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Der Advokatenbauer

Dietrich Theden: Der Advokatenbauer - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorDietrich Theden
titleDer Advokatenbauer
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunDritte Auflage
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150910
projectid2c05e53b
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Sechstes Kapitel

Das Landgericht in Kiel arbeitete pünktlich und rasch. Noch am gleichen Tage, an dem die telegraphische Anzeige des Verbrechens von dem Ortsvorsteher Blank bei der Staatsanwaltschaft eingegangen war, erfolgte die Ernennung des Untersuchungsrichters, und bereits am nächsten Morgen traf dieser, zugleich mit den telegraphisch beorderten, ärztlichen Sachverständigen, am Thatort ein.

Der Untersuchungsrichter Dr. Mackens war ein eifriger und befähigter Beamter, und seine Ernennung erfüllte mit der Hoffnung, daß es gelingen werde, des Verbrechers sicher und in Kürze habhaft zu werden.

Dr. Mackens nahm von den Ermittelungen des Amtsrichters Kenntnis und trat der Ansicht, daß der Tod des Bauern Oldekop das Werk eines Wilderers sei, bei. Er nahm den von dem Amtskollegen veranlaßten Gipsabdruck der Fußspur mit Dank entgegen, stellte mit den wieder zusammengeströmten Neugierigen weitere Verhöre an, protokollierte die Gutachten von Kreisphysikus und Kreiswundarzt, die mit dem des Dr. Berg sich deckten, und gab die Leiche noch vor Mittag frei ...

Dem Sarge Hans Oldekops folgte ein endloser Zug von Männern und Frauen, die dem Toten die letzte Ehre erweisen wollten. Die Feier auf dem alten Friedhof von Bornhöved, auf dem sich die Familienruhestätte der Oldekops befand, verlief würdig und ergreifend, und wenn auch die Leidtragenden nach dem Trauerakte in die Wirtshäuser strömten und an den aufgestellten, reichgedeckten Tafeln des Toten zu vergessen schienen, blieb sein Andenken und die Tragik seines Endes doch im Grunde der Herzen lebendig und hinderte das Ausarten des althergebrachten Trauerschmauses in ein der Weihe beraubtes Gelage.

Welche Resultate die ununterbrochenen Untersuchungen nach dem Mörder zeitigten, blieb Geheimnis der Behörden.

Die Gendarmen der Gegend entfalteten eine fast unheimliche Thätigkeit, die sie an den abgelegensten Orten und oft noch in den spätesten Nachtstunden auftauchen und beunruhigend wieder verschwinden ließ. Auch die Kieler Kriminalpolizei spielte in die Nachforschungen hinein, und die schweigsamen Beamten dieser Behörde wurden von den Bauern nicht einmal gern gesehen, weil sie ihre Kreise um jedes Haus und jeden Mann zu ziehen schienen und ihrem Spürsinn zuweilen in Richtungen folgten, die Widerspruch erregten.

Vorläufig lag über dem Vorgang das Dunkel des Geheimnisses, und ehe dieses gelichtet werden konnte, nahm die andere Frage nach dem etwaigen Vorhandensein eines Testamentes die allgemeine Aufmerksamkeit in Anspruch. Die Annahme, vielfach auch die Befürchtung der Anna Wichbern freundlich gesinnten Dorfbewohner, daß der Bauer eine letztwillige Verfügung nicht getroffen habe, wurde zur Gewißheit, als der alte Rechtsfreund Oldekop bestätigte, daß der Bauer seine letztwilligen Bestimmungen wohl mit ihm besprochen, die rechtsgültige Abfassung und gerichtliche Deponierung des Dokumentes aber hinausgeschoben habe.

Detlev Oldekop konnte das Erbe seines Bruders antreten!

Es war Mitte November, an einem klaren Frosttage, als er mit Frau und Sohn in Reickendorf dem Zug entstieg.

Der Winter hatte nach den aus der Rolle gefallenen, verspäteten Sommertagen plötzlich und energisch eingesetzt, zu Anfang November Felder und Wege mit einer dicken Schneedecke überzogen und den Häusern die weiße Winterkappe aufgesetzt. Oldekop schritt über den knirschenden Schnee und schaute nach dem Wagen, den er telegraphisch an die Bahn beordert hatte, aus. Er zog die Brauen hoch, als er den ihm bekannten Korbwagen vom Sod nicht entdeckte, und knurrte, zu seinem Anhang gewendet: »Ob das Pack sich nicht in aller Form auflehnt? Aber ich werde dreinfahren, daß sie die Beine unter die Arme nehmen und die Nacken beugen sollen ... Diener, Schlüter ...«

Der Gruß galt einem Manne, der dicht an den Angekommenen vorüberging. Der Angerufene zog die in die Hosentasche versenkte Rechte und tupfte flüchtig an die Mütze, ohne sich aufhalten zu lassen.

»Ein herzlicher Empfang,« zischelte die Frau.

»Warten wir's ab! Der Schlüter ist Rademacher, und wenn er auf meine Kundschaft verzichten will – mir soll's recht sein. Soll ich mich aufdrängen – ihm oder den anderen Laffen?« Er fühlte doch manchen Blick auf sich und die Seinen gerichtet und that, als ob er sich in eifriger Unterhaltung befände und auf die sich fern haltenden Leute nicht achte. Er reichte seiner Frau den Arm, redete auf sie ein und schien mit der kurzen runden, in nagelneue Winterkleider gehüllten Person ein Herz und eine Seele.

»Der Krug hier,« erklärte er, »gehört auch einem Schlüter; ich glaube aber nicht, daß er mit dem Rademacher verwandt ist. Die Schlüter sind in Reickendorf so dicht gesäet, wie in Hamburg die Meier und Müller. Der hier ist übrigens vielseitig: Gastwirt, Krämer, Braunbierbrauer, Landwirt und Kornhändler. Und im Dorf ein Bruder von ihm: Landwirt, Gastwirt, Krämer und Bäcker. – Der Holzplatz rechter Hand – na, die Firma Martin Blank und Sohn steht ja protzig genug auf dem Riesenschild! Emporkömmlinge, früher nichts, jetzt reich – oder auch nicht. Der Puppenkasten von Villa, was? Ist ja jetzt auch die Heimat der Wichbern-Anna. Schad, daß wir die nicht noch aus dem Hause komplimentieren können.« Und er lachte, da gerade Bekannte vorübergingen, gemütlich. »Weißt du, warum die Kerle einen ansehen und wie vor den Kopf geschlagen vorüberdäsen? Weil ich einen Pelz trage, den sie nicht gewohnt sind. Den tragen sonst in Reickendorf nur die paar alten Fabrikbesitzer und Hochwürden, der Pastor. Man wird sich noch an verschiedenes gewöhnen müssen in Reickendorf und auf dem Grünen Sod! – Der Bauernhof linker Hand gehört seit Menschenaltern den Duggen. Als Kind überkam mich immer ein Graulen, wenn die Eltern Besuch machten und uns Jungens mitnahmen. Da ist noch heute ein Unglücklicher im Hause, ein Irrsinniger, den sie eingeschlossen und verborgen halten. Es ist ein Wunder, daß sich da die Behörden nicht einmengen, die doch sonst die Nase in alles stecken und sicher jetzt den Sod vom Keller bis zum Heuboden durchwühlt haben. – – Die lange Reihe von Kathen: die Kolonie der Fabriksklaven. – Der rote Würfel: das Schulhaus. Seine Gelahrtheit Herr Wichbern hauste noch im alten Kasten, weiter im Dorf drin.«

Er fuhr in seinen bissigen Glossen fort und verschonte auch das Heim des Roßkamms David Riecken nicht, das über den Fenstern ein neuangebrachtes Schild mit der Aufschrift ›Zur Weintraube‹ trug. »Wirt, Pferdegauner und Junge für alles,« erläuterte er boshaft und grüßte durch lauten Zuruf, als der Roßkamm lebhaft durch das Fenster winkte und sich beeilte, auf die Straße zu kommen. »Nicht zu vertraulich,« tuschelte Oldekop schnell, »der Goliathfresser steht nicht im besten Rufe, und die Herrschaft vom Sod kann sich ein bißchen reserviert halten. – Na, David – 'n Tag! Deine Trauben sind mir zu sauer, wenigstens heute ... Meine Frau ... mein Sohn ... David Riecken ... Ja, David, wie ein paar Wochen die Welt auf den Kopf stellen können, nicht wahr? Du mußt mir noch erzählen – morgen, übermorgen, ich komm' schon vor bei dir. Weiß Gott, nahe gegangen ist mir Hans' Ende – – aber: hab' ich's nicht gesagt, daß er nicht daran dachte, die Dirn an meine Stelle zu setzen? – – Hm? Ach so, du meinst das Gerede, das den alten Justizrat zum Vater hat –. Bist du dabei gewesen? Na, ich auch nicht. Und in die Luft läßt sich viel behaupten. – Meine Frau drängt, David, sie kennt ja den Sod noch nicht und ist neugierig – – Kunst, was? Adjüs, David, und laß dich 'mal blicken bei uns ...«

Die Drei schoben weiter.

»Seine Intimität werde ich schon abwehren,« sagte Oldekop geringschätzig, als sie außer Hörweite waren.

Die Leute auf dem Grünen Sod waren über die bevorstehende Ankunft Detlev Oldekops und seiner Familie unterrichtet. Das früh an den Vorknecht Christian Kummerfeld eingetroffene Telegramm hatte zwar als unbestellbar zurückgehen müssen, weil der Adressat seinen Dienst verlassen hatte, aber der Postbote hatte von dem Inhalt Kenntnis gehabt und ihn gefällig angedeutet.

Einer der Knechte war im Wohnzimmer, von dem aus er den Weg übersehen konnte, als Wachposten aufgestellt und schlug Alarm, als er die Erwarteten an der Wegbiegung austauchen sah.

Die Leute verstreuten sich, und allein die von Blank mit der provisorischen Beaufsichtigung des Hofes betraute Frau blieb in der Nähe des Flurs zurück und ging der neuen Herrschaft entgegen, als die Flurklingel ihr Eintreten anzeigte.

Detlev Oldekop grüßte die Frau herablassend, schälte sich im durchwärmten Wohnzimmer aus dem Pelz und forderte die Uebergabe der Schlüssel. Während Frau Oldekop und Sohn sich, ohne abgelegt zu haben, in der ersten Neugierde im Hause herumführen ließen, trennte der neue Hausherr etwas nervös ein ihm versiegelt übergebenes Couvert auf. Ein Bogen fiel ihm in die Hand, der über den Bestand der in gerichtliche Verwahrung genommenen Kasse des Bauern Auskunft erteilte, die Vorgefundenen, gleichfalls amtlich verwahrten Dokumente aufzählte und von Anna Wichbern, Martin Blank, Herrn v. Donner und dem Amtsrichter unterzeichnet war. Detlev Oldekop durchflog die Aufzeichnungen und stellte fest, daß sein Bruder wohlhabender gewesen war, als er angenommen hatte. Auf der Sparkasse in Bornhöved lagen gegen fünfzehntausend Mark, und auf der Teppich- und Gardinenwirkerei am Bahnhof stand von dem Bauern eine erste Hypothek von zweiundsechzigtausend Mark.

Detlev Oldekop trommelte mit den Fingern erregt auf der Nußbaumplatte der Schatulle und grinste vor Befriedigung. Seine Schulden – – Lappalie! Aber jetzt würde er sich das Leben behaglicher gestalten, nach seinen Ansichten und Wünschen. Und bei Gelegenheit einmal über die Schnur hauen – pah, was das ausmachen würde! Bisher war das flotte Leben meist an ihm vorübergebraust, hatte er abseits den Beobachter machen müssen, ohne recht mitthun zu können. Jetzt durfte er im Strome schwimmen, und die ehemaligen Hamburger Freunde, die ihn in der Not so schnöde im Stich gelassen hatten, sollten Augen machen. Dann aber: nicht mehr sehen – die Bagage! Und die Andern auch nicht, die Spieler – die erst recht nicht. Spielen? Er? – wo er es nicht mehr nötig hatte, wo er nur gerupft werden konnte? Daß er ein Narr wäre! Seine Angelegenheiten in Hamburg ordnen und zu diesem Zwecke noch ein paarmal hinauffahren, dann am besten Schluß in der Alsterstadt und etwa in Kiel neue Bekanntschaft gesucht, wo man ihn noch nicht kannte und wo er unter Seinesgleichen neue Beziehungen nach Belieben würde anknüpfen können. Daß die Bauern im Dorfe ihm schwer zugänglich sein würden, verhehlte er sich nicht. Puh! War er für sie Luft – sie für ihn auch! Mit der Zeit würde er schon Berührungspunkte finden und die Dickschädel breitschlagen.

Detlev Oldekop wunderte sich, daß er keine Korrespondenz seines Bruders vorfand. Er suchte in den Schubladen und Fächern der Schreibschatulle und beruhigte sich in dem Gedanken, daß der Bruder richtig gehandelt habe, indem er sich offenbar zum Prinzip gemacht, die Briefe stets sofort nach Empfang zu vernichten. Groß mochte durch ihn die Belastung der Post ohnehin nicht gewesen sein, namentlich nicht nach Abzug der Hamburger Briefe, Karten und Telegramme – und wenn die in den Ofen oder in das Herdfeuer gewandert waren, so war nichts verloren. Im Gegenteil: was das Feuer hatte, gab es nicht heraus, das war vor Unberufenen für ewige Zeiten gesichert.

Er schloß die Schatulle wieder ab und musterte die Stuben.

Eben wollte er sich auf die Diele begeben, als Frau und Sohn zurückkehrten und letzterer lebhaft meinte:

»Sechs schöne Pferde, Papa, und ein netter, leichter Wagen. Uih, das wird großartig! Weißt du was? Mit den beiden Schimmeln will ich gleich heute nachmittag ausfahren und einer von den Leuten soll mich begleiten und mir das Fahren beibringen.«

»So?« höhnte der Papa und warf den Kopf zurück. »Du ›willst‹ – und ›einer soll‹ – – da schlag doch gleich ein Donnerwetter drein! Hast du zu befehlen oder ich! Ich! mein Sohn, und ich sage dir, du wirst nicht ›wollen‹ und von denen draußen wird keiner ›sollen‹, ohne daß ich befragt bin. Schreib dir's ein für allemal hinter deine Ohren, wenn du nicht willst, daß ich dir's handgreiflich in Erinnerung rufen soll ... Ist dir's in den Kopf gestiegen, daß du in Hamburg, zum Schein, der Hauswirt warst und ich dein Mieter? Die Zeiten sind vorüber, das merk' dir.«

Leo Oldekop biß sich auf die Lippen. Zu widersprechen wagte er nicht.

»Deine Depesche ist zurückgegangen, Detlev, denk' dir,« berichtete die Frau, die auf dem Rundgang von der Führerin heuchlerisch befragt worden war, ob sie, die neue Herrschaft, etwa an den Kummerfeld telegraphiert habe. »Und weißt du, warum? Der Postbote hat sie nicht hergeben können, weil der Adressat nicht mehr da ist!«

»Nicht mehr da?« fragte Oldekop überrascht.

»Nein, er ist zu einem Herrn Donner gegangen, weil er nicht bei dir hat bleiben wollen.«

»Ganz nach seinem Belieben!« lachte der neue Herr.

»Ja, und zwei Mädchen wollen zum Ersten auch gehen.«

»Nicht früher? Sie sollen die Thür von draußen zumachen je eher, um so besser! – Im übrigen, ich werde den Herrschaften mal gleich deutsch auseinander setzen, was sie von mir zu erwarten haben und was nicht.«

Er ließ die Knechte und Mägde und die auf dem Hofe beschäftigten Taglöhner im Wohnzimmer zusammentreten und sprach auf sie ein:

»Mein Bruder ist früher abgerufen worden, als seine Zeit gekommen war. Ich habe angenommen, daß diejenigen, die in den letzten Jahren um ihn waren, mit mir einig sein würden in der Trauer um ihn. Ich bedaure, daß ich mich getäuscht habe. Derjenige, der unter euch der Erste war, hat dem Hofe den Rücken gekehrt, kaum daß der Bauer die Augen geschlossen hatte. Zwei weitere unter euch haben angekündigt, daß sie gehen wollen. Sie sollen ihre Sachen packen und sich mit Freundlichkeit empfehlen, so schnell es möglich ist. Und diejenigen, die für früher oder später die gleiche Absicht haben – heraus mit der Sprache und marsch vom Hofe! Die andern, die bleiben wollen, werden mit mir zufrieden sein. Sie mögen sich morgen bei mir melden. Einige von euch haben zu wenig Lohn« – er hatte keine Ahnung – »ich werde mit mir reden lassen. Ueberhaupt: ich werde jedem auf die Finger sehen, aber auch jedem sein Recht werden lassen. Wer besondere Wünsche hat, soll den Mund aufthun, denn Gedankenleser bin ich nicht. – Weiß jemand, warum der Kummerfeld mein Kommen hat nicht abwarten können?«

Die Leute sahen sich an. Christian hatte seinen Abgang begründet, aber niemand traute sich, seine Worte zu wiederholen. Nur einer warf trocken hin:

»Er sagte, er wollte mit dem Affkatenbauer nichts zu thun haben!«

»Advokatenbauer?« fing Detlev Oldekop das Wort auf. »So? Er meinte wohl, der würde von der Wirtschaft nichts verstehen? – Oder hatte er etwa keine reinen Finger, hm?«

Der Sprecher nahm noch einmal das Wort.

»Der war ehrlich,« betonte er.

»Pah! Wenn alles Gold wäre, was so aussieht,« – entgegnete Oldekop geringschätzig. »Er wird schon seine Gründe gehabt haben. – Bedenkt euch heute abend und sagt mir morgen früh Bescheid, wer bleiben und wer gehen will. Ich bin für jeden von euch von acht bis zehn zu sprechen.«

Die Leute gingen und stießen sich im Fortgehen gegenseitig an.

»Der macht's wie 'n Dokter,« kicherte einer. »Da muß man auch immer kommen, wie's an der Thür angeschrieben steht. Ob er's auch dahin malen wird?«

Unterdrücktes Lachen lohnte dem Spötter. Die Leute teilten sich dann aber doch in Gruppen und berieten, und selbst die beiden Mädchen, die gekündigt hatten, bereuten angesichts der angekündigten Lohnerhöhung halbwegs ihren Entschluß.

»Advokatenbauer!« wiederholte Oldekop den ihm beigelegten Titel. »Die Kerle scheinen nicht ohne Mutterwitz zu sein. Na, wenn sie den Advokaten verspotten wollen, wird ihnen der Bauer zeigen, was eine Harke ist.«

Er schickte seinen Sohn nach dem Dorfe, Briefpapier, Postanweisungen, Karten und Marken zu holen, und patrouillierte unterdes den Hof ab. Dann nahm er einen Imbiß, rückte einen Tisch ins Fensterlicht und schrieb bis gegen abend. Postkarten enthielten die kurze Anzeige der veränderten Adresse; für ein paar besonders drängende Gläubiger füllte er Postanweisungen aus ...

Den Freund, der ihm die Bitte um ein zweites Darlehn mit der Erinnerung an den Wechsel abgeschlagen hatte, beehrte er mit einem Briefe:

»Werter Freund. Um nicht noch einmal an die mir von Ihnen erwiesene Gefälligkeit gemahnt zu werden und nicht abermals über das Maß Ihrer Sympathie für mich hinaus zu gehen, ersuche ich um gefällige Angabe, ob der Wechsel sich noch in Ihrem Besitz befindet und ich die Ehre haben kann, Ihnen den Betrag sogleich und direkt zuzusenden. Ich bin selbstverständlich zu jeder Zeit bereit, Ihre mir schätzbare Sympathie in der von Ihnen bethätigten ausgedehnten Weise zu erwidern.

Der Ihrige ...«

Er schnörkelte seinen Namen hin und bedeckte einen zweiten Bogen mit flüchtiger Schrift:

»Gnädigste Frau Wichbern! Ich habe die Ehre, Ihnen meine Uebersiedelung nach Reickendorf ergebenst anzuzeigen und Ihnen zugleich zu melden, daß ich in Ihrem Interesse den ersten Schritt gethan und mit dem Chef der Firma Martin Blank und Sohn gesprochen habe, der Ihre Nichte einstweilen in sein Haus aufgenommen hat. Die Thatsache dieser Aufnahme selbst hatte ich schon in Hamburg erfahren, leider aber keine Gelegenheit mehr, Ihnen noch meine Aufwartung zu machen, oder Sie bei mir zu unterrichten.

Ihre Nichte scheint den Schmerz um meinen Bruder bald überwunden zu haben und es nicht zu empfinden –« hm – ... »daß sie im Hause des emporgekommenen Holzhändlers geduldet wird. Ich habe wenigstens keinen andern Eindruck empfangen, und wenn ich aus dem Interesse, mit dem sich Blank senior nach Ihnen und Ihren Verhältnissen erkundigte, einen Schluß ziehen darf, ist er der Erwägung, daß Ihre Nichte gut thun würde, Ihr hochherziges Anerbieten anzunehmen, weniger unzugänglich, als mein Bruder. Ihre glänzende Vermögenslage machte auf ihn einen um so sichtlicheren Eindruck, als seine eigene an diese nicht entfernt heranreichen kann, wenn ein Vergleich überhaupt statthaft erscheinen und ein nennenswertes eigenes Kapital bei dem Manne vorausgesetzt sein soll. Auch sein Interesse an Nebendingen schien mir auf die Hand zu legen, daß er sich mit Ihnen und Ihrem Plan beschäftigt. So befragte er mich ...« Er unterbrach sich. Ja, wonach denn? Etwas Detail ist gut und erhöht die Wahrscheinlichkeit, aber es muß auch nahe liegen. Hm ... ja so, das geht. Sogar ein guter Einfall ... So befragte er mich, hm ... »wie es komme, daß Sie, die doch eine Schwester seines toten Freundes Wichbern seien, trotzdem den gleichen Familiennamen führten. Er schien von Ihrem Bruder nicht erfahren zu haben, daß Ihr Gemahl bei der Heirat seinen Namen durch den Ihren ersetzt, und fragte, als ich es ihm mitteilte: ›Also umgekehrte Welt? Friedrich Heinrich Wichbern, geborener So und So?‹ Aber das klang nicht einmal ironisch, schien ihm vielmehr als statthaft und vernünftig einzuleuchten. ›Keine Kinder?‹ fragte er weiter. ›Gestorben,‹ antwortete ich ebenso einsilbig. ›Und sonst keine Verwandten mehr, keine Seitenlinie?‹ ›Auch die nicht.‹ ›Unsere Anna Wichbern also, wenn sie will, die alleinige Erbin?‹ Ich bejahte es, und wenn mich meine Menschenkenntnis nicht ganz im Stich ließ, mochte ich den bedauernden Gedanken des alten Fuchses erraten haben, daß die vorzeitige Verheiratung seines eigenen Sohnes doch schade sei. – Ueber den Geliebten Ihrer Nichte zu sprechen, hielt ich noch nicht für angebracht; nun ich aber selbst dauernd an Ort und Stelle bin, werde ich natürlich auch zu handeln verstehen und in Ihrem Sinne auf Lösung der unhaltbaren Verbindung hinwirken. Schon daraus, daß ich gleich am ersten Tage – ich bin heute mittag hier angekommen – an die Lösung meiner Aufgabe energisch, wenn auch vorläufig vorbereitend herangetreten bin, werden Sie ersehen können, daß die Zeit des Zuwartens für mich vorüber ist, und ich hoffe, Ihnen sehr bald Fortschritte zu melden, die Ihnen erfreulich bestätigen, daß Sie verläßlich vertreten sind durch Ihren sehr ergebenen

D. Oldekop.«

»So!« murmelte er verächtlich, »nach vierzehn Tagen die Nachricht an die geschätzte Madame, daß das Karnickel trotz allem nicht will, und über die Geschichte kann meinetwegen das Gras wachsen, so hoch es Lust hat. Ich habe mehr im Kopf, als die Dummheiten anderer Leute ...«

Er begab sich in letzter Stunde zur Einzahlung der Postanweisungen nach dem Postamt am Bahnhof, warf die Karten und Briefe direkt in den Zug und kehrte nach dem Sod zurück, da er nicht gleich am ersten Abend in einem der Dorfwirtshäuser auftauchen wollte.

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