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Der algerische Panther

Emilio Salgari: Der algerische Panther - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorEmilio Salgari
titleDer algerische Panther
publisherVerlag Ullstein GmbH
seriesUllstein Abenteuer
isbn3548210694
year1987
translatorM. von Siegroth
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080317
projectidd04d3203
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Die tanzenden Derwische

Alle Moscheen gleichen sich. Sie unterscheiden sich voneinander nur in der räumlichen Ausdehnung und in der verschiedenen Höhe ihres Minaretts, von dem der Muezzin dreimal täglich die Gläubigen zum Gebet ruft. Von viereckiger Form, wird die Moschee in der Mitte von einer mehr oder weniger weiten Kuppel überdacht.

Von einer Säulenhalle aus betritt man zuerst einen Hof, wo die vorschriftsmäßigen Waschungen vorgenommen werden, die im islamischen Kult eine wichtige Rolle spielen. Bevor die Gläubigen das Allerheiligste betreten, müssen sie in einem Vorraum ihre Schuhe ablegen.

Die Wände sind kahl, ohne Bilder, da die muselmanische Religion die bildliche Wiedergabe der menschlichen Gestalt verbietet. Arabesken und Koranverse ersetzen den Wandschmuck. Statt der Sitze sind Matten und Teppiche vorhanden.

Als der Normanne und seine beiden Gefährten den Saal betraten, war derselbe schon von einer dichten Menge Andächtiger gefüllt. Auch die für die Frauen bestimmten, mit goldenem Gitter versehenen Galerien oben schienen voll.

In der nach Mekka gelegenen Nische, die im mohammedanischen Tempel den Altar vertritt, betete ein alter Derwisch mit langem, weißen Bart mit monotoner Stimme Koranverse. Er war in einen weiten, blauen Mantel gehüllt und trug einen spitzen Filzhut auf dem Kopfe. Das Haar war an den Schläfen abrasiert. Neben ihm hingen allerhand Messer, Türkensäbel, lange Nägel, Feilen -- ein wahres Arsenal von Marterwerkzeugen. In einer Ecke glühten auf einem Kohlenbecken ähnliche Waffen.

»Zu welchem Zwecke dient das?« fragte der Baron flüsternd. »Zur Tortur von Christen?«

»Ach nein, damit martern die Derwische sich selbst!«

»Und der Alte?«

»Ist ihr Haupt, der große Mirab, mein Freund, von dem ich euch schon sprach!«

»Der uns helfen soll?« fragte Sant' Elmo erstaunt.

»Ja, er ist ein wahrer Christ, einer der Unsern. Aber still, die Derwische kommen!«

»Wollt ihr euch dem Alten nicht bemerkbar machen?«

»Sobald sich der richtige Augenblick bietet. Ein Zeichen genügt, um ihm mitzuteilen, daß ich ihn brauche!«

Zwölf Greise mit langen, ungepflegten Bärten und langem Haupthaar betraten mit bloßen Füßen den für sie freigelassenen Raum. Sie trugen weite, himmelblaue Gewänder, die bis unter die Knie reichten und um den Leib mit breiter Schärpe zusammengehalten wurden.

Es waren die heulenden Derwische.

Diese seltsamen Fanatiker, welche sich durch ihre wilden Tänze und Selbsttorturen das Paradies Mohammeds zu erwerben trachten, behaupten, in ihrer Ekstase der Welt entrückt zu sein. Verehrt von allen Muselmännern, werden sie vom Volke sogar als Heilige betrachtet, da sie verstehen, sich als Wundertäter auszugeben.

Sie gehören uralten Religionskörperschaften an, die bis ins Jahr 1270 zurückreichen und heute noch mächtig sind, da sie eine Unzahl von Klöstern besitzen. Das bedeutendste derselben liegt in Konstantinopel, zwischen Pera und Galata.

Die zwölf Derwische, die sich in einem wohl durch Haschisch hervorgerufenen Rausch befanden, formten einen Kreis und gingen bald vor, bald zurück, indem sie Koranverse sangen, die Augen fest auf ihren Mirab gerichtet, der ruhig fortfuhr, Gebete zu murmeln.

Sie sangen mit seltsamer, nicht menschlich klingender Stimme. Die bizarren Töne wurden von Minute zu Minute seltsamer und gingen schließlich in ein wildes Geheul über. Augenscheinlich berauschten sie sich erst an der eignen Stimme, ehe sie sich der Raserei des Tanzes hingaben.

»Sind das Irrsinnige?« fragte Eisenkopf verständnislos.

»Still«, mahnte der Normanne eindringlich. »Wollt ihr uns in Gefahr bringen?«

Als die Derwische bald Allah, bald den Begründer ihres Ordens gepriesen hatten, brachen sie plötzlich ab und blieben stumm, bewegungslos stehen. Mit offenem Munde und verzückten Augen starrten sie auf die Kuppelwölbung.

Aus einer dunklen Ecke der Moschee ertönten einige leise, fast schüchterne Klänge, die von einer Flöte zu kommen schienen. Bald wurden sie von Posaunentönen begleitet.

Anscheinend setzte diese sich nach und nach steigernde Musik die Füße der Derwische in Bewegung. Im Nu drehten sie sich alle gleichzeitig um sich selber mit ausgestreckten Armen und starren Augen -- erst langsam, dann immer schneller. Dazu stießen sie unausgesetzt den Ruf: »Allah il Allah« aus.

Die Stimmen wurden immer rauher, schrecklicher. Sie heulten, schrien wie wilde Tiere. Die Augen schlossen sich, die Brust atmete krampfhaft, die Gesichter mit den verzerrten Zügen wurden totenbleich. Der Schweiß floß in Strömen, die Haut rauchte förmlich, aber die Geschwindigkeit der sich drehenden Tänzer ließ nicht nach. Selbst die begeisterten Zuschauer wurden vom Schwindel ergriffen.

Von Zeit zu Zeit blieben sie einen Augenblick stehen, um die Erde zu berühren und einen gellenden Schrei auszustoßen. Dann schleuderten sie ihre Kopfbedeckungen von sich und begannen den rasenden Tanz von neuem. Die langen Haare flogen um ihre Wangen und verschlangen sich mit den langen Bärten.

Plötzlich stürzt einer vor, verbeugt sich vor dem Mirab, welcher die Fanatiker durch taktmäßiges Händeklatschen anfeuert, nimmt eine glühende Zange vom kupfernen Kohlenbecken und durchbohrt sich damit die Zunge, wie ein wildes Tier dabei brüllend. Ein anderer legt sich glühende Kohlen auf Haupt, Arme und Schultern, die er eiligst entblößt. Ein dritter sticht sich spitze Nägel in den Schädel, wie in die Arme, und setzt dann seinen Tanz fort. Der Rest ergreift Messer, Dolche und krumme Säbel und bringt sich Schnittwunden an allen Körperteilen bei. Das Blut rinnt über Bärte und Gewänder. Und die Besessenen drehen sich und drehen sich, bis einer nach dem andern erschöpft, mit schaumbedeckten Lippen, in heftigen Krämpfen zu Boden sinkt.

Die Zuschauer rufen begeistert mit erhobenen Armen: »O Wunder, Wunder!«

Der Baron suchte, angeekelt von dem Schauspiel, den Normannen zum Gehen zu bewegen.

Auch Eisenkopf flüsterte: »Wir wollen den Todeskampf dieser Leute nicht mit ansehen!«

Aber Michele erwiderte: »Welchen Todeskampf. Morgen tanzen dieselben Derwische in einer anderen Moschee. Sie sind daran gewöhnt!«

Trotzdem drängte der Ritter zum Gehen.

»Noch einen Augenblick!« sagte der Seefahrer. »Der alte Mirab hat mein Zeichen noch nicht beantwortet!«

Während die Menge die Derwische jauchzend aus der Moschee trug, verließ der ehrwürdige Greis seine Nische und nahm seinen Weg durch die Schar der Gläubigen. Der Normanne hatte sich so gestellt, daß er ihn bemerken mußte.

Der Mirab, der rechts und links schaute, richtete seine kleinen, grauen Augen auf den Schmuggler. Ein Zucken ging über sein runzliges, blatternnarbiges Gesicht. Der Seemann legte unbefangen die Hand an die Stirn, indem er drei Finger ausstreckte. Der Mirab beantwortete dies Zeichen, indem er sich zweimal über den langen, weißen Bart strich. Dann setzte er ruhig seinen Gang durch die Menge fort und verschwand durch die kleine, am entgegengesetzten Ende der Moschee befindliche Pforte.

Michele führte den Ritter und den Katalanen ins Freie. Der Platz war fast menschenleer. Nur einige Kabylen saßen unter den Palmen. Sie schwatzten und tranken Mokka, den sie auf einem Öfchen aus gebranntem Ton wärmten.

»Es ist erreicht!« sagte der Normanne. »Heut' abend suchen wir den Mirab in seiner Cuba auf!«

»Hat auch niemand etwas bemerkt?«

»Oh, der Alte ist schlau, und wer könnte auf einen so heiligen Mann Verdacht werfen?«

»Wie hat er es nur angefangen, das Haupt der Derwische zu werden?«

»Er hat als bettelnder Derwisch, von Mekka kommend, seine Laufbahn begonnen. Zuerst war er Sklave in Tripolis. Dann gelang es ihm, nach vier Jahren dem Bagno zu entfliehen. Bewegt durch das dort Erlebte, beschloß er, den armen Christen zu helfen. Er gab es auf, in seine Heimat zurückzukehren, und ging nach Algier, um sich für einen »Marabut«, d. h. einen großen Heiligen, vorzubereiten. Da er die Sprache vollkommen beherrschte und alle religiösen Gebräuche kennengelernt hatte, ward es ihm nicht schwer. Er wurde erst Derwisch, dann Ulema. Später erlangte er durch ungeheure Geduld und Mühe den Ruf der Heiligkeit. Viele Hunderte von Christen verdanken ihm ihre Freiheit. Er hat Beziehungen zu allen Seefahrern und hilft ihnen, ihre Pläne auszuführen.«

»Ein bewunderungswürdiger Mann in der Tat!« rief Sant' Elmo begeistert, »und hat ihn nie jemand erkannt?«

»Er ist äußerst vorsichtig und besitzt eine unerreichbare Verstellungskunst. Es wird ihm gelingen, Zuleik und die Gräfin ausfindig zu machen; denn ihm öffnen sich sogar die Pforten der Casbah. Er darf zum Bey!«

»Wann werden wir ihn besuchen?«

»Um Mitternacht.«

Als der Normanne mit seinen beiden Gefährten um eine Ecke bog, stießen sie mit vier riesenhaften, prächtig gekleideten Negern zusammen. Letztere fuchtelten mit ihren Peitschen herum und riefen barsch: »Aus dem Wege!«

Ihnen folgten vier andere, die eine reichgeschmückte Sänfte und einen großen, hellblauen Schirm trugen, der dazu diente, zudringliche Blicke von der Insassin abzulenken.

Diese hatte sich bequem in die Seidenkissen zurückgelehnt. Obgleich der weiße Schleier ihre Gesichtszüge verbarg, deutete alles darauf hin, daß sie jung und schön war. Auch mußte sie hohen Ranges, die Tochter eines Würdenträgers oder eines Reichen, sein. Davon zeugte ihr prächtiges Gewand aus durchsichtigem Schleierstoff mit kostbarer Gold- und Silberstickerei. Um die Hüften trug sie eine breite Schärpe aus himmelblauem Samt, auf der Diamanten und Smaragden funkelten. Rubinenbesetzte Armbänder schmückten die Handgelenke, die unter den weiten Ärmeln sichtbar waren. Oberhalb der silbergestickten, gelben Atlasschuhe sah man ähnliche Reifen.

Als die Neger fanden, daß der Normanne und seine beiden Begleiter nicht schnell genug zur Seite traten, stürzten sie sich wie eine wütende Meute auf die drei Männer.

»Nehmt euch in acht!« rief der Seemann, der sich vor keinem Neger fürchtete.

»Platz da!« schrie der Sklave, indem er den Normannen packte und gegen die Mauer drängte.

Der Angegriffene gab ihm aber einen solchen Stoß vor die Brust, daß er zurücktaumelte.

Dem ihm zu Hilfe eilenden zweiten Neger vertrat der Baron den Weg und schleuderte ihn mit Wucht zu Boden.

Da brach die Dame in der Sänfte in ein helles Lachen aus. Sie gebot den andern Negern, welche den Tragsessel niedergestellt hatten, um ihren Gefährten zu helfen, Ruhe.

Langsam ließ sie den Schleier fallen, der ihr Gesicht bedeckte, und ihre tiefschwarzen Augen richteten sich auf den jungen Baron.

Ihr Antlitz war von bestrickendem Liebreiz mit der matten, fast durchsichtigen Hautfarbe, dem kleinen, korallenfarbigen Mund und den von langen Wimpern beschatteten, mandelförmigen Augen, deren Ausdruck durch einen feinen Strich Antimon noch mehr gehoben wurde.

Minutenlang verweilte sie in dieser Stellung, den Ritter unverwandt anblickend mit einem Lächeln, das zwei Reihen perlenweißer Zähne sehen ließ.

Dann zog sie langsam wie mit innerem Widerstreben, den Schleier wieder vor das Gesicht und befahl den Trägern, den Weg fortzusetzen. Sie winkte noch mit ihrer kleinen Hand dem Ritter, der momentan im Banne ihrer Augen stand, einen Abschiedsgruß zu.

»Nehmt euch vor den Maurendamen in acht, Herr Baron«, drohte der Normanne lächelnd. »Sie sind gefährlich, wenn ihr Herz entflammt! Eure Schönheit hat diese Frau bezaubert. Wie würde sonst eine Mohammedanerin, noch dazu auf der Straße, vor einem Fremden den Schleier lüften!«

»Das fehlte noch«, brummte Eisenkopf. »Es gibt schon genug Gefahren hier, auch ohne die Frauen!«

»Wir wollen weiter«, riet Sant' Elmo, »Algier ist groß; man trifft sich nicht so leicht zum zweitenmal.«

»Wer weiß!« meinte der Seemann.

Sie setzten ihren Marsch fort und stiegen zu der stattlichen Burg empor, deren Befestigungen mit ihren schweren Geschützen die Stadt beherrschten.

»Es ist Essenszeit«, sagte jetzt der Normanne. »Ich kenne hier in der Nähe ein kleines, von einem spanischen Renegaten gehaltenes Gasthaus. Dort können wir in der Stille einen guten Alikante oder Xeres trinken und frei sprechen. Der Mann ist, trotz seiner angeblichen Begeisterung für den Islam, ein besserer Christ als ich!«

Sie durchquerten mehrere von Palmen beschattete, zu Füßen der Casbah liegende Gäßchen. Auf Geröllhaufen wuchsen herrliche Aloes, die Riesenkerzen glichen. Vor einem großen, weißen, durch maurische Bogen gestützten Hause machten sie halt.

Eben wollten die drei Christen eintreten, da fuhr der Normanne überrascht zurück.

»Was habt ihr?« wunderte sich der Baron.

»Ich fürchte, dort ist der Beduine, dessen Verdacht wir heute morgen erweckten, als ich meinen Abscheu vor der Grausamkeit der Barbaresken nicht verbergen konnte!«

»Als der unglückliche Christ die Marter erleiden mußte?« fragte Sant' Elmo bestürzt.

»Vielleicht hat er uns verfolgt«, meinte der Seemann besorgt, um sich zu überzeugen, ob wir echte Muselmänner sind!«

»Wo habt ihr ihn gesehen?«

»Er ist dort hinter den Trümmern jenes Hauses verschwunden. Es ist derselbe Turban, derselbe Mantel mit der roten Rosette an der Kapuze. Das Leben ist hier leicht durch eine Anzeige verwirkt!«

In diesem Augenblick ertönten von allen Minaretts der Stadt die Rufe der Muezzine: »Mittag!«

»Zeigen wir dem Manne, daß wir unsere Gebete wie gute Rechtgläubige verrichten, auch wenn uns niemand sieht! Vielleicht macht das auf ihn Eindruck. Ahmt nur jede meiner Bewegungen nach!«

Sie warfen sich zur Erde und riefen ihr begeistertes »Allah« mit lauter Stimme. Ihr Antlitz war dabei nach Osten gekehrt.

»Nun können wir uns ruhiger der Stärkung hingeben!« meinte der Normanne nach beendeter Andacht.

Und sie betraten das Gasthaus des Renegaten.

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