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Gutenberg > Walter Scott >

Der Abt

Walter Scott: Der Abt - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Scott
titleDer Abt
publisherHoffmann'sche Verlagsbuchhandlung
printrunZweite vermehrte Auflage
firstpub1841
year1851
translatorFriedrich Funck
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20160427
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Drittes Kapitel.

Am Himmel stand der Mond in voller Pracht,
Des Wächters Horn ertönt in stiller Nacht,
Das Burgthor öffnet sich, und in dem Gang
Auf Felsengrund der schwere Huftritt klang.

Leyden.

Willst du auch ein Kriegsmann werden, Roland?« fragte Frau von Avenel ihren Pflegling, als sie auf einem steinernen Sitz auf den Zinnen der Burg ausruhend, den Knaben mit einem langen Stock die Bewegungen des Wächters nachahmen sah, welcher seinen Spieß bald schulterte, bald übernahm, bald senkte.

»Ja, gnädige Frau,« sagte der Knabe, der jetzt zutraulich geworden war und frisch und munter auf alle Fragen Antwort gab. Ein Kriegsmann will ich werden, denn Keiner ist Edelmann, der sich nicht sein Wehrgehenk mit dem Schwert verdient.«

»Du ein Edelmann?« rief Lilias, welche, wie gewöhnlich in der Nähe war. »Ein solcher, wie ich ihn mit einem rostigen Messer aus einer Bohnenhülse machen könnte.«

»O schilt ihn nicht, Lilias,« sprach die Frau von Avenel; »denn wahrlich, ich glaube, er ist von edlem Blut. Seht, wie es sich in seinem Gesicht zeigt bei Euren beleidigenden Worten.«

»Wenn es mir nachginge, versetzte Lilias, »dann sollte eine gute Birkenruthe ihm die Farbe noch besser heraustreiben.«

»Wahrhaftig, Lilias,« sprach die Edelfrau, »man sollte glauben, der arme Junge hätte Euch Etwas zu Leide gethan. Oder ist er vielleicht um deswillen so sehr auf der Winterseite Eurer Gunst, weil er auf der Sonnenseite der meinigen ist?«

»Gott soll mich bewahren, gnädige Frau,« antwortete Lilias. »Ich habe, Gott sei Dank, lange genug bei Edelleuten gelebt, daß ich mir nicht einfallen lasse, gegen Narrheiten oder Phantasieen anzukämpfen, mögen dieselben nun auf Vieh, Vogel oder Bübchen gerichtet sein.«

Lilias war in ihrer Art auch ein Günstling, eine verzogene Dienerin, die sich oft mehr Freiheit herausnahm, als ihre Gebieterin Lust hatte zu gestatten. Frau von Avenel that für gewöhnlich, und so auch dieß Mal, als hörte sie nicht, was ihr mißfiel. Sie beschloß ein schärferes Auge auf den Kleinen zu haben, den sie bisher meist der Obsorge von Lilias anvertraut hatte. Er muß, dachte sie, von edlem Blute sein: es wäre ja eine Schande, das Gegentheil zu glauben von einer so edlen Gestalt, von so schönen Zügen. Hatte doch selbst die Wildheit, welcher er sich gelegentlich überließ, seine Verachtung der Gefahr, sein Widerwille gegen Zwang etwas Edles an sich! Ganz gewiß, er muß von hoher Geburt sein. So schloß sie, und diesem Schlusse gemäß handelte sie. Die übrigen Diener, weniger eifersüchtig oder gewissenhaft als Lilias, thaten, wie das Gesinde zu thun pflegt: sie folgten und schmeichelten aus Eigennutz der Laune der Gebieterin. Der Knabe nahm bald das herrische Wesen an, welches der Anblick von steter Gefälligkeit bei Andern fast immer einflößt. Es schien wirklich, als wäre er zum Befehlen geboren, so leicht gewöhnte er sich, Nachgiebigkeit gegen seine Launen sich gefallen zu lassen und zu fordern. Der Kaplan hätte freilich dieser Anmaßung entgegentreten können und würde es ohne Zweifel gerne gethan haben. Aber das Geschäft, einige streitige Punkte der Kirchenzucht mit seinen Amtsbrüdern ins Reine zu bringen, hielt ihn eine Zeitlang vom Schloß entfernt in einem andern Theil des Königreichs zurück.

So stand es auf Schloß Avenel, als der gellende, langgezogene Ton eines Hifthorns von dem Seeufer herüberschallte und bald lustig von dem Wächter erwidert ward. Frau von Avenel kannte das Blasen ihres Gemahls und eilte an das Fenster ihres Gemaches. Eine Schaar von etwa dreißig Speerreitern mit fliegendem Fähnlein zog längs den Krümmungen des Ufers hin und näherte sich dem Damm. Voran ritt ein Reisiger, in dessen Rüstung sich die Oktobersonne spiegelte. Schon in dieser Entfernung erkannte Frau Maria den hohen Federbusch, in welchem ihre Hausfarben mit denen der Glendowyne und mit dem Steineichenzweig vereinigt waren. Der feste Sitz, die würdevolle Haltung des Reiters und der stolze Tritt des dunkelbraunen Rosses kündigte Halbert Glendinning an.

Die erste Empfindung der Edelfrau war Entzücken über ihres Gemahls Rückkehr, – die zweite war ein Anflug von mehrfach schon gehegter Besorgniß, daß er die Bevorzugung mißbilligen möchte, mit welcher sie ihren verwaisten Pflegling behandelte. In dieser Besorgniß lag das Bewußtsein, daß ihre Gunstbezeigungen übertrieben waren.

Halbert Glendinning war gewiß eben so sanft und nachgiebig, wo nicht mehr, als er fest und vernünftig in seiner Haushaltung war, und insbesondere gegen sie war sein Verhalten stets zärtlich gewesen. Dennoch fürchtete sie, bei dieser Gelegenheit möchte ihr Benehmen ihr von Halbert Tadel zuziehen. Sie beschloß die Geschichte von dem Knaben nicht eher vorzubringen, als den folgenden Tag, und befahl, Lilias solle ihn aus dem Gemach entfernen.

»Ich will nicht mit Lilias gehen,« entgegnete das verzogene Kind, welches schon mehr als ein Mal seinen Willen durch Hartnäckigkeit durchgesetzt hatte und wie die über ihm Stehenden ein Vergnügen daran fand, seine Wichtigkeit geltend zu machen. »Ich will nicht in Lilias' muffiges Zimmer gehen, ich will hier bleiben und den prächtigen Kriegsmann sehen, der so flott daher geritten kommt über die Zugbrücke.«

»Du darfst nicht dableiben, Roland,« sagte die Burgfrau mit größerer Bestimmtheit, als sie gewöhnlich in den Ausdruck ihrer Worte gegen den Liebling legte.

»Ich will,« wiederholte der Knabe, welcher schon fühlte, wie viel er galt, und sich darauf verließ, daß er mit seinem Trotz durchdringen werde.

»Du willst, Roland?« sprach Frau Maria; »was ist das für ein Ausdruck? Ich sage dir, du mußt gehen.«

» Will,« versetzte der kecke Junge, »ist ein Wort für einen Mann, und muß ist kein Wort für eine Frau.«

»Du bist naseweis,« rief die Edelfrau. »Lilias, nehmt ihn augenblicklich mit.«

»Ich habe immer gedacht,« bemerkte Lilias lächelnd, indem sie den Knaben am Arm faßte, »daß mein junger Herr dem alten Platz machen muß.«

»So, Mamsell, Ihr habt auch ein ungewaschenes Maul?« sprach die Frau. »Hat der Mond gewechselt, daß Ihr Euch alle so vergeßt?«

Lilias entgegnete Nichts, sondern führte den Knaben weg, welcher, zu stolz, einen erfolglosen Widerstand zu versuchen, auf seine Wohlthäterin einen Blick warf, aus dem sie abnehmen konnte, wie gern er ihrem Willen getrotzt haben würde, wenn er nur die Kraft dazu gehabt hätte.

Frau von Avenel ärgerte sich über die Aufregung, in welche dieser unbedeutende Vorfall die versetzt hatte in einem Augenblick, wo alle ihr Gedanken und Empfindungen durch die Rückkehr ihres Gatten in Anspruch genommen sein sollten. Aber die Ruhe wird nicht wiedergewonnen durch das bloße Bewußtsein, daß Aufregung nicht an ihrem Platz ist, die Röthe des Unwillens war noch nicht auf ihren Wangen verschwunden, die Unruhe ihres ganzen Wesens hatte sich noch nicht gelegt, als ihr Gemahl ohne Helm, aber sonst noch in voller Rüstung in das Gemach trat. Sein Erscheinen verbannte jeden anderen Gedanken; sie eilte auf ihn zu, umschlang die in Eisen gehüllte Gestalt und küßte sein mannhaftes und kriegerisches Gesicht mit eben so aufrichtiger als augenscheinlicher Zuneigung. Der Krieger erwiderte ihre Umarmungen und Liebkosungen mit gleicher Zärtlichkeit. Die romantische Gluth dieser Empfindung hatte sich im Lauf der Jahre, welche seit ihrer Verehelichung verflossen waren, gemindert, dagegen hatte die auf klarem Bewußtsein beruhende Zuneigung zugenommen, und des Ritters häufige Abwesenheit von seinem Schloß machte es unmöglich, daß dieselbe durch Gewohnheit hätte in Gleichgiltigkeit übergehen können.

Nachdem die ersten stürmischen Begrüßungen vorüber waren, betrachtete die Frau mit Zärtlichkeit ihres Mannes Antlitz und sprach:

»Ihr seht angegriffen aus, Halbert; Ihr seid heut scharf und weit geritten, oder Ihr seid unwohl gewesen.«

»Ich bin immer wohl gewesen, sehr wohl, liebe Marie,« antwortete der Ritter, »und ein langer Ritt ist, wie du wohl weißt, für mich etwas Gewohntes. Wer edelgeboren ist, kann sein Leben auf seiner Burg oder auf seinem Edelhof verschlafen; wer aber den Adel errungen hat, der muß stets im Sattel sein, um zu beweisen, daß er seine Beförderung verdient.«

Während er so sprach, blickte seine Gattin ihn zärtlich an, als wollte sie ihm in der Seele lesen, denn der Ton, in welchem er sprach, war der der Niedergeschlagenheit.

Herr Halbert war derselbe und doch auch wieder ein Anderer, als er in früheren Jahren gewesen war. Das unbefangene Jugendfeuer hatte dem strengen Ernste des bewährten Kriegers und geschickten Politikers Platz gemacht. Tiefe Spuren von Sorgen waren sichtbar auf seinen edlen Zügen, über welche ehedem Erregungen nur wie leichte Wölkchen an einem sommerlichen Himmel hingegangen waren. Zwar nicht bewölkt, aber still und ernst wie der Himmel eines Herbstabends, war jetzt sein Antlitz. Seine Stirn war höher und kahler als in früher Jugend. Seine Locken, welche noch immer dick und dunkel auf seinem übrigen Haupte sich kräuselten, hatten sich an den Schläfen verloren, nicht in Folge der Jahre, sondern durch das stete Tragen des Helmes oder der Sturmhaube. Sein Bart wuchs, der damaligen Mode, gemäß, kurz und dick auf den Oberlippen als gedrehter Knebelbart, am Kinn als Zwickel. Seine Wange, von Wind und Wetter gebräunt, hatte nicht mehr die Gluth der Jugend, sondern die kräftige Farbe thätiger und vollendeter Mannheit. Halbert Glendinning war mit einem Wort ein Ritter, geeignet, an eines Königs Seite zu reiten, im Krieg sein Banner zu tragen, im Frieden sein Rathgeber zu sein. Sein Blick drückte die besonnene Festigkeit aus, welche weise Entschlüsse fassen und kühne Thaten vollbringen kann.

Auf diesen edlen Zügen nun ruhete jetzt ein Ausdruck von Niedergeschlagenheit, welcher ihm selber unbewußt war, der aber nicht der Beobachtung seiner liebenden Gattin entging.

»Es ist Etwas vorgefallen oder es steht Etwas bevor,« sagte sie. »Diese Traurigkeit sitzt nicht ohne Ursache auf Eurer Stirn. Unglück, sei es für das Land, sei es für uns insbesondere, kann nicht fern sein.«

»Eine schlimme Neuigkeit wüßte ich nicht,« erwiderte Halbert: »wiewohl wenig Unheil denkbar ist, welches nicht in diesem unglücklichen, zwiespältigen Reich zu fürchten wäre.«

»Ich lasse mir nicht ausreden,« wiederholte Maria, »daß schlimme Dinge im Werke gewesen sind. Der Herr von Murray hätte Euch nicht so lange in Holyrood zurückgehalten, wenn er nicht bei einem wichtigen Vorhaben Eurer Hilfe bedurft hätte.«

»Ich bin nicht zu Holyrood gewesen, Marie,« versetzte der Ritter. »Ich bin einige Wochen außer Landes gewesen.«

»Außer Landes? Und habt mich's nicht wissen lassen?«

»Wozu würde das Wissen gedient haben, außer, Euch unglücklich zu machen, liebes Kind?« entgegnete der Ritter. »Eure Gedanken würden das leichteste Lüftchen, welches Euren See kräuselte, in einen tobenden Sturm auf dem deutschen Meer verwandelt haben.«

»Und seid Ihr wirklich über die See gegangen?« fragte Frau Maria, bei welcher sich Staunen und Grauen an die Vorstellung von dem nie gesehenen Element knüpfte. »Ihr habt wirklich Euer Vaterland verlassen und ferne Gestade betreten, wo Schottlands Sprache nicht gehört und nicht verstanden wird?«

»Ja wirklich,« antwortete der Ritter und ergriff tändelnd ihre Hand. »Ich habe diese Wunderthat vollbracht, bin drei Tage und drei Nächte auf der offenen See geschaukelt worden, indem die tiefen grünen Wogen neben meinem Pfühl dahin rollten, und nur ein dünnes Brett mich von ihnen trennte.«

»Lieber Halbert,« sprach die Edelfrau, »das hieß wirklich Gott versuchen. Ich habe Euch nie geheißen, das Schwert abzuschnallen oder die Lanze aus der Hand zu legen, nie still zu liegen, wenn die Ehre Euch gebot aufzustehen und aufzusitzen. Aber sind nicht Klinge und Speer Gefahr genug für eines Mannes Leben? Warum wollt ihr Euch den schäumenden Wogen und tobenden Fluthen anvertrauen?«

»Wir haben,« antwortete Glendinning, »in Deutschland und in den sogenannten Niederlanden Glaubensbrüder, mit welchen es gut ist, in Verbindung zu treten. Zu solchen bin ich geschickt worden in einem eben so wichtigen als geheimen Geschäft. Wohlbehalten bin ich hin-, und ohne Gefahr zurückgekommen. Es ist mehr Lebensgefahr zwischen hier und Holyrood, als auf der ganzen See, welche die flachen Küsten Hollands bespült.«

»Und das Land, Halbert? und das Volk?« fragte Maria. »Gleichen sie unseren treuherzigen Schotten? Oder wie benehmen sie sich gegen Fremde?«

»Es ist ein Volk, Marie, stark in seinem Reichthum, der alle anderen Völker schwach macht, und schwach in den Künsten des Krieges, durch welche andere Völker stark sind.«

»Ich verstehe Euch nicht,« sagte die Frau.

»Die Holländer und Flamänder, Marie, wenden ihre Kraft auf den Handel und nicht auf den Krieg. Ihr Reichthum erkauft ihnen die Arme fremder Söldner, mit welchen sie denselben vertheidigen. Sie errichten Deiche an den Seeküsten zum Schutz des Landes, welches sie gewonnen haben, und sie werben Regimenter unerschrockener Schweizer und herzhafter Hochdeutscher, zum Schutz der Schätze, welche sie aufgehäuft haben. Und so sind sie stark in ihrer Schwäche. Denn derselbe Reichthum, welcher ihre Herren versucht, sie zu berauben, bewaffnet Fremde für sie.«

»Die faulen Gäuche!« rief Maria, denkend und fühlend, wie eine Schottin jener Zeit. »Sie haben Hände und fechten nicht für das Land, das sie geboren? Man sollte sie ihnen am Ellbogen abhauen!«

»Das wäre doch zu hart,« antwortete ihr Gemahl. »Ihre Hände dienen dem Vaterland, wenn auch nicht im Kampf, wie die unsrigen. Betrachte, Marie, diese kahlen Berge und dies tiefe Thal mit seinen Krümmungen, aus welchem eben das Vieh von seiner spärlichen Weide zurückkehrt. Die Hand des betriebsamen Flamänders würde die Höhen mit Wald bedecken und Korn ziehen da, wo wir jetzt einen armseligen Ueberzug von Haidekraut sehen. Es thut mir in der Seele weh, Marie, wenn ich dies Land betrachte und denke, wie es verbessert werden könnte von Leuten, wie die, welche ich vor Kurzem gesehen habe, – Leute, welche nicht den eitlen Ruhm suchen, der von todten Ahnen abgeleitet wird, oder einen blutigen Namen, der in den Raufereien der Gegenwart gewonnen wird; die in ihrem Lande wandeln als Erhalter und Verbesserer, nicht als Dränger und Zerstörer.«

»Diese Verbesserungen, lieber Halbert, würden hier eitel Phantasie sein,« entgegnete die Burgfrau. »Die Bäume würden von den feindseligen Engländern niedergebrannt werden, noch ehe sie mehr geworden wären als Sträucher, und das Korn, welches Ihr zöget, würde von dem ersten besten Nachbar eingethan werden, der mehr Reiter als Ihr in seinem Gefolge hat. Warum solltet Ihr Euch darob grämen? Das Schicksal, welches Euch als Schotten hat geboren werden lassen, hat Euch Kopf und Herz und Hand verliehen, den Namen zu behaupten, wie er nothwendig behauptet werden muß.«

»Mir hat es keinen Namen zu behaupten gegeben,« sprach Halbert, langsam im Zimmer auf und abgehend. »Mein Arm ist unter den Vordersten gewesen in jedem Strauß, meine Stimme ist in jedem Rath gehört worden, und die Weisesten haben mich nicht zurechtgewiesen. Der verschlagene Lethington, der verschlossene, finstere Mocton haben mit mir heimlichen Rath gepflogen, und Grange und Lindsay haben zugestanden, daß ich im Feld die Pflicht eines wackeren Ritters erfülle. Aber laß die Gelegenheit vorüber sein, wo sie meines Kopfs und meiner Hand bedürfen, und sie kennen mich nur als den Sohn des namenlosen Hubers zu Glendearg.«

Dies war ein Kapitel, vor welchem der Burgfrau immer bange war. Der ihrem Gemahl ertheilte Rang, die Gunst, in welcher er bei dem mächtigen Grafen von Murray stand, und die Geistesgaben, mit welchen er sich jenes Ranges und dieser Gunst würdig bewies, mehrten eher den Neid gegen Herrn Halbert Glendinning von Seiten eines stolzen Adels, als sie ihn minderten. Man sah mit Widerwillen einen Mann von geringer Herkunft, der lediglich durch eigenes Verdienst sich auf seine jetzige Höhe emporgeschwungen hatte. Seine Seelenstärke befähigte ihn nicht, die eingebildeten Vortheile höherer Abkunft zu verachten, welche von Allen, mit denen er verkehrte, so hoch angeschlagen wurden. Einen Beweis, wie leicht selbst die edelsten Gemüther sich von unpassender Eifersucht beschleichen lassen, liefert der Umstand, daß Halbert sich zuweilen gedemüthigt fühlte bei dem Gedanken, seine Gemahlin besitze die Vorzüge der Geburt und hoher Abkunft, welche ihm abgingen, und daß es ihm wehe that, sein Ansehen als Herr von Avenel beschränkt zu sehen durch den Umstand, daß sein Besitz ihm bloß als Gemahl der Erbin zustand. Allerdings verstattete er unwürdigen Gefühlen nicht, sich in seinem Gemüth festzusetzen, aber von Zeit zu Zeit kamen sie doch wieder und entgingen nicht der sorgenvollen Beobachtung seiner Gemahlin.

Sie pflegte dann bei solchen Gelegenheiten zu sich zu sagen:

»Wären wir mit Kindern gesegnet, hätte unser Blut sich vereinigt in einem Sohn, welcher die Vorzüge meiner Abkunft mit meines Gemahls persönlichem Werth hätte verbinden können, dann würden diese widerwärtigen, peinlichen Betrachtungen unsere Vereinigung nicht einen Augenblick gestört haben. Aber ein Erbe, in welchem unsere Zuneigung wie unsere Ansprüche hätten zusammenfließen können, ist uns versagt.«

Diesem nach ist es nicht zu verwundern, daß es der Burgfrau peinlich war, ihren Gemahl auf diesen Gegenstand gemeinschaftlicher Unzufriedenheit kommen zu sehen. Sie bemühte sich ihn davon abzulenken.

»Wie mögt ihr,« sprach sie, »mit Euren Gedanken bei Dingen verweilen, welche eben so unabänderlich als unbedeutend sind? Habt Ihr wirklich keinen Namen zu behaupten? Ihr, der Gute und Tapfere, der Weise im Rath, der Starke im Streit – habt Ihr nicht den Ruhm zu wahren, den Eure Thaten gewonnen, – einen Ruhm, der ehrenvoller ist, als eine Ahnenreihe ihn gewähren kann? Gute Männer lieben und ehren Euch, die Bösen fürchten, die unruhigen Köpfe gehorchen Euch. Sollte es überflüssig sein, Euch anzustrengen, um Euch die Dauer dieser Liebe, dieser Ehre, dieser heilsamen Furcht, dieses nothwendigen Gehorsams zu sichern?«

Während sie so sprach, zog das Auge ihres Gemahles Muth und Trost aus dem ihrigen, und es strahlte, als er ihre Hand ergriff und antwortete:

»Du hast recht, Liebchen, und ich verdiene deinen Tadel, daß ich vergesse, was ich bin, über dem Jammer um das, was ich nicht sein kann. Ich bin jetzt, was die berühmtesten Ahnen der von mir Beneideten einst waren: der durch eigene Anstrengungen emporgekommene gemeine Mann – und gewiß darf man eben so stolz darauf sein, die Fähigkeiten zur Gründung eines Hauses zu besitzen, wie auf die Abstammung von Einem, der diese Fähigkeiten vor einigen Jahrhunderten besaß. Der Hay von Loncarty, welcher sein blutiges Joch seiner Nachkommenschaft hinterließ, der dunkelgraue Mann, welcher das Haus Douglas gegründet, konnte sich wenigerer Ahnen rühmen als ich. Denn du weißt, Marie, daß mein Name einem alten Heldengeschlechte angehört, obwohl meine unmittelbaren Vorfahren sich in den geringen Stand begeben haben, in dem du uns gefunden hat. Der entfernteste Abkömmling des Hauses Glendowyne ist nicht minder zum Krieg und Rath geeignet als der stolzeste Mann in seiner Freiherrschaft« Glendowyne war ein uraltes, bedeutendes Geschlecht, welches unter seinen Mitgliedern Männer zählte, die bei Bannockburn und Otterburn gefochten haben. Es war durch Verwandtschaft und Freundschaft mit dem mächtigen Haus der Grafen von Douglas verknüpft. Der Ritter spricht, wie die meisten Schotten in seiner Lage thun würden. Bei diesen gelten alle Mitglieder eines Clans für Zweige eines und desselben Stammes, berechtigt zur Theilnahme an der Adelsehre des Hauptastes. Diese Meinung, obwohl sie oft mit der Wirklichkeit im Widerspruch steht, ist selbst in diesen Tagen der Neuerung noch so fest gewurzelt, daß man an ihr einen Schotten von einem Engländer unterscheiden kann. Fragt man einen Engländer von guter Herkunft, ob eine Person seines Namens mit ihm verwandt sei, so antwortet er, falls er im Zweifel ist: »Nein, es ist bloß ein Namensverwandter.« Thut man dieselbe Frage an einen Schotten, so antwortet dieser: »Er ist von unserem Clan; er ist ohne Zweifel mit uns verwandt, wiewohl ich nicht weiß, wie nahe.« Dem Engländer ist es darum zu thun, nicht Viele neben sich in der Gesellschaft zu haben, die ihm gleich stehen; des Schotten Antwort gründet sich auf den alten Gedanken, den Clan zu verstärken..

Er ging mit großen Schritten im Saal auf und ab, und seine Gemahlin lächelte innerlich, als sie bemerkte, wie sehr ihm der Vorzug der Geburt am Herzen lag, und wie er einigen, wenn auch entfernten Antheil an demselben geltend zu machen suchte in demselben Augenblicke, wo er sich das Ansehen gab, als verachte er denselben. Natürlich aber hütete sie sich wohl, merken zu lassen, daß diese Schwäche ihrem Blick nicht entgangen war, denn seinem Stolze würde dieser Scharfblick nicht geschmeichelt haben.

Als er, nach seiner Behauptung der Ansprüche des Hauses Glendowyne in seinen entferntesten Nebenzweigen auf alle Adelsvorrechte, von dem Ende des Saales zurückkehrte, fragte er:

»Wo ist Wolf? Ich habe ihn noch nicht gesehen, und er war doch sonst immer der Erste, welcher mich beim Nachhausekommen bewillkommte.«

»Wolf« sagte die Burgfrau einigermaßen verlegen, »ist in dem Augenblicke angekettet. Er ist knurrig gegen meinen Edelknaben gewesen.«

»Wolf angekettet? Wolf knurrig gegen Euren Edelknaben?« sprach Herr Halbert verwundert. »Wolf ist in seinem Leben gegen keinen Menschen knurrig gewesen. Die Kette würde ihn dämisch oder wild machen. Heda! Macht augenblicklich den Wolf los.«

Es geschah. Der große Hund kam in den Saal gerannt und warf mit seinen tölpischen Sprüngen alle Häpel, Rocken und Kunkeln durcheinander, mit welchen die Mägde beschäftigt gewesen waren, als die Ankunft ihres Herrn für sie das Zeichen zu augenblicklicher Entfernung geworden war. Lilias wurde herbeigerufen, dieselben wieder in Ordnung zu bringen, und konnte sich nicht enthalten zu bemerken, daß des Herrn Liebling eben so viel Unfug mache wie der Frauen Edelknabe.

»Wer ist denn dieser Edelknabe, Marie?« fragte der Ritter, veranlaßt durch die Bemerkung der Kammerjungfer. »Wer ist dieser Edelknabe, den Jedermann meinem alten Freund und Liebling gegenüberzustellen scheint? Seit wann seid Ihr so vornehm geworden, daß Ihr einen Edelknaben haltet? und wer ist der Junge?«

»Ich hoffe, Halbert,« sagte die Edelfrau erröthend, »Ihr werdet Eurer Gemahlin nicht geringere Bedienung zugestehen als anderen Frauen ihres Ranges.«

»Gewiß nicht, Dame Maria,« versetzte der Ritter. »Sobald Ihr einen solchen Diener wünscht, kann ich nichts dagegen haben. Indessen habe ich es nie geliebt, solches Gesinde zu halten. – Edelknabe einer Frau! Den stolzen englischen Damen mag es wohl anstehen, einen zarten Jüngling zu haben, der ihnen die Schleppe trägt aus ihrer Kammer in den Saal, der sie fächelt, wenn sie schlummern, der ihnen die Laute schlägt, wenn sie Lust haben es zu hören. Aber unsere schottischen Hausfrauen waren sonst über solche Eitelkeiten erhaben, und unsere schottischen Jünglinge sollten zu Speer und Sporen erzogen werden.«

»Lieber Mann,« sprach Frau von Avenel, »ich habe bloß gescherzt, als ich das Kind meinen Edelknaben nannte. Es ist weiter nichts als ein Waisenkind, welches ich vom Untergang in dem See gerettet und seitdem aus Erbarmen in der Burg behalten habe. – Lilias, bringt den kleinen Roland her.«

Roland erschien, flog auf seine Wohlthäterin zu, hielt sich an den Falten ihres Rockes, drehte sich dann herum und betrachtete aufmerksam und nicht ohne Aengstlichkeit den stattlichen Ritter. –

»Roland,« sagte Frau Maria, »geh' hin, küsse dem edlen Ritter die Hand und bitte ihn, er möge dein Beschützer sein.« –

Roland rührte sich nicht und fuhr fort Herrn Halberts anzustarren. –

»Geh zu dem Ritter,« wiederholte die Frau; »was fürchtest du dich, mein Kind? Geh, küsse Herrn Halbert die Hand.«

»Ich will Niemandes Hand küssen, als die Eurige, gnädige Frau,« versetzte der Knabe.

»Thue, was dir befohlen ist, Kind,« wiederholte Frau Marie. – »Er hat Scheu vor Euch,« bemerkte sie entschuldigend gegen ihren Gemahl. »Aber ist es nicht ein hübscher Junge?«

»Wolf ist auch hübsch,« antwortete Herr Halbert, seinen großen vierfüßigen Liebling tätschelnd; »aber er hat dabei den doppelten Vorzug vor Eurem Liebling, daß er thut, was man ihm sagt, und daß er es nicht hört, wenn er gelobt wird.«

»Nein, wahrlich Ihr seid böse über mich,« versetzte die Edelfrau, »und doch sehe ich nicht ab, warum. Was ist Unrechtes dabei, ein Waisenkind aufzunehmen und gern zu haben, was liebenswürdig ist? Aber Ihr habt Meister Warden zu Edinburgh gesehen, und er hat Euch gegen den armen Knaben eingenommen.«

»Liebe Marie,« sprach der Ritter, »Meister Warden kennt seine Stellung zu gut, als daß er sich in unsere häuslichen Angelegenheiten mischen sollte. Ich tadele es weder, daß Ihr diesen Knaben aufgenommen habt, noch daß Ihr Zuneigung für denselben hegt. Aber ich dächte, in Betracht seiner Herkunft und seiner Aussichten solltet Ihr ihn nicht mit übertriebener Zärtlichkeit behandeln, welche ihn am Ende nur ungeeignet machen kann für die niedrige Stellung, zu welcher ihn der Himmel bestimmt hat.«

»O Halbert, betrachtet doch nur den Knaben,« entgegnete Frau Maria, »und sehet, ob ihn der Himmel nicht zu etwas Edlerem als zu einem Bauer bestimmt hat. Kann er nicht, wie Andere, ausersehen sein, aus niedrigem Stamm zu Ehren und Hoheit emporzusteigen?«

So weit hatte sie gesprochen, als ihr beifiel, daß sie einen kitzlichen Punkt berührte. Sie schlug den natürlichsten aber in solchem Fall schlimmsten Weg ein, plötzlich inne zu halten in ihrer Auseinandersetzung. Auf ihrem Antlitz zeigte sich ein Erröthen, auf dem Halberts Düsterheit. Doch dauerte diese bei ihm nur einen Augenblick, denn er konnte die Meinung seiner Gemahlin nicht mißverstehen, noch glauben, daß sie beabsichtige ihm Mißachtung zu erkennen zu geben.

»Euer Wille geschehe, meine Liebe,« erwiderte er. »Ich verdanke Euch zu viel, als daß ich Euch in irgend Etwas widersprechen sollte, was Eure einsame Lebensweise erträglicher machen kann. Macht mit diesem Knaben was Ihr wollt; ich stelle Euch das völlig frei. Aber vergeßt nicht, daß er Eurer Obsorge überlassen bleibt, nicht der meinigen; vergeßt nicht, daß er gesunde Glieder hat zu männlichen Beschäftigungen, eine Zunge und Seele, Gott zu verehren. Erzieht ihn darum zur Treue gegen Gott und Vaterland. Um Uebrigen verfügt über ihn nach Eurem Wohlgefallen – es ist Eure Sache und soll Eure Sache bleiben.«

Dies Gespräch entschied das Schicksal von Roland Graeme, um welchen sich von nun an der Burgherr von Avenel wenig bekümmerte, während die Burgfrau ihn begünstigte und ihm seinen Willen ließ. Ein solches Verhältniß hatte wichtige Folgen und ließ den Character des Knaben sich in all seinen Licht- und Schattenseiten frei entwickeln. Da der Ritter stillschweigend aller Aufsicht und Theilnahme in Betreff des Günstlings seiner Gemahlin zu entsagen schien, so ward Roland nicht der strengen Zucht unterworfen, welcher sich sonst kein Diener eines vornehmen Schotten entziehen konnte. Der Hofmeister – diesen Titel legte sich der oberste Diener auch des geringsten Freiherrn zu – hielt es nicht für rathsam, sich mit dem Günstling der gnädigen Frau zu überwerfen, zumal da sie das Gut ihrem Gemahl zugebracht hatte. Meister Kasper Wingate war, wie er sich oftmals rühmte, ein mit der Weise großer Häuser wohl bekannter Mann und verstand es, richtig zu steuern, wenn Wind und Fluth einander entgegen waren.

Der kluge Mann drückte zu vielem die Augen zu und suchte Verfehlungen dadurch vorzubeugen, daß er von Roland Graeme nicht mehr Aufmerksamkeit verlangte, als dieser ihm von freien Stücken schenken wollte. Denn er dachte ganz richtig, wenn der Junge auch beim Ritter von Avenel keineswegs in hohen Gnaden stehe, so würde Tadel gegen ihn die Gnädige erbittern, ohne den Ritter für den Zuchtmeister zu gewinnen. Diesen klugen Erwägungen gemäß und ohne Zweifel nicht ohne Rücksicht auf die eigene Bequemlichkeit lehrte der Hofmeister den Knaben gerade so viel, als diesem zu lernen beliebte, und ließ alle Ausreden desselben zur Entschuldigung von Faulheit und Nachlässigkeit gelten. Die andern Leute im Schloß, welche den Knaben hätten beaufsichtigen oder unterweisen sollen, ahmten das kluge Benehmen des Majordomus nach, so daß Roland Graeme nichts weiter lernte, als wozu ihn sein reger Geist und die Ungeduld über Unthätigkeit von selbst führten. Besondere Mühe gab er sich nur, wenn die Burgfrau sich herabließ, die Lehrerin zu machen oder seine Fortschritte zu prüfen.

Als Günstling der gnädigen Frau war Roland bei den Leuten im Gefolge des Ritters nicht wohl gelitten. Mehrere unter diesen von gleichem Alter und so viel man wußte, von gleicher Herkunft, wie er, aber der alten strengen Knappenzucht unterworfen, betrachteten ihn mit Neid und bald mit Widerwillen und redeten verächtlich von ihm. Indeß der Knabe besaß Eigenschaften, welche sich nicht verachten ließen. Stolz und Ehrgeiz thaten bei ihm, was bei Andern Strenge und stete Unterweisung bewirkten. Er bewährte bald jene Gewandtheit des Geistes und des Körpers, welche Kraftentwicklung zum Spiel macht, und er lernte gelegentlich und stoßweise, was sich Andern nur durch anhaltende Unterweisung, verbunden mit Tadel und Züchtigung, beibringen ließ. Solche kriegerische Uebungen oder Schulkenntnisse, welche gerade seinem Geschmack zusagten, lernte er so vollkommen, daß seine Tadler zu Schanden wurden, die nicht wußten, wie oft Anlage und augenblicklicher Eifer anhaltenden Fleiß ersetzt. Die jungen Leute, welche regelmäßig zum Fechten, Reiten und andern Uebungen angehalten wurden, und ihren Altersgenossen Roland um die Nachsicht oder Nachlässigkeit beneideten, mit der er behandelt zu werden schien, konnten sich nicht rühmen, größere Fortschritte gemacht zu haben als er, der mit der Kraft eines unbeugsamen Willens in wenigen Stunden eben so weit kam, wie sie in eben so viel Wochen.

Unter diesen vortheilhaften Verhältnissen (wenn man sie anders vortheilhaft nennen kann) entwickelte sich der Character von Roland Graeme. Derselbe war kühn, durchfahrend und herrisch, edelmüthig, wenn man ihm nicht widerstand oder widersprach, heftig und leidenschaftlich, wenn man ihn tadelte oder ihm in den Weg trat. Er betrachtete sich als an Niemand gebunden und gegen Niemand verantwortlich, außer gegen Frau von Avenel, und selbst über diese erlangte er bald eine Gewalt, wie die Nachgiebigkeit dem Eigensinn leicht überläßt.

Wenn das Gefolge und die unmittelbaren Diener Herrn Halberts den Knaben mit Eifersucht betrachteten und jede Gelegenheit wahrnahmen seine Eitelkeit zu demüthigen, so fehlte es auf der andern Seite nicht an Solchen, welche geneigt waren, die Gunst der Burgfrau zu erlangen durch Gefälligkeit gegen ihren Schützling. Denn obwohl ein Günstling, nach der Versicherung des Dichters, keinen Freund hat, so fehlt es ihm doch selten an Nachtretern und Schmeichlern. Die Anhänger Rolands fanden sich hauptsächlich unter den Bewohnern des Weilers am Seeufer. Diese Bauern, welche zuweilen Vergleiche anstellten zwischen ihrer Lage und dem Verhältniß der Dienerschaft des Ritters, welche ihn auf seinen häufigen Reisen nach Edinburgh und anderwärts begleitete, gefielen sich darin, sich mehr als Unterthanen der Frau denn als solche des Ritters von Avenel zu betrachten. Mariens Verständigkeit und eheliche Liebe wies bei jeder Gelegenheit einen solchen Unterschied zurück. Allein die Dorfleute blieben bei der Meinung, daß ihre besondere Ergebenheit der gnädigen Frau angenehm sein müsse, oder thaten wenigstens, als hätten sie diese Meinung; und eine der hauptsächlichsten Weisen das an den Tag zu legen, bestand in den Achtungsbezeugungen gegen Roland Graeme, den Günstling der Erbin ihrer uralten Gutsherren. Diese Art von Schmeichelei war zu angenehm, als daß sie hätte zurückgewiesen oder getadelt werden können. Der Knabe erhielt auf diese Weise Gelegenheit, sich gewissermaßen eine Partei im Gebiete der Freiherrschaft Avenel zu bilden, und dieser Umstand vermehrte nicht wenig die Verwegenheit und Entschiedenheit eines von Natur kühnen, heftigen und unbändigen Wesens.

Zwei unter den Burgbewohnern hatten schon frühzeitig Widerwillen gegen Roland Graeme an den Tag gelegt. Die Eifersucht des Einen, des großen Wolf, wurde bald beseitigt, und nach Verlauf einiger Jahre entschlief der treffliche Hund wie Bran, Luath und andere berühmte Thierfänger des Alterthums. Aber Meister Warden, der Kaplan, blieb am Leben und verharrte bei seiner Abneigung gegen Roland. Dieser gute, redliche und wohlwollende Mann hegte einen ungebührlich hohen Begriff von der ihm als Diener des Wortes gebührenden Achtung, und verlangte von den Burgbewohnern mehr Ehrerbietung, als der Edelknabe, stolz auf die Gunst seiner Gebieterin und muthwillig von Natur und zufolge seiner Stellung, ihm zu erweisen geneigt war. Sein keckes und freies Benehmen, seine Lust an Schmuck und köstlichen Kleidern, seine Ungeneigtheit, Belehrung anzunehmen, sein verhärtetes Wesen bei Zurechtweisungen waren Eigenschaften, welche den guten Alten verleiteten, den Edelknaben als ein Gefäß des Zornes darzustellen, als eine Seele voll von dem Hochmuth, welcher vor dem Fall kommt. Auf der andern Seite legte Roland eine entschiedene Abneigung, ja zuweilen fast Verachtung gegen den Kaplan an den Tag. Die meisten Diener stimmten mit der Ansicht Sr. Ehrwürden überein; allein so lange Roland von der gnädigen Frau begünstigt und von dem gestrengen Herrn geduldet ward, sahen sie keine Klugheit darin, ihre Ansicht laut werden zu lassen.

Roland begriff recht wohl die unangenehme Lage, in welcher er sich befand, allein bei seinem hochfahrenden Sinn vergalt er den andern Dienern die kalte und bittere Weise, in welcher sie ihn behandelten, und nahm eine Miene von Ueberlegenheit an, welche bald die Hartnäckigsten zum Gehorsam nöthigte, so daß er die Genugthuung hatte, wenigstens gefürchtet zu werden, wenn er auch im Herzen gehaßt wurde.

Des Kaplans unverholene Abneigung empfahl ihn der Aufmerksamkeit von Herrn Halberts Bruder Edward. Dieser war unter dem Klosternamen Pater Ambrosius einer der wenigen Mönche, welche, nach dem fast völligen Untergang ihres Glaubens unter Murray's Regentschaft noch mit dem Abt Eustachius in dem Kloster Kennaquhair bleiben durften. Rücksicht auf Herrn Halbert hatte ihre gänzliche Vertreibung aus der Abtei verhindert. Ihr Orden war indes fast gänzlich aufgehoben, die öffentliche Uebung ihres Gottesdienstes war ihnen untersagt, und von ihren großen Einkünften war ihnen nur ein kleiner Gehalt gelassen. In dieser Lage kam Pater Ambrosius gelegentlich, jedoch selten, auf Schloß Avenel, und bei seiner Anwesenheit sah man, daß er dem jungen Roland besondere Aufmerksamkeit widmete, welche von diesem mit mehr Herzlichkeit als man bei ihm vermuthet hätte, erwidert zu werden pflegte.

So vergingen Jahre, während deren der Ritter von Avenel fortfuhr, eine nicht unbedeutende Rolle in den Wirren seines Vaterlandes zu spielen, Roland Graeme aber in seinen Wünschen und in seiner Entwickelung rasch dem Zeitpunkt entgegenging, welcher ihn als fähig zeigen sollte, aus der Unbedeutendheit seiner gegenwärtigen Lage herauszutreten.

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