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Der Advokatenbauer

Dietrich Theden: Der Advokatenbauer - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorDietrich Theden
titleDer Advokatenbauer
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunDritte Auflage
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150910
projectid2c05e53b
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Fünfzehntes Kapitel

Der See war an seinen flachen Ufern fast rundherum mit Ried bewachsen, und das Fischerboot lag in diesem so versteckt, daß es im dichten Grün des Sommers nicht leicht sein mochte, das Fahrzeug vom Ufer aus zu entdecken. Ein Steg führte nicht in den See hinaus, und wer das Boot erreichen wollte, mußte durch das Wasser bis zu ihm hinwaten.

Tiedjohann wußte Bescheid. Er führte seinen Begleiter durch eine kleine Erlenholzung gerade auf das Boot zu und bezeichnete mit dem ausgestreckten Arm einen schmalen, riedfreien Seeeinschnitt als den Platz, an dem er den geheimnisvoll Hantierenden in der Mordnacht beobachtet hatte.

Sie schritten der Stelle zu. Ihre Sohlen drückten sich in den weichen Sand, und die Feuchtigkeit des Grundes quoll in ihren Spuren nach.

»Ist der See tief?« fragte der Kommissar und schrak im gleichen Momente leicht zusammen.

Eine Ente war aus dem Ried aufgescheucht worden und erhob sich mit klatschendem Flügelschlage.

»Tief?« wiederholte Tiedjohann. »Na, an Stellen. Und für seine Größe gar nich ohne. Die tiefsten Stellen sind aber an der anderen Seite und eine an dieser ein Stück weiter hinter uns. Da können Sie den Angelschaft, und wenn er noch so lang is, hineinstecken und finden doch keinen Grund. Wenn der Mann 'was hineinwerfen wollte, was nich wieder zu finden sein sollte, dann hätte er eine andere Stelle aussuchen müssen als die hier. – Jawoll, hier stand er. Passen Sie mal auf.«

Er suchte abseits ein paar Feldsteine, stellte sich wieder neben den Kommissar und warf die Steine im Bogen in den See.

»So! – Weiter kann der auch nich getroffen haben.«

»Sie haben an dem Morgen recht unklug gehandelt, Tiedjohann. Statt sich seitwärts durch die Büsche nach Hause zu schlagen, hätten Sie lieber nachsehen sollen, was die Werferei zu bedeuten hatte.«

»So, meinen Sie?« fragte Christian bedächtig. »Hatte ich denn da 'was zu suchen? Nee, der nich, ich aber auch nich. Und von dem Morde – konnte ich das schon ahnen?«

»Nein, aber am anderen Tage erfuhren Sie doch davon. Warum haben Sie da nicht nachgeforscht?«

»Ich wollte den Teufel thun und meine Nase hineinstecken! Ueberall krochen damals die Pickelhauben herum, und was meinen Sie, wenn die mich da gekriegt hätten. Die hätten mich schön eingewickelt!«

Grotthus mußte zustimmen. Er that es lachend.

»Also hier ist die Stelle?«

»Ja, wo wir stehen. Ich will mal gleich anfangen.«

Er stieß an zehn, zwanzig Stellen den Spaten in den Sand.

Einmal traf er auf einen Stein.

»Was war das?« fragte Grotthus.

»Nichts.«

Er suchte weiter.

Eine Fläche von mehreren Metern im Geviert war bald wie mit Messerstichen übersät.

»Hm.« Der Arbeitende sah sich suchend um, ging einige Schritte nach dem rechtsseitigen Riedrand und drückte den Spaten wieder ein.

Er ging zurück und vorwärts, setzte den Spaten senkrecht an, schabte oder schürfte schräg unter den Boden und hatte keinen Erfolg.

»Sollte man sich so getäuscht haben?« murmelte er. Plötzlich stieß er ein befriedigtes ›Aha!‹ aus, grub dicht am Wasser den feuchtquellenden Sand mit flachem Schaufeln weg und legte die Kante eines dünnen Brettes frei.

»Sehen Sie?« fragte er den Beamten. »Was hab' ich gesagt: Er hat 'was hineingetrampelt!«

Er grub den Sand rund herum weg und stieß auf ein zweites Brett.

»Wir werden schon finden!« triumphierte er.

Er zog die Bretter mit einem Ruck aus dem feuchten Boden.

Grotthus musterte sie.

Sie waren kahl und ohne das kleinste verräterische Zeichen.

Tiedjohann grub eifrig weiter.

Der nasse Sand war schwer; dem Grabenden stand der Schweiß auf der Stirn.

An einer Stelle staken drei Brettchen dicht neben einander.

»Hurrah!« schrie Tiedjohann und hielt dem Kommissar eines davon hin, an dem ein Stück Papier mit verschwommenen Schriftzügen ins Auge fiel.

Grotthus suchte zu entziffern.

›An ... n F.rstwar. Kling..r.‹

Mehr war nicht zu erkennen.

»Sehen Sie her!« schrie Tiedjohann und präsentierte ein neues Brett, das an der zersplitterten Seite ebenfalls einen schmalen Streifen Papier trug.

Der Kommissar pfiff vor sich hin.

Er war überrascht und befriedigt.

Auf dem Streifen stand deutlich eine Firma!

›Waffenfabrik G. L. Keßler, Altona,‹ las er.

Die Druckerschwärze hatte der Feuchtigkeit besser widerstanden, als die Tinte.

»Ei wei!« stieß Christian aus und rieb sich vergnügt die Hände. »Meinen Sie, daß das was is?«

»Kann sein, Tiedjohann. Es ist jedenfalls sehr merkwürdig. Waffenhandlung ... sollte der Kerl die Waffe in der Kiste gehabt haben? Dann ist die Flinte vermutlich auch nicht weit.«

»I wo, im Wasser drin! Die hat er reingeschmissen!«

»Schon möglich. Hm. Tief ist der See gerade hier nicht?«

»Bewahre. Zwei Meter. Vielleicht zwei und 'nen halben. Aber höchstens.«

»Kann man den Boden absuchen?«

»Natürlich! Und is gar nich schwer. Ich hol 'ne eiserne Harke, wir nehmen das Boot, fahren hin und harken den Grund ab.«

»Ja. Hm ... das heißt, Tiedjohann – das machen wir erst heute nacht! In aller Heimlichkeit. Hat der Mosjöh vom Sod das Versteck angelegt – Sie verstehen doch – darf er keine Ahnung haben, daß wir dahinter gekommen sind ... Eine Stunde ist es nach Neumünster? Wollen Sie mitkommen? Wir kaufen uns da, was wir brauchen, gehen abends irgend wohin und morgen in aller Herrgottsfrüh hier wieder her. Fällt es auf, wenn Sie von zu Hause fortbleiben? Nein? Dann machen wir es so. Kommen Sie; die Brettchen mit dem Papier nehmen wir mit. Die andern – können Sie die gut verstecken? Schön!«

Christian barg den Fund in einer Erlengruppe.

»So, nu fort.«

Sie strebten an die Landstraße.

»Bis morgen früh ist lang hin,« erläuterte Grotthus, »und es ist zu kalt und unwirtlich, als daß wir uns im Freien herumdrücken sollten. Im Sommer – in einer recht warmen Nacht – hätten wir's ja anders machen können. Ich hätte mich irgend wo hingelegt. Sie wären nach Haus gegangen und hätten das Nötige geholt, und wenn alles ruhig war, wären wir an die Arbeit gegangen. Aber jetzt – mir ist so schon ganz kalt geworden. Das Dorf ist Tonndorf –? Wenn wir da bleiben wollten, hätten wir's morgen früh näher. Aber da würde man bloß unnötig auffallen. Gehen wir also lieber das Stück weiter. Sie, Tiedjohann, ich glaube – ich glaube, wir haben die Spur von dem Halunken richtig gefunden!«

»Ich glaub's auch!« bestätigte Christian erfreut und setzte gedankenvoll hinzu: »Und das schöne Geld!«

»Gönn' ich Ihnen, mein Lieber! Und Sie bekommen es, ohne Zweifel.«

»Zwei Fliegen mit einer Klappe –,« murmelte Christian. »Ist das aber nich frech,« meinte er, »wenn der es doch gewesen is und kommt zu mir und schreit mich an?«

»Natürlich. Aber er wollte Sie ins Bockshorn jagen. Der Mutigste sind Sie ja gerade auch nicht.«

»Nu nee,« gab Christian zu. »Das nich. Aber wenn's grad drauf ankäm – ganz nette Fäuste hab ich doch auch, und schließlich – – meinen Sie, ich würde nich zuhauen?«

»Am Ende wohl.«

»Na, das dächt' ich auch. – Kann ich mich denn so in der Stadt sehen lassen?« fragte er etwas besorgt.

Grotthus that ihm den Gefallen, ihn zu mustern.

»'n Graf geht wohl nobler, Tiedjohann. Aber unsereiner? Für uns lang gut genug,« beruhigte er.

Christian kaufte auf Rechnung des Beamten in der Stadt das nötige Werkzeug und gab es in einer Wirtschaft in Verwahrung.

Den Abend verbrachten sie in einem Bierkonzert.

Mit der Nachtruhe wurde es nicht viel. Um die vierte Stunde waren sie bereits wieder unterwegs. – Der Kommissar trug Stiefeletten und erwog mit einiger Besorgnis, wie er ohne ein Bad in das Boot gelangen könne.

Sein Begleiter kam ihm zu Hilfe. Mit der starken Harke, die an vier Meter lang gestielt war, zog er das Boot so weit auf den Sand, daß der Beamte ›ohne Hecht‹ hineinklettern konnte. Tiedjohann schob das Boot dann wieder vor, watete, so weit seine kurzschäftigen Stiefel es zuließen, nach und schwang sich hinein.

Das Ried wurde von dem Boot nieder- und zur Seite gedrückt und richtete sich raschelnd wieder auf. Glitzernde Tropfen hingen nach dem Bade an den Schäften und Blättern.

Das graue Morgendämmern ließ die Seefläche fast schwarz erscheinen. Die Ruder wühlten den glatten Spiegel auf und ließen die Wellen durch das Ried glucksend ans Ufer spielen.

Tiedjohann zog die Ruder ein und senkte die Harke in die Tiefe. Große Luftblasen stiegen an die Oberfläche.

Er hielt und trieb das Boot mit dem Fischgerät, mühte sich jedoch vergebens. Der die Sonne ankündigende Lichtstreifen am östlichen Horizont wurde intensiver und gewann an Ausdehnung; der Fischende riß sich die dicke Winterjacke auf, den Kommissar fror – der Liebe Mühen blieb umsonst. Eine Schicht von aufgewühltem Grundschmutz schwamm in weitem Umkreis um das Boot; die Harke brachte Unkraut, Steine und vermorschte Knüppel über Wasser, aber nichts Verdächtiges.

Ein fester Gegenstand forderte erhebliche Kraftanstrengung – er stellte sich als ein Pfahl von fast Mannslänge heraus und wurde von Christian fluchend fortgestoßen.

Mehr als eine Stunde mochte vergangen sein, als der Kommissar bei einem Funde lebhaft auffuhr. An den Zinken der Harke hing ein unförmlicher Gegenstand, der sich bei näherer Besichtigung als ein Schuh herausstellte. Er war mit fest eingedrückten Feldsteinen gefüllt. Absatz und Sohle zeigten dicht aneinander eingeschlagene, rostzerfressene Nägel.

»Die hat er getragen!« rief Christian lebhaft und überzeugt. »Denken Sie an die großen Spuren auf der Brake? Die waren genau so!«

»Fischen wir weiter,« mahnte Grotthus.

Christian suchte aufs neue. Die Harke faßte bald abermals und förderte einen Gewehrkolben zu Tage, der trotz seiner Schwere ebenfalls noch mit Steinen belastet war. Einer der Steine löste sich und plumpste in die Tiefe zurück.

»Großartig!« triumphierte Grotthus. »Es ist nichts so fein gesponnen – Sie kennen doch das schöne Wort. Weiter, Tiedjohann! Wo das war, ist auch noch mehr.«

Und es war mehr. Auch der zweite Schuh wurde gehoben und zuletzt an dem Halter des Gewehrriemens der rostbedeckte Doppellauf.

»So, nun haben wir alles!«

Christian zog die Harke ein.

»Kriegen wir ihn darnach?« fragte er gespannt.

»Ja, – das heißt, jetzt müssen wir natürlich nachweisen, wem die Sachen gehört haben,« gab der Kommissar zur Antwort.

»Werden Sie das können?«

»Na, ich denke! Nur Mund halten, Tiedjohann. Wir sind einen wichtigen Schritt vorwärts gekommen. Gleich nachher fahre ich nach Altona, und Sie werden raten können, wozu –«

»Das sieht ja 'n Blinder! Keß – Keß – – ich hab den Namen nich recht behalten.«

»Ist auch nicht nötig. Die Fabrik – oder Handlung, was es ist – suche ich auf. – Komm ich wieder trocken durch?«

»Bleiben Sie man noch sitzen.«

Der Sand knirschte unter dem auflaufenden Boot. Tiedjohann kletterte hinaus und zog den schweren Kasten weiter.

»So! Nu springen Sie.«

Christian gab sein großes, rot gemustertes Taschentuch her, um die Fundstücke notdürftig einzuwickeln. Er begleitete den Kommissar nach Neumünster, wo die Packung vervollständigt wurde, und trennte sich befriedigt. Die Eisenbahnfahrt nach Reickendorf schenkte er sich und legte den Weg zu Fuß zurück.

Er sprach fortwährend mit sich selbst.

»Wenn ich man die Tausend schon hätte!« brummte er. »Aber wenn ich sie nich krieg und wir kriegen bloß den Frechdachs von Affkatenbauer – denn is auch gut. Was werden sie mir ja schließlich auch geben müssen, und wenn's nur die zweihundert wieder sind, die mir in meinen Spartopf ein höllisches Loch gerissen haben. Die dumme Pickelhaube soll sich ärgern! So schlau wie der, sind wir auch noch. Und noch 'n bißchen heller. – Was dann bloß aus dem Sod werden soll! So'n schöner Hof und so'n Pack. Ob den der Sohn kriegt? Mag auch so 'ne Pflanze sein. Na, mir is egal ... Dieser Geheime is ein Kerl! Aber wegen meiner muß er Wort halten. Und wird er auch. Stolz der? Nich'n Schimmer. Da sind andere Leute ganz anders aufgeblasen. Wie'n gewöhnlicher Mann! Wie ich. Grad so. Und Geld hat er! Wie Heu. Was das gestern allein gekostet hat. Mindestens zwei Thaler. Na, wenn ich die tausend blanke Mark krieg, geb ich ihm 'was ab. – Der Schlumps! Augen soll er machen –! All mehr Feuerkugeln. Und wenn sie die Großschnauz vom Sod abholen – da bin ich bei, das seh ich mir an und sag: ›Adjüs, Herr Affkat! Na, wer war's nu? Sie oder ich?‹ Und werd mir in die Faust lachen. – Ob ich bald was zu hören krieg? 'ne Weil wird's woll dauern.«

Er fuhr zusammen, als er sich angerufen hörte.

»'n Dag, Christian.«

»Ach, du bist das. 'n Dag, Jochen.«

Der Knecht vom Sod hatte ihn überholt.

»Wo kommst du denn all her?« forschte Jochen.

»Von Neumünster. Und du?«

»Ich auch. Ich habe eine Ladung Weizen hingefahren. Den Wagen bringt der Bauer selbst zurück.«

»Ach so.«

Also der ist in Neumünster, überlegte Christian und nahm sich Zurückhaltung vor.

»Was hast denn du da gesucht?« forschte der Knecht.

»Ich? – Leder gekauft,« log Christian. »Ihr könnt ja die Sohlen immer nich dick genug kriegen. Diesmal wird's wohl werden. Die reine Elephantenhaut!«

»Kommt mit der Bahn? Wohl gleich 'n ganzer Posten?«

»Na, geht an. Für'n kleines Jahr wird's reichen.«

Und Christian pries redselig die Güte der Ware, ging dann auf andere Gesprächsstoffe über und gelangte nach Hause, ohne eine Andeutung über seine gewichtige Morgenbeschäftigung verloren zu haben. –

Der Kommissar notierte aus dem Adreßbuch Straße und Hausnummer der Waffenfirma.

Er verlangte im Laden nach dem Chef und wurde von dem Commis an einen Verschlag geführt, hinter dessen Scheiben er einen Herrn in mittleren Jahren an einem Pulte arbeiten sah.

»Herr Keßler?« fragte er. »Ich bitte um eine vertrauliche Besprechung.«

Er stellte sich vor.

Der Kaufmann schloß die Thür des Verschlages, nötigte den Beamten zum sitzen und nahm selbst Platz.

Er folgte dem einleitenden Vortrage des Kommissars aufmerksam.

»Darf ich die Fundstücke sehen?«

Er prüfte die verrostete Waffe aufmerksam, rieb mit einem Stück Sandpapier den Rost von einem Teil des Kolbenbeschlages und wies auf die freigelegte Firma.

»Unser Fabrikat,« bestätigte er.

»Sie führen über Ihre Kunden Buch?«

»Ja, soweit uns die Namen bekannt werden. Wir betrachten jeden Kunden als einen dauernden Interessenten und lassen ihm noch Jahre nach einem Kaufe die Prospekte unsrer Firma zugehen.«

»Wollen Sie nachzusehen belieben, ob der Name Oldekop – Detlev Oldekop – in Ihren Listen figuriert?«

Der Geschäftsmann entnahm einem Regal ein Buch und blätterte.

»Nein, ist nicht verzeichnet.«

Der Kommissar zeigte das Brett mit der Adresse.

»Sie sehen, wie ich auf Ihre Firma gekommen bin. Können Sie mir zur Ergänzung der Adresse behilflich sein?«

»Das könnte ja meine eigene Handschrift sein. Kling – Kling –? Und ein Schluß-r? Hm. Eine Sekunde.«

Er blätterte nochmals. Nach einigem Suchen nickte er.

»Jawohl. Bitte, hier: ›Klingner, Forstwart, Ober-Prieschen bei Groß-Glogau.‹ Wird Ihnen aber wenig nützen. Eine Sendung an die Adresse ist zurückgekommen. Das sagt der Vermerk ›Unbestellbar‹ in der letzten Rubrik ... Hm, wie ist mir doch ... Ja so. Die Eintragung der Adresse stammt aus dem Oktober, der Vermerk über die Nichtbestellbarkeit aus dem Dezember. Wir hatten unsere Weihnachtsprospekte versandt, und es fiel mir auf, daß eine so verhältnismäßig neue Adresse schon nicht mehr richtig war.«

Er öffnete die Thür und rief nach dem Angestellten.

»Sind die Weihnacht als unbestellbar zurückgekommenen Prospektsendungen noch aufgehoben?« fragte er.

Der Commis bejahte.

»Bitte, bringen Sie sie hier her.«

Die gesuchte Sendung war unter dem kleinen Stoß bald herausgefunden.

»Adressat nicht zu ermitteln,« stand auf der Rückseite des Kreuzbandes von der Hand des Briefträgers.

»Ich vermute, daß die Adresse überhaupt fingiert war,« bemerkte Grotthus. »Können Sie sich nicht des Käufers der Waffe entsinnen?«

»Hm. Ich denke eben nach. Mir schwebt vor, als ob er ein Fremder war. Ja, ich weiß es sogar. Es kommt nicht zu oft vor, daß man eine Waffe auseinander nehmen und verpacken muß. Der verlangte das. Er schrieb die Begleitadresse und ich die auf dem Deckel. Jawohl, so war es. Dann wollte er damit zur Post – hm – und nebenher fragte er nach einem Hotel, nicht zu teuer aber leidlich gut. –«

»Wie sah der Mann aus?« fragte Grotthus gespannt.

Der Kaufmann überlegte.

»Hm, ich glaube kaum, daß ich mich irre: ziemlich große, korpulente Figur, etwas aufgeschwemmtes, bartloses Gesicht, ja, und sehr bewegliche, listig funkelnde Augen. Die habe ich besonders in Erinnerung. Stimme: bißchen harter Baß.«

»Würden Sie den Mann wieder erkennen?«

»Das nehme ich an.«

»Die bei Ihnen gekaufte Waffe ist – es spricht alles dafür – zu einem Verbrechen gemißbraucht worden ...«

»Eine Frage: Vermuten Sie in dem Käufer denselben Oldekop, der in dem kürzlich in Kiel verhandelten Prozeß freigesprochen wurde?«

»Denselben. Es fehlte bisher nur an durchschlagenden Beweisen für seine Thäterschaft. Haben Sie den Prozeß verfolgt?«

»Ja. Es sprach manches gegen den Mann. Ich hielt ihn aber nicht für schuldig, das heißt, nicht für überführt.«

»Nein. Das dürften wir aber jetzt erreichen. Ich richte die Bitte an Sie, uns behilflich zu sein. Kennen Sie den Mann wieder, so ist er gefangen. Herbringen kann ich ihn nicht; wollen Sie mit mir zu ihm hinfahren?«

»Eine Weigerung ist wohl nicht gestattet.«

»Sie begreifen unser Interesse an der Ermittelung des Verbrechers. Ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie für die Reise einen möglichst nahen Zeitpunkt festsetzen wollten ...«

»Morgen früh?«

»Mit Vergnügen. Um acht? Ist es Ihnen recht, wenn ich Sie am Bahnhof erwarte? Danke. Ich werde im Laufe des Tages über einen Vorwand nachdenken, der Ihren Besuch auf dem Hof rechtfertigt, ohne zugleich Mißtrauen zu erwecken.«

Grotthus nahm die Fundstücke wieder an sich und ging.

»Also auf Wiedersehen morgen früh!«

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