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Der algerische Panther

Emilio Salgari: Der algerische Panther - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorEmilio Salgari
titleDer algerische Panther
publisherVerlag Ullstein GmbH
seriesUllstein Abenteuer
isbn3548210694
year1987
translatorM. von Siegroth
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080317
projectidd04d3203
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Zwei Nebenbuhler im Kampf

Die Sonne ging auf, als die drei Ritter die Ebene von Blidah erreicht hatten. Zwischen Eichengebüsch, Palmengruppen, indischen Feigen und Aloe lagen da nur vereinzelte Duars der Eingeborenen, bestehend aus wenigen Zelten.

Auf diesen fast unbewohnten Steppen huldigten die reichen Mauren Kriegsspielen und besonders Falkenjagden. Ein Sport, der nur dem Adel und den hohen Würdenträgern vorbehalten war!

Falken und Windhunde durften nur von Hochgestellten gehalten werden. Andere setzten sich durch ihren Erwerb schweren Strafen aus.

Die vornehmen Mauren hatten zwar Falkner in ihrem Dienst, nahmen sich persönlich aber leidenschaftlich der Falken an. Diese spielten bei ihnen dieselbe Rolle wie die Pferde.

Sonderbarerweise wurde ein Falke von ihnen nie länger als eine Jahreszeit gebraucht und auch nie länger gefangen gehalten. Nach den großen Herbstjagden setzte man diejenigen Falken, die sich am tapfersten an kalten Nebeltagen erwiesen hatten, in Freiheit, obwohl für einen solchen Vogel oft mehr als für ein gutes Pferd gezahlt wurde.

Auch heute besteht in Algier die Sitte, im Sommer Falken zu fangen, sie zwei bis drei Monate zu dressieren und zur Jahreswende wieder loszulassen. In der Gefangenschaft ausgebrütete Falken werden nie verwendet.

Eigenartig ist das Fangsystem der Falkner. Sie suchen die Nester auf, stecken dort eine Taube in ein ganz feines Nest von Tierhaaren, das sie an der Bewegung nicht hemmt, und lassen dieselbe los. Die Falken stürzen sich darauf, verwickeln dabei ihre Fänge im Netz, so daß sie nicht mehr ordentlich fliegen können, und werden auf diese Weise leicht gefangen.

Als der Normanne und seine Begleiter die Ebene erreichten, hatte die Jagd schon begonnen. Etwa zwei Dutzend Reiter hatten sich um einige in der Nacht gespannte Netze versammelt. Mitten unter ihnen erkannte der Baron seinen Gegner. Er saß auf einem prächtigen, reich gezäumten Rappen, einen Falken auf der Schulter, den andern auf der Hand. Die Köpfe der Tiere saßen in silbergezierten Lederkappen. Um ihn scharten sich die Mauren und die bunt und auffällig gekleideten Falkner.

Unwillkürlich fuhr des Barons Hand ans Gewehr, und eine Blutwelle stieg ihm ins Gesicht. Aber der Normanne rief ihm zu: »Was tut ihr? Wir sind zwei, höchstens drei gegen zwanzig Reiter und alle ihre Sklaven!«

»Ihr habt recht! Bald hätte ich eine Torheit begangen!«

»Wenn ihr Geduld habt, wird sich schon Gelegenheit finden! Sobald eine Gazelle oder ein Hase auftaucht, müssen die Reiter sich zerstreuen! Warten wir also ab!«

Sie stiegen von den Pferden, banden sie an Eichenbäume und streckten sich ins Gras. Das Gebüsch verbarg sie vollkommen. Von dem kleinen Hügel, auf dem sie sich befanden, konnten sie alles überschauen und Zuleiks Bewegungen folgen. Dieser führte eben seine Begleiter zu einem Sumpf am Fuße des Hügels, wo zahlreiche große Wasservögel sich zeigten.

»Sie wollen erst ihre Falken erproben«, raunte der Normanne, der mehrfach solche Jagden mit angesehen hatte, dem Ritter zu. »Dann werden sie Gazellen aufsuchen, wobei für uns die Gelegenheit naht! Nur Zuleik nicht aus den Augen verlieren!«

»Wenn ihr wüßtet wie ich ihn hasse!«

Die Jäger waren am Sumpfe angelangt. Als der Maurenfürst mehrere Reiher erblickte, nahm er dem Falken auf seiner Faust Kappe und Kette ab.

Das schöne Tier saß einen Augenblick wie geblendet, aber dann stieg es kerzengerade in die Luft. In etwa 50 Meter Höhe fing es an zu kreisen. Ein Reiher, der die Gefahr bemerkte, suchte sich in den Ästen einer Eiche in Sicherheit zu bringen. Aber ehe es ihm gelang, stürzte sich der Falke auf ihn. Der Reiher wehrte sich verzweifelt mit dem Schnabel, und der Falke hatte genug zu tun, den Hieben auszuweichen.

Als der Kampf etwa 20 Minuten gedauert hatte, ließ Zuleik seinen zweiten Falken los. Dieser war größer und stärker als der erste. Im Nu stürzte er sich auf die Kämpfer und tötete mit einem Schnabelhieb auf den Kopf den Reiher.

»Eine Gazelle! Die Falken los!« hörte man die Sklaven rufen. Dem reizenden Tier folgten vier andere. Die Jäger sehen und mit Blitzesschnelligkeit verschwinden, war eins. Die Mauren jagten hinterher, ohne sich weiter um die zwei Falken zu kümmern.

Der Normanne war aufgesprungen. »Baron«, sagte er, »im Augenblick werden sich die Reiter verteilen. Vielleicht können wir Zuleik allein im Walde überraschen! Seht, er galoppiert dort schon mit seinem Falkner nach dem Busch! Die andern reiten jenseits! Kommt!«

Sie sprangen in den Sattel und folgten langsam den Jägern. Ein zweiter Hügel hinter einem Palmenwäldchen bot einen guten Beobachtungsposten.

Zuleik, immer gefolgt von seinem Falkner, galoppierte 400--500 Meter vom Hügel entfernt. Offenbar in der Absicht, die Gazellen zu ermüden, ehe er seine zwei weiteren Falken steigen ließ. Die übrigen waren weit verstreut in der mit Gebüsch bewachsenen Gegend.

»Wir erreichen ihn!« rief der Normanne. »Das nenne ich Glück!«

»Für euch der Falkner, für mich Zuleik!« entgegnete der Ritter strahlend. »Eisenkopf bleibt in Reserve!«

Der war froh, seine Ruhe zu behalten. »Welches Signal soll ich geben, wenn Gefahr droht?«

»Schieß die Büchse ab!«

»Baron, jetzt ist der Maure dort im Busch! Er kann uns nicht mehr entgehen!«

Sie jagten nach einem Gehölz, in welchem Zuleik verschwunden war.

Auf einer Lichtung parierte der Normanne sein Pferd.

»Ihr wollt den Fürsten töten!« fragte er.

»Ja«, erwiderte der Ritter fest.

»Nehmt ihn lieber gefangen! Wir könnten ihn für die Gräfin austauschen. Das wäre das Klügste!«

»Glaubt ihr?«

»Tot nützt er uns nichts. Lebendig ist er uns eine wertvolle Geisel! Ist die Gräfin erst frei, dann ...«

»Da kommt die Gazelle! Die Waffen bereit!«

Das schöne Tier stürzte, zu Tode erschreckt, in Schweiß gebadet, mit hängender Zunge auf die Lichtung. Über ihm kreisten die Falken. Wie der Blitz stießen sie jetzt auf seinen Kopf und hackten ihm die Augen aus. Jammernd brach das arme Geschöpf zusammen.

Nicht viel später erschien Zuleik und sein Falkner. Beim Anblick der beiden Bewaffneten hielten sie die Pferde an.

»Wer da! Was wollt ihr?« schrie der Maure, Faust am Yatagan.

Der Baron warf die Kapuze zurück.

»Kennst du mich, Zuleik ben Abad, Sklave und Tiorbaspieler der Gräfin Santafiora?«

Der Maure war starr vor Überraschung. Trotz der Verkleidung erkannte er sofort den Feind an den blonden Haaren und den weiblichen Gesichtszügen.

»Ihr hier?« rief er, nachdem er sich ermannt hatte, und zog mit einem Griff den Yatagan aus der Scheide. »Auf, Falkner! Es gilt, diese Christen niederzuhauen!«

Der Falkner war ein starker Mann, behaart wie ein Bär und gut bewaffnet. Sogleich ritt er gegen den Baron los, aber der Normanne schnitt ihm den Weg ab. »Du hast es mit mir zu tun!«

»Flieh, Malek!« schrie Zuleik, »ruf die andern herbei!«

Dazu war es zu spät. Schon schlug der Normanne auf ihn ein.

Inzwischen hatte sich der Baron auf Zuleik gestürzt, und beide fochten wutschnaubend miteinander. Beide waren gleich geschickt, gleich waffengeübt, gleich mutig. Doch der Maure wußte nicht allein die Angriffe abzuwehren, sondern verstand es, sein Pferd allmählich immer mehr dem Rande des Gehölzes zu nähern.

Die Rosse bäumten sich, die Hiebe flogen, aber keiner traf den andern.

Nicht weniger gut verteidigte sich der Falkner, der dem Normannen viel zu schaffen machte.

Vergebens schrie der Ritter, der die Nähe der andern Mauren ganz vergessen hatte: »Steh jetzt und such mir nicht immer auszuweichen! Du hast Furcht, Verräter!«

»Ich warte nur auf den Augenblick, dich zu töten!« entgegnete dieser.

»Ah, Feigling, dir stände besser, die Tiorba zu spielen!«

Auf diese Beleidigung hin führte Zuleik einen so wuchtigen Schwertstreich, daß er beinahe getroffen hätte.

Sant' Elmo antwortete mit einem Schlag, der das Oberkleid des Gegners zerfetzte.

Aber jetzt hatte man den Waldessaum erreicht. Der Maurenfürst schrie mit aller Kraft: »Freunde, zu Hilfe!«

In demselben Moment stürzte der Falkner mit zerschmettertem Schädel zu Boden. Vom Hügel hörte man die Büchse Eisenkopfs knallen.

Der Normanne wollte dem Ritter zu Hilfe eilen. Da sah er sieben oder acht Reiter unter lautem Geschrei durch die Bäume jagen. Und er erkannte die Gefahr, in der sein Schutzbefohlener schwebte.

»Flieht, flieht, Baron!« rief er und trieb sein Pferd mitten durch die Reiter hindurch.

Sant' Elmo hatte es schon mit mehreren herbeigeeilten Falknern zu tun. Auf diese hieb der Seemann mit allen Kräften ein, ergriff im Fluge das Pferd des Barons am Zügel und raste mit ihm davon.

Beide galoppierten auf Blidah zu. Auf ihren Fersen die wütend brüllenden Verfolger.

»Fangt die Christen!« schrie Zuleik. »Hundert Zechinen dem, der den jüngeren erwischt!«

»Wo ist Eisenkopf?« fragte der Ritter.

»Hol' ihn der Teufel! Warum hat er das Signal so spät gegeben! Der wird sich schon zu helfen wissen!«

»Zuleik ist mir wieder entschlüpft!« knirschte Sant' Elmo.

»Er hat euch teuflisch angeführt, und ihr seid ihm in die Falle gegangen! Ihr kennt eben noch nicht genug die Schlauheit der Mauren!«

»Zum dritten Mal ist er mir entgangen!« seufzte der Baron.

»Wenn diese verdammten Falkner nur einen Augenblick später gekommen wären!... Jetzt wird der Maure alles aufbieten, um unserer habhaft zu werden!«

»Ah, wie uns die Kerle hetzen! Sie wollen uns bis nach Algier jagen!«

»Wir fliehen in die Wüste, Herr Baron! Unsere Pferde werden es aushalten. Vor allem heißt es, Vorsprung gewinnen!«

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