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Der algerische Panther

Emilio Salgari: Der algerische Panther - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorEmilio Salgari
titleDer algerische Panther
publisherVerlag Ullstein GmbH
seriesUllstein Abenteuer
isbn3548210694
year1987
translatorM. von Siegroth
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080317
projectidd04d3203
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Das Verschwinden des Renegaten

Einen Augenblick später standen alle im Schein der Lampe des Renegaten und versuchten, das Billet zu entziffern.

Es war ein kleines, viermal zusammengefaltetes, rotes Stück Papier, das in der Mitte nur ein arabisches Wort, anscheinend von Frauenhand, zeigte.

Der Normanne, der arabisch verstand, machte ein verdutztes Gesicht. Es ist ein Frauenname. »Amina!«

»Strengt euer Gedächtnis an, ob ihr eine Dame dieses Namens hier kennen gelernt habt!« mahnte der Renegat.

Plötzlich rief Michele. »Beim Barte des Propheten! Wie konnte ich sie nicht erkennen!«

»Wen?«

»Die beiden Neger! Wir haben sie ja heut morgen getroffen und schon mit ihnen gekämpft!«

»Die Diener jener Dame? Dann haben sie uns fortgesetzt beobachtet?«

»Zweifellos, um über euch zu wachen, Baron! Sicher habt ihr tiefen Eindruck auf ihre Herrin gemacht!«

»Was liegt mir an einem Abenteuer!« grollte Sant' Elmo. »Wir müssen die Neger von unserer Spur abbringen, damit wir durch diese Frau nicht gefährdet werden!«

»Vorläufig geht schlafen!« beruhigte der Renegat. Ich werde für euch wachen!«

Und er führte die Gäste in ein mit Ruhebetten ausgestattetes Zimmer des verfallenen Hauses und wünschte ihnen gute Nacht.

Er selbst legte sich im Hofe seines Gasthauses nieder und stellte -- seiner Gewohnheit gemäß -- eine Flasche spanischen Weins auf den Teppich neben sich.

Aber kaum war eine halbe Stunde verflossen, als er zwei riesige Schatten auf der Terrasse zu bemerken glaubte. Er sah die Schatten mit Blitzesschnelle an den Säulen herabgleiten, und ehe er vor Schreck nur einen Laut von sich geben oder sein Messer ergreifen konnte, fühlte er, daß man einen Sack über seinen Kopf warf und ihn fortschleppte ...

Am andern Morgen war Eisenkopf, der die ganze Nacht nur von berauschendem Xeres geträumt hatte, im höchsten Grade erstaunt, den Ruheplatz seines Wirts im Hofe leer zu finden.

Er wandte sich zum Ausgang, aber das Tor war fest verschlossen.

»Das nenne ich eine nette Sache«, murmelte er. »Wo steckt denn der Kerl!«

Er suchte überall herum. Nirgends eine Spur des Renegaten!

»Ist denn die Bude verhext? Auf, auf, ihr Herren!«

»Sind Barbaresken da?« fragte noch schlafend der Baron.

»Vielleicht noch Schlimmeres! Mir dreht sich der Kopf!«

»Du hast zu viel getrunken!«

»Nicht mal einen Tropfen Wasser! Der Renegat ist verschwunden!«

»Er wird Einkäufe machen!« mischte sich der Normanne ins Gespräch, der eben erwacht war.

»Aber das Tor ist von innen verschlossen!«

»Michele, habt ihr alles Vertrauen zu dem Manne?« fragte jetzt der Ritter voller Besorgnis.

»Vollstes! Ich kenne ihn seit fünf Jahren. Er hat mir bei der Befreiung verschiedener Christen geholfen und ist dem Mirab treu ergeben!«

»Ist also nicht zu fürchten, daß er sich entfernte, um uns anzuzeigen?«

»In keiner Weise!«

»Vielleicht hat er zu viel des guten Weins genossen und ist dabei überrascht worden ...« wagte Eisenkopf zu bemerken. »Aber hier steht ja noch die Flasche halb voll ...! Ein Kampf kann auch nicht stattgefunden haben! Jedoch ein Raub!«

Der Normanne suchte sich zu erklären, von wo die Räuber eingedrungen sein konnten.

»Offenbar von der Terrasse her!« meinte der Baron. »Da sind ja Spuren -- Kalkstücke, die gestern nicht dort lagen!«

Sie stiegen die Treppe hinauf, schauten auf den Weg, der sich außen entlangzog und stießen einen Ruf der Überraschung aus.

Vom Rande der Terrasse hing an einem festen Haken ein Strick. Unten am Wege lagen ebenfalls Kalkstücke.

»Nur Mohammed oder der Teufel können unsern Wirt entführt haben«, sagte trocken der Katalane.

»Wir wollen sofort das Haus verlassen«, entschied Michele. »Es ist nicht mehr sicher. Der Renegat wird sich schon zu helfen wissen. Sehen wir aber nach, was aus ihm geworden!«

Beim Fortgang benutzten sie den Strick, da das Tor verschlossen war. Sie wollten zur Feluke zurückkehren und an dem Bagno des Bey etwas zu erkunden suchen.

So stiegen sie denn hinab zur Stadt, deren Straßen sich wieder zu beleben begannen.

Zwischen Landleuten und Bewaffneten sah man Reiter auf kleinen, feurigen Rossen mit langer Mähne, die rücksichtslos alles beiseite drängten und durchs dichteste Gewühl jagten. Bergbewohner mit silber- und perlmuttereingelegten Waffen, teils reich gekleidet, teils in einfachen, weißen Mänteln aus Wolle oder Ziegenfell, schritten plaudernd einher. Scharen von Negern, schwer bepackt, wurden von ihren Besitzern mit Peitschenhieben vorwärts getrieben. Gelegentlich trafen sie auch auf Reihen zerlumpter, elend aussehender Christensklaven in schweren Ketten, welche die Maurenjugend verhöhnte und beschimpfte.

Erst gegen 10 Uhr vormittags erreichte der Seefahrer mit den Maltesern den Hafen.

Die Mannschaft der Feluke hatte schon einen guten Teil der Ladung an Land geschafft und verhandelte nun die Waren. Scharen von Kaufleuten standen herum und feilschten mit den Matrosen in allen möglichen Sprachen des Orients.

Der Normanne und seine Freunde nahmen die Mahlzeit auf der Feluke ein, um die sich bisher niemand gekümmert hatte.

Hierauf legten sie dunkle Mäntel um, mit buntem Rand, wie sie die Kaufleute tragen, setzten große Turbane auf und suchten durch die Volksmenge hindurch zu dem fürstlichen Gefängnis zu gelangen, wo sie etwas über das Schicksal der gefangenen Gräfin Santafiora zu erspähen hofften.

Das Ufer, das sie passierten, wimmelte voll Menschen. Neger und Christensklaven luden Schiffe aus, Händler feilschten um die berghoch aufgetürmten, aus Spanien, Frankreich, Italien und Griechenland herbeigeschafften, meist geraubten Waren.

Im Hafen lagen zahlreiche Galeeren, fertig, bei passender Gelegenheit sofort ins Meer zu stechen. Unter ihnen entdeckten sie die an den erlittenen Schäden kenntlichen vier Gegner der »Sirene«.

»Ich wünschte, ich könnte sie alle anzünden!« knirschte der Baron zwischen den Zähnen.

»Und ich möchte sie samt der Mannschaft in die Luft sprengen!« fügte der Normanne grollend hinzu.

Gegen 4 Uhr nachmittags standen sie im Westen des Hafens vor einem großen, weißen, von Terrassen überragten Gebäude in viereckiger Form.

»Das Bagno des Beys!« sagte der Normanne.

Der Baron erblaßte.

»Hier wird Donna Ida sein! Michele, ich bitte euch inständig, gebt mir ein Mittel an, wie ich mir Eingang verschaffen könnte!«

»Es gibt keins!«

»Wird sie allein oder mit andern Frauen eingesperrt sein?«

»Wahrscheinlich letzteres!«

Eine Menge alter, gebrechlicher Leute am Strande zog ihre Aufmerksamkeit an. Sie waren in Lumpen und schutzlos der heißen Sonne ausgesetzt.

»Wer sind diese Armen?«

»Arbeitsunfähige Christen, die man hier einfach verhungern läßt, da es nicht lohnt, sie zu ernähren! Ihr werdet noch Schlimmeres sehen!«

Der Seemann hielt einen gerade vorüberkommenden, schwer beladenen Neger an, indem er auf jene Unglücklichen zeigte.

»Gestern eingelieferte Christen!« antwortete dieser. »Man läßt die Kranken und Schwachen krepieren, weil sie nichts nützen!«

»Also sind's die greisen Leute von der Insel San Pietro!« murmelte der Normanne.

»Könnten wir ihnen nicht helfen?« fragte der Baron erregt.

»Kümmert euch nicht um sie, wenn euch euer Leben und die Freiheit der Gräfin am Herzen liegen! Heut abend werde ich ihnen durch meine Schiffsmannschaft Nahrungsmittel und Geld senden lassen, aber das wird sie nicht vor dem Tode retten! ... Kommt jetzt, Baron, nehmt euch zusammen!«

Und er zog den Ritter auf einen großen Platz, der von herrlichen Palmen beschattet war. Derselbe breitete sich vor dem Riesengebäude des Bagno aus. Überall sah man Schwerbewaffnete auf den Mauern.

Ein ekliger Modergeruch schwebte über dem ganzen Bau, aus dem von Zeit zu Zeit Kettenklirren und Schreie ertönten.

Sant' Elmo konnte seiner inneren Bewegung kaum Herr werden.

In diesem Augenblick sah der Normanne einen Soldaten aus dem Bagno kommen und ins gegenüberliegende Kaffeehaus gehen.

»Ich kenne den Mann«, sagte er, »habe ihm mehrmals einen Fez aus Smyrna verkauft -- vielleicht kann ich etwas aus ihm herausbekommen! Erwartet mich inzwischen drüben am Brunnen!«

Der Seemann wandte sich nach einem kleinen Hause, vor dem verschiedene Gruppen Eingeborener rauchend und schwatzend umhergingen. Im Hofe lagerten auf Teppichen, im Schatten von Palmen, andere Gruppen, ihren Kaffee schlürfend und Tabakspfeifen rauchend.

Der Soldat, dessen Gesicht eine tiefe Narbe entstellte, hockte in einem Winkel.

»Warum so allein, Mohammed-el-Sadok?« fragte ihn der Normanne, sich neben ihn setzend. »Habe dich lange nicht gesehen!«

Der Soldat hob den Tschibuk zum Mund und schaute aufmerksam auf den Sprecher.

»Ah«, rief er dann, »der Fezhändler! Wann bist du angelangt?«

»Erst heute morgen!«

»Mit guter Ladung?«

»Mit allem Möglichen!«

»Warst lange nicht in Algier?«

»Ich war in Tanger und Tunis. Was gibt es hier Neues? Im Hafen liegen ja beschädigte Galeeren! Habt ihr's den Christenhunden gegeben?«

Wir hatten einen tüchtigen Kampf gehabt!« antwortete der Soldat. »Die Christen haben sich tapfer verteidigt. Wir hatten schwere Verluste!«

»Von woher kommt ihr? War die Beute wenigstens gut?«

»Vom sardinischen San Pietro. Eine Menge Sklaven!«

»Sind sie hier im Bagno? Sind vornehme Leute dabei?«

»Nein, meist nur Fischer! Nur ein Mädchen ist etwas wert. Sie wird viel bringen, wenn nicht der Bey oder Culkelubi sie nehmen!«

»Schön?«

»Jung und schön. Dabei fein. Wird schwerlich auf den Markt kommen!«

»Nun, wenn sie Culkelubi in die Hände fällt, wird es ihr nicht gut gehen!« warf der Normanne ein, indem er zu lächeln versuchte.

»Ja, der ist schlimm! Wenn er betrunken ist, was oft vorkommt, prügelt er selbst die Frauen!«

»Mir tut das Mädchen leid!«

»Pah, eine Christin!«

»Wann wird denn die Auswahl der Sklaven stattfinden?«

»Noch heut sollen die Haremsversorger des Beys und des Kommandanten Cukelubi eintreffen!«

Gern hätte der Seemann noch nach Zuleik gefragt, aber den Soldaten schien das Gespräch zu langweilen. Um nicht Verdacht zu erregen, ließ er die Sache fallen, trank seinen Kaffee, zahlte ihn und den des Soldaten und ging.

Er nahm sich vor, dem Baron die Befürchtung wegen Donna Ida zu verschweigen, um ihn nicht noch mehr aufzuregen.

Der Ritter hatte inzwischen voller Ungeduld auf die Mauern des Bagno gestarrt.

»Was habt ihr erfahren?« fragte er ängstlich den Normannen.

»Daß die Gräfin sich mit den anderen geraubten Frauen im Bagno befindet!«

»Und Zuleik?«

»Von ihm wußte der Soldat nichts. Jedenfalls hat er sich eure Braut noch nicht aneignen können! Sie ist besser hier als in seinem Palast aufgehoben!«

Niedergeschlagen wanderten die drei zum Osthafen zurück und betraten schweigend die Feluke, wo sie das Hereinbrechen der Dunkelheit abwarten wollten.

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