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Der Alte von Menkendorf

Edmund Hoefer: Der Alte von Menkendorf - Kapitel 11
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authorEdmund Hoefer
titleDer Alte von Menkendorf
publisherGrüne Bücher
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Zehntes Kapitel

Herzensgeheimnisse überall

Die grauen, hoch aufragenden Giebel und Dächer der alten Stadt ruhten noch in träumerischer Stille. Aber schon traf die Sonne mit vollem Glanz auf sie. Steiler, immer steiler wurde die Lichtbahn des guten Gestirns. Und tiefer und tiefer glitten die goldigen Strahlen herab: von den vorspringenden Türmchen und Gesimsen zu den verblindeten kleinen Luken und schließlich bis in die Fenster der Erdgeschosse hinein.

In der Studierstube des Pfarrers von St. Marien, der, wie wir wissen, der älteste Sohn des Pastors zu Menkendorf war, saß man zu dieser Stunde in der sogenannten Frühstücksecke. Der Pfarrer hatte sich eben seine Pfeife angezündet, während seine Lebensgefährtin noch ein letztes Schlückchen aus der Kanne holte. Darnach sah sie, nicht zum ersten Male, forschend zu ihm hinüber: »Du hast den Kopf voll, merk ich, da will ich lieber gehen. Ich wüßte heut auch nichts, was notwendig besprochen werden müßte.«

»Nicht doch, nicht doch,« versetzte er, »bleibe noch und laß uns reden wie immer. Ich habe allerdings den Kopf voll, aber nicht gerade von der Arbeit. Im Gegenteil, mit der will's heut gar nicht recht fort, und müßt' es nicht sein, ich legte sie ganz auf die Seite. Ich finde mich immer von neuem abgezogen – sieh'!« Und er streckte die Hand gegen das offene Fenster aus und deutete über den Hof und Garten hin. Man sah durch das Gezweig der Bäume ein altes, düsteres und baufälliges Giebelhaus und in ihm ein offenes Fenster. »Sieh', da saß sie heut morgen, als ich aufgestanden war, und wird den ganzen Tag über bleiben, bis sie die Lampe anzündet und noch länger. Wenn ich von der Arbeit aufsehe, fällt sie mir in die Augen, und der Anblick trifft mich ins Herz.« »Es ist eine leichtsinnige Person und obendrein eigensinnig,« entgegnete die Pfarrerin kurz, »ich glaube gehört zu haben, daß sie's wohl besser hätte haben können, aber eben nicht gewollt hat.«

»Sei nicht unbarmherzig und urteile nicht lieblos wie die große Welt. Ich kenne sie seit zwölf, dreizehn Jahren, als ihre Eltern, arme aber wackere Leute, noch lebten und Renate noch ein halbes Kind war. Dann ertrank der Vater beim Fischen, die Mutter starb, das Mädchen blieb mittel- und anhanglos zurück und fiel. Das ist leider in derartigen Verhältnissen nicht ungewöhnlich. Aber jetzt kommt dies Ungewöhnliche. Das Mädchen hat sich selbständig gestellt und dennoch vorwurfsfrei gelebt. Sie hat ihr Kind bei sich und arbeitet Tag und Nacht. Aber freilich, ihr Verdienst ist ein sehr harter und die Zeiten sind schlecht. Mühl hat mir vorhin berichtet, daß sie fast drei Wochen lang bettlägerig war und nichts verdienen konnte. Und nun, da sie kaum im Gange, geht das ›Stich, Stich!‹ schon wieder an, rastloser als je. Die Krankheit hat den Notpfennig aufgezehrt und die Kundschaft vernichtet. Und obendrein sollen die Leute im Haufe roh und hartherzig sein und wegen der Miete sie bedroht haben. Nun, dafür konnte ich durch Mühl sorgen, und es hat, wie ich erfuhr, Eindruck gemacht. Jetzt schaffe du Arbeit und Kunden.«

»Weshalb nahm sie den Meister Lepkow nicht an? Man erzählte mir, daß er nochmals um sie angehalten und daß sie wieder nein gesagt habe. Er ist, soweit ich weiß, ein fleißiger, ordentlicher Mann, und –«

»Laß gut sein, Frau! Sagte ›man‹ dir auch ihre Gründe für die Weigerung? Sie hat den Vater ihres Kindes niemals genannt und nie ein Wort der Klage gehabt, daß er sie ins Unglück gebracht und verlassen. Dies sei nicht seine Schuld gewesen, sondern durch andere Umstände veranlaßt worden, sagt sie, die er nicht zu ändern vermocht hätte. Er habe ihr die Ehe versprochen und sei ein braver Mensch, der von keiner Untreue wisse. Sobald er heimkehren könne, komme er. Sie und das Kind blieben die Seinen. Sieh', wenn ein sogenanntes gebildetes Menschenkind in ähnlicher Lage also redete, da möchte man's, vielleicht mit Recht, überspannt heißen. Bei der Renate Stein aber erkenn' ich darin eine Ehrenhaftigkeit, die mich mit wahrer Achtung erfüllen muß. Also nochmals: suche und finde für sie. Denn Almosen nimmt sie nicht!«

»Wir könnten ihr die Wäsche für Paul und Klara zu nähen geben,« sagte Frau Anna nachsinnend, »ja, und Marie bedarf auch allerlei. Übrigens, weil ich eben Marie nenne – sage, warum schreibt sie so selten? Wir haben schon über acht Tage keinen Brief mehr gehabt. Das Kind wird doch nicht krank sein?«

»Geh', geh', Frau, du mußt eben immer etwas haben, um das du dich quälst! Krank bei den Großeltern und ohne daß wir's wüßten? Bah! Meine gute alte Mama tummelt sie hübsch durch Haus und Hof – sie versteht's noch ein bißchen besser als du! Und dann das Umherstreifen, und wenn jetzt, wie ich rechne, auch Blanka da ist – da gute Nacht Vater und Mutter!«

»Blanka! Ja ja, – Blanka! Gut, daß du davon redest –, findest du sie nicht bei jedem Besuch ein wenig fremder gegen uns?«

»Nein, das find' ich ganz und gar nicht!«

»Diese Abreise ohne Abschied –«

»Unsinn! Moritz hat uns ja alles erzählt.«

»Du erklärst dies nun einmal so; ich habe mir für den Druck, der denn doch auch schon länger auf ihr lag, zuweilen einen anderen Grund gedacht.«

»Was meinst du, Frau?«

»Nun, – ich habe mich zuweilen gefragt, ob am Ende jetzt erst ihr Herz erwacht sei.«

»Daß ihr Weiber doch niemals die Herzensgeheimnisse ruhen lassen könnt! Hier, gestehe ich, kann ich mir überdies kaum denken, worauf du zielst, denn wenn du, was ich eben nicht fürchten will, wirklich an Alfred denken könntest –«

»Weshalb nicht? Sie sind miteinander aufgewachsen – wie Schwester und Bruder, wirst du mir einwerfen. Aber ich erwidere, das ist nur so eine landläufige Redensart, die in solchen Fällen fast immer bedeutungslos bleibt. Dergleichen verstehen wir Frauen besser als ihr Männer. Wie sie vordem miteinander standen, war für uns alle kein Geheimnis, und wie sie sich bei seiner Rückkehr von der Hochschule wieder trafen, haben wir auch alle gesehen. Kurz: darin und überhaupt in der ganzen Frage denke ich anders als du. Ich wiederhole: ich weiß nicht, mit welcher Empfindung sie vor sechs Wochen gekommen, mit welcher sie jetzt geschieden ist – war die erste vielleicht noch eine hoffende, so war die letzte sicherlich keine vertrauensvolle. Ja, ich möchte fast glauben, sie wäre am Ende zu der traurigen Frage gekommen: darfst du ihn noch liebhaben?«

»Das ist, wenn ich dich recht verstehe, ein harter Ausspruch. Ich gebe die Veränderung zu, aber deine Annahme rechtfertigt sie nicht. Ich sehe nichts Unrechtes an ihm und traue ihm dergleichen auch nicht zu!«

»Er ist heut nacht wieder erst nach Mitternacht heimgekommen.«

»Was, heut wieder? Frau, warum hast du mir das nicht gleich zu Anfang gesagt?«

Während dieser Zeit saß der, um den sich der letzte Teil dieses Gespräches gedieht hatte, zwei Zimmer davon, in dem seinen, am Schreibtisch und zwischen Stößen von Akten, deren Bewältigung seine ganze Aufmerksamkeit und seine volle Arbeitskraft in Anspruch zu nehmen schien. Allein in Wirklichkeit war davon heut morgen ersichtlich nur wenig die Rede, denn die Ruhe, der ein solcher Arbeiter bedarf, wollte nicht über ihn kommen. Wenn er schrieb, machte er bald eine kürzere, bald eine längere Pause, und wenn er das Geschriebene überblickte, zog ein ungeduldiger Mißmut durch sein Gesicht. Und wenn er las, so kamen die Pausen gleichfalls, und seine Augen hafteten mit einem Ausdruck des Vorsichhinbrütens auf dem Boden, oder wanderten mit einem zerstreuten Blick durch das ganze Gemach. Wer ihn so hätte belauschen können, möchte vielleicht dem zugestimmt haben, was eben drüben die Pfarrerin angedeutet hatte: von Frieden und rechtem Behagen, von der Frische und dem frohen Lebensmut eines jungen Mannes in durchaus befriedigenden Verhältnissen war hier wenig oder nichts mehr zu entdecken. Dies alles wurde noch viel deutlicher, als er zuletzt die Arbeit, wie völlig verzweifelnd, auf die Seite schob, die Akten zusammenlegte und sich, den kleinen Lehnstuhl ans Fenster ziehend, dem vollständigen Ruhen und Träumen überließ. Er saß und schaute über den Hof und Garten hin, halb wie ein trauriger, halb wie ein tief verstimmter Mensch, und dazwischen zeigte sich ein paarmal ein Ausdruck von Zerstreutheit, als ob seine Gedanken überhaupt nicht imstande wären, bei einem Gegenstände zu verweilen.

So sah er lange Zeit. Die Uhr schlug und schlug wieder und er vernahm nichts davon. Und erst, als jetzt aus der Straße drüben das Rollen eines schweren Wagens herübeillang und zugleich ein Posthorn laut wurde, da erhob er langsam den Kopf und sein Auge wandte sich mit einem schwermütigen Lächeln der Richtung des Tones zu. Er stand auf und nahm den Hut und stürzte davon.

Was ihn daheim auch gequält, zerstreut und beherrscht haben mochte, jetzt schien es vollständig überwunden zu sein. Er grüßte oder erwiderte die Grüße, blieb wohl auch einmal stehen, um mit einem Begegnenden ein paar Worte zu wechseln. Man sah's, daß es ihm an Bekannten nicht fehlte.

Plötzlich, an einer Ecke stockte sein Schritt. Er sah zwei Damen herankommen, mit denen zusammenzutreffen, zumal heute, ihm nicht gerade erwünscht war. Jedoch ein Ausweichen war hier unmöglich. »Sieh da, Herr Assessor,« sprach ihn da auch schon die ältere der beiden, eine noch schöne Frau von kühler Haltung, an, »man muß sich ordentlich auf Sie besinnen, so selten sieht man Sie. Sind die Ihren daheim?« Der Befragte, der indessen seine Betretenheit glücklich bemeistert hatte, versetzte: »Da fragen Sie mehr, als ich weiß, meine gnädige Frau, ich sah heut noch niemand. Aber Tante Anna ist wohl sicherlich zu Hause, wie – immer –«

»Mein Mann wünschte, ich sollte fragen, ob wir uns vielleicht wieder einmal im Bertholdschen Garten treffen könnten? Man erfährt, zumal seit Blanka fort ist, gar nichts mehr voneinander und verlangt doch darnach. Wird man Sie auch dort sehen, Herr Assessor?«

»Wenn irgend möglich – gern, gnädige Frau. Ich hatte ohnehin im Sinn, heut abend zu Ihnen zu gehen und Nachsicht für meine Sünden zu erbitten.«

Um den kleinen Mund und in den tiefblauen Augen der Dame erschien etwas wie ein nicht gerade freundlicher Spott, ein Ausdruck, der sich noch bestimmter auch in dem sehr ähnlichen Gesicht der Begleiterin, eines jungen Mädchens, wiederholte. »Nun denn, also auf –. Doch einen Augenblick noch! – Haben Sie Nachrichten von Menkendorf? Mein Mann ist ganz verdrießlich überdies unverständliche Schweigen.«

»Ich weiß von keiner; Tante Anna wunderte sich gestern gleichfalls, daß Marie gar nichts von sich hören läßt.«

Darnach trennte man sich mit artigen Abschiedsworten und setzte beiderseits seinen Weg fort. Für Alfred Wehrenberg war er bisher allerdings noch von keinem Ziel bestimmt gewesen. Nun aber setzte er sich kurzentschlossen ein solches: Das Wirtshaus »Zu den St. Jakobsbrüdern«, wo sich zu dieser Stunde stets eine zahlreiche Gesellschaft zusammenzufinden pflegte.

Peter Jansen empfing mit einer Art von grimmigem Schmunzeln den Händedruck und die Bestellung des Ankömmlings. »Na, Herr Wehrenberg, das ist ja was Rares, daß man Sie auch 'mal wieder sieht. Ich habe schon geglaubt, daß sie neulich mit dem Herrn Freund abgereist seien.«

»Was für ein Freund?« wiederholte Alfred Wehrenberg äußerlich ruhig, während er im Innern sich nicht wenig überrascht fühlte, daß der schlaue alte Bursche, trotz aller Vorsicht, dennoch von dem Verkehr des Arztes mit ihm erfahren hatte.

»Ei, der fidele Junge, der Doktor oder was er war, der vom Schiff ausriß –«

Indem kam ein anderer Stammgast eiligst durch den Gang zwischen den Gestühlen heran. »Böse Neuigkeiten, ihr Herren!!« rief er laut. Und als er den Assessor erblickte, fügte er lebhaft hinzu: »Hier stecken Sie, Wehrenberg? Auf, auf, Müller läuft sich in der Stadt die Beine nach Ihnen ab, und Gutmann flucht, daß Sie nicht auf der Kanzlei waren –«

»Ich habe mich ja heute morgen entschuldigen lassen,« sagte Alfred sehr ruhig. »Ist denn etwas Besonderes vorgefallen?«

»Allerdings,« lautete die Antwort, »ein schweres Verbrechen! Und Gutmann kann man seinen Grimm nicht verdenken – vorgestern die Tat, heut erst die Mitteilung!«

»Was ist geschehen? – Wo? – So reden Sie doch?« riefen die Umsitzenden erregt durcheinander.

»Zu Menkendorf auf dem Pfarrhofe ist der Händler Willmanns erschossen und ausgeraubt gefunden worden.«

»Bei meinem Großvater? Und Willmanns, sagen Sie?« rief Alfred Wehrenberg bestürzt aus und langte nach dem Hut.

»Da muß ich freilich fort. Nichts für ungut, Peter, aber Ihr müßt den Porter schon einmal zurücknehmen!« Und sein Blick ruhte dabei seltsam auf den rauhen Zügen des alten Wirts.

Die Wirkung der bösen Nachricht auf diesen war indessen eine ziemlich andere, als Alfred Wehrenberg vorausgesetzt haben mochte. Es drückte sich in dem wetterharten und bärbeißigen Gesicht des Alten etwas wie Teilnahme aus, so daß der zuletzt Angekommene, ein Gerichtsbeamter, dem solche menschlichen Zeichen nicht weniger als den übrigen auffielen, zu ihm sagte: »Ei, alter Seehund, Ihr scheint ja ordentlich gerührt zu sein?« Worauf Peter Jansen mit einem langen, aber undurchsichtigen Seitenblick auf den jungen Assessor polternd erwiderte: »Ja, Herr, bei Eurer Art ist nur vom Loch die Rede, aus dem das Leben des armen Teufels geflogen, oder vom Schuft, der den Schlag geführt, ob Ihr den hinterdrein lieber an den Rock hängt oder ihm den Hals abschneidet. Unsereiner denkt zuerst an den Menschen selber. Ich habe den Willmanns lange gekannt. Gepaßt haben wir zueinander wenig, aber ich kann Wohl sagen: es läuft da manch' einer im Lande herum, dem solch' ein Ende eher gebührt hätte als ihm. Aber unser Herrgott wird's schon recht machen.«

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