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Der algerische Panther

Emilio Salgari: Der algerische Panther - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorEmilio Salgari
titleDer algerische Panther
publisherVerlag Ullstein GmbH
seriesUllstein Abenteuer
isbn3548210694
year1987
translatorM. von Siegroth
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080317
projectidd04d3203
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Ein Titanenkampf

Am andern Morgen weckte den Baron ein lauter Wortwechsel im Vorraum. Zwischen rauhen Neger- und Berberstimmen hörte er italienische Laute und heftige Pfiffe.

»Vorwärts, Christenhund!«

»Du bist selbst ein Hund, frecher Neger!«

»Vorwärts oder wir brechen dir alle Knochen!«

»Schurken! Ich bin ein Edelmann! Hätte ich nur meine Keule bei mir!«

»Vorwärts endlich!«

»Ich muß meinen Herrn sehen!«

»Du bekennst dich als Christen?«

»Ich bin ein treuer Anhänger Mohammeds!«

Der Baron eilte zur Tür, obgleich sein Kopf noch benommen war von dem geheimnisvollen Ereignis der Nacht.

Er hatte die Stimme seines Dieners erkannt.

»Hat sich der dumme Kerl fangen lassen!« murmelte er.

Die Tür öffnete sich, und Eisenkopf flog, durch einen Stoß befördert, mit seiner rundlichen Gestalt kopfüber in den Saal.

»Schufte!« brüllte er, »hätte ich bloß meine Keule...«

»Was tätest du da?« fragte der Baron, der vor ihm stand.

»Herr Gott«, rief der Katalane, der im Nu aufgesprungen war, »er ist's, mein Herr!... Ist es kein Traum?« »Es wäre besser für dich, du träumtest, armer Eisenkopf. Wir sind in Zuleiks Händen.«

»Ich weiß es. Verdammter Maure! Der Teufel hole ihn.«

»Wie hast du dich kriegen lassen, ich glaubte dich gerettet!«

»Wir haben kein Glück in diesem Lande!«

»Warum hast du nicht rechtzeitig geschossen und uns gewarnt?«

»Als ich euch entdeckt sah, glaubte ich, euch frei mehr nutzen zu können, als gefangen, und deshalb versteckte ich mich oben auf dem Hügel. Am Abend hoffte ich nach Algier entkommen zu können, um die Mannschaft der Feluke zu benachrichtigen, als Zuleiks Falkner mich plötzlich erwischten!«

»Und so haben sie dich verhaftet?«

»Aber beileibe nicht ohne schweren Kampf! Man hat mich durch einen Hieb auf den Kopf betäubt! Wenn letzterer weniger standhaft gewesen wäre, so hättet ihr euren treuen Diener nimmer wiedergesehen. Es nützte nichts, daß ich mich für einen guten Muselmann ausgab. Man glaubte mir nicht, sondern schleppte mich vor Zuleik.

»Der dich sofort erkannte?«

»Auf der Stelle, trotzdem ich wilde Gesichter schnitt!«

»Und vom Normannen weißt du nichts?«

»Nichts. Wer weiß, ob er noch lebt!«

Der Katalane ließ das Haupt sinken.

»Mut, Eisenkopf, es gibt eine Dame in diesem Palast, die uns beschützt! Das muß die Herrin der zwei Neger sein. Ich habe sie deutlich gesehen, als sie sich heut nacht über mich beugte. Ich spüre noch ihre heißen Lippen auf meiner Wange ... Sie war von einem Schleier umflossen ... im Mondlicht...«

»Ein Gespenst! Habt ihr auch nicht geträumt, Herr Baron? Ein Weib von Fleisch und Blut hättet ihr festgehalten!«

»Körper und Geist waren mir gelähmt!«

Eine halbe Stunde verging, während welcher die beiden sich ihren Gedanken hingaben.

Sie dachten an Flucht und grübelten nach, wie eine solche zu bewerkstelligen sei.

Da hörte man plötzlich Pferdegetrappel und drohende Rufe im Hof.

Ein Lärm entstand auf den Treppen und Terrassen, als ob eine feindliche Horde den Palast überfiele.

»Was bedeutet das?« fragte Eisenkopf, sich ängstlich erhebend. »Es klingt wie ein Kampf!«

Flintenschüsse fielen jetzt und dröhnten in der Kuppelhalle wider. Männerstimmen und Gekreisch von Frauen tönten wirr durcheinander.

»Wer kann Zuleiks Palast angreifen?« rief der Ritter. »Ist etwa gar ein Aufstand ausgebrochen?«

»Vielleicht sucht der Normanne mit seinen Seeleuten uns mit Gewalt zu befreien!«

»Unmöglich, das wäre ja Tollheit!«

Beide erblaßten, denn jetzt hörte man den Ruf: »Auf Befehl Culkelubis, liefert die Christen aus!«

Der Baron verstand genug berberisch, um den Sinn zu erfassen.

»Es hat uns jemand verraten. Man will uns verhaften!«

»Wer?«

»Culkelubis Soldaten.«

»Um Gottes willen, dann sind wir verloren!«

Der Lärm, die Schreie näherten sich ...

Von Zeit zu Zeit fielen wieder Schüsse...

Sant' Elmo sah sich nach einer Waffe um, aber vergeblich.

»Kampflos sollen wir untergehen!« rief er erbittert.

Da sprang die Tür auf, und herein stürzte unter wildem Geschrei eine Schar Janitscharen.

Ein Mann mit goldgesticktem Rock, offenbar der Führer, rief:

»Ah, da sind die Christen! Doppelte Beute! Greift sie.«

Doch ehe der Befehl ausgeführt war, vernahm man eine gebieterische Stimme:

»Halt! Man verletzt nicht das Haus eines Nachkommen der Kalifen!«

Eine wunderbar schöne Frau, die durch eine geheime Tür eingetreten, hatte sich vor die Gefangenen gestellt. Vier riesige, mit Stahlkeulen bewaffnete Neger, mit zwei kolossalen Hunden an der Leine, begleiteten sie.

Der Baron erkannte die Dame von der Sänfte wieder.

Nicht zu groß, aber herrlich gewachsen, mit frischem, vollem Gesicht von der Farbe der Kreolin, tiefschwarzen, mandelförmigen Augen, die durch eine Antimonlinie künstlich verlängert und von langen Wimpern überschattet wurden, mit einem runden, vollen Mund, war sie der vollendete Typus einer maurischen Schönheit.

Wieder erschien sie -- wie damals, als der Ritter sie zum erstenmal sah -- in einem reichen Gewand aus grüner, durchsichtiger Seide, mit weiten, gold- und perlenbestickten Ärmeln, breitem Gürtel aus blauem Samt, der mit Brillanten besetzt war und weißen Pluderhosen aus Seidendamast.

Weder ein Schleier, noch ein Turban verhüllte heute ihren Kopf, den schwere Zöpfe zierten. Ein Teil des üppigen schwarzen Haares war auf der Stirn mit zwei Goldspangen gehalten.

»Amina!« murmelte der Ritter voller Bewunderung.

Die Dame hatte mit befehlender Handbewegung die Janitscharen zurückgedrängt.

»Was wollt ihr hier? Seid wann sind die Paläste der maurischen Prinzen und Prinzessinnen nicht mehr sicher? Hinaus mit euch!«

Die Janitscharen stutzten einen Augenblick vor der kühnen, jungen Frau. Ihre hohe Stellung war ihnen bekannt.

Aber nicht lange dauerte ihr Zögern. Der Offizier, der sie führte, antwortete entschlossen:

»Wir haben den Befehlen Culkelubis zu gehorchen, und ich rate vom Widerstand ab. Die beiden Männer sind Christen, Spione, und ich muß sie zum Generalkapitän bringen.«

»Du lügst wie ein Kabyle. Die beiden sind Muselmänner!«

»Sie mögen das vor Culkelubi beweisen!«

»Die Männer gehören mir und werden -- ob Christen oder Muselmänner -- den Palast des Fürsten Ben Abad nicht verlassen. Man rufe meinen Bruder!«

»Er ist heut morgen fortgeritten«, erwiderte ein Diener, »wir wissen nicht, wo er sich befindet!«

»In seiner Abwesenheit also befehle ich hier und fordere euch auf, sofort den Palast zu verlassen und Culkelubi zu bestellen, daß eine Prinzessin Ben Abad sich keiner fremden Laune fügt. Habt ihr gehört? Geht!«

»Nehmt euch in acht«, warnte der Anführer. »Noch nie hat jemand gewagt, den Befehlen des Generalkapitäns nicht zu gehorchen!«

»Dann werde ich die erste sein!«

»Wollt ihr mich zwingen, Gewalt anzuwenden, Prinzessin? Schon haben einige eurer Diener ihren Widerstand hier mit dem Leben büßen müssen!«

»Eine Drohung gegen mich? Das ist doch wohl nicht euer Ernst?«

»Und dennoch muß ich die Drohung ausführen! Ohne die Christen darf ich nicht zum Kommandanten zurückkehren!«

»Nun, versucht es, sie zu ergreifen!«

»Janitscharen, die Waffen bereit!«

Die Prinzessin erblaßte, mehr vor Zorn als vor Furcht.

Der Baron hatte bis jetzt geschwiegen. Er bewunderte den Mut dieser Frau, die sich erkühnte, den wildesten Soldaten Algeriens die Stirn zu bieten.

Nun trat er vor und rief: »Ich verstehe die Sprache nicht, aber ich bemerke wohl, daß es sich um meine Verhaftung handelt.«

Die tiefen, schwarzen Augen der Maurin blickten ihn zärtlich an.

»Ja«, sagte sie auf italienisch, »euch sucht man, aber ich füge mich nicht dem Befehl! Ich schütze euch. Zwei Pferde samt Begleitung sind zu eurer Flucht bereit!«

»Ich bin Christ, Prinzessin.«

»Ich weiß.«

»Ihr setzt euch Gefahren aus meinethalben!«

Die Dame zuckte verächtlich die Schultern. »Ihr werdet sehen, wie ich diese blutgierige Kanaille behandle!«

Darauf rief sie in ihrer Sprache dem Offizier nochmals zu: »Hinaus mit euch! Noch heut abend beklage ich mich bei dem Bey!«

»Der Generalkapitän wird sich meiner annehmen! Vorwärts, Janitscharen, ergreift die Christen!«

Die zwanzig Soldaten wollten mit geschwungenen Säbeln vorgehen, als die vier Neger sich wie eine Mauer vor die Prinzessin stellten und die Hunde losließen, die sich wie Tiger auf die Angreifer stürzten.

Der Offizier fiel, an der Gurgel gepackt, als erster zu Boden.

Ein Teil der Janitscharen hatte sich heulend auf die Christen geworfen, wurde aber von den Negern mit Keulen zurückgeschlagen. Die andern hielten die riesigen Hunde in Bann.

Der Baron wollte ein am Boden liegendes Schwert nehmen und sich am Kampfe beteiligen, doch die Fürstin rief: »Überlaßt das nur meinen Leuten und flieht inzwischen!«

»Und ihr, Prinzessin?«

»Sorgt nicht um mich. Culkelubi wird nichts gegen mich wagen!«

Während Neger und Hunde ein Blutbad unter den Janitscharen anrichteten, führte sie den Edelmann durch die Geheimtür über einen engen Gang, dann eine kleine Steintreppe hinunter zu einer Ausgangspforte.

Sie gelangten in einen großen, mit Palmengruppen und hohen Rosenbüschen bestandenen Garten. Vier prachtvolle Berberpferde warteten da, gehalten von zwei kräftigen Negern.

»Folgt ihnen, Ritter, sie werden euch an einen sicheren Ort bringen!«

Als der Baron ihr danken wollte, wehrte sie ihm.

Schnell sprang er wie der ihm gefolgte Katalane in den Sattel. Die Neger taten desgleichen. Und wie der Wind flogen die Rosse dahin.

Sie passierten eine breite, von Gärten begrenzte Straße.

»Herr, wohin geht's?« fragte Eisenkopf, der sich nur mit Mühe im Sattel hielt und dessen Glieder von dem ausgestandenen Schrecken noch wie gelähmt waren.

»Wer weiß es? Sei froh, daß du noch am Leben bist!«

»Warum hat uns nur jene Dame geschützt?« fuhr Eisenkopf fort, der seine schwatzhafte Zunge nicht zügeln konnte. »Ob sie verliebt in euch ist...?«

Bald lag die Stadt hinter ihnen. Sie ritten durch die Felder zwischen hohen Aloegebüschen und mächtigen indischen Feigengruppen ...

Der Baron glaubte jetzt, daß man ihn ans Meer und auf ein Schiff nach Italien bringen wolle, aber bald überzeugte er sich, daß es landeinwärts ging, auf einen Turm zu.

»Wohin reiten wir?« fragte er die Neger.

»Wartet ab!... Wir führen nur die Befehle der Fürstin aus«, war die Antwort.

Sie durchjagten einen kleinen Wald und gelangten an den Fuß eines Hügels, auf dem sich ein Schlößchen im maurischen Stile erhob mit weiten Terrassen und marmornen, säulengeschmückten Galerien. Ihm zur Seite ein zinnengekrönter Turm.

»Wo sind wir?«

»Im Schlosse Sidi Amans.«

»Wem gehört es?«

»Meiner Herrin!« »Ich wäre lieber in Algier geblieben!«

»Dann wäret ihr Culkelubi in die Hände gefallen und nicht lebend wieder herausgekommen!«

»Laßt uns hier bleiben, Herr«, mahnte Eisenkopf, »es ist besser, als in den Krallen des Panthers!«

Ein schmaler Weg brachte die Reiter zu einer Zugbrücke, die, auf einen Pfiff der Sudanesen, sofort vom Wächter gesenkt wurde.

»Ihr seid in Sicherheit«, sagte der eine der Neger, »hier wird euch Culkelubi schwerlich finden!«

Sie stiegen im Schloßhof vom Pferde und wurden über eine breite Marmortreppe in einen Saal geführt.

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