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Der algerische Panther

Emilio Salgari: Der algerische Panther - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorEmilio Salgari
titleDer algerische Panther
publisherVerlag Ullstein GmbH
seriesUllstein Abenteuer
isbn3548210694
year1987
translatorM. von Siegroth
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080317
projectidd04d3203
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Die Verwandlung

Während Michele und der Ritter ein Feuer machten, um die triefenden Kleider zu trocknen, errichtete der Kabyle mit Hilfe der Neger eine Hütte aus Zweigen für die todmüde Prinzessin.

Nachdem die wenigen, noch übriggebliebenen Eßvorräte geteilt waren, legte man sich zur Ruhe. Die Neger übernahmen abwechselnd die Wache.

Nichts störte den Schlaf der Erschöpften. Nur gegen Morgen ließ ein Rudel Schakale ihr scheußliches Geheul ertönen, das aber bald nach einigen Flintenschüssen verstummte.

Um 5 Uhr früh waren die Geflüchteten wieder um ein Feuer versammelt.

»Vor allem müssen wir uns Lebensmittel und Reittiere verschaffen, Pferde oder Kamele!« sagte der Normanne.

Der Kabyle wollte das übernehmen.

»Ich laufe zu einem mir befreundeten Stamm, der, außer vielen Hammeln und Kamelen, auch einige echte Berberpferde hat!«

»Ist es weit von hier?« fragte Amina.

»Etwa 10 Meilen! Sie kampieren in der Ebene von Bogdar!«

»Also wirst du in 4 Stunden dort sein!«

»So lange brauche ich nicht! Ich und mein Neger haben gute Beine!«

Die Prinzessin zog eine schwere Börse aus dem Gürtel und übergab ihm 50 Zechinen.

»Feilsche nicht, und sieh zu, daß es widerstandsfähige Tiere sind!«

»Ich verstehe mich darauf!«

»Wo werden wir uns nun hinwenden?« fragte der Baron. »Nach Algier?«

»Wollt ihr den Tod suchen?« Amina seufzte.

»Binnen 24 Stunden würdet ihr ein Gefangener sein!« rief der Normanne. »Man verhaftet schon jede Person, die euch nur entfernt ähnlich sieht!«

»Ich kann aber nicht länger die Tage tatenlos in der Wildnis verbringen!«

Die Prinzessin sah eine Weile schweigend vor sich hin, dann hob sie den Kopf, als ob sie plötzlich einen Gedanken gefaßt hätte, und sagte lebhaft: »Wir werden den Baron nach Algier bringen, und ich bin sicher, niemand wird ihn wiedererkennen! Selbst Zuleik nicht!«

»Wie das?« Michele sah sie verwundert an.

»Wir werden ihn sogar in die Kasbah führen, in den Harem des Bey! Er muß sich aber zuvor einer Verwandlung unterziehen. Das könnten wir in einem meiner Schlösser besorgen. Vorausgesetzt, daß ihr zustimmt, Ritter!«

»Ich bin zu allem bereit, wenn ich nur nach Algier komme!«

»Wir müssen den Baron in ein Mädchen verwandeln!«

»Donnerwetter!« rief der Seemann belustigt. »Eine kühne Idee! Aber er ist ja jung, hübsch und bartlos. Da wird ihn niemand für einen Mann halten!«

Sant' Elmo dachte nach. In dieser Verkleidung konnte es ihm gelingen, die Gräfin Santafiora zu befreien. Die Aussicht verlockte ihn.

Eisenkopf hielt sich zwar den Leib vor Lachen, wurde aber still, als ihm der Normanne das Unpassende seiner Haltung vorwarf.

»Ich nehme euren Vorschlag an!« sagte der Ritter.

»Dann laßt uns, sobald die Pferde angelangt sind, nach meiner Besitzung Top Hané reiten! Sie liegt zwischen Blidah und Milanah. Dort finden wir alles zu eurer Verwandlung!«

Gegen Mittag war der Kabyle zurück. Er brachte zehn prächtige Renner und reichliche Mundvorräte mit.

Nach der Mahlzeit begann der Rückzug. Selbst Achmed, der die Strapazen des vorigen Tags gut überstanden hatte, konnte eins der Tiere besteigen.

»Ihr kommt zu mir«, sagte die Prinzessin zu ihm und seinem Bruder, »und sollt den Verlust eures Duars nicht bereuen! Ich habe Vieh und Ländereien genug!«

»Dank für euren Großmut, Herrin, wir wollen fortan eure Diener sein!«

»Galopp!« kommandierte Amina in bester Laune. »Wenn wir auf Janitscharen stoßen, wollen wir ihnen Bewegung machen!«

Der Kabyle hatte eine gute Wahl unter den Pferden getroffen. Die zehn Wüstensöhne flogen wie der Blitz dahin durch Täler, Wälder und Steppen. Man begegnete niemandem.

Die mit der Gegend genau vertraute Prinzessin hatte die Führung übernommen. Sie wußte den kürzesten Weg.

Schon gegen drei Uhr nachmittags waren sie zwischen den steinigen Hügelketten, welche die Festung Modeah von Milanah trennten.

Das Land war damals spärlich bewohnt, nur einige Dörfer und kleine Duargruppen waren zu finden. Nirgends lagen Truppen. Der Bey hielt seine Streitkräfte in den Küstenplätzen zusammen, die auch allein Gefahr liefen, von den Galeeren der Malteser und anderer Christenstaaten angegriffen zu werden.

Um acht Uhr abends erreichte man das Schlößchen Top Hané. Es besaß zwei kleine Türme und einige Bastionen und lag an einem großen stehenden Gewässer.

Amina begrüßte den Verwalter und fragte sogleich nach Zuleik. Sie fürchtete, daß er Wächter zu all seinen Besitzungen geschickt hätte, um des Ritters Aufnahme zu verhindern, aber keiner hatte sich dort gezeigt.

Trotzdem schien langer Aufenthalt nicht ratsam. Zuleik konnte das Land absuchen lassen. Es wurde also beschlossen, nur die Nacht daselbst zu bleiben und am nächsten Tage nach Algier zu reiten, ehe sich die Kunde von dem erfolglosen Zug der Janitscharen verbreitet hatte. Zur Sicherheit wurden in den nächsten Waldungen Wachen ausgestellt.

Aber die Nacht verlief ohne Alarm. Wahrscheinlich hatte der Maurenfürst die Verfolgung am Flußlaufe fortgesetzt, in der Annahme, daß die Flüchtenden einen Hafenplatz zu erreichen suchten, um dort per Schiff nach Algier zurückzukehren.

Am andern Morgen unternahm Amina selbst die Unkenntlichmachung des Barons. Sie verfügte über einen reichen Schatz ererbter Gewänder und Schmucksachen.

Um jeden Verdacht fernzuhalten, wollte sie ihn als Marokkanerin verkleiden.

»Laßt mich den Ritter nach der Stadt begleiten!« sagte der Normanne. »Euer Geleit, Prinzessin, würde gefahrbringend sein, da man sicher alle eure Unternehmungen jetzt überwachen wird. Wir haben ja das Haus des Renegaten, eines zuverlässigen Mannes, der uns verstecken wird, bis sich für den Baron Gelegenheit bietet, in die Kasbah zu kommen! Erinnert ihr euch jenes Mannes in dem verwahrlosten Hause, den eure Neger einst rücksichtslos geraubt hatten?«

Amina lächelte, eingedenk ihrer Neugierde nach der ersten Begegnung mit dem Baron.

»Für den Eintritt unseres Freundes in die Burg werde ich sorgen!« sagte sie. »Mit Hilfe eines guten Geschenks wird es mir nicht schwerfallen, den Vorsteher der Eunuchen zu gewinnen!«

Wenn es auch dem Ritter innerlich widerstrebte, Frauenkleider anzuziehen, so überwand er sich doch durch die Hoffnung, endlich seine Mission erfüllen zu können.

Seine blonden Locken wurden in zwei Zöpfe geflochten und mit Zechinen behängt, die Augen mit schwarzen Strichen untermalt und die Nägel mit Henna gefärbt, das ihnen ein gelblich-glänzendes Aussehen gab. Seine Bekleidung bestand in einer rotseidenen, goldgestickten Weste mit langen Goldfransen, einer bunten Schärpe und weißseidenen Puffhosen, die bis hinunter zum Fußansatz gingen. Ein prachtvoller, gestickter Mantel mit weiten Ärmeln vervollständigte die Toilette.

»Ihr seid ja eine blendende Schönheit geworden!« rief Michele bei seinem Anblick bewundernd aus.

»Ich würde stolz sein, der Haushofmeister einer solchen entzückenden Frau zu werden!« meinte Barbosa.

»Euer Dienst ist vorläufig nicht vonnöten!« sagte der Seemann trocken. »Ihr bleibt bei der Prinzessin, denn eure rundliche Gestalt würde uns alle verraten! Später treffen wir uns beim Renegaten wieder!«

Die Kabylen und ihr Sklave waren ebenfalls als Marokkaner verkleidet. In blauen Mänteln und riesigen weißen Turbanen warteten sie schon im Hofe neben einer reichgeschmückten, von zwei Pferden getragenen Sänfte.

Der Normanne hatte das Gewand eines Rifbewohners angelegt, das sich noch in den Schränken des Schlosses vorfand. Nach Art jener stolzen, kriegerischen Leute hatte er sich ein ganzes Waffenlager in den Gürtel gesteckt.

Tiefbewegt nahm die Prinzessin von dem Baron Abschied.

»Ehe ihr Algier verlaßt, werde ich Mittel und Wege finden, euch noch einmal zu sehen!«

Tränen schimmerten in ihren Augen, als sie ihm die Hand reichte, die sie ihm gleich darauf hastig entzog, als ob seine Berührung ihr Schmerz verursachte.

Der Ritter bestieg die Sänfte, winkte noch einmal und legte sich dann sinnend in die Kissen zurück. Der wehmutsvolle Blick der Maurin hatte ihm ans Herz gegriffen.

In brennender Sonne ging es durch die schattenlose Ebene. Der weiße, staubige Weg schlängelte sich durch Safran- und Hirsefelder hindurch.

In der Entfernung erblickte man wohl einige Zelte, aber kein Bauer war auf den Äckern zu sehen, so ausgestorben lag alles unter dem glutvollen Himmelsgestirn.

Nur langsam trottete der kleine Zug vorwärts. Gegen Mittag wurde unter einigen Feigenbäumen Rast gemacht, um das Frühstück zu verzehren und den Tieren etwas Ruhe zu gönnen. Da jeder mit seinen Gedanken beschäftigt war, wurde kaum ein Wort gesprochen.

Erst gegen vier Uhr kamen die hohen Minaretts von Algier in Sicht, die sich scharf unter dem azurblauen Firmament abhoben.

Michele ritt zur Seite der Sänfte.

»Wir werden bald bei den Wachtposten sein«, sagte er. »Sprecht kein Wort, überlaßt es mir, mit den Leuten zu reden! Da es sich um eine Dame und noch dazu um eine marokkanische Prinzessin handelt, werden sie nicht wagen, euch allzu genau zu betrachten! Übrigens ist es auch unmöglich, euch zu erkennen!«

Sie stiegen den Hügel herab und wandten sich jetzt der Stadt zu auf einem breiten, von herrlichen Palmen beschatteten Wege, der zum Westtor führte.

Der Neger hatte einen großen Sonnenschirm aus roter Seide aufgespannt, ein Zeichen, daß er im Dienste einer hohen Persönlichkeit stand.

Wie der Normanne erwartet hatte, war das Tor von zahlreichen Soldaten bewacht. Jeder, der aus und ein ging, wurde scharf beobachtet und befragt.

Man hoffte offenbar, den Baron oder einen andern am Morde des Generalkapitäns Beteiligten zu erwischen.

Der Schmuggler nahm eine nachlässig-würdevolle Haltung an, als ob er der Haushofmeister einer fürstlichen Familie wäre.

Der Offizier der Wache näherte sich, gefolgt von vier Soldaten, respektvoll der Sänfte und winkte Halt.

Michele folgte jedoch nicht, sondern rief mit lauter Stimme:

»Platz für die Tochter des Statthalters von Nadjah, die Prinzessin Zamora Ain Faiba el Garbhi!«

»Verzeiht, aber ich bin verpflichtet, alle Ankommenden zu sehen! Befehl des Bey!« versetzte der Anführer der Soldaten höflich, aber bestimmt.

»Auch Fürstinnen? Ich werde dem Sultan von Marokko berichten, wie man die Seinigen in Algier behandelt!«

»Ich muß dem Befehl gehorchen! Es genügt mir, festzustellen, ob sich in der Sänfte wirklich eine Dame befindet!«

Er näherte sich dem Vorhang, warf einen Blick auf den Baron, der den Schleier ein ganz klein wenig gelüftet hatte:

»Passiert!«

Und die Wachen ließen den kleinen Zug durch.

»Das war gutgegangen!« meinte Michele befriedigt.

Um nicht Verdacht zu erregen und von Spionen beobachtet zu werden, nahm man den Weg zum Hafen durch das dichteste Gewühl von Seeleuten, Händlern und Soldaten.

Ein grauenhafter Anblick überraschte sie da. Auf Eisenpfählen steckten die Körper von fünf weißen Sklaven. Noch zuckten die Unglücklichen in ihren furchtbaren Qualen. An ihren Füßen trugen sie Schilder in arabischer Schrift:

»Gepfählt als Mörder des Galeerenkommandanten Cukelubi!«

»Schurken!« knirschte der Normanne. »Sie verdienen ihren Beinamen ›Panther‹, diese Mauren!«

Man beeilte sich, von der Stätte des Unheils fortzukommen.

Vom »Sklavenmarkt« aus ging es hinauf zur Kasbah. Gegen Sonnenuntergang erreichte man das Heim des Renegaten. Ehe Michele dort eintrat, überzeugte er sich ringsum, ob auch niemand ihnen gefolgt sei.

Ihr biederer Freund saß, seiner Gewohnheit gemäß, bei einer Flasche guten Weins, die ihn tröstete für all die Unbill, die er im fremden Lande erlitt. Die Muselmänner verachteten die Abtrünnigen und betrachteten sie als unreine Wesen.

Beim Anblick der Marokkaner mit der Sänfte zeigte sich dieser so entsetzt, daß er fliehen wollte. Erst der Anruf des Normannen: »So empfängst du Gäste?« brachten ihn zur Besinnung.

»Michele«, rief er erstaunt, »du bist es? Weißt du, daß der Mirab...?«

»Nicht mehr in seiner Cuba ist, ja! Schließe das Tor und hole Licht!«

Der noch ganz verblüffte Mann gehorchte. Als er mit einer Lampe wiederkam, hätte er sie vor Schreck beinahe fallen lassen, als er eine entschleierte, reichgekleidete Dame erblickte.

»Still, keinen Lärm! Du hast sie schon mehrmals gesehen und ihr von deinem Alicante vorgesetzt!«

»Ihr erkennt mich also nicht?« fragte Sant' Elmo.

»Die Stimme des Barons! Und ich glaubte, ihr wäret ermordet!«

»Hier, nehmt zehn Zechinen und schafft das Beste zur Stelle!« sagte Michele. »Nachher sprechen wir uns aus!«

Das Gold beflügelte des Wirtes Schritte. Bald stand das Essen und eine Falsche Xeres auf dem Tische.

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