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Der algerische Panther

Emilio Salgari: Der algerische Panther - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorEmilio Salgari
titleDer algerische Panther
publisherVerlag Ullstein GmbH
seriesUllstein Abenteuer
isbn3548210694
year1987
translatorM. von Siegroth
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080317
projectidd04d3203
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Zuleiks Zorn

Der Kabyle hatte mit einem Pfiff seinen Sklaven gerufen, der die Pferde abzäunte und unter ein aus trockenem Rohr hergestelltes Dach führte. Dann geleitete er seine Gäste in das größere, luftigere Zelt, wo auf einer frischen, weißen Matte zwei gebratene Lämmer ihrer harrten, dazu Brotkügelchen sowie Töpfe mit gestoßenen Datteln, die in einer gelblichen Sauce schwammen, und Haufen von Pflaumen und Aprikosen.

An einem Strick hing ein Schlauch mit Kamelmilch, das einzige Getränk der algerischen und marokkanischen Duarbewohner.

Ibrahim nötigte seine Gäste, Platz zu nehmen, zerteilte den Braten und bot ihnen die besten Stücke an.

»Das ist ein Frühstück, das sich sehen lassen kann!« meinte Eisenkopf, der den appetitlichen Duft des knusprigen Lamms mit Wollust einatmete. »Gott sei Dank, kein ranziges Öl mehr!«

Nach dem Essen machte der Kabyle dem Seemann ein Zeichen, mit ihm ins Freie zu kommen.

»Dein anderer Freund ist auch schon hier!« sagte er. »Du findest ihn in Achmeds Zelt!«

»Ich danke dir, daß du ihn beherbergt hast! Er wird dir deine Gastfreundschaft reichlich belohnen! Weißt du, wer der Jüngling ist?«

»Ich habe kein Recht, dich danach zu fragen!«

»Es ist einer der mächtigsten Herren Algiers!«

»Ein Mann?«

Der Normanne schien diese Frage zu überhören. »Und mein anderer Begleiter ist einer der tapfersten Krieger in seiner Heimat!«

»Also kein Algerier?«

»Nein, und ich bin es auch nicht!«

»Ich hatte es schon vermutet, trotz deiner braunen Haut! Aber wer du auch seist, du wirst stets mein Bruder bleiben, und meine Dankbarkeit wird nicht enden, wärest du selbst ein Ungläubiger!«

»Dank dir, Ibrahim! Aber nun wollen wir die beiden Jünglinge, den blonden und den schwarzen, allein lassen! Sie haben sich manches zu sagen, was andere nicht zu hören brauchen!«

Michele entfernte Eisenkopf und die beiden Neger unter dem Vorwande, daß der Ritter der Ruhe bedürfe.

Kaum hatten sie alle das Zelt verlassen, in dem sich der Baron behaglich ausstreckte, als leise der junge Algerier eintrat.

Er blieb einen Augenblick an der Tür stehen; dann ließ er seinen Mantel fallen.

Bei dem leisen Geräusch wandte Sant' Elmo hastig den Kopf. Ein Schrei der Überraschung entfuhr ihm:

»Ihr, Prinzessin?« rief er aufspringend.

Er sah sie mit finsterem Blicke an.

»Ich schulde euch viel, ich weiß es, aber...«

»Aber ihr zürnt mir noch immer! Wohl habe ich euch Leid angetan, was ich tief bereue, doch habe ich es gesühnt, indem ich euch wieder befreite! Ich habe aus Liebe zu euch gefehlt...!«

»Wenn ich mich nicht gebunden fühlte, Amina, ihr wäret meinem Herzen näher getreten! Ihr habt eine edle Seele!«

»Auf mir lastet ein trauriges Verhängnis, Ritter«, sagte sie, schwer atmend, indem sie im Zelte langsam auf und nieder ging. »Diejenigen, die ich liebe, sind stets für mich verloren...! Mein Traum ist nun zu Ende... Werdet glücklich mit eurer Verlobten!«

»Ihre Befreiung wird noch ein Dornenpfad sein!« seufzte er.

»Mit meiner Hilfe wird es gelingen! Vor allen Dingen habt ihr einen wahnsinnig eifersüchtigen Nebenbuhler zu fürchten, der alles daransetzt, die Gräfin zu entführen!«

»Prinzessin, ich weiß, ihr meint euren Bruder, dessen Pläne ihr ja durchkreuzen würdet, wenn ihr mir helft!«

Sie hielt in ihrer ruhelosen Wanderung inne und sprach mit fester Stimme:

»Auch er muß die Christin verlieren, um unserer Religion willen! Auch er muß überwinden, wie ich überwinden mußte!« Nach kurzem Schweigen fuhr sie fort:

»Er wird nichts erreichen! Nur selten kommt ein Mädchen, das einmal die Kasbah betreten, dort lebend heraus!«

Sant' Elmo fuhr erschreckt auf:

»Also habe ich keine Hoffnung, glaubt ihr?«

»Vielleicht doch! Wartet meine Rückkehr ab! Wer weiß, was inzwischen in Algier geschehen ist! Man wird jetzt wissen, daß ihr in Culkelubis Ermordung verwickelt seid, und wird euch suchen!«

»Amina, ich zittere für euch. Wenn man entdeckt hat, daß ihr mir zur Flucht verholfen...«

»Man wird einer Nachkommin der Kalifen kein Haar krümmen! Es wäre denn einer... aber dem bin ich gewachsen!«

»Zuleik?«

»Ja, mein Bruder...! Doch jetzt: lebt wohl, Ritter! Ich lasse meine Neger zum Schutze bei euch!«

»Dank, tausend Dank für alles!«

Sant' Elmo näherte sich ihr und ergriff ihre Hand.

»Ich bin tiefbewegt von eurer Großmut, Prinzessin! Algier hat wohl Panther unter seinen Leuten, aber auch goldene Herzen, Frauen edelster Art!«

Sie sah ihn voll unendlicher Traurigkeit an. Dann entzog sie ihm schnell ihre Hand und eilte hinaus.

Draußen bestieg sie ihr Pferd, das ein Neger bereithielt, und raste im Galopp den Hügeln zu.

Das scharf gespornte Tier machte ungeheure Sätze, die einen weniger geübten Reiter sicher aus dem Sattel geworfen hätten. Der Prinzessin Erregung bedurfte jedoch der Ablenkung in andere Bahn, daher nahm sie keine Rücksicht auf das schöne Pferd.

Es ging über Täler und Höhen, durch dunkle Wälder hindurch, über Felsgestein und Bäche, ohne Rast. Erst an Modeah, dann an Blidah vorbei. Der Abend dämmerte schon.

In der Nähe der Kasbah verlangsamte sie endlich den Ritt.

Mehr als 30 Meilen hatte der Renner ohne Ruhepause zurückgelegt. Jetzt begann er zu lahmen, und, kaum im Hofe des Palastes angekommen, brach das edle Pferd zusammen.

»Armer Casmin!« sagte Amina traurig, »du hast dein Leben für mich geopfert!« und streichelte das sich auf dem Pflaster wälzende Tier.

Sie selbst hatte ihre Ruhe zurückerlangt.

Die Dienerinnen eilten herbei, erstaunt, die Prinzessin in diesem Aufzug zu finden.

»Euer Bruder erwartet euch, Herrin!« sagte der Haushofmeister.

»Wo ist er?«

»Im grünen Saal!« Und sie folgte dem Fackelträger über die Marmortreppe.

»Wo kommst du her?« rief ihr Zuleik herrisch entgegen, indem er sie von Kopf bis zu Füßen maß, da sie das männliche Gewand noch nicht abgelegt hatte.

Sie warf stolz das Haupt in den Nacken.

»Ich tue, was mir gefällt...! Habe den Tag über Gazellen gejagt!«

»Aber nicht auf unseren Besitzungen!«

Er näherte sich ihr und zischte voller Wut:

»Du hast in dieser Verkleidung einem Christen zur Flucht verholfen!«

»Wem?«

»Baron Sant' Elmo!«

»Und wenn es so wäre?«

»Dann wäre unser Haus entehrt!«

»Der Baron hat keinen Anteil an dem Morde!«

»Aber er floh mit den Renegaten und muß ihr Los teilen!«

»Dein Vater war großmütiger, Zuleik! Er rettete die Christen Granadas, als seine Generäle sie niedermetzeln wollten. Gedenke unseres Ahnherrn Omar, der unter den Mauren Cordovas den spanischen Feldherrn freigab, ohne Rücksicht auf den Zorn der Soldaten!«

»Ich bin weder Achmed noch Omar! Ich werde den Christen zu finden wissen!«

Er verließ wutentbrannt den Saal.

Auf der Treppe kam ihm der Mirab, geführt von einem Diener, entgegen.

Zuleik stutzte.

Der Alte zu dieser Stunde ...? Ein Gedanke durchzuckte sein Gehirn, ein Verdacht. Er rief den Haushofmeister zur Seite und befahl ihm, hinter der geheimen Tür des grünen Saals das Gespräch zwischen seiner Schwester und dem Mirab zu belauschen.

»Wenn du mir melden kannst, was beide gesprochen, so schenke ich dir morgen die Freiheit! Andernfalls lasse ich dich zu Tode prügeln!«

Nachdem er ihm noch eingeprägt, zu beobachten, wohin sich der Mirab beim Heimweg wende, ritt er zum Bagno der Paschas.

»Der Ritter läßt seine Gebeine hier«, murmelte er vor sich hin, »und Amina verliert ihr Spiel!«

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