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Der algerische Panther

Emilio Salgari: Der algerische Panther - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorEmilio Salgari
titleDer algerische Panther
publisherVerlag Ullstein GmbH
seriesUllstein Abenteuer
isbn3548210694
year1987
translatorM. von Siegroth
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080317
projectidd04d3203
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Die maurische Prinzessin

Wie alle Säle in den maurischen Palästen, war auch dieser große, von einer Kuppel überwölbte an den Wänden ringsum mit Diwanen ausgestattet. Teppiche lagen auf dem Mosaikfußboden, und an den hohen, vergitterten Fenstern hingen Vorhänge aus rotem, silber- und golddurchwirkten Stoff.

In der Mitte stand ein reich mit Silberplatten, Kristallflaschen und Bechern aus Lapislazuli gedeckter Tisch.

»Es scheint, Herr Baron, daß wir in ein Schloß aus ›Tausendundeiner Nacht‹ geraten sind. Es fehlt nur noch die Fee!« sagte Eisenkopf mit einem liebevollen Blick auf die Weinflaschen, die teils wie Rubin, teils wie Ambra schimmerten.

»Wahrhaftig, es ist wie ein Traum. Wenn dieser nur nicht ein schlimmes Ende nimmt!«

»Warten wir ab, einstweilen geht alles gut!«

Diener brachten jetzt große Schüsseln mit Speisen aller Art, Hühner, Fischen, gebratenem Hammelfleisch u.a.

Die seit mehr als 24 Stunden Fastenden zögerten nicht zuzugreifen. Die Speisen waren vortrefflich, nur die Saucen hatten einen eigenen Beigeschmack. Besonders mundeten ihnen die süßen Gerichte.

Entgegen den Landessitten, wurden ausgezeichnete italienische und spanische Weine gereicht.

Nach dem Mokka bot man auf goldener Schüssel eine süße Speise an, die stark nach Muskat und Nelken duftete und von violetter Farbe war.

»Was ist das?« fragte Eisenkopf den servierenden Neger, einer von denen, der sie begleitet hatte.

»Madjum«, antwortete der Gefragte lächelnd. »Meine Herrin hat es hergeschickt!«

»Bei diesem Namen bin ich so klug wie zuvor!«

»Ist deine Herrin schon hier?« Voll heimlicher Besorgnis fragte es der Ritter.

»Ich weiß es nicht«, war die Antwort.

»Sehr diplomatisch«, nahm Eisenkopf wieder das Wort. »Darf man wenigstens wissen, warum deine Herrin so viel Interesse für uns Christen hat?«

»Ich darf mich um die Geheimnisse meiner Herrin nicht kümmern!«

»Könnten wir aber erfahren, wer jene Dame ist?«

»Eine maurische Prinzessin!«

Aus ihm ist nichts herauszubekommen«, meinte Barbosa. »Ich bin nur neugierig, in welchem Zusammenhang die Prinzessin mit dem Zuleikschen Palaste steht!«

»Es wird eine Verwandte sein...«

»Donnerwetter«, rief jetzt der Katalane, »mir dreht sich der Kopf. Ob das nicht von der süßen Speise ist!«

»Auch ich fühle Müdigkeit«, sagte der Baron. »Neger, hast du uns vergiftet?«

Der Riese lächelte nur und sagte: »Haschisch!«

Eisenkopf war schon auf die Polster gesunken und schnarchte.

Der Baron kämpfte auf einem Lehnstuhl vergeblich mit dem Schlafe, während der Neger ihm ein Seidenkissen unter den Kopf schob.

Das Madjum, diese im Orient und in Nordafrika so beliebte, bläuliche Speise, hatte seine Wirkung geübt und beide in einen rauschartigen Zustand versetzt.

Wie das Opium in China, führt es in das Reich der Träume ...

Kein menschliches Wesen ist imstande, der Wirkung dieses von alten Zeiten her überlieferten Rauschmittels zu widerstehen. Es wird aus Butter, Honig, Muskat, Gewürznelken und dem Extrakt von Hanf bereitet. Seine Wirkung ähnelt der des Opiums, ist aber feiner. Alle im Laufe der Zeiten dagegen gerichteten Verbote waren erfolglos. Der häufige Genuß der Speise untergräbt allmählich den menschlichen Organismus.

Während Eisenkopf nur von Riesenweinflaschen und von Tabak rauchenden Berbern und Türken träumte, hatte der fantasiebegabte Ritter andere Visionen.

Vor seinen offenen, unbeweglich starrenden Augen zogen Galeeren mit goldenen Segeln und silbernem Mastbaum vorüber, die, getrieben von einer Sturmbraut, auf einem Milchmeer schifften. Er sah zauberhafte Paläste mit leuchtenden Kuppeln, die an den Ufern eines ganz mit Lotosblättern bedeckten Sees lagen und sich von einem violetten oder grünlichen Horizont abhoben. Er erblickte herrliche Gärten, wo inmitten duftender Rosen anmutige Mädchen einen Tanz aufführten und ihn einluden, daran teilzunehmen, während ein hinter Sträuchern verstecktes Orchester seine Ohren mit himmlischen Melodien umschmeichelte.

Dann wieder wechselten die Bilder. Kämpfende Schiffe sah er und glaubte, Kanonendonner, Seufzer von Sterbenden und Siegesgeschrei zu hören. Vor seinen Augen erschienen Palmenwälder, grüne Ebenen, wo Reiter mit weißen, fliegenden Mänteln und blitzenden Säbeln dahinsausten, geführt von einem Krieger auf schneeweißem Rosse, und der Krieger glich Zuleik... Und nun erblickte er inmitten von Diwanen, Fontänen und einer Unzahl Spiegeln, umhüllt von einer duftigen Wolke, eine wunderschöne Maurin, die ihm zulächelte und ihm winkte, ihr zu folgen. Dieses Bild verwandelte sich aber im Moment in ein zartes, junges Mädchen im blauen Seidengewande mit blassem Antlitz, die langen Haare aufgelöst über die Schultern fallend. Sie hatte die Arme mit verzweifelnder Gebärde erhoben und weinte. Es war die junge Gräfin Santafiora...

Die Maurin jedoch erschien immer wieder. Sie tauchte auf aus den Meereswellen, schwebte hoch über Berggipfeln und Palmenkronen, über Wüstensand und Sümpfen. Immer sah er jene großen, tiefen Augen, als ob sie bis ins Innere seiner Seele schauen wollten... Immer winkte sie ihm zu, ihr zu folgen in die Wälder, auf die leuchtenden Sümpfe ... Sie lächelte... lächelte...

Diese Bilder wichen dann schließlich einem prachtvollen Saal. Die Lichtstrahlen drangen durch die goldig schimmernden Scheiben der Kuppel und brachen sich tausendfältig an den weiß und blauen, mit maurischer Keramik verzierten Wänden. Palmen ragten aus Onyxvasen, und der süße Duft der Rosen von Bagdad erfüllte den Raum.

In seiner Mitte stand an einem goldenen Dreifuß, auf dem Räucherwerk brannte, eine wunderschöne Frau, von Schleiern umhüllt, die nackten Arme von goldenen und silbernen Schlangen umwunden...

Sie sah ihn zärtlich an und murmelte: »Armer, junger Ritter!«

Der Baron sprang auf. Die Wirkung des Haschisch war verflogen.

Er sah die geträumte, bunte Kuppel, die prächtigen Teppiche, die seidenen Diwane, die Palmen, den Dreifuß mit der bläulichen Räucherflamme und -- die Dame vor sich. Nur war es nicht mehr Tag. Ein großer venezianischer Kristallkronleuchter erhellte einen Tisch mit köstlichen Früchten und Süßigkeiten. Er rieb sich die Augen, blickte um sich und murmelte: »Wo bin ich?... Eisenkopf, wo steckst du?«

Ein silbernes Lachen ertönte. Es kam von der schönen Frau inmitten des Raumes.

Und er erkannte plötzlich in ihr die Prinzessin, die ihn von den Janitscharen gerettet hatte.

»Träume ich denn?« rief er erstaunt.

Da fielen seine Blicke auf einen hohen Spiegel, und ein neuer Schrei der Verwunderung entfuhr ihm. Die braune Farbe, mit der ihn der Mirab eingerieben, war verschwunden; sein Gesicht war wieder weiß und rosig. An Stelle des im Kampf zerrissenen Gewandes trug er ein grünseidenes, goldgesticktes Jäckchen über einem weißseidenen Hemd, Brokatbeinkleider und hohe, gelbe Stiefel. Dazu einen Samtgürtel mit goldenen Behängen.

»Ihr seid überrascht?« fragte ihn die Dame mit ihrem bezaubernden Lächeln.

»Ich frage mich, ob ich noch unter dem Einfluß des Haschisch bin oder in einem Feenpalast« --

»Ihr seid in meinem Schloß.«

»Und mein Diener?«

»Sorgt euch nicht um ihn!«

Die Prinzessin schürte das Feuer auf dem Dreifuß, so daß sich ein süßer Duft verbreitete. Dann trat sie auf den Baron zu, ließ den Mantel fallen und stand ihm in ihrer reizvollen maurischen Tracht gegenüber. Die silbergestickte Samtweste ließ vorn am Halse die Spitzen des Untergewandes sehen. Ein bunter Gürtel aus Seide umschloß die feine Taille. Die weiten Pluderhosen wurden an den Knöcheln von Goldreifen gehalten. Lilienkelchen glichen die reichgestickten Pantoffel.

Der Ritter war wie geblendet, dann aber wich er instinktiv zurück.

Der Prinzessin entging seine Bewegung nicht. Sie runzelte leicht die Stirn --

»Ich hoffe, daß ihr nicht verschmäht, mit mir zu speisen. Ihr habt zehn Stunden geschlafen....«

»Die Dame, der ich die Freiheit und vielleicht gar das Leben verdanke, kann über mich verfügen!«

»Ihr versprecht vielleicht zu viel, Baron Sant' Elmo!«

»Woher kennt ihr meinen Namen? Erlaubt mir eine Frage....«

»Soviel ihr wollt, jedoch erst nach dem Essen. Ihr scheint bedrückt zu sein .... Ist es der ungewohnte Duft des Räucherwerks?«

»Nein, Prinzessin.«

»Beunruhigt euch nicht, wenn ihr auch hier im Schlosse nur unter Mohammedanern seid. Ein Mann, der es mit vier Galeeren aufgenommen, und der wie ein Kriegsgott gekämpft hat, kennt keine Furcht!«

»Wer hat euch das gesagt?«

»Ich weiß noch mehr. Welch' sonderbares Unterfangen, euer schönes Vaterland zu verlassen und sich in diesem Lande der Fanatiker tausend Gefahren auszusetzen. Wie gern würde ich nach Italien zurückkehren!... Noch sehe ich, wie durch einen bläulichen Nebel seine flammenden Vulkane, die grünschimmernden Inseln um Sizilien, die vielen Säulen und Kuppeln Venedigs....

»Aber wer seid ihr nur?« rief der Baron voller Staunen.

»Eine maurische Prinzessin, wie ihr wißt!«

»Und ihr kennt mein Vaterland?«

»Ich weilte dort, als ich fast noch ein Kind war. Als mein Bruder --« hier machte sie plötzlich eine Pause und setzte dem Ritter Süßigkeiten vor. Dann füllte sie zwei silberne Tassen mit ambrafarbiger Flüssigkeit. Sie nippte an dem Trank und fuhr in leisem, fast traurigem Tone fort:

»Wenn mein Vater mich nicht einem Manne geopfert hätte, den ich nicht liebte, weil er beinahe so grausam wie Culkelubi war, wäre es mein sehnlichster Wunsch gewesen, in Italien zu bleiben und Algerien nicht wiederzusehen....«

»Was ist aus eurem Gatten geworden?«

»Er ist auf einem Zuge gegen eure Küsten gefallen!«

Sie überließ sich einige Zeit ihren Gedanken, während auch der Ritter schwieg. Dann fragte sie wieder: »Und was suchtet ihr hier?«

»Ich werde es euch gestehen, wenn ihr mir eine Frage beantwortet!«

»Erst laßt uns speisen und dabei plaudern!«

»Ihr seid doch jene Dame, die ich bei der Moschee vor kurzem traf?« fragte Sant' Elmo lächelnd. »Sagt, warum hattet ihr damals den Schleier gelüftet?«

»Um euch besser zu sehen!«

Sie blickte ihn lange, wehmütig an, ehe sie weitersprach.

»Ich fand eine Ähnlichkeit in euch mit einem Manne, den ich liebte.... Es war ein Landsmann von euch und ebenso schön und stolz wie ihr.... Oh, süßer Traum...!«

»Es tut mir leid, Prinzessin, Schmerzen in euch erweckt zu haben!«

»Noch sehe ich ihn vor mir... zu meinen Füßen, schön noch im Tode, mit seinen blonden, blutbespritzten Haaren!« Sie fuhr mit der Hand über die Stirn. Ihre Augen waren feucht. Dann ermannte sie sich: »Es wäre besser gewesen, Ritter, ihr würdet mir nie begegnet sein! Ich glaubte einen Moment, die Toten kämen wieder....«

Dann sprang ihre Stimmung um, und sie fuhr lebhaft fort:

»Ich habe euch beobachten lassen. Ihr habt mich in seltsame Verwirrung gebracht. Mein Herz ist in Aufruhr... Wißt, Algiers Frauen sind gefährlich! Welch ein höllischer Wind hat euch hergeweht und warum?«

»Ihr wohnt in Zuleiks Palaste, Prinzessin, und wißt es nicht?«

»Zuleik hat jetzt für nichts anderes Sinn, als für eine gefangene Christin! Aber er wird sie verlieren, weil sie schön sein soll. Vielleicht ist sie zu dieser Stunde schon im Harem des Bey!«

Der Ritter fuhr erschrocken auf.

Da sprang die Maurin wie ein Panther in die Höhe. Aus ihren dunklen, vorher so schmachtenden Augen leuchtete es wie ein Blitz.

»Warum seid ihr nach Algier gekommen?« zischte sie wie eine Schlange.

Der Baron ahnte, was in ihr vorging.

Einen Augenblick dachte er daran, sie zu täuschen, doch verwarf er es schnell, als seiner unwürdig. »Ich kam hierher, um eine Dame zu retten!«

Die Maurin erblaßte.

»Wer ist es?«

»Was tut der Name zur Sache!«

»Ihr werdet mir ihn nennen!« schrie sie mit flammenden Blicken.

»Niemals!« erwiderte der Ritter entschieden. »Ich lese in euren Augen eine Drohung. Als Edelmann habe ich euch gestanden, warum ich mich in solche Gefahr gestürzt habe -- den Namen nenne ich nicht!«

»Und wenn ich es befehle?«

»Auch dann nicht!«

»Wenn ich euch aber bitten würde?« sagte sie schmeichelnd.

»Ich müßte bei der Weigerung bleiben!«

»Und warum?«

»Aus Furcht, daß das arme Mädchen Schaden dadurch erlitte!«

»Ihr habt recht«, sagte sie, ihm die Zähne zeigend. »Hierzulande bringen sich die Rivalinnen gegenseitig um!«

»Prinzessin«, rief der Baron, »ich bin Christ, und als solchen würdet ihr mich doch nie lieben können!«

»Glaubt ihr wirklich?«

»Der Koran verbietet es euch!«

Sie lachte höhnisch auf. Dann kam sie dem Ritter ganz nahe, legte ihre Hände auf seine Schultern und sagte, vor Erregung zitternd: »Ihr kennt die Frauen Algiers nicht. Ich schwöre euch, daß ich das Blut jener Christin trinken werde!«

Sant' Elmo zuckte zusammen.

»Wollt ihr sie fallen lassen und mir gehören?« fuhr sie mit lauernden Blicken fort.

»Prinzessin, mein Herz gehört jenem Mädchen und keiner anderen!«

»Ihr habt Amina zurückgewiesen!« schrie sie wie eine Furie. »Nehmt euch in acht. Algier soll euer Verhängnis werden!«

Hierauf schlug sie mit einem Hämmerchen auf eine an der Wand hängende Metallscheibe.

Sofort betraten die zwei herkulischen Neger den Saal. »Bemächtigt euch dieses Christensklaven! Schafft ihn und seinen Begleiter in den Turm!«

»Prinzessin, ich bin ein Edelmann und noch kein Sklave!«

»Gehorcht!« befahl sie den zögernden Negern.

»Ihr sollt an Amina denken!« rief sie dem Ritter haßerfüllt nach.

Dann ergriff sie ein Kristallgefäß und zerschmetterte es am Boden.

»So werde ich es mit der Christin machen, sobald sie in meinen Händen ist! Culkelubi wird mir helfen, sie aufzufinden!«

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