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Der Advokatenbauer

Dietrich Theden: Der Advokatenbauer - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorDietrich Theden
titleDer Advokatenbauer
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunDritte Auflage
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150910
projectid2c05e53b
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Neuntes Kapitel

Die Dienerschaft in der Wichbern'schen Villa war erstaunt, als die Herrin noch am Tage der Abfahrt zurückkam. Sie fuhr in einer Droschke vor, ließ sich bald darauf den Thee servieren und schellte dann nicht einmal zum Abräumen des Tisches.

Frau Wichbern saß still vor dem mit kalter Küche gedeckten Tisch. Sie rührte Fleisch und Brot nicht an und nippte nur von dem Thee, als er kalt geworden war. Sie hatte die Hände in den Schoß gelegt; das graue Auge schien trübe und unstät.

An der Gaskrone brannte nur eine Flamme, die ein mattes Licht verbreitete. Aber trotz des Halbdunkels zog sich die Frau noch in die fernste Ecke des großen Raumes zurück, ließ sich schwer in einen Sessel fallen, lehnte den Kopf gegen die Polster, und grübelte in sich hinein mit geschlossenen Augen.

»Sein Kind!« kam es einmal leise wie ein Hauch über die zuckenden Lippen.

Sie fuhr nach stundenlangem Halbschlaf auf, tastete sich mit der Rechten über die hohe Stirn, erhob sich und schritt auf und ab. Dann schellte sie und ließ sich in ihr Schlafgemach geleiten. Sie sagte gegen ihre Gewohnheit kein Wort, auch nicht, als das Mädchen, durch das Gebahren der Herrin beunruhigt, ungeschickt war.

»Ist der gnädigen Frau nicht wohl?« fragte das Mädchen schüchtern.

»Ich bin müde,« entgegnete sie apathisch.

Das Mädchen glitt hinaus.

Ehe es Tag war, ertönte vom Zimmer der Gnädigen das Glockenzeichen, das die Dienerin zum Ankleiden herbeirief.

»Befinden sich gnädige Frau besser?« fragte die Zofe stockend.

»Danke,« klang es nicht unfreundlich, wenn auch einsilbig.

Eine weichere Stimmung schien eingetreten und einige Dauer zu versprechen. Sie wich auch nicht, als an einem Tage zu Ausgang des November sich zwei Herren bei der Frau des Hauses melden ließen, von denen einer von den Dienern als Hamburger Kriminalbeamter erkannt wurde.

»Hachmann, Kriminalkommissar,« stellte sich der Hamburger Frau Wichbern vor und zeigte auf seinen Begleiter: »Grotthus, Kieler Kollege. Wir kommen, gnädige Frau, um von Ihnen eine Auskunft zu erbitten. Die Kieler Behörde hat Veranlassung, sich – es kann sein: vorübergehend – mit dem Rechtskonsulenten Herrn Oldekop zu beschäftigen, der bis vor kurzem sein Domizil in Hamburg hatte und sich hier, wie es scheint, verschiedener Vergehen schuldig gemacht hat. Wir haben in Erfahrung gebracht, daß er die Ehre hatte, auch für Sie in einer Angelegenheit als Vertreter zu fungieren, und wir bitten um Ihre gefällige Aussage, ob er Ihnen in befriedigender Weise gedient hat oder ihm auch von Ihrer Seite Unregelmäßigkeiten vorzuwerfen sind.«

Die Befragte antwortete nicht gleich. Erst nach einer Weile stand sie auf, entnahm einem Fache ihres Schreibtisches eine Handvoll Papiere und überreichte sie dem Beamten.

»Der Mann hat mich pekuniär nicht weiter geschädigt,« bemerkte sie ruhig, »denn den kleinen Verlust kann ich tragen. Hat er sich strafrechtlich schuldig gemacht, so kann ich ihn nicht bedauern. Sie finden eine Reihe von Quittungen für Bemühungen sowie angeblich in meinem Interesse von dem Herrn gemachte Reisen. Er hat von letzteren nicht eine ausgeführt. Sie finden unter den Papieren einen Brief, der ein Muster seiner – Wahrheitsliebe ist. Lesen Sie gefälligst und stellen Sie Ihre Fragen.«

Die Beamten prüften gründlich. Als sie mit der Durchsicht der Papiere zu Ende waren, fragte Grotthus:

»Woher wissen Sie, daß er Ihnen Reisen vorgespiegelt und sie nicht thatsächlich gemacht hat?«

»Von meiner Nichte.«

»Sie haben sie selbst gesprochen?«

»Ich war in Reickendorf, ohne Wissen meines ›Vertreters‹. Und da er noch immer nicht von meiner Reise erfahren hatte, als er nach Ankunft an seinem neuen Wohnsitz den letzten Brief schrieb, trieb er die Vorspiegelungen nach alter Gewohnheit und mit alter Virtuosität weiter. Ich habe den Brief wiederholt gelesen und muß ihn als ein Meisterstück der Verlogenheit anerkennen.«

»Die umständlich beschriebene Unterredung des Oldekop mit Blank ist ebenso erdichtet wie die mehrfach behaupteten ›Reisen‹?« fragte Grotthus.

»Ich war, wie gesagt, vor Herrn Oldekop in Reickendorf, und wenn er sich auch nur die Mühe genommen hätte, ein einziges Wort mit dem Herrn Blank über mich zu wechseln, so wäre ihm die Aufklärung auf der Stelle geworden und hätte ihm die Anstrengung dieses Briefes erspart.«

Die Beamten sahen sich lächelnd an.

»Wollen gnädige Frau uns gestatten, von den Papieren Abschrift zu nehmen?« sagte der Hamburger.

»Ich stelle die Originale zu Ihrer Verfügung.«

Die Herren dankten ausgesucht verbindlich und verabschiedeten sich.

Frau Wichbern saß nachdenklich. Also die Kriminalpolizei dem Manne auf den Fersen? In welcher Spur –? Mit welchem Endziel –? Der plötzliche Tod des Bauern – – sollte der Bruder den Bruder – –?

Der Gedanke kam über sie wie ein Blitz.

Der Kommissar Grotthus erstattete dem Untersuchungsrichter schriftlich und mündlich Bericht.

»Keiner der Gläubiger des Oldekop,« erläuterte er, »hat es darauf ankommen lassen, die Frau oder den Sohn über die Zugehörigkeit der Möbel zum Schwur zu bringen. So viel ich ermitteln konnte, sind zwei der Gläubiger, die durchdringen wollten, kurz vor den für die Beeidigung des Sohnes angesetzten Terminen befriedigt worden. Den Eindruck aber, daß der Mann auch vor dem Aeußersten nicht zurückgeschreckt wäre, habe ich in der persönlichen Unterredung erhalten – als Wittkamp.«

»Was er gethan haben könnte, steht dahin. Resümieren wir, was an Thatsachen zusammengetragen ist. Also erstens: Detlev Oldekop hat für den ehemaligen Gastwirt Rinkens in Hamburg den in dessen Eingabe angeführten Betrag eingezogen und nicht abgeliefert; das ist Unterschlagung. Er hat zweitens der Frau Anna Wichbern in Hamburg-Harvestehude den Gesamtbetrag von einigen tausend Mark unter nachweislich falschen Vorspiegelungen – Zeugen Frau Anna Wichbern und das Fräulein gleichen Namens – abgelockt; das ist Betrug. Die Fälle sind zur Motivierung der sofortigen Verhaftung ausreichend. Aber in der Hauptsache, in der Frage, die uns am meisten interessiert: ob der Verdächtige sich des Verbrechens wider das Leben schuldig gemacht, oder sich an ihm beteiligt hat – da sind die Anhaltspunkte nicht allzu reichlich. Er ist wenige Tage vor dem Morde, das haben Ihre Kollegen ermittelt, bei seinem Bruder gewesen und hat, wie die Mädchen, die in der Küche beschäftigt waren, gehört haben, einen heftigen Auftritt mit dem Bauern gehabt. In der Gegend war es bekannt, daß der Sodbauer mit der Absicht umging, den Hof durch letzte Verfügung seinem Mündel zu vererben: also hatte der Hamburger Grund, diese letztwillige Bestimmung unmöglich zu machen. Der Verdacht gegen ihn erhöht sich ferner durch seine Vermögenslage, die allein durch das gefährdete Erbe gebessert werden konnte und bedingungslos und unverzüglich gebessert werden mußte, weil sonst nicht bloß die Möglichkeit der Rangierung durch das drohende Testament in Frage gestellt wurde, sondern auch der völlige Ruin des Mannes unmittelbar bevorstand und nicht mehr aufzuhalten war. Die Verlogenheit des Oldekop sowie seine Spielwut lassen seinen Charakter in fragwürdigstem Lichte erscheinen, und der Umstand, daß er seinerseits den Verdacht nach bestimmter, obwohl kaum ernst zu nehmender Seite abzulenken suchte, ließe psychologisch ebenfalls einen belastenden Schluß zu. Hm ja ... In mir persönlich –«

Der Richter unterbrach sich und fuhr mit den Fingern nervös glättend über die Eselsohren eines vor ihm liegenden Löschblattes.

Erst nach minutenlanger Pause fuhr er entschlossen fort:

»Ich werde die Verhaftung verfügen – wegen Betruges, Unterschlagung und Mordverdachts. In mir persönlich kräftigt sich die Ueberzeugung, daß die Maßregel gerechtfertigt ist, auch wenn die Belastung zur Ueberführung nicht hinreichen und die weitere Untersuchung neues Material nicht zu Tage fördern sollte. Den Angelpunkt für die Beweisführung wird die Frage nach dem Alibi bilden; kann er sich für die Mordnacht glaubwürdig ausweisen – – den Schluß ziehen Sie wohl selbst. Bliebe dann die indirekte Urheberschaft des Verbrechens, die Anstiftung eines Gehilfen zu der That – und Mangels jeder greifbaren Begründung – Freispruch ...«

Er fertigte trotzdem den Haftbefehl aus und übergab ihn dem Kommissar zur Vollstreckung.

Grotthus wollte jedes Aufsehen vermeiden und begab sich ohne Begleitung des Gendarmen nach dem Sod. Er traf den Bauern vor einem mit Akten und Papieren aller Arten bedeckten Tisch.

»Meugen,« grüßte Oldekop. »Nanu, sind Sie nicht der Wittkamp von Tonndorf? Höllisch rausgeputzt heute. Den Donner, man sollte nicht meinen, was die Kleidung aus dem Menschen macht ...«

»Ich scheine Sie in einer wichtigen Beschäftigung zu unterbrechen?« fragte Grotthus ruhig.

»Na, ich bin bald zu Ende. Vor meiner Uebersiedelung von Hamburg hierher hatte ich, weil sie überraschend und vor allem überrumpelnd schnell kam, nicht die gehörige Zeit, die laufenden Geschäfte abzuwickeln. So blieb manches nachzuholen und hat mir jetzt einige Umstände gemacht. Auch deshalb, weil ich nicht mehr mit der rechten Lust bei der Sache bin. Aber den Leuten, die mich mit ihrem Vertrauen beehrt hatten, mußte doch ihr Recht werden. Ein paar Inkassogeschäfte harrten der endgültigen Verrechnung – meistens Bagatellen, aber doch für die Klienten wichtig. Und mir Ehrensache. Da war eine alte Dame – wollen Sie mal in mein Buch mit hineinsehen? – nach einem Inkasso gut für mich Mark elf vierzig. Strich durch. Ein Krämer gut für sich nach Abzug der Kosten Mark fünfundsiebzig – mit Postanweisung erledigt. Ein ehemaliger Budiker, Rinkens, armer Teufel, gut Einhundertneunundzwanzig Mark – erledigt durch Posteinzahlung. Einkassierter Lohnrückstand für ein Dienstmädchen vierundzwanzig Mark – weg ohne Kostenberechnung, und so weiter. Die Akten sind für mich ohne Wert, für die Klienten durchweg auch – der Ordnung halber werfe ich das Porto hinaus und lasse sie sämtlich ihren Eigentümern zugehen. – Womit kann ich Ihnen heute dienen, Herr ... e ... Wittkamp –?«

»Ich habe die Ehre,« erklärte der Kommissar, »einen Befehl des Untersuchungsrichters Dr. Mackens gegen Sie zur Ausführung zu bringen, und erkläre Sie hiermit für verhaftet.«

Oldekop verfärbte sich.

»Sie sind –?«

Der Befragte nannte Namen und Amt und legte den Haftbefehl vor.

»Wegen – Unterschlagung, Betruges und Mordverdachts –,« las Oldekop und schrie wütend: »Herr, sind Sie des Teufels?!«

»Ich ersuche Sie, mir die Ausführung des Befehls nicht unnötig zu erschweren. Um das Peinliche der Situation für Sie so viel als möglich zu mildern, bin ich ohne uniformierten Beamten gekommen – ich hoffe, Sie werden das würdigen und mir danken –«

»Vollkommen der Ihre, Herr – Grotthus-Wittkamp. Gestatten Sie aber, daß ich mich von meiner Frau verabschiede –«

»Sie befindet sich –?«

»In der Küche. Thür erster Hand.«

Der Kommissar ließ den Verhafteten nicht aus den Augen, öffnete die ihm bezeichnete Thür und rief halb über die Schulter nach der Frau, die gleich darauf eintrat.

»Frau, denk dir diese Schurkerei –,« fauchte Oldekop. »Sst! die Ruhe bewahren. Der – Herr hier – hat den Auftrag, mich zu verhaften – mich – lächerlich! Nimm dich zusammen, daß die Leute – – du verstehst! Ich muß ja bald zurückkommen – – sehr bald – – traurige Justiz – aber sie sollen mich kennen lernen, die mir da aus dem Hinterhalt einen Strick drehen wollen – –«

Die Frau sank in einen Stuhl, so faßte sie der Schreck.

»Gieb mir den Pelz! – Herre ... e –, Sie sind das Werkzeug einer teuflischen Infamie! Aber ja – ich folge Ihnen – selbstverständlich. Macht geht vor Recht, ich erfahre es am eigenen Leibe. Adjöh, Frau. Paß auf die Wirtschaft, bis ich zurück bin. Lange kann's ja nicht dauern. Laß das Geheul ... Herr – ich bitte –«

Er schritt zur Thür, wandte sich noch einmal um zu seiner Frau und forderte:

»Laß alles auf dem Tische da unberührt – die Herren sollen ihre Nasen hineinstecken und darin stöbern, so lange sie mögen ...«

Die Frau war sprachlos und vermochte sich nicht zu rühren.

Der Kommissar und der Verhaftete gingen Seite an Seite.

Die Herren fielen auf und die ihnen Begegnenden sahen ihnen nach, ohne daß jemand den Zusammenhang ahnte oder auch nur entfernt Böses vermutete.

Erst auf dem Bahnhof in Neumünster stutzte eine auf dem Perron promenierende Dame, als sie an den beiden Männern vorüberging. Sie kehrte um und suchte eine zweite Begegnung. Oldekop zog den Hut und der Beamte folgte seinem Beispiel, als er die Dame scharf gemustert und in ihr Frau Wichbern erkannt hatte. Die Promenierende dankte mit kaum merklichem Neigen des Kopfes. Sie schritt ruhig weiter, trat ins Wartezimmer erster Klasse und winkte einen Diener zu sich, der sich in ihrer Nähe gehalten hatte.

»Ich werde einen Gang durch die Stadt machen, Johann. Nehmen Sie Anna in Empfang und tragen Sie Sorge, daß die Koffer sogleich ins Hotel geschafft werden.«

Also doch! murmelte sie unterwegs, und die beobachtete Erregung Oldekops ließ ihr keinen Zweifel, daß nur eine Deutung der Begegnung möglich war, daß das Geschick den Mann ereilt hatte.

Sie promenierte die breite Hauptstraße in die Stadt hinein, kehrte nach viertelstündiger Wanderung um und begab sich ins Hotel.

Sie war in der Frühe von Hamburg abgefahren, hatte sich von einem Diener begleiten lassen und Anna den Befehl erteilt, mit dem Gepäck nachzukommen.

Eine merkwürdige Unruhe hatte ihr den Aufenthalt in der einsamen Villa verleidet. Nicht einmal das Packen der Koffer mochte sie abwarten. Sie blätterte daheim im Inseratenanhang eines Kursbuches, wählte nach den Annoncen ein Hotel in Neumünster, bestellte telegraphisch die für sich und die Dienerschaft nötigen Zimmer, notierte dem Mädchen die Adresse und fuhr voraus.

Das Hotel war eins der besten der Stadt und dicht am Bahnhof gelegen.

Als Frau Wichbern von ihrem ersten Gang heimkehrte, beschied sie den Hotelier zu sich.

»Ich werde unbestimmte Zeit – unter Umständen einige Wochen – wohnen bleiben. Haben Sie einen Wagen zur Verfügung?«

»Gewiß; auch einen Schlitten, gnädige Frau.«

»Schlitten? Gut. Ich belege Wagen und Schlitten für mich, sodaß sie für jede Stunde und jeden Weg zu meiner Verfügung stehen. Ihre Berechnung –?«

Der Hotelier nannte den Preis, und Frau Wichbern stimmte zu.

»Kennen Sie das Gut Depenau?« forschte sie.

»Allerdings ...«

»Wie weit von hier?«

»Mit Wagen und Schlitten, gnädige Frau?«

»Ja.«

»An zwei Stunden. Sie können aber auch bis Reickendorf mit der Eisenbahn fahren und von dort in einer halben Stunde –«

Sie wehrte ab.

»Ist die Schlittenbahn gut?«

»Vorzüglich –«

»Der Besitzer des Gutes ist ein Adeliger?«

»Der Eigentümer? Nein. Durch Zufall weiß ich aber, daß der Inspektor des Gutes einer alten holsteinischen Adelsfamilie angehört. Herr von Löhnau war erst in voriger Woche hier.«

Die alte Dame fuhr auf.

»Wer?« fragte sie kurz und zweifelnd.

»Bernd von Löhnau. Sie kennen den Herrn?«

»Nein!« klang es ablehnend.

»Verzeihung –«

Also wieder eine Lüge ihres redlichen Vermittlers! Kein Bauerntölpel, kein Mensch von niedriger Bildungsstufe, sondern ein Mann in offenbar leitender Stellung und aus gutem Hause.

»Ist die Stellung eines Inspektors verantwortlich?« fragte sie, um sich zu vergewissern.

»Ueberall und auf Depenau in erhöhtem Maße, weil der Gutsherr Böhm kränkelt und die Verwaltung des Besitzes ausschließlich in den Händen des Inspektors ruht.«

»Dieser Herr von Löhnau – so sagten Sie doch – ist tüchtig?«

»Ich habe nie etwas anderes über ihn gehört. Er ist noch jung, aber er soll manchen alten Inspektor in den Schatten stellen.«

»Ich danke.«

Sie überlegte.

»Der Schlitten soll um zwei Uhr vorfahren. Ich wünsche um eins zu speisen. Auf meinem Zimmer.«

Der Hotelier verbeugte sich.

»Wie Sie befehlen, gnädige Frau ...«

Frau Wichbern ließ sich von ihrem Diener, der in einfache dunkelblaue Livree gekleidet war, auf der Schlittenfahrt begleiten. –

»Depenau!« befahl sie.

Der Weg, der sich bald über freies Feld, bald zwischen Knicks oder durch Waldung hinzog, hatte für die Städterin etwas Neues und Reizvolles. Der Schnee war von blendender Weiße und deckte die Erde ebenmäßig und nicht höher, als für eine Musterschlittenbahn nötig und erwünscht war. So konnten die Pferde, zwei nicht gerade schöne Tiere, aber gute Läufer, so rasch vorwärts kommen, daß das landschaftliche Winterbild ein in schneller Folge wechselndes war und Ermüdung nicht eintreten ließ.

Im Winterschmuck wie die Dörfer lag das Endziel der Fahrt. Die Bäume der langen Allee, die in gerader Richtung auf das Gut zuführte und das Herrenhaus schon von ferne erkennen ließ, waren in glitzernden Reif gehüllt; der Rauch aus den Schornsteinen des Herrenhauses kräuselte über weißen, in der Sonne leuchtenden Dachflächen. Arbeiterhäuser, Scheunen und Ställe lagen wie das Gutshaus weiß in weiß, und nur in die lichte Silhouette des Parkes zeichneten die aufragenden, schneefreien Stämme der Bäume dunkle Linien –.

Als Frau Wichbern die Freitreppe zum Herrenhaus hinaufgeschritten war und der Diener ihr die schwere eichengeschnitzte Thür öffnete, sagte sie anweisend halblaut über die Schulter: »Ich wünsche hier nicht bekannt zu werden, Johann.«

»Zu Befehl, gnädige Frau!«

»Sie erwarten mich am Schlitten ...«

Von einer Bank im Hintergrund des saalartigen, mit Jagdtrophäen dekorierten Flurs erhob sich beim Eintritt der Fremden eilig ein Mädchen, das nach Art der Hamburger Hausmädchen auf dem blonden Haar ein weißes Häubchen trug.

»Melden Sie mich Ihrer Herrin.«

Das Mädchen blieb zögernd stehen, als wolle sie noch etwas fragen, ging dann aber doch. Sie kam bald zurück und nötigte die Fremde in ein Zimmer, dessen Gediegenheit Frau Wichbern auffiel. Grüne Tapete; kräftig von dieser sich abhebende Eichenmöbel; einfach, aber wirkungsvoll mit Altgold bordierte, dunkelrote Tuchbezüge auf Stühlen und Sophas; an den Wänden Gemälde in schweren Goldrahmen, darunter ein Seestück – sie entzifferte den Künstlernamen – ein Achenbach! Ah! auch auf dem Lande Kunstschätze, die sie bis dahin allein den reichen Städtern zugänglich gewähnt hatte –.

Eine Frau in dunkelgrauem Wollkleid, um den Hals eine gleichfarbige Federboa geschlungen, war geräuschlos eingetreten.

»Darf ich wissen, wer mir die Freude macht?« fragte sie den Gast freundlich, mit weicher, wohlklingender Stimme.

Frau Wichbern forschte sekundenlang in dem sympathischen Gesichte der Gutsherrin. Nicht mehr jung, überlegte sie mit Gedankenschnelle, aber eine gewinnende Erscheinung, der Klugheit und Güte in den offenen Zügen geschrieben stehen.

»Werden Sie mir böse sein,« fragte Frau Wichbern, »wenn ich Sie um die Liebenswürdigkeit bitte, mir die Vorstellung in diesem Augenblick noch zu erlassen? Ich bitte darum, gnädige Frau –.«

Die Gutsherrin nickte lächelnd.

»Ein wenig Geheimnisvolles erhöht den Reiz,« meinte sie freundlich. »Aber auch die Neugierde,« fügte sie mit leichter Schelmerei hinzu. »Wollen Sie Platz nehmen und mir sagen, welchem Umstand ich die Ehre Ihres Besuches verdanke?«

Frau Wichbern ließ sich der Gutsherrin gegenüber auf einen Stuhl nieder und fragte:

»Wollen Sie mir die Erlaubnis geben, Ihr Gut in Augenschein zu nehmen? Es ist mir – seiner Musterwirtschaft wegen gerühmt worden, und ich möchte es kennen lernen, weil ich – die Absicht habe, mir selbst einen Landsitz zu kaufen und, wenn es sein kann, in Ihre Nachbarschaft zu ziehen ...«

»Aber gern!«

»Ich bemühe Sie nicht selbst – nein, das dürfte ich gar nicht annehmen! Aber um die Güte würde ich Sie bitten, durch einen Sachkundigen unter Ihren Angestellten mich führen zu lassen – ja, meine gnädige Frau?«

»Ich werde Herrn v. Löhnau herbitten lassen,« erklärte die Gutsherrin bereitwillig. »Unseren Inspektor,« fügte sie erklärend hinzu. »Da haben Sie auch gleich den, der hier, wenn nicht der Herr, so doch der maßgebende Leiter ist.«

»Wie war der Name?« fragte Frau Wichbern mit kleiner Heuchelei.

»Bernd v. Löhnau,« wiederholte die Frau vom Hause. »Ich werde inzwischen für eine Erfrischung sorgen, und wenn Sie Ihren Rundgang beendet haben, dürfen Sie mir die Bitte, ein Stündchen mein Gast zu sein, nicht abschlagen.«

»Nein, ich werde Ihnen herzlich dankbar sein.«

»Soll ich rufen, gleich?«

»Wenn Sie belieben wollen –.«

Nach einigen Minuten war der Inspektor zur Stelle, begrüßte ehrerbietig die Gutsherrin und verbeugte sich vor dem Gaste.

»Gnädige Frau befehlen?« fragte er Frau Böhm.

»Mein Besuch wünscht das Gut zu sehen,« erklärte die Herrin, »Sie sind von mir als Führer vorgeschlagen und von der Dame acceptiert worden. Aber bringen Sie mir meinen Gast nach dem Gange zurück –.«

Bernd v. Löhnau trug Jägeruniform und hohe Schaftstiefel, in der Hand eine Reitgerte.

Frau Wichbern ging an seiner Seite, horchte auf seine Erklärungen und beobachtete ihn, so oft es unbemerkt geschehen konnte. Die grüne Uniform stand ihm. Sein Reden und Auftreten war einfach und männlich sicher.

Manches in den Wirtschaftsgebäuden interessierte sie, und die Fülle der Eindrücke ließ ihre Ueberzeugung von der Eintönigkeit des Landlebens wankend werden.

»Die Bewirtschaftung des Gutes scheint in berufenen Händen zu liegen,« bemerkte sie.

»Das Gut ist eins der besten Holsteins,« entgegnete er, »und seine Verwaltung macht wenig Mühe.«

»Ich – gehe mit der Absicht um, mich auf dem Lande anzukaufen: Können Sie mir ein Kaufobjekt nennen und zugleich empfehlen?«

»Nein, ich wüßte nicht – hm – wenn ich Ihnen nicht unser Depenau selbst anführen sollte.«

»Ihr Depenau selbst? Will Herr Böhm den Besitz veräußern?« fragte sie angeregt.

»Er geht wohl nicht direkt mit dem Plane um, ich glaube aber, daß er ein Angebot nicht bloß in Erwägung ziehen, sondern auch willkommen heißen würde. Er liebt das Gut, ja; aber er ist dauernd krank und dürfte den Aufenthalt im Süden vorziehen ...«

»Warum kaufen Sie das Gut nicht selbst?«

»Ich?« fragte er erstaunt. »Weil ich nicht die Mittel habe. Ich würde mich sonst nicht bedenken.«

»Welchen Wert hat der Besitz?«

»Dreiviertel Millionen Mark. Also nur wenigen Sterblichen erreichbar.«

»Der Preis wäre mir nicht gerade zu hoch. Ich werde in einigen Tagen noch einmal kommen. Wollen Sie dann die Güte haben, mir auch die Ländereien zu zeigen?«

»Schwerer Weizenboden, gute Wiesen, ausgedehnte Waldbestände –,« zählte er auf, ohne eine direkte Antwort zu geben.

»Ich habe nur das Bedenken, daß der Betrieb für mich zu groß sein würde, da ich von der Landwirtschaft nichts verstehe. Würden Sie – in Ihrer Stellung verbleiben?«

Er zuckte die Achseln.

»Gnädige Frau, fürs erste – ja. Später, unter wesentlich günstigeren Bedingungen, als ich sie bis jetzt fordern konnte, auch. Ich weiß nicht, ob Herr Böhm – oder eine ihm folgende Herrschaft – diese bewilligen würde. Ich müßte aber darauf bestehen, denn ich müßte ein Vorwärts sehen.«

»Darüber ließe sich reden ...«

Sie zögerte einen Moment.

»Wenn Sie unvermögend sind, warum suchen Sie nicht durch reiche Heirat Ihre Lage günstig umzugestalten?« fragte sie dann energisch.

Er lachte kurz und herzlich auf und in seinem charaktervollen, männlichen Gesichte leuchtete es sonnig.

»Gnädige, ich habe ein Weib in mein Herz geschlossen, ein junges, ernstes, schönes Weib, das mir um alle Reichtümer der Welt nicht feil ist.«

»Sie sind verlobt?«

»Im Herzen, ja. Und auch vor der Welt soll mein Glück nicht lange mehr verborgen bleiben. Unsere Verlobung soll ein Geschenk des Christkindes sein.«

»Ah? – Aber Ihre Braut ist gleichfalls mittellos?«

»Ja, wie ich!« entgegnete er vergnügt.

»Und hat auch nichts zu erwarten? Ich meine – hat sie nicht wenigstens – reiche Verwandte?«

»Sie hat zwei arbeitsgewohnte Hände und ist bescheiden und tapfer, das ist mehr wert als Gold.«

»Verzeihen Sie, Herr v. Löhnau –, daß ich anderer Meinung bin –.«

»Verzeihen Sie, meine Gnädige, daß das für mich nicht maßgebend ist –.«

»Die Erfahrungen eines langen Lebens geben mir recht –.«

»Mir gelten Mut und frisches Können der Jugend höher.«

»Denken Sie sich einmal an die Seite eines reichen Weibes –«

Er wehrte lebhaft ab.

»Ich kann mich nur an die Seite eines Weibes denken!«

»Jugend und sogenannte Liebe machen blind –.«

Er wurde ernst.

»– und glücklich! – Im übrigen: Wir irren ab, Gnädige.«

»Ich bitte um Entschuldigung. – Sie sind Jäger?«

»Ja. Und unsere Jagd ist gut.«

»Ist Herr Böhm auf Reisen oder daheim?«

»Daheim, leider ans Zimmer gebannt.«

»Ich bin Ihnen für Ihre Führung verbunden. – Darf ich Sie ersuchen, über mein Interesse für das Gut vorläufig Schweigen zu bewahren? – Danke. – Störe ich, wenn ich in einigen Tagen um die gleiche Stunde wie heute wiederholt Ihre Bemühung in Anspruch nehme?«

»Durchaus nicht.«

Sie waren wieder an dem Herrenhause angelangt, und Frau Wichberns Blick ruhte einen Augenblick auf dem stattlichen, weitläufigen Bau.

»Auf Wiedersehn, Herr von Löhnau.«

Sie neigte leicht das Haupt, ohne ihm die Hand zu geben. Er dankte förmlich.

– Nach einer Stunde geleitete Frau Böhm, die ein Pelzcape übergeworfen hatte, den Gast an den Schlitten. Das lustige Schellengeläute rief Neugierige an die Thüren und Fenster. Frau Wichbern blickte noch einmal zurück und erwiderte das winkende Grüßen der Gutsherrin.

In das Schellengeläute fiel unweit des Gutes der Hall eines Schusses. Die grübelnde Frau in dem Schlitten sah am Waldrand eine leichte Rauchwolke aufziehen und erkannte in dem Jäger den Gutsinspektor.

Sie nickte vor sich hin.

Ein anderer Schlag Menschen – die junge Anna Wichbern und der Mann da. Anders – und mehr als das ... die Verkörperung der Kraft, verwegen mutig, hoffnungsfreudig, glücklich durch sich selbst ...

Die Pferde schnaubten und bliesen den Atem dampfend durch die Nüstern; die Frau im Schlitten saß in sich versunken und sah und hörte nicht ...

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