Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Walter Scott >

Der Abt

Walter Scott: Der Abt - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Scott
titleDer Abt
publisherHoffmann'sche Verlagsbuchhandlung
printrunZweite vermehrte Auflage
firstpub1841
year1851
translatorFriedrich Funck
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20160427
Schließen

Navigation:

Sechstes Kapitel.

Du weißt, Franz, jede Heimlichkeit des Haushalts.
Du warst gewißlich in der Speisekammer,
Am fetten Bier dein Herz voll Neugier labend
Und an des Kellners Schnack, – vielleicht auch plaudernd
Bei Näschereien mit der Kammerjungfer,
Denn Solchen bleibt verborgen nichts im Hause.

Altes Schauspiel.

An dem Morgen, welcher dem beschriebenen Auftritt folgte, verließ der in Ungnade gefallene Günstling die Burg. Zur Zeit des Frühstücks saß der bedachtsame alte Hofmeister mit Jungfer Lilias in der Kammer der Letzteren und führte ein ernsthaftes Gespräch über die wichtige Tagesbegebenheit, dasselbe versüßend durch einiges Zuckerwerk, zu welchem die Fürsorge von Meister Wingate ein Fläschlein starken Canariensect hinzugefügt hatte.

»Endlich ist er fort,« sprach die Jungfer nippend, »ich trinke auf glückliche Reise.«

»Amen,« erwiderte ernsthaft der Hofmeister, »ich wünsche dem armen verlassenen Jungen nichts Böses.«

»Und er ist gegangen, gleich einer wilden Ente, wie er gekommen ist« fuhr Jungfer Lilias fort. »Keine Zugbrücke heruntergelassen, kein Schritt auf dem Damm. Das Herrlein hat sich abgedrückt in dem Nachen, welchen sie den kleinen Herodes nennen (eine wahre Schande, Holz und Eisen einen christlichen Namen beizulegen), und er hat sich mit eigner Hand auf die andere Seite des Sees hinübergerudert und hat all seinen Putz in seinem Zimmer zerstreut zurückgelassen. Ich möchte wissen, wer den Kram hinauskehren wird, wiewohl die Dinge schon der Mühe werth sind, daß man sie auflief.«

»Ohne Zweifel, Jungfer Lilias,« bemerkte der Hofmeister. »In diesem Fall erlaub' ich mir die Meinung, daß sie nicht lange den Platz auf dem Fußboden versperren werden.«

»Jetzt sagt mir aber,« fuhr die Jungfer fort, »ob Euch nicht das Herz im Leibe lacht, Meister Wingate, darüber, daß das Haus den Gelbschnabel los geworden ist, der uns Alle in Schatten gestellt hat?«

»Was das Lachen betrifft, Jungfer Lilias,« antwortete Meister Wingate, »so weiß ich, wer lange in großen Häusern gelebt hat, wie ich, der übereilt sich nicht mit Lachen. Was Roland Graeme betrifft, so mag es schon gut sein, daß wir ihn los geworden sind. Aber was sagt das Sprichwort? ›Selten kommt was Besseres!‹«

»Selten kommt was Besseres;« wiederholte Lilias im Ton der Mißbilligung. »Ich sage, es kann nie ein Schlimmerer oder auch nur ein halb so Schlimmer kommen, wie er. Er hätte unsere gnädige Frau zu Grunde gerichtet, an Leib und Seele, und das Gut obendrein,« (hierbei wischte sie die Augen aus,) »denn sie hat mehr Geld auf seine Kleidung verwandt, als auf vier andere Diener zusammen.«

»Jungfer Lilias,« sprach der weise Hofmeister, »ich bin der Meinung, daß unsere Gebieterin diese Theilnahme von uns nicht wünscht, da sie selber in jeder Beziehung befähigt ist, Sorge zu tragen für ihren Leib, ihre Seele und für das Gut obendrein.«

»Ihr würdet vielleicht nicht so sagen,« versetzte Lilias, »wenn Ihr gesehen hättet, wie sie Lots Weib gleich sah beim Abschied des Herrleins. Meine Gebieterin ist eine gute und tugendhafte und rechtschaffene Frau, der Nichts als Gutes nachgesagt wird. Aber doch möchte ich um Alles in der Welt nicht, daß Herr Halbert sie vergangenen Abend gesehen hätte.« –

»O pfui! pfui! pfui!« sprach der Hofmeister. »Dirnen sollten sehen und hören, aber Nichts sagen. Und über dem hängt die gnädige Frau mit ganzer Seele an Herrn Halbert, und sie hat recht, denn er ist der ruhmreichste Ritter in dieser Gegend.«

»Ja, ja,« sagte die Jungfer, »ich habe nichts Anderes sagen wollen, als: wer am wenigsten Ruhm auswärts sucht, wird am ersten zu Hause Ruhe finden. Das ist das Ganze. Man muß die einsame Lage meiner gnädigen Frau in Erwägung ziehen, die sie geneigt gemacht hat, den ersten besten Bettelbuben zu sich zu nehmen, den ihr ein Hund aus dem See gebracht hat.«

»Und darum,« sprach der Hofmeister, »jubelt nicht zu laut und nicht zu früh, Jungfer Lilias. Denn wenn Eure gnädige Frau sich einen Günstling gewünscht hat, um sich die Zeit zu vertreiben, dann verlaßt Euch darauf, die Zeit wird nicht leichter vergehen jetzt, wo er fort ist. Sie wird sich schon wieder einen andern aussuchen, und wenn sie ein solches Spielzeug braucht, dann verlaßt Euch darauf, es wird ihr nicht fehlen.«

»Und wo anders sollte sie einen solchen wählen, als unter ihren erprobten und treuen Dienern?« versetzte Lilias, – »unter denen, die ihr Brod gebrochen und ihren Trank genossen haben seit so vielen Jahren? Ich habe manche Frau gekannt, so vornehm wie sie, die nie an einen andern Günstling gedacht hat, außer ihrer Kammerjungfer, versteht sich, immer mit der gebührenden Rücksicht für den alten treuen Hofmeister.«

»Wahrlich, Jungfer Lilias,« versetzte der Hofmeister, »ich sehe halb und halb, worauf Ihr abzielt, aber ich besorge, Euer Bolzen möchte sein Ziel nicht erreichen. Wenn es mit unsrer gnädigen Frau so steht, wie es Euch beliebt anzunehmen, dann wird weder Eure zerknitterte Flügelhaube (übrigens allen Respect vor derselben, Jungfer Lilias) noch mein Silberhaar oder meine Goldkette die Leere ausfüllen, welche Roland Graeme in ihren Freistunden lassen wird. Es wird sich ein gelehrter junger Theolog, mit einer neuen Lehre, ein gelehrter Arzt mit einem neuen Mittel, oder es wird sich ein kühner Ritter finden, dem die Gunst nicht versagt werden wird, ihre Farben beim Ringelrennen zu tragen, – ein schlauer Harfner, der einem Weib das Herz aus dem Leibe spielen kann, wie Signor David Rizzio unserer armen Königin gethan haben soll. Das sind Leute, welche den Verlust eines hübschen Günstlings ersetzen, nicht aber ein alter Hofmeister oder eine Kammerjungfer in mittleren Jahren.«

»Meinetwegen,« versetzte Lilias. »Ihr habt Erfahrung, Meister Wingate, und ich wünschte von Herzen, unser Herr ließe ab von seinen Kreuz- und Querritten und sähe auf sein Hauswesen. Nächstens wird Papisterei unter uns zum Vorschein kommen. Was meint Ihr, was ich unter des Herrleins Kleidern gefunden habe? Einen goldenen Rosenkranz, Ave und Credo. Ich sage Euch, ich bin darüber hergefallen wie ein Habicht.«

»Ich zweifle nicht daran, ich zweifle nicht daran,« sprach der Hofmeister pfiffig mit dem Kopf nickend. »Ich habe oft bemerkt, daß der Knabe sonderbare Gewohnheiten an sich hatte, die nach Päpstelei schmeckten, und daß er sich sehr bemühte, dieselben zu verbergen. Aber Ihr findet den Katholischen unter dem presbyterianischen Mantel so gut heraus, wie den Spitzbuben unter der Mönchskutte. Was ist weiter dabei! Wir sind alle Menschen. – Das ist ein hübscher Rosenkranz,« fuhr er fort, denselben aufmerksam betrachtend; »er kann seine vier Unzen löthiges Gold wiegen.«

»Er soll auf der Stelle eingeschmolzen werden,« sprach Lilias, »ehe noch eine arme Seele durch denselben irre geleitet werden kann.«

»Sehr wohl bedacht, Jungfer Lilias,« bemerkte der Hofmeister, beifällig nickend.

»Ich will mir ein paar Schuhschnallen daraus machen lassen,« fuhr die Kammerjungfer fort; »ich möchte des Papstes Tand, oder was einst die Gestalt desselben hatte, nicht einen Zoll höher tragen, als auf meinem Riß, wären es auch Demanten statt Gold. Aber das kommt davon, daß Pater Ambrosius auf's Schloß kommt, so sittig wie eine Katze, die Rahm fehlen will.«

»Pater Ambrosius ist unseres Herrn Bruder,« bemerkte der Hofmeister ernsthaft.

»Ganz recht, Meister Wingate,« versetzte die Jungfer; »aber berechtigt ihn das, des Königs Unterthanen zur Papisterei zu verführen?«

»Behüte Gott, Jungfer Lilias,« antwortete der wohlredende Hofmeister. »Aber es gibt noch schlimmere Leute, als die Papisten.«

»Ich möchte doch wissen, wo die zu finden wären,« versetzte die Kammerjungfer mit einigem Nachdruck. »Ich glaube, Meister Wingate, es dürfte Euch Jemand vom Teufel selber reden, und Ihr würdet sagen, es gäbe schlimmere Leute, als der Satan.«

»Allerdings würde ich so sagen, angenommen, daß ich den Teufel neben mir stehen sähe,« versicherte der Hofmeister. Die Kammerjungfer fuhr erschrocken auf, und rief: »Heiliger Gott, steh' uns bei! – Ich möchte nur wissen, Meister Wingate, was es Euch für Vergnügen machen kann, Einen so zu erschrecken.«

»Jungfer Lilias, das ist mir nicht eingefallen,« erwiderte Wingate. »Aber seht, die Papisten sind für jetzt unten, indeß wer weiß, wie lange dies jetzt dauert. Dort in Nordengland sind zwei große papistische Grafen, denen das bloße Wort Reformation ein Gräuel ist, – ich meine die Grafen von Northumberland und Westmoreland, Leute, mächtig genug um jeden Thron in der Christenheit zu erschüttern. Nun ist unser schottischer König, Gott segne ihn! allerdings ein ächter Protestant, allein er ist noch ein Kind und seine Mutter ist vorhanden, unsere ehemalige Königin – ich hoffe, man darf auch für sie sagen: ›Gott segne sie!‹ Sie ist katholisch, und Manche fangen schon an zu denken, es sei zu hart mit ihr verfahren worden; so zum Beispiel die Hamiltons im Westen und einige Grenzstämme in unserer Nähe und die Gordons im Norden. Alle diese wollen eine Umgestaltung, und wenn diese Umgestaltung einträte, so würde vermuthlich unsere Königin ihre Krone wiedernehmen, Messe und Kreuz würden wieder emporkommen, und Kanzeln und Genfer Röcke und schwarz seidene Käppchen würden untergehen.«

»Ei, Ei, Meister Kasper Wingate, Ihr, der Ihr das Wort gehört und die reine, köstliche Lehre von Meister Heinrich Warden vernommen habt, Ihr könnt so ruhig davon sprechen oder auch nur daran denken, daß das Papstthum wieder wie eine Windsbraut über uns kommen könnte, oder daß das Weib Maria wiederum Schottlands Königssitz zu einem Thron des Gräuels machen dürfte? Jetzt versteh' ich, warum Ihr so artig seid gegen den Kapuzenmann, Pater Ambrosius, wenn er hieher kommt mit niedergeschlagenen Augen, die er nie zur gnädigen Frau erhebt, und mit seiner leisen, süßlichen Stimme und mit seinem Benedicite und seinem Segen, den Meister Wingate so freundlich hinnimmt.«

»Jungfer Lilias,« versetzte der Hofmeister mit einer Miene, welche darauf hindeutete, daß er die Erörterung schließen wollte, »Alles hat seine Ursache. Wenn ich den Pater freundlich aufgenommen und manchmal ein verstohlenes Wort mit Roland Graeme habe reden lassen, so geschah es nicht darum, weil ich einen Pfifferling auf einen Segen oder auf seinen Fluch gegeben hätte, sondern lediglich, weil ich in ihm das Blut meines Herrn ehrte. Und wer kann sagen, ob er nicht, falls Maria wieder obenan käme, ein eben so starker Baum würde, an den wir uns lehnen könnten, wie sein Bruder für uns gewesen ist? Denn der Graf von Murray ist gestürzt, wenn die Königin wieder zu ihrem Eigenthum kommt, und er kann von Glück sagen, wenn er den Kopf auf einen Schultern behält. Und mit dem Grafen, seinem Schutzherrn, ist unser Ritter gestürzt, und wer hat größere Wahrscheinlichkeit für sich, in seinen leeren Sattel zu steigen, als eben dieser Pater Ambrosius? Der römische Papst kann ihn bald seines Gelübdes entbinden, und dann hätten wir Herrn Edward, den Kriegsmann, statt des Priesters Ambrosius.«

Zorn und Erstaunen machte Jungfer Lilias sprachlos, während ihr alter Freund in seiner selbstgefälligen Weise seine politischen Speculationen auskramte. Endlich aber machte ihr Unwille sich in bitteren Worten Luft.

»Was, Meister Wingate' Ihr habt das Brod meiner gnädigen Frau so lange Jahre gegessen, – von meinem gnädigen Herrn gar nicht zu reden – und könnt daran denken, daß sie aus ihrem Schloß Avenel vertrieben werden dürfte durch einen elenden Mönch, welcher nicht mit einem Tropfen Blut mit ihr verwandt ist? Ich bin nur ein Weib; aber ich wollte doch erst versuchen, ob mein Rocken stärker ist, oder seine Kapuze. Schämt Euch, Meister Wingate! Wenn Ihr nicht ein so alter Bekannter wäret, dann sollte meine gnädige Frau dies erfahren, und es sollte mir Nichts daran liegen, Dankverdienerin und Plaudermaul gescholten zu werden, wie damals, wo ich von Roland erzählte, daß er den wilden Schwan geschossen.«

Dem Meister Wingate war übel zu Muth, als er fand, daß das Auskramen seiner weit aussehenden politischen Gedanken bei seiner Zuhörerin vielmehr Argwohn in Betreff seiner Treue, als Bewunderung seiner Weisheit veranlaßt hatte, und bemühte sich, so schnell wie möglich Entschuldigungen und Erklärungen vorzubringen. Innerlich fühlte er sich verletzt durch den Unverstand, mit welchem seines Erachtens Jungfer Lilias Bradbourne beliebt hatte, seine Ausdrücke zu deuten, und im Herzen war er überzeugt, ihre Mißbilligung seiner Ansichten habe lediglich in der Rücksicht ihren Grund, daß Pater Ambrosius, falls er Burgherr würde, ohne Zweifel der Dienste eines Hofmeisters bedürfen würde, während die einer Kammerjungfer vermuthlich überflüssig sein würden. Nachdem seine Erläuterung aufgenommen war, wie Erläuterungen gewöhnlich aufgenommen werden, trennten sich Beide: Lilias, der silbernen Pfeife folgend, welche sie in das Zimmer ihrer Gebieterin rief, und der weise Majordomus, um den Geschäften seines Dienstes nachzugehen. Sie schieden mit weniger Ehrerbietung und Rücksicht als gewöhnlich, denn der Hofmeister fand seine weltliche Weisheit herabgesetzt durch die uneigennützige Anhänglichkeit der Kammerjungfer, und Jungfer Lilias Bradbourne war genöthigt, ihren alten Freund für wenig besser als einen Wetterhahn zu halten.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.