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Der algerische Panther

Emilio Salgari: Der algerische Panther - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorEmilio Salgari
titleDer algerische Panther
publisherVerlag Ullstein GmbH
seriesUllstein Abenteuer
isbn3548210694
year1987
translatorM. von Siegroth
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080317
projectidd04d3203
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Im Bagno von Sidi Hassan

Das Bagno von Sidi Hassan war eins der kleinsten Algeriens, aber ebenso berüchtigt wie das von Salé, das von den Christensklaven am meisten gefürchtet wurde.

Während die andern weite Höfe und Terrassen besaßen, wo die Gefangenen frei spazieren gehen konnten, und Zellen über der Erde, gab es hier nur tiefe, feuchte von Skorpionen und anderem Ungeziefer wimmelnde Kellerräume, »Matamur« genannt, die nur durch enge Eisensparren Licht und Luft bekamen.

Die Insassen dieser Löcher wurden, um ihre Flucht zu verhindern, allabendlich angekettet und Tag und Nacht streng von Janitscharen bewacht.

Das Leben der hier Eingesperrten war entsetzlich. Arme und Füße fast immer in Ketten, hatten sie kaum ein elendes Strohlager, und als Nahrung nur ein wenig grobes Brot und einen Schluck ranzigen Öls oder eine Handvoll Oliven, nicht genügend, um ihr Leben zu fristen. Das geringste Vergehen gegen die Wächter wurde erbarmungslos bestraft; ein Fluchtversuch hatte die grausamsten Martern im Gefolge.

In den Galerien waren starke Eisenhaken angebracht, an denen Gefangene gespießt wurden. Folterkammern raffiniertester Art fehlten nicht. Der bloße Name dieses Kerkers versetzte schon die große Zahl der weißen, damals in Algier lebenden Sklaven -- es waren 36000 zu jener Zeit -- in Schrecken.

Der Baron war mit dem Katalanen zusammen in eine dieser unterirdischen Zellen gebracht worden, während er sich noch in bewußtlosem Zustand befand. Merkwürdigerweise waren sie beide nicht gefesselt worden; nur ihre Wachen hatte man verstärkt.

Er befand sich in einer Art Starrkrampf. Sein todesähnlicher Schlaf hatte Eisenkopf so große Angst versetzt, daß er kaum zurechnungsfähiger war als sein Herr. »Vielleicht wird er nie wieder erwachen«, so jammerte er an dem Lager des Ritters. »Es ist zu Ende, für immer zu Ende mit uns! Man wird uns in Stücke hacken oder in eine Kalkgrube werfen!«

Da gaben ihm einige abgerissene Worte, die der Baron im Schlafe sprach, wieder Hoffnung.

Sant' Elmo träumte vom Meer und seiner Galeere, von Zuleik, der die Tiorba spielte und dann das Instrument mit dem Schwerte vertauschte, und von Ida, die ihren Verlobten mit wehendem Tuche von der Schloßterrasse grüßte.

»Armer Herr«, seufzte Barbosa. »Er träumt von der Braut, die er niemals wiedersehen wird. Der Tag, an dem wir aus dieser Hölle hier unten zum Lichte geführt werden, wird unser letzter sein! -- Und wenn man bedenkt, daß wir es so gut hätten haben können bei der maurischen Prinzessin, wenn nur der Ritter gewollt hätte...«

Schließlich war Eisenkopf darüber eingeschlummert.

Da schreckte ihn das Klirren schwerer Schlüssel wieder auf.

Ein Wärter mit einer langen Peitsche war in Begleitung zweier Janitscharen eingetreten.

»Wer von euch beiden ist der Diener?« fragte er herrisch.

»Ich bin es«, stammelte Eisenkopf erblassend.

»Folge mir, verfluchter Christ!«

»Es geht nicht. Ich muß bei meinem kranken Herrn wachen. Was wünscht ihr von mir?«

»Ich glaube, man will dir die Fußsohle kitzeln. Morgen wirst du schwer laufen können!«

»Ich wüßte nicht, daß ich jemand etwas zu leide getan hätte!«

»Du bist ein Christenhund und damit basta. Jetzt tummle dich aber, Dickbauch, sonst wälzen wir dich hinaus!«

»Habt doch Mitleid mit meinem armen Herrn und sprecht nicht so laut!«

Ein Stoß, begleitet von einigen Tritten, brachten ihn schnell auf die Beine.

»Verdammte Muselmänner!« murmelte er beim Hinausgehen. »Wenn ich nur meine Keule hätte...«

»Vorwärts!« schrie der Wärter. »Der Kerl schwatzt wie eine Elster und zittert wie ein Frauenzimmer!«

Die beiden Janitscharen hatten ihn unter die Arme gefaßt und schleppten ihn unter Drohungen und Flüchen in einen Saal, der unter dem Hofe lag, und der durch Glasscheiben von oben Licht erhielt. Die Wände waren mit großen Haken gespickt. Lange Eisenpfähle, Sägen von riesenhafter Fasson, große Kessel, Messer und andere Folterwerkzeuge füllten den Raum. Vier auf Spieße gesteckte, frisch abgeschnittene Köpfe erhöhten seinen Schrecken.

»Ist das ein Schlachthaus?« fragte Eisenkopf.

Der Wärter lachte roh.

»Fühlst du dich unwohl? Du bist leichenblaß! Soll ich dir Farbe von dem Blut der Geköpften geben?«

Dem sonst so phlegmatischen Katalanen trieb die Beleidigung das Blut in die Wangen.

»Halunke!« schrie er und gab mit seiner großen, schweren Hand dem Wärter eine solche Ohrfeige, daß dieser taumelte und hinschlug.

Die Soldaten belustigten sich darüber.

»Meister Daud hat sein Fett gekriegt!« rief der eine und konnte sich kaum halten vor Lachen, als der Angegriffene mit blutender Nase aufstand.

»Gib's ihm wieder, Daud!« hetzte der andere.

Eben wollte sich der Wärter auf Eisenkopf stürzen, als ein Greis mit langem, graumelierten Bart und majestätischer Miene eintrat. Ein weiter Mantel aus dunkler Wolle umhüllte ihn, während auf dem Kopfe ein immenser Turban thronte.

»Der Kadi!« riefen die Janitscharen.

»Was geht hier vor?« fragte der Alte den Wärter, der sich in Positur gesetzt hatte.

»Der Christenhund empört sich, Herr!«

»Und du mißhandelst ihn ohne Auftrag! Hinaus mit dir!«

Dann näherte er sich dem Katalanen, betrachtete ihn aufmerksam und fragte: »Bist du Italiener?«

»Spanier!«

»Ich frage dich in deiner Muttersprache, bist du der Diener des Barons Sant' Elmo? Ich bin der Kadi!«

»Und ich Eisenkopf, der letzte Sproß des edlen Hauses Barbosa!«

»Der Generalkapitän will wissen, wer den Baron und dich nach Algier gebracht hat!«

Barbosa schwieg.

»Eisenkopf, hast du mich verstanden?«

»Ich bin nicht taub!«

»Dann antworte! Wir haben sonst die Mittel, auch Stummen die Zunge zu lösen!«

»Ich sehe es«, antwortete der Katalane, indem er sich umblickte.

»Dann rede!«

»Ein tunesischer Schwammhändler hat uns hergebracht!«

»War es wirklich ein Tunese?«

»Er sagte es«, erwiderte Eisenkopf, der sich schnell einen Plan zurechtgelegt hatte, entschlossen, den tapferen Normannen nicht zu verraten.

»War es nicht ein christlicher Schmuggler?«

»Er ein Christ? Nein, er betete den ganzen Tag zu Mohammed!«

»Wo ist der Mann zur Zeit?«

»Nach Marokko weitergesegelt, nachdem er uns gelandet!«

»Wie sah er aus?«

»Klein, dick wie ich, mit Spitzbart, sehr braun im Gesicht!«

»Irrst du dich nicht?«

Ich war drei Tage mit ihm zusammen, daher muß ich mich seiner erinnern können!«

»Wo habt ihr ihn getroffen?«

»In Tunis!«

»So habt ihr euch also nach dem Kampf mit unsern Galeeren nach Tunis begeben, und der Bey hat euch ruhig mit eurem Wrack einfahren lassen? Ein solcher Schwindel!«

Er wandte sich an die Janitscharen.

»Faßt den Mann!«

Eisenkopf war sehr blaß geworden.

»Was wollt ihr denn mit mir anfangen?«

»Bewirken, daß du die Wahrheit sagst!«

»Ich habe sie euch gesagt!«

»Du willst mich täuschen!«

»Ich schwöre...«

»Worauf?«

»Bei Gott oder Mohammed, wie ihr wollt!«

»Du wirst nachher schwören!«

Man warf ihn auf einen Tisch, band Hände und Beine fest und zog ihm Schuhe und Strümpfe aus.

»So, nun kitzelt ihn!«

»Er wird nicht lange trotzen und gestehen!«

Der Henker begann sofort so stark auf die Fußsohlen loszuschlagen, daß der Katalane laute Schmerzensschreie ausstieß.

Beim fünften Hieb machte der Kadi ein Zeichen.

»Willst du gestehen?«

»Ja, ja, alles, was ihr wollt!«

»Wie hieß der Schmuggler?«

»Ich glaube Cantalub!«

»Es war also kein Tunese?«

»Nein, ein Franzose!«

»War er groß, mit schwarzem Bart und stahlgrauen Augen?«

»Ja, ja, schwarz, groß und mit einer einem Papageienschnabel ähnelnden Nase!«

»Er ist es!« rief der Kadi triumphierend.

»Wo ist er jetzt?«

»Ich sagte euch, daß er nach Marokko fuhr!«

»Nach welcher Stadt?«

»Nach Tanger!«

»Nein, du irrst dich!«

»Oder er hat uns getäuscht! Er hat mir und meinem Herrn gesagt, daß er dort einen provenzalischen Gefangenen befreien wollte!«

»War seine Feluke grün bemalt?«

»Ja, ganz grün.«

»Heißt sie Medschid?«

»Mir scheint, so hieß sie!« rief Eisenkopf freudig aus, in der Hoffnung, so billig loszukommen.

»Culkelubis Verdacht war also berechtigt«, meinte der Kadi. »Er hat doch einen Falkenblick! -- Gut, wir lassen den Medschid suchen, und ist er in unseren Händen, werden wir dich dem Kapitän gegenüberstellen. Wir wollen sehen, ob er noch wagt, sich einen Rechtgläubigen zu nennen. Hast du uns aber getäuscht, dann wehe dir!«

»Und wenn ich die Wahrheit gesagt habe?« fragte Barbosa.

»Dann wirst du vom Kommandanten eine Belohnung bekommen!«

Auf einen Wink wurde er losgebunden und erhielt seine Fußbekleidung wieder.

»Führt ihn in seine Zelle zurück!«

Hinkend, mit geschwollenen Sohlen kam er dort an.

Das Zuschlagen der Eisentür hatte den Baron geweckt.

»Bist du es, Eisenkopf?« fragte dieser mit schwacher Stimme.

»Jawohl, Herr, wie durch ein Wunder bin ich dem Tod entronnen. Wie fühlt ihr euch jetzt? Vor kurzem spracht ihr noch irre!«

»Der Kopf ist mir schwer. Ich fühle Hammerschläge im Gehirn. Wo sind wir?«

»Im Bagno von Sidi Hassan. Ein scheußlicher Ort! Wir sind wie lebendig begraben!«

»Diesmal scheint es mit uns aus zu sein, mein armer Eisenkopf!« seufzte der Baron.

»Noch nicht ganz! Solange sie nicht den geheimnisvollen Seemann gefunden, der uns hergebracht hat, haben wir nichts zu fürchten. Freilich, was dann kommt, weiß ich nicht!«

»Den Normannen?« rief der Ritter erschrocken.

»Oh, nein, es handelt sich um einen ganz andern, den wir nie zu Gesicht bekommen haben! Um meine Fußsohlen zu retten, habe ich alles, was man wollte, bestätigt!«

In Kürze berichtete er Sant' Elmo, was sich zugetragen.

»Um einer Gefahr zu entgehen, hast du uns einer noch größeren ausgesetzt! Wenn nun der Mann gefunden wird?«

»Wer weiß, ob sie ihn entdecken!«

»Wir werden nicht lange hier unter der Erde bleiben! Man wird uns als Sklaven verkaufen!«

»Ich ziehe Sklaverei dem Tode vor, Herr Baron! Solange man lebt, kann man noch auf Rettung der Gräfin hoffen!«

Der Baron lächelte trüb.

»Sie ist für mich verloren. Wer weiß, was nicht schon mit ihr geschehen ist!«

Der stark schmerzende Kopf zwang ihn, sich wieder auf die Pritsche zu legen...

Niemand störte sie während des Tages.

Gegen Abend warf ihnen ein Wärter eine kleine Ration Oliven und grobes Gerstenbrot zu.

Auch während der Nacht blieben sie im Kerker. Man schleppte sie noch nicht als Sklaven auf die Galeere, wie der Ritter angenommen hatte. Die nächtliche Stille wurde nur durch das gleichmäßige Aufundniedergehen der Wachen vor ihrer Tür und über dem Gitter an der Decke ihrer Zelle unterbrochen.

Am andern Morgen weckte eine Überraschung neue Hoffnung in ihnen.

Im Brot, das ihnen zugeteilt wurde, fand der Katalane ein Silberröhrchen, nicht größer als ein Finger. Der Baron, der es untersuchte, entdeckte darin ein nach Ambra duftendes Billet.

»Ich erkenne den Duft«, sagte er düster. »Die Prinzessin steckt dahinter. Warum kümmert sie sich noch um uns!«

»Und wenn es vom Teufel käme, das Stück Papier! Wenn es uns nur aus diesem Loch herausbrächte!« meinte Barbosa.

Vorsichtig zogen sie das Röllchen hervor. Es standen nur wenige Worte darauf:

Heut abend. Der Mirab.

»Beim heiligen Isidorus!« rief Eisenkopf aus, »wie mag der Alte es nur angefangen haben, uns diese Nachricht zu übermitteln! Ist er so mächtig, daß er selbst der Wut des Kommandanten trotzen kann?«

»Er oder Amina!« sagte der Baron. »Wie es auch sei! Verspeisen wir unser Brot und warten wir die Ereignisse ab!«

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