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Der algerische Panther

Emilio Salgari: Der algerische Panther - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorEmilio Salgari
titleDer algerische Panther
publisherVerlag Ullstein GmbH
seriesUllstein Abenteuer
isbn3548210694
year1987
translatorM. von Siegroth
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080317
projectidd04d3203
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Die Mine

Der Turm, in dem die Belagerten Zuflucht gesucht, war ein viereckiger, fester Steinbau auf der Nordseite des Schlosses. Getrennt von den übrigen Gebäuden, auf einem Hügel erbaut, erhob er sich zu einer Höhe von 40 Metern und zählte drei Stockwerke mit wohl verwahrten, mit Eisenstäben versehenen gotischen Fenstern. Wahrscheinlich hatte er einstmals als Gefängnis gedient. Die Mauern waren von riesiger Stärke. Von den Kellern aus führte ein geheimer Gang in das nahe Gebüsch, damit gegebenenfalls die Verteidiger einen Weg ins Freie finden oder die Feinde im Rücken überfallen konnten.

Nichtsdestoweniger konnten der Baron und die Belagerten bei der Überzahl der Feinde und ihrer Geschütze sich im Turm nicht sicher fühlen.

Die Korsaren waren trotz ihrer Verluste mutig und siegesgewiß. Die Gewehrschützen schossen aber noch von oben auf die Feinde, welche ihrerseits mit Hacken und Beilen die Mauern zu zerstören suchten, während die Galeeren die Stockwerke unter Feuer hielten.

Von allen Seiten hagelten Kugeln auf den Turm. Gleichzeitig legten die Korsaren Minen an, um die Mauern in die Luft zu sprengen.

Der Baron war unaufhörlich bemüht, den Mut der Belagerten mit der Hoffnung auf Hilfe aufrecht zu erhalten. Unablässig schaute er aufs Meer, aber kein Licht zeigte sich beim Untergang des Mondes.

Unwillkürlich befielen auch ihn Zweifel am Gelingen des Sieges, aber er fuhr fort, die mit ihren Dienerinnen in einer Ecke kauernde Gräfin zu trösten. »Mut, Mut! Wenn wir bis zum Morgen aushalten, werden die Korsaren sich zurückziehen!«

Auch der leichenblaß gewordene Eisenkopf bemühte sich, seinem Herrn nachzueifern. »Laßt die Hunde nur kommen! Wer sind sie denn, die Ungläubigen! Teufelssöhne, die wir wieder zur Hölle befördern müssen! Gott ist mit uns, wir werden sie schon vernichten!«

Leider bedrohte die Vernichtung weit eher die Belagerten. Schon hörte man die Hacken der Feinde an den Mauern immer stärker und deutlicher.

Die Kanoniere auf dem Dach hatten sich in die unteren Räume flüchten müssen. Die Hälfte von ihnen war unter den Steinkugeln der Feinde gefallen.

Die Räuber beschossen jetzt die Fenster, und mehr als ein Geschoß drang in die Zimmer. Der schreckliche Augenblick der Kapitulation oder des Untergangs der Belagerten rückte immer näher. Der Baron zweifelte allmählich an dem rechtzeitigen Eintreffen seines Schiffes.

»Unser Ende naht«, flüsterte er schmerzbewegt der Gräfin zu. »Gott verläßt uns. Ziehst du Sklaverei oder Tod vor, Ida? Wenn du zustimmst, versuchen wir das letzte Verteidigungsmittel!«

»Was planst du?« fragte die schreckensbleiche Gräfin.

»Einen Ausfall durch den geheimen Gang!«

»Wird er nicht schon entdeckt sein?«

»Ich weiß es nicht, aber wenn du einverstanden bist, steigen wir in den Keller. Ich fürchte nur eins. Daß die Algerier eine Mine springen lassen, um uns alle zu töten!«

»Großer Gott«, schrie Eisenkopf. »Eine Mine! Dann sind wir alle verloren!«

»Wir können jeden Augenblick eine Explosion erwarten«, sagte der Wachthauptmann. »Ich sah die Räuber soeben von den Felsen abklettern. Das Benutzen des Geheimganges rate ich nicht. Das Kellergewölbe kann über uns zusammenbrechen!«

»Dann ist alles zu Ende!« seufzte Donna Ida.

»Noch nicht«, versuchte der Ritter zu trösten. »Selbst wenn eine Mine hochgeht, fällt der Turm noch nicht ein. Er ist fest. Aber es könnte eine Bresche entstehen, durch welche die Korsaren eindringen würden. Die enge Treppe ist jedoch leicht zu verteidigen. Wieviel Mann sind wir noch?«

»Kaum fünfzehn.«

»Das genügt für Widerstand. Inzwischen muß Hilfe nahen!«

Der alte Kommandant schüttelte den Kopf, winkte dem Baron und flüsterte ihm zu:»In einer halben Stunde sind wir gefangen oder tot. Die Korsaren haben schon den Zünder ihrer Mine in Flammen gesetzt, und diese Explosion wird auch die meiner Mine herbeiführen!«

Der Ritter fuhr zusammen. »Dann gehen wir alle in die Luft. Ich bin Soldat, der Tod schreckt mich nicht. Aber die Gräfin, eure Herrin...«

»Besser Tod als Sklaverei! Übrigens glaube auch ich nicht an den Einsturz des Turms, aber die Treppe wird einstürzen und uns den Rückzug abschneiden!«

»Wenn ich nur Zuleik vorher töten könnte!« murmelte Sant' Elmo zähneknirschend. »Dann ginge ich leichter in den Tod!«

»Herr Baron«, rief plötzlich Antiochus, der wieder Ausschau gehalten hatte. »Ich sehe, es dürfte noch einige Zeit bis zur Explosion vergehen. Wir könnten da noch meine Mine, die gefährlichere, durch Wasser unschädlich machen. Ich eile zur Stelle.«

»Wenn du dem Tode trotzest, tue ich es auch. Zuleik würde mich doch nicht schonen!«

Der Ritter drückte der in die Knie gesunkenen Gräfin einen Kuß auf die Stirn und stürzte zur Treppe.

Der Kommandant wehrte ihm jedoch. »Laßt mich allein gehen. Ich bin alt, ihr jung!«

Und Donna Ida schrie verzweifelt auf: »Carlo!«

Aber der Ritter eilte in wenigen Sätzen hinunter zu dem Raum, wo die Pulverfässer standen. In der Ecke befand sich die Tür zu dem geheimen Gang. Antiochus riß sie auf und betrat den niedrigen, in den Felsen gehauenen Weg. »Hier ist die Mine, rasch, Herr!«

Sant' Elmo leerte ein großes bereit stehendes Faß Wasser auf die Mine.

»Nun eilig fort!« rief der Alte.

Da zuckte ein Blitz auf.

Beide fühlten sich wie von einer unwiderstehlichen Gewalt in den Gang zurückgerissen.

Ein furchtbares Krachen folgte, Schreie, Lärm ...

Jetzt verloren sie das Bewußtsein.

Als der Baron wieder zu sich kam, herrschte tiefes Schweigen um ihn. Er lag in dem unterirdischen Raum, wohin ihn die Explosion geschleudert und fühlte sich wie zerschlagen, hatte keine Gewalt mehr über seine Glieder. Einen Augenblick glaubte er, schon im Reiche der Toten zu sein ... Da kehrte ihm das Bewußtsein zurück, und seinen Lippen entrang sich ein wilder Schrei! Er schlug an die Mauern, er weinte wie ein Kind. Dann beugte er sich über seinen unbeweglich daliegenden Begleiter. Unter dessen Helm drang ein Blutstrom hervor. »Tot!« rief er schmerzlich.

Der Mann hatte beim Hinstürzen sich den Schädel eingeschlagen.

»Also noch ein Freund ist zu rächen. Wehe dir, Zuleik! Käme nur erst die Stunde, wo ich dich finde!«

Er schaute sich um. Von der Tür her kam ein Lichtstrahl. Die Sonne war also aufgegangen. Mit großer Mühe tastete er sich in das Kellergemach zurück.

Eine weite Bresche klaffte da in einer Ecke. Zwischen Fässern, Waffen und anderen Gegenständen lagen mehrere tote Korsaren. Es mußte also ein Kampf stattgefunden haben.

Auf der nicht zerstörten Treppe fand er weitere Leichen. Blut strömte von oben herab. Korsaren und Christen lagen durcheinander. »Alles tot. Und meine Braut...?«

Mit äußerster Selbstüberwindung bahnte er sich einen Weg nach oben über die Gefallenen hinweg. »Ida, Ida!«

Er war fast oben, als er eine menschliche Stimme zu hören glaubte.

»Wer ruft?« schrie er. Da antwortete es von oben: »Wo seid ihr, Herr Baron?«

Staune und Freude ergriff den Ritter. Er erkannte die Stimme Eisenkopfs. War es möglich, daß er sich gerettet hätte ... ?

Er stieg zum ersten Stock hinauf. Auch hier nur Leichenhügel. Aber von der oberen Plattform hinabführenden Treppe kam der Katalane hinuntergestiegen.

Er warf die eiserne Keule von sich und stürzte aufschluchzend dem Ritter entgegen. »Ach, Herr. Das Unglück!«

»Wo ist die Gräfin?« schrie ihm der Baron voller Angst zu.

»Geraubt! Geraubt von Zuleik, dem Maurenhund!«

»Geraubt? Von Zuleik?« Dem Baron versagte die Stimme. Er fiel auf die Knie nieder.

»Herr, Herr, verzweifelt nicht! Wir werden die Räuber verfolgen. Vor kaum zwei Stunden sind sie fortgesegelt. Und eure Galeere ist in Sicht!«

»Meine ›Sirene‹?« schrie der Ritter auf, sich wieder ermannend.

»Ja, ich habe sie von oben gesehen.«

Der Edelmann sprang wie neubeseelt auf. Neue Hoffnung erfüllte sein Herz. Er bedachte nicht, wie wenig das eine Schiff den Feinden gewachsen war.

Beide stiegen auf die obere Plattform. Auch dort lag alles in Trümmern, und zwischen den Ruinen sah man nichts als Leichen.

Die Sonne verklärte Meer und Küsten. Gegen Norden zeigte sich ein großes Schiff, dessen Rutensegel und Flagge die Herkunft von Malta bekundeten. Auf dem Verdeck glänzten Helme und Panzer im Sonnenstrahl.

»Meine Sirene!« Der Ritter breitete die Arme aus, und ein Leuchten flog über sein Gesicht. »Warum konnte sie nicht früher kommen! Aber ich fühle mich bei ihrem Anblick wieder stark. Wir werden die Korsaren verfolgen, wenn nötig, selbst bis nach Algerien. Wir müssen sie schlagen und Zuleik, den Verräter, strafen!«

»Die Räuber sind nach Südwesten abgesegelt!«

»Alle?«

»Ja, zusammen mit der voraussegelnden Feluke.«

»Warst du beim letzten Kampf, Eisenkopf?«

»Gewiß, und meine Keule hat Wunder getan!«

»Wer hat Donna Ida gefangen genommen?«

»Zuleik. Die Unsrigen waren alle verwundet oder tot bis auf mich!«

»Hat man Gewalt gegen sie gebraucht?«

»Nein, die Gräfin war ohnmächtig, als man sie forttrug. Und ihre Begleiterinnen hat man auch mitgenommen.«

»Aber auf welche Weise bist du entronnen?«

Der berühmte Nachkomme der Barbosa, der um ein Drittel magerer geworden, kraute sich verlegen den Kopf.

»Du bist einfach ausgerissen, hast dich versteckt?«

In diesem Augenblick fielen zwei Kanonenschüsse und überhoben Eisenkopf der Antwort.

Die »Sirene« erschien im Hafen.

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