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Der algerische Panther

Emilio Salgari: Der algerische Panther - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorEmilio Salgari
titleDer algerische Panther
publisherVerlag Ullstein GmbH
seriesUllstein Abenteuer
isbn3548210694
year1987
translatorM. von Siegroth
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080317
projectidd04d3203
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Die Ratschläge des Mirab

Erst bei Nacht, als das Ufer sich geleert hatte, verließen sie den »Soliman«.

Um nicht dieselbe Straße zu berühren, nahm der Normanne einen weiteren Weg in der Nähe der östlichen Wälle. Es ging durch verlassene Gassen und Ruinen.

Der Weg war länger, aber sicherer, und man konnte leichter eine Verfolgung bemerken. Michele fürchtete das Wiedererscheinen der Neger. Obwohl sie ihnen gegen die Beduinen beigestanden hatten, befürchtete er doch durch sie neue Verlegenheiten.

Ohne jemandem zu begegnen, gelangten sie gegen 11 Uhr zum Heim des Renegaten. Sie suchten den von der Terrasse am Morgen noch herabhängenden Strick. Er war jedoch nicht mehr vorhanden.

»Sollte unser Freund zurück sein?«

»Gebt das Signal, Michele!« drängte der Baron, »wenn niemand antwortet, suchen wir uns einen Weg ins Haus!«

»Irgend jemand ist in der Behausung! Ich sehe Licht im Hofe!«

Der Seemann pfiff, und im nächsten Augenblick erschien mit schleppendem Gang in der Tür der Renegat mit seiner Lampe.

»Ich täusche mich doch nicht? Seid ihr es, Michele?« forschte er mit heiserer und etwas unsicherer Stimme.

»Habt wohl heut abend etwas gekneipt, Freundchen?« fragte der Seemann belustigt und erfreut über das Wiedersehen.

»Mußte mich doch von meinem Schreck erholen! Wißt ihr, daß ich entführt worden bin?«

»Wir haben es gefürchtet! Aber von wem?«

»Von zwei riesenhaften Negern in seidenen Gewändern mit breitem, gelben Gürtel!«

Die Christen schauten sich verdutzt an.

»Kommt herein und laßt es euch erzählen! Die Sklaven schleppten mich zu einem Pförtchen hinter dem Palmengebüsch, nachdem sie mich an Armen und Beinen gefesselt hatten. Dann wurden mir die Augen verbunden. Was mit mir weiter geschah, weiß ich nicht mehr. Nur befand ich mich plötzlich, als die Binde gefallen, in einem herrlichen Saal mit rosa Seidentapeten und Spiegeln ringsum!«

»Und wer erwartete euch dort?«

»Nur die beiden Sudanesen, aber es schien, als ob hinter einem Wandschirm eine Dame wäre, denn ich hörte Rascheln von Seidengewändern und roch wunderbaren Ambraduft. Man fragte mich nach euch aus, Herr Baron, wer ihr wäret, ob ihr aus Algier oder ein Fremder, und wo ihr wohntet! Man schwur, mich wie ein Kalb abzuschlachten, wenn ich mich weigern würde, zu antworten!«

»Und was habt ihr geantwortet?«

»Daß ich euch nie zuvor gesehen und gestern abend nur auf euer Bitten beherbergt hätte. Als man sich überzeugt hatte, daß nichts mehr aus mir herauszubekommen sei, hat man mich erst in eine dunkle Kammer gesperrt und dann, gefesselt und mit verbundenen Augen, wieder zurückgeschafft!«

»Was sagt ihr dazu?« fragte der Baron beunruhigt.

»Daß diese Dame, diese Amina, der ihr es angetan habt, uns nicht in Ruhe lassen wird! Wenn ich nur wüßte, wer sie ist! Frauen sind hier fast noch gefährlicher als Männer!«

»Wie können wir uns vor ihr retten?«

»Ihr müßtet Algier verlassen, ehe sie weiß, wer ihr seid!«

»Sie könnte uns verraten ...?«

»Wenn sie euch liebt, dann nicht! Aber sie könnte uns schwere Unannehmlichkeiten bereiten und unser Ziel vereiteln. Ich fürchte, daß wir auch jetzt schon wieder überwacht sind. Vielleicht will man uns auch entführen! ... Es ist Mitternacht!« schloß der Normanne. »Wir wollen zum Mirab!«

Beim Abschied wandte er sich noch einmal zum Renegaten.

»Fragt man nach uns, so sagt nur, daß wir Schiffer seien und daß wir euch eures Weines wegen besucht haben!«

Vorsichtig und lange sah er sich beim Hinausgehen um. Aber niemand war zu erblicken.

Sie schlugen denselben Weg wie tags zuvor ein. Im Palmenwald lagen noch die Leichen der Beduinen, von Geiern zerfleischt, von niemand fortgeräumt.

In der Cuba erwartete sie der Mirab vor der Tür. Er genoß die frische Luft unter einer Eiche.

»Herr Baron«, rief er, »ich habe meine Zeit nicht verloren, ich weiß jetzt, wer Zuleik Ben Abad ist und wo ihr ihn morgen finden könnt!«

»Endlich! Diesmal soll der Verräter mir nicht entwischen!«

»Begeht keine Unklugheit! Vergeßt nicht, daß ihr Fremde und noch dazu Christen seid! Er ist wirklich ein Abkömmling des Kalifen und seine Familie eine der reichsten Algiers. Sein Vater ist aus Gram über die Gefangenschaft des Sohnes gestorben. Obgleich Algerier, war er Kommandant der Galeeren von Marokko!«

»Also ist Zuleik als Maurenfürst ein mächtiger Gegner!« bemerkte der Normanne.

»Wo haust er?« fragte Sant' Elmo.

»In einem herrlichen Palast am Bagno von Sidi Hassan!«

»Das ist jener großartige Bau mit den zwei roten Türmen! Da wird es nicht leicht sein, seiner habhaft zu werden!« rief der Seemann.

»Vielleicht könnt ihr ihn woanders treffen! Ich habe gehört, daß er morgen zur Feier seiner Rückkehr eine Falkenjagd auf der Ebene bei Blidah veranstaltet!«

»Ich kenne diesen Ort. Die Ebene ist von Buschwald bedeckt, und die Reiter müssen sich dort verteilen. Aber das Spiel ist nicht ungefährlich!« meinte Michele.

»Immerhin wäre es ein großer Gewinn für den Baron, von diesem Rivalen befreit zu sein!« fuhr der Mirab fort. »Dieser Mann ist für den Ritter und die Gräfin die größte Gefahr. Fällt sie in seine Hände, so ist sie für Sant' Elmo verloren. Wählen sie der Bey oder Culkelubi, so wächst die Schwierigkeit ihrer Befreiung, aber sie läuft keine unmittelbare Gefahr!«

»Glaubt ihr, daß Zuleik so viel Einfluß besitzt«, fragte jetzt der Baron, »um sie den Beauftragten des Beys oder des Culkelubi streitig zu machen?«

»Das ist immerhin möglich!«

»Nun, dann bleibt eben nur übrig, den Mauren zu überfallen und beiseite zu schaffen! Habt ihr nichts von der Gräfin gehört?«

»Ja, sie befindet sich noch im Bagno. Kennt ihr Zuleik persönlich?«

»Dreimal habe ich ihm mit dem Schwerte gegenübergestanden. Außerdem hat er mich öfters im Schlosse auf San Pietro gesehen!«

»Dann müßt ihr euch unkenntlich machen! Ich habe alles vorrätig, um Christen zu verkleiden. Michele weiß, wir haben hier Flüchtlinge in Mauren, Araber, selbst in Neger verwandelt!«

»Und wo bekommen wir Pferde her?«

»Dafür laßt mich sorgen!« rief der Normanne. »Ich kenne einen Beduinen, der prächtige Renner hat!«

»Braucht ihr Geld?«

»Danke, Mirab! Wir sind gut damit versehen!«

»Dann ans Werk! Es ist schon 2 Uhr, und der Morgen naht!«

»Ehe die Sonne aufgeht, bin ich wieder zurück!« Und der Seemann entfernte sich.

Ein Stein wurde gehoben inmitten der Cuba, und eine unterirdische Grabkammer erschien, in der eigentlich der Leib eines Heiligen liegen sollte, für den die Cuba bestimmt war. Aber die Leiche war verschwunden und der Raum angefüllt mit Waffen, Kleidern und wohlverschlossenen Gefäßen.

Der Mirab entnahm dem Grabe weiße, wollene Mäntel, bunte Gürtel, gelbe marokkanische Schuhe, lange Flinten und kleine Schminktöpfe.

»Nun wollen wir euch in stolze Scheiks verwandeln, und Zuleik müßte sehr tüchtig sein, wenn er euch erkennen würde!«

Er öffnete die Gefäße, die ein braunes Pulver enthielten, das nach Zibeth duftete.

»Reibt euch Gesicht, Arme und Hände damit ein! Ich habe es selbst bereitet!«

Der Baron und Eisenkopf taten nach seinem Rat. Letzterer bemerkte trocken: »Aber Araber haben doch keine blonden Haare!«

»Ihr könnt ja Rifkabylen sein! Bei denen sind sie nicht selten! Und nun legt euch auf meinen Divan, Baron, und ruht noch etwas! Michele ist vor Morgenanbruch nicht zurück!«

Er verschloß das Tor und löschte das Licht. Während der Alte sich auf seinen Teppich legte, machte es sich Eisenkopf in dem Grab des Heiligen bequem.

Drei Stunden später hörte man Pferdewiehern.

Es waren kleine, aber prächtige Tiere, die der Normanne besorgt hatte, mit feurigen Augen und offenen Nüstern. Kurze Steigbügel hingen an dem hohen, schweren, roten Sattel.

»Die werden fliegen wie der Wind! Arabisches und andalusisches Blut! Nehmt ihr das weiße!« sagte Michele zum Ritter. »Der Besitzer, auch ein Renegat, hat es mir besonders empfohlen!«

Sant' Elmo und der Katalane nahmen lange, weißwollene Beduinenmäntel um, schnallten silbergeschmückte Gürtel für Säbel und Pistolen an und sprangen, das Gewehr im Arm, in den Sattel.

»Fort oder ihr kommt zu spät!« drängte der Mirab. »Noch einmal: Seid vorsichtig! Sucht Zuleik allein zu überraschen! Abends erwarte ich euch hier!«

Noch ein Abschiedswinken, und rasch gings im Trab den Hügel hinab.

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