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Der Advokatenbauer

Dietrich Theden: Der Advokatenbauer - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorDietrich Theden
titleDer Advokatenbauer
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunDritte Auflage
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150910
projectid2c05e53b
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Achtes Kapitel

Die von dem Amtsrichter anberaumten Termine erledigten sich so glatt, daß sie dem Richter die erwünschte Gelegenheit gaben, den auf der That des Wilderns ertappten Christian Tiedjohann noch vor Mittag einem Verhör zu unterziehen.

Der Richter musterte den Sistierten prüfend. Dann stellte er die Personalien fest.

»Sie haben gegen die Paragraphen zweihundertzweiundneunzig und zweihundertdreiundneunzig verstoßen. Der erste sagt, daß, wer an Orten, an denen zu jagen er nicht berechtigt ist, die Jagd ausübt, mit Geldstrafe bis zu dreihundert Mark oder mit Gefängnis bis zu drei Monaten bestraft wird; der zweite, daß die Strafe bis zu sechshundert Mark oder Gefängnis bis zu sechs Monaten erhöht werden kann, wenn dem Wilde nicht mit Schießgewehr oder Hunden, sondern mit Schlingen, Netzen, Fallen oder anderen Vorrichtungen nachgestellt wird. Sie haben sich demnach eines Vergehens schuldig gemacht, das Ihnen teuer zu stehen kommen wird, auch, wenn sich herausstellen sollte, daß Ihre Schuld sich auf das Wildern beschränkt. Sind Sie vorbestraft?«

Tiedjohann war aufs äußerste niedergeschlagen, und seine Antworten kamen ängstlich und stockend.

»Nein,« entgegnete er.

»Haben Sie sich nur der Schlingen, oder auch eines Schießgewehrs bedient?«

»Nur Schlingen –«

»Besitzen Sie ein Gewehr?«

»Nein.«

»Hatten Sie früher eins?«

»Auch nich.«

»Ist das die Wahrheit?« forschte der Amtsrichter eindringlich. »Bedenken Sie, daß Sie Ihre Lage verschlimmern, wenn Sie den Besitz eines Gewehres leugnen, und die Waffe wird dann doch bei Ihnen gefunden oder ihr ehemaliger Besitz Ihnen nachgewiesen. – Also?«

»Nein, ich habe nie eins gehabt,« wiederholte Tiedjohann in einem Tone, der überzeugend klang.

»Waren Sie Soldat?«

Christian schüttelte den Kopf.

»Verstehen Sie mit einer Schußwaffe umzugehen?«

»Ich habe noch keine in der Hand gehabt.«

»Haben Sie irgend welche Munition – Patronen, Pulver, Blei, Zündhütchen – im Hause?«

»Nein.«

»Wie oft haben Sie Schlingen gestellt?«

»Ein paar – – paarmal,« stotterte der Gefragte.

»Wo überall?«

»An zwei Stellen: im Holz und bei uns im Garten.«

»Auch an der Wiese, auf der Hans Oldekop ermordet wurde?«

»Da bin ich nich hingekommen. Ich bin auf unserer Seite geblieben.«

»Wie viel Wild haben Sie gefangen?«

»Ha – Hasen drei, ein Reh zum erstenmal.«

»Hm. Zu welcher Zeit haben Sie die Schlingen gestellt?«

»Bloß im Winter.«

»Sie wollen sagen: in der Jagdzeit? Nicht auch während der Schonzeit?«

Tiedjohann verneinte lebhaft.

»Haben Sie stets allein gejagt oder in Gesellschaft mit andern?«

»In Gesellschaft nich.«

»Mit dem an dem Bauern Oldekop begangenen Verbrechen stehen Sie in keinem Zusammenhang?«

»Ich kann nich schießen und habe noch keinem Menschen was gethan,« stammelte Tiedjohann mit so sichtlichem Erschrecken, daß er dem Amtsrichter ein flüchtiges Lächeln entlockte.

»Ich werde Sie in Haft behalten, bis die Durchsuchung des Hauses erfolgt ist.«

Die Angst des Menschen flößte ihm einiges Mitleid ein.

»Sie hätten besser gethan,« sagte er nicht ohne Wohlwollen, »bei Ihrem Leisten zu bleiben. Aber wenn Ihre Angaben sich bestätigen, werden Ihnen die Gefängnismauern diesmal wohl noch erspart bleiben. Hüten Sie sich dann, wieder mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten, denn ein zweitesmal dürfte man nicht sehr glimpflich mit Ihnen umgehen; und eine empfindliche Geldstrafe ist das mindeste, was Sie auch jetzt schon zu gewärtigen haben.«

Kein Gefängnis!

Tiedjohann atmete unwillkürlich auf und schwor sich, als er wieder abgeführt war, heilig zu, sich nicht zum zweitenmale in Gefahr zu bringen.

Gegen Abend wurde er wieder auf freien Fuß gesetzt, da die Haussuchung Belastendes nicht zu Tage gefördert und das Verhör der Eltern und einiger Nachbarn mit ziemlicher Gewißheit die Bestätigung seiner Aussagen ergeben hatte.

Als er bei einbrechender Dunkelheit durch Reickendorf kam, wurde er von den ihm Begegnenden freundlich begrüßt. Er galt nicht als Licht und war im Grunde wenig hervorgetreten und ebenso wenig beachtet worden. Allein der auf ihn geworfene Verdacht ließ momentan ein regeres Interesse für ihn aufkommen und spontan bethätigen.

Vom Sod her und kurz vor dem Hofe begegnete dem Heimkehrenden ein Mann im Pelz.

»Gu'n Abend,« sagte Christian höflich.

»Meugen,« antwortete der andere und blies den Dampf seiner Cigarre durch die Nase.

Der neue Bauer? dachte Christian.

Am Sod wurde er angerufen.

»Spaziergang gemacht, Christian?«

»Ja, mit der Pickelhaube.«

»Behalten wollten sie dich nich?«

»Ein Glück!«

Einer der Knechte kam an den Weg.

»Euer Bauer, der mit dem Wolfspelz?« fragte Tiedjohann.

»Ja. Is er dir über den Weg gelaufen?«

»Nach dem Dorfe zu.«

»Der is dir nich grün, Christian.«

»Kann mir egal sein. Was hat er denn?«

»Raupen im Kopf. Als er von dir und der Pickelhaube und dem bißchen Klauen hörte, traute er dir noch ganz was anderes zu.«

»So –?«

»Ja, von wegen dem früheren Bauern – du verstehst mich –«

»Nee ...«

»Na, er meinte, du möchtest nich ganz reine Finger haben –«

»Wegen dem Bauern –?«

»Mensch, geht das noch nich in deinen Schädel –?«

»Ich sollte – er meinte – von wegen dem Mord?«

»Endlich. Ja, grad das.«

»Der Halunke!«

»Hab ich mir auch gedacht. Na, mach' dir nichts d'raus.«

»I wo!«

»Gu'n Nacht, Christian.«

»Gu'n Nacht, Jochen.«

Es wurmte ihn doch und er knurrte vor sich hin.

Am nächsten Tage wurde er von einem bäuerlich gekleideten Fremden dabei getroffen, wie er die Lücken in der den kleinen Garten umfriedenden Hecke mit Buschwerk verstopfte.

»Ihre Kohlköpfe haben wohl Besuch bekommen?« fragte der Fremde und fügte lachend hinzu: »Fangen Sie sich die Braten doch weg!«

»Hat sich was!« knurrte der Beschäftigte. »Einmal hat mich die Pickelhaube gekriegt, für ein zweitesmal dank ich.«

»Erwischt? Pfui, das ist bös. Hat's denn was abgesetzt?« forschte der Unbekannte.

»Noch nich,« erwiderte Tiedjohann harmlos, »aber das dicke Ende kommt noch.«

»Ja, ja,« stimmte der Fremde zu, »mit den Herren vom grünen Tisch ist schlecht zu spaßen. Was wird's denn: blechen oder brummen?« fragte er lakonisch.

»Brummen, nee, das nich,« sagte Christian einigermaßen befriedigt. »Aber von dem, was ich mir gespart habe, wird wohl nich viel übrig bleiben. Sechshundert Mark – – na, wenn ich die zahlen soll, hab ich nich mal.«

»Dann geht's hoffentlich billiger,« stimmte der Unbekannte bei. »Was ich sagen wollte – hm – ich bin auf dem Wege nach dem Grünen Sod: Da ist ja wohl ein neuer Bauer, was?«

»Und was für einer, früher Affkat,« bestätigte Christian.

»Ja, hab' ich gehört. Feiner Kerl, was?«

»Na, wenn's nach 'm Rock geht –«

»Nichts drin –?«

»Doch« – mit einer Handbewegung – »so'n Bauch ...«

»Sie sind ihm wohl nicht grün, was?«

»Nee. Er mir auch nich.«

»Kennt er Sie denn?«

»Nee.«

»Sie ihn?«

»Na, gesehen hab' ich ihn ja und gehört von ihm durch meinen Alten. Hat's was auszufressen gegeben, als die noch jung waren, war der Sod-Detlev dabei; beim Hechteluchsen, beim Tauben- und Karnickelstibitzen war er der erste, und haben sie Dreikart gespielt, hat der vom Sod immer am besten gemogelt ...«

Der Fremde lachte.

»Sonst haben Sie nichts gegen ihn?«

»Ein Schubbejack is er!«

»Was hat er Ihnen denn eigentlich gethan?«

Der Gefragte hielt zum erstenmal in seiner Beschäftigung inne und stemmte die Arme in die Seite.

»Was er mir gethan hat?« sagte er grollend. »Hat der Halunke nicht gemeint, ich – ich hätte seinen Bruder – piff paff – abgemurckst?«

»Ei was!«

»Jawohl! Aber wenn er sagt, ich bins gewesen: Kann er mir was anhaben, wenn ich von ihm das Gleiche sag'?«

»Nein, Sie müssen's aber beweisen können.«

»So, und er nich?«

»Gewiß, er auch.«

»Na, ich kann's nich, aber er noch viel weniger. Sehe ich aus wie einer, der einen Menschen auf dem Gewissen hat?«

»Bewahre –«

»Aber gucken Sie mal den an! Der eher als ich, da wett ich meinen Kopf auf ...«

»Sst!« machte der Fremde. »Ich würde den Schnabel halten und den andern reden lassen. Treibt er's zu arg, rücken Sie ihm auf die Bude ...«

»Ja – –« Christian kraulte sich die Ohren. »Er schmeißt mich aber raus –«

»So?« meinte der Unbekannte amüsiert. »Dann lassen Sie's lieber. – Wie ist's denn, geht hier nicht 'n Richtweg nach dem Sod, ich mein' durch das Holz? Ich war vor zwei Jahren hier und hab' von dem Bauern Kühe gekauft, weiß aber nicht mehr recht Bescheid.«

»Wollen Sie wieder welche kaufen?« fragte Tiedjohann interessiert. »Sie, den können Sie aber übers Ohr hauen, ei wie!«

Er tanzte vor Vergnügen.

»Sie meinen, er versteht nichts von der Wirtschaft?«

Christian lachte verächtlich.

»So'n Affkat! – Wissen Sie, ich werd' Ihnen den Weg zeigen. Kommen Sie. – Und woher soll er's haben! Der stolziert in'n Pelz wie uns' Pastor, und hat auch so'n Gesicht, bloß nich so heilig. All mehr scheinheilig. Sie, man bloß vorsichtig, sonst dreht er Ihnen einen Prozeß an den Hals, daß Sie das Vieh doppelt bezahlen müssen. Und denn lacht er. Und das soll er nich. – Den Steig rechts müssen Sie gehen. Immer gradeaus. Kommen Sie aus dem Holz auf den Fahrweg, so biegen Sie wieder rechts ein, und in zehn Minuten sind Sie am Sod. Ich werd' 'mal einen von den Knechten heut' abend fragen, was draus geworden is. Na, und adjüs.«

»Adjüs, und vielen Dank für die Begleitung!«

»Hat nichts zu sagen. Legen Sie man den Affkaten rein, denn is gut!«

Sie schüttelten sich die Hände und Christian stapfte zurück.

Der Fremde ging in Gedanken.

»Scheinbar harmlos, aber nicht so dumm, wie er aussieht,« monologisierte er. »Und von einem gesunden Groll gegen den neuen Herrn vom Sod. Den kann man sich 'mal dienstbar machen.«

Er sah zurück und kehrte um. An der Stelle, an der er sich von seinem Begleiter getrennt hatte, blieb er stehen und maß die Fußspur Christians. »Um über zwei Zentimeter zu kurz,« konstatierte er, steckte das Maß wieder ein und setzte seinen Weg fort.

Ueber der Landschaft lag Sonnenschein. Aber die Sonne war machtlos. Der Schnee knirschte unter den Füßen des Ausschreitenden, und blitzte auf den Feldern in frostspröden Kristallen.

Eine blendende Helle umfloß den Sod.

Der Fremde stieß mit den Fußspitzen gegen die eiserne Pforte, um den an den Stiefeln haftenden Schnee zu entfernen.

Der Bauer empfing ihn mit kurzem ›Meugen!‹ und fragendem: »Na, was steht zu Diensten?«

»'n Dag, Oldekop,« grüßte der Besucher und stellte sich vor: »Wittkamp, von Tonndorf. Mußte doch 'mal den neuen Bauern kennen lernen und bei der Gelegenheit fragen, ob ich was einhandeln kann. Bullen, Milchküh, den einen oder andern Gaul –?«

Detlev Oldekop hatte sich eine kurze Pfeife gekauft, wie sie die Bauern zu rauchen pflegten. Er stopfte sie umständlich und zeigte durch die in Falten gezogene Stirn an, daß er nachdachte. Dann entzündete er den Portorico, paffte ein paar Dampfwolken vor sich hin und sagte kurz:

»Nee. Ich muß mich erst einleben. Vom Gerichtssaal in den Pferdestall – der Sprung war'n bißchen unvermittelt. Und euch vom Metier kennt man ja – schwindelt einem das Blaue vom Himmel herunter.«

»Sie werden schon wissen, was Sie im Stall haben.«

»Gewiß weiß man's,« sagte Oldekop und stellte sich breit hin. »Wittkamp? Wittkamp? Der Name kommt mir bekannt vor ...« Er wußte nicht, wo er ihn hinbringen sollte.

»Natürlich: Ihr seliger Vater und mein Vater selig: alte Freunde. Und noch ein Dritter, Markmann, Hans, wenn Sie sich entsinnen. Dicke Freunde. Leider! wir Jungens sind auseinander gekommen. Ihren Bruder kannte man ja noch, aber Sie waren schon so gut wie fremd. Und der junge Hans Markmann – na, mehr als das. Wir liegen uns in den Haaren und machen uns die Hölle heiß, als ob wir's nicht abwarten könnten, bis wir doch 'mal hineinkommen.«

»Sie können sich nicht vertragen?«

Wittkamp nickte bedrückt.

»Wir prozessieren schon seit Jahr und Tag.«

»Worüber denn?« fragte Oldekop interessiert.

»Ach, hat ja gar keinen Zweck, das breit zu treten.«

Oldekop setzte sich seinem Besucher gegenüber.

»Sehen Sie, können Sie nun wissen, ob es Zweck hat?« fragte er mit Betonung. »Ich mein', ich versteh' doch auch 'was davon und könnte Ihnen vielleicht einen Rat geben, der Ihnen was wert wäre.«

»Sie?«

»Ich! – allerdings.«

»Ach so – Sie sind ja früher auch Advokat gewesen – Donnerwetter, wenn Sie mir dazu verhelfen könnten, daß der Markmann reinfiele –!«

Wittkamp wurde lebhafter, stellte seinen Stock weg, hing den Hut an einen Haken und blieb nachdenklich stehen. Aber er schien bald wieder zu zagen.

»Es wird nicht gehen,« meinte er kopfschüttelnd.

»Ich habe den Advokatenkram endgültig an den Nagel gehängt,« warf Oldekop hin, »und bin jetzt Bauer wie Sie und jeder andere. Aber deshalb behalte ich natürlich meine Kenntnisse und Erfahrungen, und wenn ich sie nicht mehr berufsmäßig verwerte, so kann ich sie doch privatim zu gunsten derer verwenden, die mich darum angehen oder für die ich mich interessiere. Unsere Väter waren befreundet; kann von den Söhnen einer dem andern dienen, soll er's thun. Also schießen Sie los!«

Wittkamp zögerte noch immer.

»Es geht doch nicht,« erwiderte er unentschlossen. »Ich habe einen Rechtsanwalt in Kiel, den besten, den es giebt. Und was der nicht ausrichtet, wird einem andern wohl auch nicht gelingen.«

»Nicht?« meinte Oldekop. »'s kann regnen, 's kann schneien; hängt alles davon ab, wie eine Sache aufgefaßt wird. Aber gehen Sie mir mit Ihren Rechtsanwälten! Ich habe Erfahrungen gemacht mit denen – na, ich danke! Wissen Sie, was ein Naturheilkünstler ist? Ungefähr wie zwischen ihm und dem studierten Doktor ist der Unterschied zwischen Rechtskonsulent und Rechtsanwalt. Die Doktoren und die Rechtsanwälte haben ihre wohlklingenden Titel; die andern nicht. Die Doktoren schreiben unleserliche Rezepte, wollen den Teufel durch Beelzebub austreiben und führen zu dem Gift der Krankheit das aus der Apotheke in den Körper ein – eines so schädlich wie das andere; die Rechtsanwälte erstatten gelehrte Gutachten, spielen mit den Paragraphen Fangball und wissen schließlich vor lauter Drehn und Deuteln nicht aus noch ein. Anders als der Doktor der Naturarzt: der macht die Krankheitsstoffe unschädlich, indem er dem Körper die Kraft giebt, sie auszuscheiden, oder er macht den Körper fest, daß die Gifte keinen Boden finden in ihm. Und wie der wir ›Winkeladvokaten‹: keine Rezepte oder Paragraphen, wir arbeiten mit dem einfachen, gesunden Menschenverstand und treffen deshalb den Nagel auf den Kopf, den die Herren mit den Brillen der Gelehrsamkeit nicht 'mal sehen können. Leuchtet Ihnen das nicht ein? Glauben Sie nicht, daß ein Mann, der einer Sache einfach und natürlich auf den Grund gegangen ist und deshalb selbst Klarheit gewonnen hat, auch andere besser überzeugen kann, als der mit den toten Paragraphen vollgestopfte Anwalt?«

»Na, es hat was für sich –,« gab Wittkamp vorsichtig zu.

»Das ist zu gelinde ausgedrückt: es ist das einzig richtige!« betonte Detlev Oldekop. »Nicht einen – hundert Fälle habe ich gehabt, die von den Advokaten – und den gelehrten Herren Richtern – und denen erst! – verfahren waren und von mir wieder ins Geleise gebracht werden mußten. Ein Beispiel – eines für viele! – wollen Sie es hören? Ein sogenannter tüchtiger Anwalt, ein Dutzend weise Richter – ach, die! – drei Urteile, und der Wahrspruch erst, nachdem ein Naturdoktor – pardon: Advokat – eingegriffen und den Herren die Augen geöffnet hatte! Ein Kaufmann Gutfroh in Altona, ein kleiner, schmächtiger Mensch, der arbeitete wie ein Pferd, um seine Familie in Ehren durchzubringen, war wegen Vergehens gegen das Nahrungsmittelgesetz angeklagt, weil er ein Kaffeesurrogat – prosaisch, was? – unter dem Namen ›Viktoria-Malzkaffee‹ in den Handel gebracht hatte und mit dieser Bezeichnung nach Behauptung der Staatsanwaltschaft das verehrliche kaufende Publikum getäuscht haben sollte. Vor dem Schöffengericht begutachtete ein Sachverständiger, unter Malz sei ausschließlich Gerstenmalz zu verstehen, der Beklagte verwende aber Roggenmalz und begehe dadurch eine Täuschung. Ein anderer Gutachter urteilte: Malz ist gebranntes Getreide, nicht blos Gerste, sondern auch Roggen und Weizen. Dieses Gutachten ritt der Verteidiger des Angeklagten und erzielte vorm Schöffengericht die Freisprechung. Brillanter Erfolg des Anwalts, Jubel seines Klienten. Stopp! entschied da das klügere Landgericht: auf die Berufung der Staatsanwaltschaft wird das Urteil des Schöffengerichts aufgehoben, denn die Frage, ob Gersten- oder Roggenmalz ist bedeutungslos und das Vergehen liegt in der Bezeichnung Malz kaffee. Urteil: Der Name Malz kaffee ist geeignet, in dem Publikum die irrige Annahme zu erwecken, als ob das Fabrikat aus Kaffeebohnen mit einem Malzzusatz hergestellt sei; der Angeklagte hat also nachgemachte Nahrungsmittel unter einer falschen, zur Täuschung geeigneten Bezeichnung feilgehalten und wird verurteilt zu so und so viel Geldstrafe, eventuell Gefängnis. Gezeichnet Landgerichtsdirektor A, Landgerichtsrat B, Landrichter C und D, Gerichtsassessor E, Staatsanwalt F, Gerichtsschreiber Referendar G ... Effekt: Verblüffung des Herrn Anwalts, Betrübnis des ängstlichen kleinen Gutfroh und Rechtskraft des Urteils. In seiner Not klopfte zuletzt der arme Kranke noch beim Naturdoktor an. Bei mir. Ein Wiederaufnahmeverfahren ist schwer zu erzielen. Ich setzte es durch, und ich fragte dann: meine Herren Richter, ist Cichorien kaffee vielleicht wirklicher Kaffee, oder Kamillen- und Flieder thee Thee? – kann Apfel wein als wirklicher Wein gelten? – oder kann der Käufer von Cacao butter deren Ursprung im Kuhstall suchen? Wenn aber durch diese Bezeichnungen kein Mensch auf den Holzweg geführt wird, warum dann durch die eine, einzige, derentwegen der Angeklagte vor den grünen Tisch zitiert ist? Schluß: Freispruch, Sieg des Naturdoktors und der ungelehrten, aber dafür gesunden Logik!«

Oldekop hatte den Fall in einer Zeitung gelesen und sich gemerkt. Er beobachtete befriedigt den Eindruck.

»Wenn Sie das fertig gebracht haben, wissen Sie für mich auch einen Ausweg!« sagte Wittkamp überzeugt und ging entschlossen auf seinen Fall über. »Unsern Hof – den Wittkamp'schen – hat mein älterer Bruder bekommen; ich habe mich auf meinen eingeheiratet und stehe mich nicht so gut. Es könnte aber gehen, wenn nicht der Prozeß wär'. Verlier' ich den und muß ich die Kosten zahlen, bin ich kaputt, einfach kaputt, sag' ich ...«

Oldekop lachte und tupfte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn. »Wenn's nur da hell ist!« warf er ein. »Mein Lieber, ich brauche gar nichts weiter zu hören. Ich weiß schon alles. Aber seien Sie unbesorgt; wenn Sie meinem Rat Folge leisten, wird Ihnen kein Haar gekrümmt werden. Glücksgüter kann nicht jeder anhäufen. Ich konnte es auch 'mal nicht. Im Gegenteil: es gab eine Zeit – wenn sie auch weit zurück liegt –, wo es mir oft am nötigsten fehlte, nur nicht an Schulden. Wissen Sie, wie ich mich vor den Gläubigern rettete? Es ist ja abgethan und deshalb nichts dabei, wenn ich es Ihnen erzähle. Ich hatte einfach nichts! Was da war – – war Eigentum meiner Frau ... Verstehen Sie? Und als auf deren Namen Schulden gemacht werden mußten, hatte sie plötzlich auch nichts – – gehörte alles dem Sohn – haha – und der hatte wieder mit den Schulden nichts zu thun ... Haben Sie was? Nee. Sie haben sich eingeheiratet. Sie haben nichts – kapieren Sie?«

»Natürlich!« bestätigte Wittkamp und lachte triumphierend. »Meine Taschen – leer, Frau mit Prozeß nichts zu Thun – – Sie, Oldekop, das ist eine Idee, eine Idee! Gold wert! Markmann gewinnt, Markmann lacht, Markmann kriegt nichts, blecht die Kosten, macht ein dummes Gesicht – – und ich lach'! hihi! –«

»Sie müssen bloß Ihre Frau gehörig instruieren!«

»Selbstverständlich! Und die schwört Stein und Bein.«

»Na also! Und wenn Schriftliches nicht ausgemacht ist, soll man Ihnen an den Wagen fahren –.«

»Oldekop, Sie sind mein Mann, zu Ihnen komme ich wieder,« versicherte der Gast lebhaft, kam noch einmal scherzend auf den mißglückten Handelsversuch zurück und ging in gehobenster Stimmung. –

»Mußt du denn das allen auf die Nase binden?« fragte die Bäuerin vom Sod mißvergnügt.

Oldekop ließ sich nicht aus seiner guten Laune bringen.

»Pah, das ist gewesen und vorüber. Kann der – Dussel, hält' ich bald gesagt – eine Lehre daraus ziehen – warum denn nicht?«

»Dussel?« fragte die Frau. »Der war klüger als du, und angesehen hat er dich mitunter ordentlich frech –«

»Behalte deine Grillen für dich,« wehrte Oldekop ab. »Ich fang die meinen auch allein.« Er pfiff vor sich hin. Dann kam er auf ein anderes Thema. »Gut, daß Schnee liegt; bei dem anhaltenden Frost würde die ganze Wintersaat zum Teufel gehn. Ich glaube aber, daß es einen Umschlag giebt, meine Hühneraugen rumoren.«

Am Abend beehrte er die Schlüter'sche Wirtschaft am Bahnhof. Die Begrüßung mit den Gästen war etwas beengend und die Unterhaltung anfänglich stockend. Später nahm der Zwang ab. Ein Bauernsohn erzählte Schnurren aus seiner Militärzeit, ein anderer Gast zog die neuesten Fliegenden aus der Tasche und las vor.

In einer Ecke, abseits vom Tische der Dörfler, saß ein mit etwas schäbiger Eleganz gekleideter Herr, der durch die fidele Stimmung der Dörfler angeregt zu werden schien. Er bat, mit Platz nehmen und zur Unterhaltung beitragen zu dürfen.

»Ich bin Improvisator,« erklärte er und übersetzte: »Dichter – Gelegenheitsdichter – Reimkünstler, wie Sie wollen. Auf der Durchreise. Verwandte besucht in der Gegend. In einer Stunde geht's weiter. Bitte, rufen Sie mir einzelne Worte zu, ich bringe sie gleich in Verse. Wie sagen Sie? Nickel? Weiter: Rote Nase? Schön. Wie: Quatschkopf? Warten Sie, Ihnen werde ich dienen. Noch ein Wort! Pudelmütze? – Los –!

»Soll ich für Kurzweil sorgen.
Müßt Ihr die Worte borgen.
Nickel‹ borgen wär mir lieber,
Nur leider: Schwamm darüber!
Reißt einer faule Witze,
Ruft › Quatschkopf‹ aus in Hitze,
Fahr ich von meinem Sitze:
Selber einer, du in deiner › Pudelmütze‹!
Und dünkt die Antwort dir nicht fein –
Steck deine › rote Nase‹ nicht hinein,
Brauchst du auch nicht der Dumme zu sein!«

Das Reimspiel wiederholte sich noch ein paarmal, und die kleine Gesellschaft war so belustigt, wie zu Anfang kühl und zurückhaltend.

»Mein Zug kommt gleich. Schnell noch etwas anderes,« rief der Improvisator in das Gelächter. »Sentenzen, Wahlsprüche, Sprüchwörter, Scherzworte – bitte! Aber rasch – der Zug wartet nicht. Wie? Eile mit Weile? Sie haben gut reden. Trau, schau, wem? Weiter ...«

»Dem Mutigen gehört die Keile!« rief Oldekop ausgelassen und hatte die Lacher auf seiner Seite.

»Bravo. Noch eins!« forderte der Künstler.

»Wer andern eine Grube gräbt, springt d'rüber weg!« schrie Oldekop.

»Einen Augenblick ...« der Künstler resümierte –. »Los –!

›Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein ...‹
So prägte das bekannte Sprichwort mir sich ein.
Allein man soll nicht zu vertrauensselig sein;
Denn die Erkenntnis kommt zu spät, sitzt man im Pech:
›Wer andern eine Grube gräbt, springt drüber weg!‹
Nur immer wägen erst, und ist's auch unbequem.
Den guten alten Wahrspruch: › Trau, schau, wem!‹
Denn ruft Bedachtsamkeit zu spät: › Eile mit Weile,‹
Die Spottlust singt: › Dem Mutigen gehört die Keile!‹«

Der Improvisator griff nach Hut und Stock.

»Meine Herren, wollen Sie, daß ich noch bleche,
Oder darf ich fragen: wer bezahlt die Zeche?«

reimte er schnell noch.

»Ich,« rief Oldekop großmütig.

Die heitere Stimmung hielt an.

»Ein famoser Kerl!« lobte Schlüter nach dem Abgang des Dichters.

»Soll nach Hamburg gehen, kann sich das Geld scheffelweise verdienen,« riet Oldekop zu spät. »Wollte übrigens bei mir heute auch einer, so'n Viehgauner, versuchen. Ich habe mich aber nicht eingelassen mit ihm. Witt – – Witt – – Wittkamp, richtig. Von Tonndorf. Ist der bekannt?«

»Wittkamp?« fragte einer der Anwesenden. »Und von Tonndorf? Giebt's gar nicht.«

»Kleiner Bauer!« bekräftigte Detlev Oldekop. »Liegt im Prozeß mit Hans Markmann. Hat mir alles erzählt ...«

»Markmann –? Und auch in Tonndorf –? I bewahre!« protestierte der andere wieder. »Ich kenne in Tonndorf jede Katze. Giebt's nicht, sage ich noch 'mal ...«

»Nanu –?« stieß Oldekop verblüfft aus. »Sollte der Spitzbube mich so angelogen haben?«

Die Aufmerksamkeit der Gäste wandte sich dem alten Blank zu, der eben in die Gaststube trat. Er wurde lebhaft begrüßt und Oldekop stellte sich ihm, als er den Namen hörte, vor.

Blank bat den neuen Sodherrn beiseite.

»Haben Sie uns die Alte von Hamburg auf den Hals geschickt?« forschte er ungehalten.

»Die – Alte? – Die Wichbern –?« fragte Oldekop peinlich überrascht. »War denn die hier?«

Blank erzählte kurz.

»Ich habe ihr extra abgeraten,« versicherte Oldekop. »Und trotzdem! Nicht ein Wort hat sie mir davon gesagt. Ich bin wie aus allen Himmeln gefallen ...«

Er sagte die Wahrheit. Zwei Ueberraschungen unliebsamer Natur hintereinander? Er redete noch auf Blank ein und nahm wieder am Tische Platz, aber seine Laune und Sicherheit waren dahin.

Mit dem Glockenschlag zehn entfernte er sich. Es war ihm aufs höchste unbehaglich. Die mißtrauische Alte hier gewesen, noch vor seiner Ankunft – – und da hatte er den Brief, den von A bis Z erlogenen, an sie geschrieben –! Eine der größten Dummheiten seines Lebens. – Und der Händler nicht, für den er sich ausgegeben? Nicht – –? Wer denn? Und die Komödie – zu welchem Zweck? ›Angesehen hat er dich – ordentlich frech!‹ kamen ihm die mürrischen Worte seiner Frau ins Gedächtnis. Alle Wetter! – sollte das – – sollte der etwa gar –? Sollten sie – Verdacht geschöpft haben gegen ihn und ihn gar schon mit – mit Spionen umgeben? Beamter von der Kriminalpolizei – der – der Wittkamp? Und dem – – dem hatte er seinen großmäuligen und gefährlichen Rat gegeben – –?

Er unterbrach wiederholt seinen Gang, blieb stehen und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Heiliger Pikbube!« stöhnte er. »Ich Tapir!« –

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