel zerbrach. Das ist das Ganze und wäre eigentlich nicht einmal zu bestrafen gewesen. Aber freilich der Matthies wäre lieber in den Tod als ins Loch gegangen, und so macht' er sich aus dem Staube.« Darauf fragte man Frau Willmanns noch aufs Geratewohl, was sie von anderweitigen Verbindungen des Vetters, besonders mit Höherstehenden, wisse. Die Antwort war, daß Matthies da Wohl nur den jungen Grafen Altheim gekannt habe; der Herr habe damals ja in ihrem Hause gewohnt. – Das verdiente allerdings Überlegung, denn man hatte allen Grund, jenes »G. A.« im Rechnungsbuch auf den Grafen Eugen zu deuten. – Alte Bekannte Matthiesens fanden sich übrigens in der Stadt noch manche und sie bestätigten und ergänzten Wohl auch das über ihn Ausgesagte; nur wußten auch sie nichts für jetzt Wichtiges anzugeben; es sei denn, meinte einer, daß er ihn vor kurzem in der Gesellschaft eines gewissen Peter Ahrens aus Drömnitz gesehen habe, eines ebenfalls landflüchtigen und zudem recht übel beleumundeten Menschen ...

Hollah! Da hatte man ja endlich eine Spur –!

Festigte doch dieses Zeugnis die unbestimmte Aussage des Menkendorfer Müllers, wonach der am Tage des Verbrechens und in der nächsten Nähe des Tatortes gesichtete Strolch in Gestalt und Gehaben an den Peter Ahrens erinnert habe; denn man wußte nunmehr sicher, daß der gerichtsbekannte Bursche keineswegs tot oder verschollen war, sondern wiederum hierzulande sich herumtrieb. In Verfolg dieser neuen Wendung wurde alsbald auch der Tag, die Stunde und der Ort, wo Mattthiesen und Ahrens bemerkt worden waren, festgestellt: es war am Tage jenes großen Unwetters, spät abends, vor dem Tore des Wirtshauses »Zu den St. Jakobsbrüdern«. Merkwürdigerweise begann sich nun auch der Fuchs Peter Jansen an »noch etwas« zu erinnern: Matthiesen habe beim Weggehen aus der Herberge aus freien Stücken gestanden, daß jener Ahrens zur Nachtzeit bei ihm gewesen sei und daß der Kerl ihn wegen seines Vetters Willmanns habe ausforschen wollen; darauf wäre er, Matthies, natürlich in keiner Weise eingegangen, habe sich aber in Anbetracht der gewalttätigen Art des Menschen bemüht, in Ruhe mit ihm auseinander zu kommen und auch nur deshalb hätte er ihn in die Kammer mitgenommen. Und dies sage er, Matthies, frei heraus, für den Fall, daß der Vorgang einen Beobachter oder Lauscher gehabt habe und daran Mißdeutungen geknüpft würden. – Gewiß, was der alte Dickkopf da so nachträglich vorgebracht hatte, horte sich nicht übel an. Dennoch paßte es, wenn man es in das bisher bekannte Geschehen einreihen wollte, darin nur schlecht hinein; schon darum nicht, weil Doktor Busch doch gehört hatte, daß der nächtliche Besucher mit »Herr« und »Sie« angeredet worden war. Kaum entdeckt, führte die Spur also in neues Dunkel. Denn: hatte Matthiesen in kluger Voraussicht seinen alten Freund Jansen nicht belogen, so mußte er zwei nächtliche Besucher gehabt haben. Den Namen des einen hatte er preisgegeben. Wer aber war der zweite?

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