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Der algerische Panther

Emilio Salgari: Der algerische Panther - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorEmilio Salgari
titleDer algerische Panther
publisherVerlag Ullstein GmbH
seriesUllstein Abenteuer
isbn3548210694
year1987
translatorM. von Siegroth
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080317
projectidd04d3203
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An der algerischen Küste

Ehe die Galeeren entdeckt wurden, trennten sich abends die Feluken. Die des Normannen fuhr in der Richtung nach Algerien, die andere, von einem Neapolitaner geführte, nach Tunis, wo man einige Kaufleute aus Salerno aus der Sklaverei befreien wollte. Letztere waren dem Scipio Cicala in die Hände gefallen, einem der gefährlichsten Korsaren des Mittelmeers, der, ursprünglich ein tapferer sizilianischer Kapitän, Renegat geworden war.

Der Normanne verließ keinen Augenblick das Steuer. Er nahm den Kurs zunächst nach Süden, um dann, wie wenn er von Tunis käme, nach Westen zu segeln.

Die Gegend war gefährlich. Jeden Augenblick war es möglich, auf einen Korsaren zu stoßen, der das kleine Schiff, wie es oft vorkam, in den Grund schießen konnte, ohne sich darüber zu beunruhigen, ob er Freund oder Feind vor sich hatte.

Aber das Meer blieb leer. Nur die Delphine, die um das Vorderteil des ›Soliman‹ tanzten, belebten es, helle Furchen in dem dunklen Wasser hinterlassend.

Erst nach einigen Stunden zeigte sich im Süden ein kleiner leuchtender Punkt.

»Wollen sehen, was das ist!« brummte der Seefahrer. Seit sechzehn Stunden sind wir jetzt wie eine Schwalbe geflogen!«

Da klopfte ihm eine Hand auf die Schulter. Er wandte sich um.

»Ah, ihr seid es, Herr Baron? Ihr könntet ruhig bis zum Sonnenaufgang schlafen!«

»Ich habe schon zu viel geruht. Was bedeutet der leuchtende Punkt?«

»Es kann das Leuchtfeuer von Deidjeli sein!«

»Schon die afrikanische Küste?«

»Ja, unsere Feluken laufen rascher als die Galeeren, besonders hier meine!«

»Dreht ihr bei?«

»Nein.«

»Wollt ihr den Ort anlaufen?«

»Ja, Herr Baron.«

»Aber ihr habt dort nichts zu tun!«

»Nein, doch das Anlaufen Deidjelis verschafft uns einen guten Paß«, antwortete der Seemann, geheimnisvoll lächelnd.

»Inwiefern?«

»Ihr wißt doch, daß christliche Schiffe sich nicht in die maurischen Häfen wagen. Ich nehme nun hier einen Paß, um den algerischen Behörden beweisen zu können, daß ich nur mit den Barbaresken Handel treibe. Ich lade auch einige Zentner Schwämme hier. Das verschafft mir den Ausweis, und ich mache zugleich ein gutes Geschäft dabei.«

»Ihr seid ebenso weise wie schlau!«

»Ich habe schon einige arabische Gewänder für euch und den Diener in die Kabine bringen lassen. Sucht das Passende aus! Bei eurem feinen Gesicht, euren blauen Augen und blonden Haaren möchte ich übrigens raten, euch als Mädchen zu verkleiden. Ihr würdet vielen die Köpfe verdrehen!«

»Ich ziehe vor, ein Mann zu bleiben!« lachte Sant' Elmo auf diesen seltsamen Vorschlag.

»Beeilt euch, Herr, in zwei Stunden wird die Sonne aufgehen, und wir werden in die Zitadelle einfahren!«

»Kennt man den ›Soliman‹ dort?«

»Ich bin mehrmals dort gelandet, ohne Argwohn zu erregen, kann also ganz beruhigt sein! In Deidjeli laufen wir keine Gefahr, aber in Algier. Die Aufsichtsbehörde ist dort sehr mißtrauisch.«

Die vier Galeeren waren nicht mehr gesehen worden. Entweder hatten sie den Kurs gewechselt, um einer Verfolgung zu entgehen, oder sie waren weit nach Westen gefahren, ehe sie in Algier anlegten.

Mit der Morgenröte ließ der Schiffer die tunesische Flagge hissen. Er steuerte auf die Hafeneinfahrt zu, wo zwei kleine Festungen lagen.

Der Baron und sein Begleiter erschienen als Mauren, ersterer in blauer, silbergestickter Jacke und roten Pluderhosen, letzterer, dem wegen seines Leibumfangs die Sachen nicht paßten, in schwarzen Hosen, weiß wollenem Mantel und großem, rot und grünen Turban, der von solchen Dimensionen war, daß er einen grotesken Eindruck machte.

Der Seemann musterte beide aufmerksam und war zufrieden mit ihnen.

»Herr Baron, ihr seid ein schöner Maurenjüngling und werdet die Frauen in Feuer versetzen und die Männer eifersüchtig machen! Nur euer Begleiter ist etwas verdächtig!«

»Die Mauren werden meine Keule kosten!« sagte der Katalane beleidigt.

»Die laßt nur beiseite! Ihr könntet sonst was erleben! Zum Beispiel in einem Topf kochenden Wassers gesotten oder in ungelöschten Kalk gestellt zu werden!«

Eisenkopf überlief ein Gruseln.

Vor ihren Blicken zeigten sich jetzt zahlreiche schwarze Punkte, die sich rasch über die Meeresfläche bewegten.

»Sind das alles Boote?« fragte der Ritter. »Was treiben sie?«

»Schwammfischer bei der Arbeit, meist Gefangene aus Sizilien und Sardinien!«

»Vorsicht, Steuermann, daß wir kein Boot beschädigen!«

Langsam näherte sich der ›Soliman‹ den ersten Fischern.

Es waren große Boote mit je zwölf Mann und einem bis auf die Zähne bewaffneten Soldaten, der oft mit einer Peitsche auf die nackten Taucher einhieb.

Einige fischten mit Schleppnetzen. Von anderen Booten stiegen Taucher, mit einem Stein zwischen den Beinen, ins Meer.

»Sind das Neger?«

»Nein, gefangene Christen!«

Schon damals wurde die Schwammfischerei an den Küsten des südlichen Mittelmeers, besonders in Tunis und Algier, Griechenland und Syrien, eifrig betrieben. Zahllose Barken mit gut ausgebildeten Fischern waren damit beschäftigt. Man wählte diese mit Vorliebe aus den gefangenen Sizilianern, Sardiniern und Griechen.

Die Schwämme wurden zu jener Zeit für Meerespflanzen gehalten. Daß sie aus Tierfamilien nach Art der Korallen bestehen, ahnte man noch nicht. In andern Meeren, mit Ausnahme des Roten, kommen sie so selten vor, daß es sich nicht lohnt, sie zu gewinnen. Das Mittelmeer ist aus unbekannten Gründen ihr Lieblingsfeld. Sie pflanzen sich meist fort durch Samenabstoßen, der nach einigem Herumschwärmen sich an irgendeiner Klippe festsetzt und mit fabelhafter Geschwindigkeit neue Schwammkolonien bildet. Manche Arten aber entstehen aus Knospen der alten Schwämme, die wie Pflanzen sich verzweigen. Auch ihr Bau ist verschieden. Viele enthalten Kalkkörperchen und Kieselsäure, die ihnen Halt verleihen. Die geschätzteren aber wachsen ohne solche Stoffe auf.

Die jährlich gefischte Menge der Schwämme ist ungeheuer groß. Sie vermehren sich so rasch, daß man kaum eine Abnahme entdeckt. Freilich sind nicht alle in gleicher Weise gesucht. Am besten sind die von den Küsten Syriens, die »venezianische Schwämme« genannt werden. Dann kommen jene aus dem griechischen Inselmeer, die oft 60--70 Zentimeter Durchmesser haben und »griechische Schwämme« heißen. Die an den Küsten der Barbareskenstaaten gefischte Art heißt »Marseille« und steht weniger hoch im Preise. Heutzutage findet man Schwämme in Mengen auch in den Gewässern des nördlichen Amerika. Sie sind aber nicht so schön wie die des Mittelmeers. Ehe sie in den Handel kommen, müssen sie alle sorgsam gesäubert werden, da sie meist Muschelstücke und auch Kalk und Kiesel enthalten. Durch das Bleichen bekommen sie dann die schöne weiße Farbe.

In der kleinen Bucht von Deidjeli schien der Schwammreichtum besonders groß zu sein. Ununterbrochen brachten die Taucher Ladungen davon in die Barken.

Enorme Strapazen hatten die armen Fischer zu ertragen unter der Glut der erbarmungslosen Sonne und unter der grausamen Peitsche der Aufseher. Ihre nackten Rücken waren voller Narben und blutigen Striemen. Oft erschienen die Taucher an der Oberfläche des Wassers mit hervorquellenden Augen und halb erstickt.

»Das sind nun Christen wie wir!« seufzte Eisenkopf, der voller Mitleid auf die armen Teufel schaute, denen man keinen Augenblick Ruhe gönnte.

»Alles Christen!« bestätigte der Normanne, »und denen geht es hier noch gut. Sie haben wenigstens bei Nacht eine Hütte, wo sie ruhig schlafen können. Was wollen ihre Mißhandlungen besagen im Vergleich zu den Qualen, denen die in den Bagnos eingeschlossenen ausgesetzt sind!«

»Und das wird von den christlichen Staaten geduldet«, rief empört der Baron, »statt daß sie vereint diesen Schurken endlich einmal das Handwerk legen? Hoffentlich ist dieser Tag nicht mehr fern!«

Der Seefahrer schüttelte zweifelnd den Kopf.

Nun gab er Befehl, Anker zu werfen.

Deidjeli war damals ein kleiner, unbedeutender Ort, nur von wenigen Feluken besucht, die Waren aus Tunis brachten und Schwämme ausführten.

Es bestand aus einigen hundert weißen, fensterlosen Häusern, mit Höfen im Innern und flachen Dächern, wo die Bewohner abends Kühlung suchten. Zwei oder drei Moscheen erhoben darüber ihre schlanken Minaretts.

Am Strande war wenig Leben. Berge von Schwämmen lagen zum Trocknen da.

Mauren, Barbaresken und Beduinen aus der Sahara, ungeheure Turbane auf den abrasierten Köpfen, handelten lebhaft mit den Fischern um den Preis ihrer Ladungen.

Der Normanne, dessen Schiff man kannte, mischte sich mit zwei Begleitern in die Gruppen. Er wollte recht viel bemerkt werden, um im Notfall beweisen zu können, daß er von einem Hafen der Barbaresken käme. So kaufte er Schwämme und Lebensmittel, bot Bekannten Kaffee an, verrichtete seine Gebete und Waschungen, wie ein echter Muselmann, und kehrte gegen Mittag aufs Schiff zurück, nachdem er überall verkündet hatte, daß er nach Algier fahre.

»So, das ist erledigt«, sagte er zu dem Ritter, der ihn in ängstlicher Spannung erwartete. »Ich habe mir genügend Augenzeugen für meine Anwesenheit und meine Rechtgläubigkeit verschafft!«

»Wann gehen wir in See?«

»Gleich nach dem Essen. Wenn möglich, möchte ich noch heute nacht in Algier einlaufen. Die Dunkelheit soll uns begünstigen. Und mitten unter allen andern Schiffen wird man sich wenig um uns kümmern!«

»Ich lege alles in eure Hand!« sagte der Baron zuversichtlich.

»Zuweilen sind die Barbaresken«, fuhr der Normanne fort, »recht unangenehm und neugierig. Obwohl ich seit drei Jahren ihre Häfen besuchte, könnten sie doch einmal Verdacht schöpfen!«

Gegen zwei Uhr wurden die Anker gelichtet.

Der Ostwind hielt an, und so flog die Feluke bald wie eine Schwalbe längs der Küste, ohne kreuzen zu müssen.

Da die Korsaren, welche die Küste bewachten, erst weiter draußen auf Schiffe der Nationen lauerten, die den Barbaresken Tribut verweigerten, begegnete der ›Soliman‹ keinem Fahrzeug. Nur Delphine und Seevögel leisteten den Insassen Gesellschaft. Den ganzen Nachmittag blieben sie in Sicht der Küste, an der sich öfter Dörfer und Befestigungen zeigten.

Gleich nach Sonnenuntergang erschien eine dunkle Wolke, und schwarze Nacht brach herein.

»Das ist das richtige Wetter für uns«, sagte der Normanne. »Unter keinen Umständen darf Licht angesteckt werden. In 4--5 Stunden sind wir im Hafen!«

Erregt fragte der Ritter, ob wohl die Galeeren schon angelangt sein könnten.

»Sicherlich, sie hatten ja einen erheblichen Vorsprung!«

»Ob sie die Beute auch schon geteilt haben?«

»Das geschieht erst später«, beruhigte der Seefahrer, »zuerst werden die Gefangenen ins Bagno gebracht, wo sie oft Wochen verbleiben!«

»Arme Ida, wo werde ich dich da finden!« seufzte Sant' Elmo.

»Ihr sprecht von der Gräfin Santafiora? Da müssen wir eben überall herumhören, bis wir ihre Spur entdecken! Euer Begleiter sagte mir, daß sie von einem Mauren, ihrem Sklaven, geraubt worden sei.«

»Leider ist das wahr.«

»Wie heißt er?«

»Zuleik ben Abad.«

»Ein Maurenfürst, sagte mir Eisenkopf. Wenn er wirklich ein angesehener Mann ist, dann hat er sie nach seinem Palast geführt, wenn nicht ...!«

»Nun?«

»... der Bey selber sich die Gräfin ausgesucht hat als einen Anteil an der Beute! Er hat ein Anrecht auf den zehnten Teil. Da die Dame sehr schön sein soll, könnten sie seine Leute gewählt haben! In diesem Falle wäre ihre Rettung sehr schwer!«

»Zuleik würde sie niemand abtreten. Er liebt sie bis zur Tollheit.«

»Dem Befehl des Beys darf sich keiner widersetzen. Er hat die erste Wahl unter den Gefangenen. Vielleicht aber hat der Maure so viel Einfluß, daß er die Gräfin behalten darf.«

»Beides macht mir Sorge und Pein!«

»Nur guten Muts! Ich empfehle aber dringend, kein Wort Italienisch zu sprechen. Am besten ihr und euer Begleiter bleibt stumm ... Ah, da sind ja die Wachtschiffe! Wir wollen unter ihrer Nase vorbeischlüpfen!«

Die Rutensegel wurden eingezogen und nur zwei kleine, schwarze gesetzt, die in der Finsternis unsichtbar waren. Dann ergriff der Normanne selbst das Steuer.

Vier leuchtende Punkte waren am Horizont sichtbar: Die Laternen zweier Wachtschiffe.

Der Normanne fuhr auf sie zu. Die Feluke glitt an dem bei Kap Malifa kreuzenden Schiffe vorbei. Dann mengte sie sich unter die Masse der Segler, die in bunter Reihe den Hafen füllten. Es ging so rasch, daß niemand das Manöver beobachtet hatte.

»Wir sind am Ziel! Nun können wir für den Augenblick ruhig schlafen!«

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