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Der Abt

Walter Scott: Der Abt - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Scott
titleDer Abt
publisherHoffmann'sche Verlagsbuchhandlung
printrunZweite vermehrte Auflage
firstpub1841
year1851
translatorFriedrich Funck
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20160427
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Fünftes Kapitel.

– – – Im wilden Sturm
Kappt seinen Mast der Segler, und der Kaufmann
Wirft Güter in die Fluth, so werth und theuer.
Also verstoßen Fürsten ihre Günstling'
Im Sturm des Bürgerkriegs.

Altes Schauspiel

Es dauerte einige Zeit, bis Roland Graeme erschien. Die Botin (seine alte Freundin Lilias) kam an die Thüre seiner Kammer mit der wohlmeinenden Absicht, ihre Augen an der Verwirrung des Schuldigen zu weiden und ein Benehmen zu beobachten. Allein ein längliches Stückchen Eisen, genannt ein Riegel, war inwendig vorgeschoben und vereitelte ihr gutes Vorhaben. Lilias klopfte und rief wiederholt:

»Roland! – Roland Graeme! – Meister Roland Graeme, wollt Ihr so gut sein und aufmachen? Was fehlt Euch? Betet Ihr in Eurem Kämmerlein, um die Andacht fortzusetzen, die Ihr in der Kapelle unvollendet gelassen habt? Wahrlich wir müssen einen verschlossenen Sitz für Euch in der Kapelle haben, damit Eure vornehme Person den Augen gemeiner Leute entzogen bleibt.« –

(Auf all dies ward mit keiner Silbe geantwortet.)

»Hört, Meister Roland, ich muß meiner gnädigen Frau sagen, daß, wenn sie eine Antwort haben will, sie entweder selbst kommen oder solche Leute schicken muß, welche die Thür einschlagen können.«

»Was sagt Eure gnädige Frau?« fragte der Edelknabe von innen heraus.

»Seid so gut und macht auf, und dann sollt Ihr es hören,« antwortete die Kammerjungfer. »Ich denke, es ziemt sich, daß die Botschaft meiner gnädigen Frau von Angesicht zu Angesicht gehört wird, und ich will sie nicht, Euch zu Gefallen, durch's Schlüsselloch zischeln.«

»Der Name Eurer Gebieterin ist ein zu guter Deckmantel für Eure Unverschämtheit,« sprach der Edelknabe, indem er die Thür öffnete. »Was sagt meine gnädige Frau?«

»Daß es Euch gefallen möge, augenblicklich zu ihr zu kommen in das Gesellschaftszimmer,« antwortete Lilias. »Ich denke, sie hat Euch einige Weisungen zu geben in Betreff des in Zukunft in der Kapelle zu beobachtenden Benehmens.«

»Sagt meiner gnädigen Frau, daß ich augenblicklich zu Befehl stehen werde,« erwiderte der Edelknabe, kehrte in sein Zimmer zurück und schloß es der Kammerjungfer vor der Nase zu.

»Das nenn' ich Artigkeit!« murmelte Lilias. Als sie zu ihrer Gebieterin zurückgekehrt war, berichtete sie, Roland Graeme würde ihr zu Befehl stehen, wenn es ihm gelegen wäre.

»Was? Ist das ein Ausdruck oder Euer Zusatz, Lilias?« fragte die Burgfrau gelassen.

»Nein, gnädige Frau,« versetzte die Dienerin, einer bestimmten Antwort ausweichend, »er sah aus, als hätte er noch viel unverschämtere Dinge sagen können, als dies, wenn ich Lust gehabt hätte sie anzuhören. – Da kommt er selber.«

Roland Graeme trat in das Gemach mit stolzerer Miene und lebhafterer Farbe, als man gewöhnlich an ihm sah. In seinem Wesen drückte sich Verlegenheit aus, aber weder die der Furcht noch die der Reue.

»Junger Mensch,« begann die Burgfrau, »was meint Ihr, daß ich von Eurem heutigen Benehmen denken soll?«

»Wenn es Euch verletzt hat, gnädige Frau, so thut es mir herzlich leid,« antwortete der Jüngling.

»Mich verletzt zu haben,« sprach Frau Maria, »wäre das Wenigste. Ihr habt Euch ein Benehmen zu Schulden kommen lassen, welches Euren Dienstherrn schwer beleidigen wird; Ihr habt Euch Gewaltthätigkeiten erlaubt gegen Eure Dienstgenossen und Mißachtung Gottes selber in der Person seines Gesandten.«

»Erlaubt mir zu wiederholen,« sprach Roland, »daß, wenn ich meine einzige Herrin, Freundin und Wohlthäterin verletzt habe, dies das Maß meiner Schuld vollmacht und meine Reue in vollem Maße erheischt. Herr Halbert Glendinning nennt mich nicht Diener, und ich nenne ihn nicht Dienstherrn; er ist nicht berechtigt mich dafür zu tadeln, daß ich einen kecken Stalljungen gezüchtigt habe, und eben so wenig fürchte ich den Zorn des Himmels dafür, daß ich der ungebührlichen Einmischung eines vorwitzigen Predigers Hohn entgegengesetzt habe.«

Frau von Avenel hatte wohl früher Spuren von knabenhaftem Muthwillen und von Auflehnung gegen Zurechtweisung und Tadel an ihrem Günstling bemerkt. Aber sein jetziges Benehmen war von ernsterer und entschiedenerer Art. Einen Augenblick war sie in Verlegenheit, wie sie den Jüngling behandeln sollte, der sich plötzlich den Charakter eines Mannes und zwar eines kühnen und entschlossenen Mannes angeeignet zu haben schien. Dann aber nahm sie die ihr angeborne Würde an und sagte:

»Eine solche Sprache führt Ihr gegen mich, Roland? Wollt Ihr mich vielleicht die Gunst bereuen lassen, welche ich Euch erwiesen habe, daß Ihr Euch für unabhängig erklärt, sowohl von einem irdischen, wie von einem himmlischen Herrn? Habt Ihr vergessen, was Ihr gewesen seid, und wozu der Verlust meiner Gunst Euch schnell zurückführen würde?«

»Gnädige Frau,« sprach der Edelknabe, »ich habe Nichts vergessen. Ich habe nur zu viel im Sinn behalten. Ich weiß, wäret Ihr nicht gewesen, so hätte ich in diesem Wasser den Tod gefunden.« (Er deutete hier auf den See, auf den man die Aussicht hatte.) »Eure Güte ist weiter gegangen, gnädige Frau. Ihr habt mich beschützt gegen die Bosheit Anderer und gegen meine eigene Thorheit. Es steht Euch frei, wenn Ihr wollt, den Waisen, welchen Ihr erzogen habt, seinem Schicksal zu überlassen. Ihr habt Alles an ihm gethan, und er kann sich über Nichts beschweren. Denkt aber nicht, gnädige Frau, daß ich undankbar gewesen bin. Ich habe Manches erduldet, was ich mir nie würde haben gefallen lassen, wenn es nicht um meiner Wohlthäterin willen gewesen wäre.«

»Um meinetwillen?« rief die Burgfrau. »Was habe ich Euch ertragen lassen, worauf Ihr anders als mit Dank zurückblicken könnt?«

»Ihr seid zu streng, gnädige Frau, wenn Ihr verlangt, Ich soll dankbar sein für die kalte Vernachlässigung, mit welcher mich Euer Gemahl unablässig behandelt hat, – für eine Vernachlässigung, welche nicht ohne Beimischung entschiedener Abneigung war. Ihr seid zu streng, gnädige Frau, wenn Ihr verlangt, ich soll dankbar sein für die steten Beweise von Hohn und Uebelwollen, welche mir von Andern zu Theil geworden sind, oder für eine Predigt wie die, welche heute Euer ehrwürdiger Kaplan auf meine Kosten der versammelten Hausgenossenschaft zum Besten gegeben hat.«

»Hat je menschliches Ohr Dergleichen gehört?« rief die Kammerjungfer mit ausgebreiteten Armen und himmelwärts gerichteten Augen. »Er spricht, als wär' er der Sohn eines Grafen oder mindestens eines gegürteten Ritters!«

Roland warf ihr einen Blick tiefer Verachtung zu und würdigte sie keiner weitern Erwiderung. Seine Gebieterin, welche sich ernstlich verletzt fühlte, und der doch des Jünglings Thorheit leid that, nahm denselben Ton an wie Lilias.

»Wirklich Roland,« sprach sie, »Ihr vergeßt Euch dermaßen, daß Ihr mich in Versuchung führen werdet, ernstliche Maaßregeln zu ergreifen, damit Ihr eine geringere Meinung von Euch faßt, und Euch Eure gebührende Stellung in der Gesellschaft anzuweisen.«

»Und das,« bemerkte Lilias »würde am Besten dadurch geschehen, daß man ihn als denselben Bettelbuben hinaus stieße, wie Ew. Gnaden ihn aufgenommen hat.«

»Lilias spricht zu hart,« bemerkte die Edelfrau, »aber sie spricht wahr, junger Mensch, und ich glaube, daß ich den Stolz nicht schonen darf, der Euch so völlig den Kopf verdreht hat. Ihr seid mit hübschen Kleidern herausgeputzt und wie der Sohn eines Edelmanns behandelt worden, bis Ihr die Quelle Eures Bauernblutes vergessen habt.«

»Bitte um Verzeihung, hochzuverehrende Frau,« entgegnete der Jüngling, »Lilias hat nicht wahr gesprochen, und Ew. Gnaden weiß Nichts von meiner Herkunft, was Euch berechtigte, mich mit so entschiedenem Hohn zu behandeln. Ich bin kein Betteljunge; meine Großmutter hat bei keinem Menschen gebettelt, weder hier noch anderwärts; lieber wäre sie auf dem öden Moor umgekommen. Wir sind von Haus und Hof verjagt worden: ein Fall, der auch anderwärts und bei Andern vorgekommen ist; Schloß Avenel mit seinem See und seinen Thürmen ist nicht immer im Stande gewesen, seine Bewohner vor Noth und Elend zu bewahren.«

»Hör' ein Mensch diese Keckheit!« rief Lilias; »er wirft meiner gnädigen Frau die Unfälle ihres Hauses vor!«

»Es wäre allerdings ziemlicher gewesen, von diesem Gegenstand zu schweigen,« bemerkte die Burgfrau, auf welche die Andeutung ihre Wirkung nicht verfehlte.

»Es war nöthig zu meiner Rechtfertigung,« versetzte Roland, »sonst würde ich nicht im Entferntesten auf Etwas angespielt haben, was Euch schmerzlich sein könnte. Aber seid versichert, verehrte Frau, ich bin nicht von Bauernblut. Genau kenne ich meine Abkunft nicht, aber meine einzige Verwandte hat mir gesagt, und mein Herz hat es widergehallt und als wahr bezeugt, daß ich von edlem Blut bin und Anspruch auf entsprechende Behandlung habe.«

»Und auf eine so ungewisse Zusicherung hin,« fragte die Burgfrau, »baut Ihr Eure Ansprüche auf alle Rücksichten und Vorrechte, die hohem Rang und vornehmer Geburt zukommen, und verlangt Zugeständnisse, welche bloß dem hohen Adel gebühren? Geht, junger Herr, geht in Euch, oder der Hofmeister soll Euch der Geißel unterwerfen, als einen vorwitzigen Knaben. Ihr habt zu wenig die Eurem Alter und Stand zukommende Zucht geschmeckt.«

»Der Hofmeister soll eher meinen Dolch schmecken, ehe ich seine Zucht schmecke,« versetzte der Edelknabe, einer Leidenschaft freien Lauf lassend. »Gnädige Frau, ich bin zu lange der unterwürfige Knecht eines Pantoffels und der gehorsame Diener einer silbernen Pfeife gewesen. Ihr müßt von nun an einen Andern finden, der auf Euren Ruf Antwort giebt, und laßt ihn von Sinn und Herkunft niedrig genug sein, daß er den Spott Eures Gesindes ertragen und einen Stiftsunterthan Herrn nennen kann.«

»Ich habe diesen Hohn verdient,« rief die Edelfrau, tief erröthend, »dafür, daß ich Euren Muthwillen so lange gehegt und geduldet habe. Packt Euch fort. Verlaßt noch diesen Abend das Schloß. Ich will Euch die Mittel zu Eurem Unterhalt verabreichen lassen, bis Ihr einen ehrlichen Erwerb findet, obwohl ich fürchte, Eure eingebildete Größe wird jeden andern, als Raub und Gewaltthätigkeit unter ihrer Würde finden. Fort mit Euch, und kommt mir nicht mehr vor die Augen!«

Der Edelknabe warf sich ihr zerknirscht zu Füßen. »Theure und verehrte Gebieterin!« dies waren die einzigen Worte, die er hervorbringen konnte.

»Steht auf und laßt meinen Mantel los!« rief Frau Maria. »Heuchelei ist ein elender Deckmantel für Undank«

»Ich bin zu beiden unfähig,« erwiderte der Jüngling, mit der seinem leidenschaftlichen Wesen entsprechenden Hastigkeit aufspringend. »Glaubt nicht, daß ich beabsichtigt habe, die Erlaubniß zum Hierbleiben zu erflehen. Längst schon bin ich entschlossen Avenel zu verlassen, und nie werd' ich es mir verzeihen, daß ich mir das Wort Fort! habe sagen lassen, bevor ich selber sagte: Ich verlasse Euch! Ich habe mich Euch zu Füßen geworfen lediglich, um Verzeihung zu erbitten für ein unbedachtsames, im höchsten Aerger mir entfahrenes Wort, welches mir nicht geziemte, gegen Euch auszusprechen. Eine andere Gnade habe ich nicht erbeten. Aber ich wiederhole: Ihr wißt besser, was Ihr gethan, als, was ich erduldet habe.«

»Roland,« sprach die Burgfrau, einigermaßen besänftigt, »Ihr konntet Euch an mich wenden, wenn Ihr Euch zu beschweren hattet. Es war Euch weder zugemuthet, Unrecht zu dulden, noch wart Ihr berechtigt, Euch dafür zu rächen, so lange Ihr unter meinem Schutz standet.«

»Und wenn ich Unrecht litt von Solchen, die Ihr liebtet und begünstigtet,« fragte der Jüngling, »sollte ich da Eure Ruhe stören mit Anbringereien und ewigen Klagen? Nein, edle Frau, ich habe meine Last schweigend getragen, und ohne Euch mit Murren zu belästigen. Die Achtung vor Euch, deren Mangel Ihr mir Schuld gebt, ist der einzige Grund, warum ich mich weder an Euch gewandt, noch auf eigne Hand mir nachdrücklicher Recht verschafft habe. Es ist übrigens gut, daß wir scheiden. Ich bin nicht dazu geboren, ein von seiner Gebieterin begünstigter Lohnknecht zu sein, so lange, bis ich durch Verläumdungen zu Grunde gerichtet wäre. Möge der Himmel seinen besten Segen über Euch ausschütten und um Euretwillen über alle, so Euch theuer sind.«

Er wollte das Gemach verlassen, als die Burgfrau ihn zurückrief. Er blieb stehen, und sie sprach:

»Es war meine Absicht nicht, selbst bei meinem größten Mißfallen Euch ohne Unterhaltsmittel zu entlassen. Nehmt diese Goldbörse.«

»Verzeiht, gnädige Frau,« sprach der Jüngling, »und laßt mich von hinnen gehen mit dem Bewußtsein, daß ich mich nicht so weit erniedrigt habe, Almosen anzunehmen. Wenn meine geringen Dienste die Kosten für meine Kleidung und meinen Unterhalt aufwiegen können, so bleibe ich bloß für mein Leben in Eurer Schuld, und diese Schuld allein kann ich nie abtragen. Steckt die Börse ein und sagt dafür bloß, daß Ihr nicht im Zorn von mir scheidet.«

»Nein, nicht im Zorn,« sprach die Frau; »eher im Schmerz über Euren Eigensinn. Nehmt das Gold; ihr werdet es gewiß nöthig haben.«

»Möge Gott Euch ewig segnen für den freundlichen Ton und für das freundliche Wort. Aber das Gold kann ich nicht nehmen. Ich habe gesunde Glieder, und ich stehe nicht so freundlos in der Welt da, wie Ihr vielleicht denkt. Die Zeit mag kommen, wo ich mich weiter dankbar beweisen kann, als in bloßen Worten.«

Er kniete nieder, küßte ihre Hand, welche sie nicht zurückzog, und verließ dann eilends das Gemach.

Lilias blickte ihre Gebieterin an und fand sie so ungewöhnlich bleich, daß sie eine Ohnmacht befürchtete. Frau Maria aber erholte sich schnell, wies den angebotenen Beistand zurück und begab sich auf ihr eignes Zimmer.

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