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Der Advokatenbauer

Dietrich Theden: Der Advokatenbauer - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorDietrich Theden
titleDer Advokatenbauer
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunDritte Auflage
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150910
projectid2c05e53b
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Drittes Kapitel

Die Brust des Abgewiesenen arbeitete, daß sie flog. Mit großem, gierigem Blicke umfaßte er noch einmal den Hof, dann wandte er sich so hastig um, daß er fast über seine eigenen Füße gestolpert wäre. Sein starker Körper war nach vorn geneigt, der Gang schwankend. Er fluchte heiser vor sich hin und stöhnte in das Fluchen hinein wie ein verwundetes Tier.

Erst kurz vor dem Dorfe nahm er sich gewaltsam zusammen, richtete sich mit einem Ruck auf und hielt den Kopf auf steifem Nacken. David Riecken winkte er zu und rief, als jener das Fenster öffnete, eilig: »Ich habe die Zeit verplappert, und muß machen, daß ich an den Bahnhof komme. Gut abgelaufen übrigens, und an dem Geschwätz von der Dirn und der Erbschaft kein wahres Wort. Halt trotzdem die Augen offen, David, und laß dich's einen Brief kosten, wenn du 'was heraus bringst!«

Da das Wirtshaus abgesondert lag, durfte er sich ungeniert aussprechen, ohne eine unwillkommene Zeugenschaft befürchten zu müssen.

Er nickte zum Abschied mit dem Kopfe und lüftete leicht den steifen Filzhut.

»Strohkopf!« knirschte er im Weitergehen. »In deinem vernagelten Schädel wird's auch niemals Tag werden. Und den Hohlkopf habe ich noch spicken müssen! Ich alter – – Als ob man's in Scheffeln hätte und nicht erst dem Spielteufel aus den Klauen geholt!«

Er hatte die Rückfahrt für den Abend angesetzt gehabt, glaubte sich aber zu entsinnen, daß er auch von einem Nachmittagszuge, den er noch erreichen konnte, gelesen hatte. Er hatte sich nicht getäuscht. Als er eben den Bahnsteig betreten hatte und den Bahndamm entlang forschte, bemerkte er fern den sich heranwindenden Zug.

Er war froh, daß der Bahnhof leer und er somit vor lästigen Ansprachen Bekannter sicher war. Als er sich in einem Coupé zweiter Klasse allein sah, brach die mühsam behauptete Beherrschung wieder zusammen. Er ballte die Rechte zur Faust und schlug auf den gepolsterten Sitz, daß eine Wolke von Staub aufquoll und sich ihm in dünner grauer Schicht auf die dunkle Kleidung legte. Er hatte kein Auge dafür und starrte vor sich hin in fieberndem Grübeln.

Verloren alles, wenn nicht die Rettung kam wie ein Blitz! – eine Sinnesänderung des hartschädeligen Bruders – eine unerwartete, plötzliche, ernste Erkrankung – ein schnelles, jagendes, überrumpelndes Ende – – der Tod! der einzig noch erlösen konnte.

Der Tod!

Ein Schauder überlief ihn.

Wie tausend hohläugige Schädel grinsten die eigenen Gedanken ihn an und machten ihn erzittern bis ins Mark.

»Der Tod, Hans Oldekop!« zischte er zwischen den aufeinandergebissenen Zähnen und erschrak über den lauten Ausdruck der höllischen Eingebung, daß er scheu zusammenfuhr.

Wie eine Lähmung kam es über ihn, die er kalt den Rücken hinaufkriechen fühlte, die ihn an der Kehle würgte und die trockenen, nervös zuckenden Lippen fast schmerzhaft erstarren ließ. Er lehnte sich erschöpft zurück, schloß die Augen und versenkte mechanisch die kalten Hände in die Ueberziehertaschen. Dann verharrte er regungslos, wie schlafend oder ohnmächtig, bis das Halten des Zuges und der traumhaft an sein Ohr schlagende Ruf ›Bokhorst‹ ihn wieder aufrüttelten. Er schüttelte sich im Froste und knüpfte den Ueberzieher bis an den Hals zu. Der Zug fuhr polternd weiter; wie mit Riesenäxten schien es rings an dem Wagen zu hämmern, wie über holpriges Pflaster statt auf glatten Schienen der schüttelnde Zug dahin zu brausen. Das Coupé verfinsterte sich, der Zug fuhr im Walde. Wie in tollem Spiel sich jagend, huschten die hellen Stämme der Buchen und die Telegraphenstangen an dem Coupéfenster vorüber; wie in Kettengerassel wandelte sich das dumpfe Poltern des Zuges, wenn er an einem Wärterhäuschen vorüber hastete, und wie ferner Gewitterdonner schwoll das Rollen an, wenn der Hohlraum einer Brücke überjagt wurde.

»Neumünster ...«

Detlev Oldekop mußte umsteigen. Er sammelte sich, grüßte durch höfliches Ziehen des Hutes den ihm oberflächlich bekannten Bahnhofsvorsteher, erstand von einem der ihre Waren anbietenden Kellner ein Fläschchen Cognac sowie ein belegtes Brod und eilte an den Schnellzug, der von Kiel einlief und nach Hamburg weiterging.

Der Imbiß erfrischte ihn, und der Cognac durchwärmte ihn wohlig. Bis Elmshorn hatte er Gesellschaft; einen jungen Menschen, der eine Unterhaltung mit ihm anknüpfen wollte und durch reserviertes Achselzucken kühl abgelehnt wurde. Dann war er wieder allein.

Der Aufruhr in seinem Innern war einer unheimlichen Ruhe gewichen. In dem farblosen Antlitz prägte sich kalte, finstere Entschlossenheit.

In Altona verließ er den Zug, wanderte durch die Straßen und blieb vor dem Schaufenster einer Waffenhandlung stehen. Er musterte die ausgestellten Stücke, trat in den Laden und verlangte ein Jagdgewehr.

Der Besitzer der Handlung taxierte den Kunden richtig und legte ihm Stücke in mittleren und niedrigen Preislagen vor. Oldekop wählte einen billigen Doppelläufer, erstand einen Karton mit Patronen und bemerkte ruhig:

»Bitte, nehmen Sie das Gewehr auseinander und verpacken Sie es mit den Patronen in ein leichtes, handliches Holzkistchen. Wollen Sie mir die Gefälligkeit erweisen, das Kistchen gleich mit einem Etiquett für die Adresse zu versehen?«

»Mit Vergnügen ...«

»Ich möchte es zur Post geben. Können Sie mir mit einer Begleitadresse dienen?«

Er erhielt das Gewünschte, trat an ein für die Kundschaft angebrachtes Pult, füllte die Adresse aus und überreichte sie dem Händler mit der Bitte, die gleiche Aufschrift auf dem Kistchen anzubringen.

»An den Forstwart Herrn – –« kopierte der Waffenhändler, schrieb deutlich den Namen, in breiter Rundschrift die Ortsangabe und fragte höflich:

»Darf ich Ihnen den Weg zur Post durch einen meiner Leute abnehmen?«

Der Käufer stellte mit einem Anflug von Lächeln die Gegenfrage:

»Wollen Sie vielleicht das Porto tragen?«

»Aber gern –.«

»Wenn Sie den Satz berechnen können – bitte, frankieren Sie. Man soll auch das Kleine ehren. Die Abgabe auf der Post besorge ich selbst. Hoffentlich ist ein Postamt in der Nähe?«

»Ich gebe Ihnen gern einen Boten mit.«

»Nicht nötig. Ich bin kein Freund von Umständen. Also –?«

Der Händler beschrieb den kurzen Weg.

»Sie werden sich aber beeilen müssen. Um sieben wird die Paketannahme geschlossen,« fügte er hinzu.

»Ich bin fremd hier,« bemerkte Oldekop, »könnten Sie Ihre Güte noch etwas steigern und mir ein Hotel – nicht zu teuer, aber gut – empfehlen?«

Der Gefragte gab bereitwillig Auskunft.

»Danke,« sagte Oldekop, nahm das Kistchen und entfernte sich in der Richtung nach dem ihm bezeichneten Postamt, blieb kurz vor dem in rotem Backstein aufgeführten Gebäude stehen, winkte eine Droschke heran und fuhr nach seiner Wohnung.

Die Etage war wie ausgestorben. Er schloß das Kistchen in eines der geräumigen unteren Fächer seines Schreibtisches, legte Hut und Paletot ab und suchte nach seiner Frau. Sie lag zu Bett.

»Nanu?« stieß er fragend aus.

»Ich bin krank vor Jammer oder Hunger!« zeterte sie.

»Schwatz nicht!« herrschte er sie an und fragte nach dem Sohn.

»Weiß ich's?« stöhnte die Frau.

»Herumtreiber, der!« murrte Oldekop.

»Hast du bekommen?« fragte die Frau zögernd.

»Ja, eine – Nase,« höhnte er.

Die Frau schwieg.

»Mach, daß das Abendbrot fertig wird,« forderte er im Hinausgehen.

»Wovon denn?« klang es zurück.

Er griff in die Tasche und warf ein Goldstück auf den Tisch.

Die Frau kleidete sich an und kaufte ein. Aber ihr Unwohlsein schien ernsterer Art, als sie selbst angenommen haben mochte. Sie konnte nur wenig genießen und legte sich bald wieder hin. Oldekop suchte ein Restaurant auf, kam spät heim und schlief bis in den hellen Tag ... Der Sohn war ausgeflogen, die Frau lag in leichtem Fieber. Oldekop zog sich ins Bureau zurück, holte das Kistchen hervor und übte sich im Zerlegen und Zusammensetzen der Waffe, das ihm um so schneller geläufig wurde, als er von seiner Militärdienstzeit her mit dem Umgang der Feuerwaffe vertraut war. Bei einbrechender Dunkelheit studierte er am Fenster das Kursbuch und notierte: »Ab 9,25, Neumünster 10,55, ab N. 5,36 (oder 7,22).«

Die Fiebererscheinungen an der Kranken wollten nicht weichen. Oldekop holte einen Arzt und schob, während dieser die Leidende untersuchte, den Zeiger der Uhr um eine halbe Stunde vor.

»Nun?« fragte er, als der Arzt aus dem Krankenzimmer ins Bureau trat.

»Nichts ernstes,« beruhigte der Doktor. »Etwas Antipyrin wird seine Wirkung thun.« Er schrieb das Rezept und sah auf die Wanduhr. »Bald halb zehn. Ein bißchen spät, sonst hätte ich Ihnen geraten, das Pulver aus der Engel-Apotheke holen zu lassen, die ja aber ein wenig weit liegt. Na, nach Belieben. Ich sehe morgen früh um neun noch einmal vor. Guten Abend.«

Oldekop berechnete die Minuten und drehte den Zeiger zurück. Es war Punkt neun.

Er stellte das Kistchen zur Hand und trat ins Krankenzimmer.

»Wenn der Bengel kommt – hier, laß dir holen. Antipyrin. Alle zwei Stunden ein Pulver. Es – kann spät werden, ehe ich zurückkomme.« Er machte mit der Hand die Geste des Kartenmischens. »Muß wieder versuchen. Drück den Daumen ...«

Er hatte die Kiste in Packpapier gehüllt, nahm sie unter den Arm, schob noch ein Paket in die weite Innentasche des Paletots und eilte fort. Er löste ein Billet nach Neumünster und suchte im Zuge nach einem leeren Coupé, das rasch gefunden war.

Kurz vor elf Uhr war er in Neumünster, schlug den Kragen des Paletots hoch, drückte sich den Hut in die Stirn und drängte in der sich schiebenden Menge nach dem Ausgang, bog um das Bahnhofgebäude herum und überschritt den Bahndamm in aus der Stadt führender Richtung.

Als er die gasbeleuchteten Straßen hinter sich hatte, hängte er die Kiste an rasch befestigtem Bindfaden über die Schulter, folgte eine Stunde lang der Chaussee, markierte, wenn ihm hin und wieder Leute begegneten, einen leicht schwankenden Angetrunkenen und erreichte dadurch, daß die meisten Passanten ihm vorsichtig oder verächtlich aus dem Wege gingen und ihn nicht weiter beachteten. Nahe einem vor ihm liegenden, trotz des hellen Mondscheins im Dunkel verschwimmenden Dorfe bog er von der Chaussee in einen Landweg ab, auf dem er Begegnungen nicht mehr vermuten durfte. Er lüpfte den Hut, schaffte sich durch Oeffnen des Kragens Luft und verfolgte seinen Weg um so langsamer, je mehr er sich seinem Ziele näherte.

Menschen begegneten ihm nicht mehr. Als in Wurfweite eines Bauerngehöftes dicht vor ihm eine Katze über den Weg sprang, erschrak er, faßte sich aber schnell wieder. Bei einem andern Gehöft drang das Wiehern eines Pferdes aus der Stallung zu ihm herüber, aus weiter Ferne das Anschlägen eines Hofhundes, ein paarmal der seltsam schrille, unheimliche Ruf einer Eule: ›Komm mit!‹ – sonst kein Laut in der nachtdunklen Stille als das Knirschen des Sandes unter seinen Füßen.

Als der Landweg in eine Waldung eingebogen war, blieb der nächtliche Wanderer stehen und lauschte. Das Herz schlug ihm bis zum Halse. Er riß den Ueberzieher auf und stapfte langsam weiter. Der Weg war breit genug, daß er zwischen den Baumkronen einen Ausschnitt des Himmels freiließ. Die Sterne schimmerten und das voll sich ergießende Mondlicht ließ das Gelb des Sandweges von dem Dunkel des Waldes sich licht abheben.

Oldekop mochte die Mitte des Gehölzes erreicht haben, als er seitwärts einbog. Er stolperte, wenn er in eine Vertiefung des Waldbodens trat oder mit dem Fuß gegen eine freiliegende Wurzel stieß; er zuckte zusammen, wenn ein im Halbdunkel nicht bemerkter niedriger Zweig ihm in das Gesicht peitschte, und warf endlich Stock und Kiste polternd zu Boden.

Mörder! schrie es in ihm und tausend Stimmen schienen es ihm in die klingenden Ohren zu gellen.

Wohin war es mit ihm gekommen!

Er drückte einen Moment die fiebernde Stirn gegen den Stamm einer Buche. Wie das kühlte – und wie das Herz ihm schlug zum Zerspringen! Wie mit ungezählten Hämmern und auf Trommeln – wild rasend – poch, poch – und die Schläfen im Takte mit – poch, poch, poch – –

Aber es war keine Zeit mehr zum Besinnen und zur Umkehr. Und er durfte nicht zögern und zagen. Er ließ das ihn stählende Schreckgespenst der Not vor seinem geistigen Auge erstehen, sah sich zerlumpt und verhöhnt in den Straßen der Großstadt, die Frau im Hospital, den Sohn lungernd und darbend, – und die Dirn da, die fremde Dirn auf dem reichen Hofe stolz und sorgenlos!

Und der Haß gährte wieder auf in ihm und gab ihm den Vorsatz und den Mut zurück.

Er öffnete die Kiste, setzte die Waffe zusammen und schob Patronen in die Läufe. Dann nahm er das Paket aus der Tasche und wickelte ein paar nägelbeschlagene Schuhe heraus, die er mit einiger Anstrengung über die Stiefel streifte. Nachdem er das Papier sorgfältig aufgelesen und in das Kistchen geborgen hatte, hängte er dieses sich wieder über die Schulter. Dann kehrte er an den Fahrweg zurück, kletterte, als die Holzung zu Ende war und der Weg zwischen Knicks weiter lief, auf den das Gehölz abschließenden hohen Erdwall und sah über das freie Feld weg fern und dunkel umrissen den Grünen Sod liegen.

Der Bauer war ein leidenschaftlicher Jäger, und die Waldung gehörte zu dem von ihm gepachteten Jagdgebiete. Ehe sich Detlev Oldekop noch klar war, wie er seinen verbrecherischen Plan zur Ausführung bringen sollte, kam der Zufall ihm zu Hilfe. Ein scharfer Knall durchschnitt das Schweigen der Mondnacht und zeigte dem Mörder die Richtung, in der er sein Opfer zu suchen hatte. Er hatte an einen Mordfall gedacht, der vor Jahren einen Nachbarort in Aufregung versetzt und lange die Polizeibehörde in Atem gehalten hatte: an zwei durch das Fenster gefeuerte Schüsse, die einem Doppelopfer gegolten hatten und ihm verhängnisvoll geworden waren ...

Brauchte er dem Vorbild nicht zu folgen und sich nicht in die Nähe des Hofes zu wagen – um so besser ... Er glitt den Wall hinab und trat auf Brachfeld, in dessen lockeren Boden sich die Schuhe tief und verräterisch eindrückten. In der Schußrichtung lag eine Wiese, auf die in früher Morgenstunde das Wild auszuwechseln pflegte ... Der Schleichende hielt sich am Knick und spähte mit der geschärften Aufmerksamkeit eines Luchses vor sich hin und seitwärts über das Brachfeld. Als er die Wiese erreichte, die links in das Gehölz einschnitt, sah er den Bruder vor einem erlegten Wild in knapper Schußweite vor sich stehen und sich ruhig eine Pfeife entzünden. Der Mörder richtete mit zitternden Händen die Waffe durch den Knick und feuerte mit beiden Läufen. Der Bauer taumelte und schlug jählings schwer hin. Der Verbrecher sprang auf den Wall, drückte die Absätze in die Erde, kletterte zurück, eilte ein Stück über das Feld und bog dann wieder in den Wald ein, dessen Laubboden seine Spur verwischte. Er zerrte die Schuhe von den Stiefeln, klappte mit raschen Griffen das Gewehr auseinander und packte Schuhzeug und Waffe in die von der Schulter gerissene Kiste. Dann stürmte er dem Fahrweg zu und atemlos diesen in der Richtung, die er vorher gekommen war, zurück. Er zog im Laufen die Uhr. Halb vier! Er konnte den ersten nach Hamburg zurückgehenden Zug bequem erreichen.

Am Ausgang der Waldung flüchtete er über die Felder. Auf halbem Wege zwischen dem Thatort und der Stadt stieß er auf einen ihm bekannten und für seine Zwecke vorbedachten See. Er versicherte sich durch angestrengtes Lauschen und Spähen, daß kein unberufener Zeuge in der Nähe war, schleuderte den schweren Doppellauf in weitem Bogen in das Wasser, beschwerte den Schaft und die Schuhe mit aufgelesenen Feldsteinen und ließ sie in kurzen Abständen den Läufen folgen. Dann brach er das Kistchen auseinander, grub die Bretter durch Eindrücken tief in den Ufersand, stieß mit dem Absatz darauf, verwischte in dem Sand peinlich achtsam seine Spur und strebte eilig weiter.

Als er den Bahnhof in Neumünster wieder erreichte und bis zum Abgang des Zuges noch eine halbe Stunde zu warten hatte, hielt er sich auf dem endlos langen Perron zunächst promenierend abseits, bis er sich vergewissert hatte, daß der Bahnhofsvorsteher noch nicht auf dem Posten und mit seiner Vertretung ein ihm nicht bekannter Beamter betraut war. Da er hinter dem Buffet des Wartesaals nur einen schläfrig hantierenden, ihm fremden Kellner bemerkte, trat er die letzte Viertelstunde ein, verlangte Kaffee und nahm eine halbe Flasche Rum mit ins Coupé.

»Ich bin noch verschlafen,« rief er den Schaffner an, »und möchte mich aufs Ohr legen. Ob's voll wird?« Er drückte ihm ein Markstück in die Hand.

»Legen Sie sich ruhig hin. Da steigt keiner mehr ein,« antwortete der Schaffner und dirigierte erkenntlich die späteren Fahrgäste in andere Abteilungen.

Detlev Oldekop suchte auf der Fahrt den Zettel mit den Notizen über die Züge hervor, zerpflückte ihn in Fetzen und streute sie aus dem Fenster. Sie wirbelten in dem scharfen Luftzug hoch auf und senkten sich wie Schneeflocken weit verstreut auf die Erde. Oldekop entkorkte mit seinem Taschenmesser die Flasche – setzte sie an und trank sie fast zur Hälfte leer. Als er absetzte, fiel sein Blick auf das Etiquett. Er löste es spielend ab und warf es aus dem Fenster.

Er war aschfahl, und es lag ihm in den Gliedern wie Blei.

Er führte wieder und wieder die Flasche an den Mund, bis sie leer war. Der Kopf wurde ihm benommen; er lehnte sich zurück und schloß die Augen. Aber der Schlaf floh vor den Gedanken, die ihn wie Furien peinigten und wachhielten.

Die Flasche entfiel seinen Händen; er wollte sie mit dem Fuße fortstoßen und vermochte sich kaum zu rühren.

Ein schriller, langgezogener Pfiff von der Lokomotive und ein Blick auf die tastend hervorgeholte Uhr zeigten ihm an, daß der Zug in den Bahnhof von Altona einfuhr. Er stieg schwerfällig aus. Aber die Luft und die Bewegung thaten ihm gut. Es wurde wieder klar in ihm, und er berechnete sein Verhalten kalt und verschlagen. Er durchquerte eine Reihe von Straßen und bog in eine verrufene Gasse ein, an deren Ende er auf eine Droschke zuschwankte, deren Führer vom Bock kletterte und bereitwillig den Schlag öffnete.

»Die Weiber –!« lallte Oldekop, brach in prustendes Lachen aus und schob sich unbeholfen in den Wagen.

»Wohin?« fragte der Kutscher.

»Gro–große Johannisstra–straße,« stotterte der Fahrgast, »Nummer z–z–zwölf.«

»Der hat geladen!« kalkulierte der Kutscher, und er forderte den doppelten Preis, als der Gast beim Aussteigen in gut gespielter Komödie gegen einen Laternenpfahl taumelte und sich scheinbar nur schwankend auf den Beinen hielt.

»Ist – ist das nicht – ein bißchen v–viel?« fragte Oldekop. »Ge–geben Sie mir doch 'mal – Ihre Nummer.«

Der Kutscher reichte ihm sorglos den verlangten Zettel mit der Nummer und behauptete ruhig: »Ist ja noch Nachtzeit, also doppelte Taxe.«

»Ach so!« knurrte der Fahrgast, zahlte ein Trinkgeld über den geforderten Betrag hinaus, ließ den zerknüllten Zettel wie zufällig mit in die Geldtasche gleiten und wandte sich ohne Gruß ab.

Die Hausthür war bereits geöffnet, und sowie Oldekop außer der möglichen Sehweite des anscheinend noch vor der Thür haltenden Kutschers war, ließ er die Maske des Betrunkenen fallen, öffnete die Flurthür behutsam und suchte geräuschlos das Bett im ›Bureau‹ auf.

Als um acht sein Sohn zum Wecken kam, stellte er sich schlafend, obwohl er kein Auge geschlossen hatte.

Um neun sprach seiner Zusage gemäß der Arzt vor. Er fand Oldekop im Schlafrock am noch nicht abgeräumten Kaffeetisch, das Morgenblatt lesend.

Das Befinden der Frau hatte sich gehoben. Der Arzt riet ihr, noch den Tag sich auszuruhen, und gab flüchtig die Versicherung, daß sein Wiederkommen nicht nötig scheine.

»Soll ich Ihnen die Nota zusenden?« fragte er geschäftsmäßig.

Detlev Oldekop winkte ab.

»Die Kleinigkeit, Herr Doktor!«

»Ich berechne den Besuch mit drei Mark.«

»Also sechs –,« stimmte Oldekop bei und zahlte den Betrag auf den Tisch. –

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