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Der Abt

Walter Scott: Der Abt - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Scott
titleDer Abt
publisherHoffmann'sche Verlagsbuchhandlung
printrunZweite vermehrte Auflage
firstpub1841
year1851
translatorFriedrich Funck
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20160427
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Zweites Kapitel.

Wie unverwandt sein Auge auf mir ruht,
Schwarz, blitzend durch vergoss'ner Thränen Thau!
Er streckt' die Arme aus und nannt' mich Mutter.
Was konnt' ich thun? ich nahm den Wurm ins Haus.
Ich konnt' nicht sagen: du bist mutterlos.

Graf Basil.

Als Warden das Gemach verlassen hatte, überließ sich Frau von Avenel den Gefühlen von Zärtlichkeit, welche der Anblick des Knaben, verknüpft mit der Erinnerung an die plötzliche Gefahr und an die Rettung, ihr eingeflößt hatte. Nicht länger beengt durch die Barschheit, wie sie es nannte, des Predigers, überschüttete sie das Kind mit Liebkosungen. Der Knabe war jetzt wieder ganz zu sich gekommen und ließ sich, wiewohl nicht ohne Verwunderung, diese Zeichen von Wohlwollen gefallen. Das Gesicht der Frau war ihm fremd, ihre Kleidung ganz anders und kostbarer, als irgend eine, deren er sich erinnern konnte. Aber dies beirrte ihn wenig, denn er war von Natur nicht ängstlich. Kinder sind überhaupt gute Physiognomen, so daß ihnen nicht nur das an sich Schöne gefällt, sondern daß sie auch sehr schnell die Aufmerksamkeiten Derjenigen, welche sie wirklich lieben, erkennen und erwidern. Treffen sie in Gesellschaft einen wirklichen Kinderfreund, so finden sie ihn, obwohl derselbe ihnen ganz und gar fremd ist, durch eine Art von Freimaurerei heraus, während die ungeschickten Bemühungen Derer, welche sich darum mit ihnen befassen, um sich den Eltern zu empfehlen, gewöhnlich ihren Eindruck auf sie verfehlen. Der kleine Schwimmer war so wenig unempfindlich gegen die Liebkosungen der Frau von Avenel, daß sie Mühe hatte, von seinem Lager loszukommen, um ihm die nöthige Ruhe zu verschaffen.

»Wem gehört unser kleiner Geretteter?« war die erste Frage, welche sie an ihre Magd Lilias richtete, als sie in den Saal getreten waren.

»Einem alten Weib in dem Weiler,« antwortete Lilias. »Sie ist so eben an das Stübchen des Thorwärters gekommen, um sich nach ihm zu erkundigen. Ist es Euer Wille, daß sie eingelassen wird?«

»Ob es mein Wille ist!« wiederholte Frau von Avenel mit dem Ausdruck großen Mißfallens. »Könnt Ihr daran zweifeln? Kann ein Weib umhin, Mitleid zu fühlen mit der Angst einer Mutter, die um das Leben eines so lieblichen Kindes zittert?«

»Gnädige Frau,« versetzte Lilias, »dies Weib ist zu alt, um seine Mutter zu sein. Ich sollte eher denken, es ist eine Großmutter oder eine entferntere Verwandte.«

»Sei sie, was sie wolle,« entgegnete die Edelfrau, »das Herz muß ihr wehe thun, so lange sie ungewiß ist über das Schicksal eines so lieben Geschöpfes. Gehe den Augenblick und bringe sie her. Ohnedem möchte ich Etwas über seine Herkunft erfahren.«

Lilias verließ den Saal und kehrte alsbald zurück mit einer hochgewachsenen Frau in armseliger Kleidung, an welcher man jedoch ein größeres Streben nach Anständigkeit und Reinlichkeit gewahrte, als sich gewöhnlich unter groben Kleidern findet. Frau von Avenel erkannte ihr Gesicht in dem Augenblick, wo sie eintrat. Es war in dem Hause Gebrauch, daß jeden Sonntag und an zwei Abenden in der Woche Heinrich Warden in der Schloßcapelle predigte. Die Ausbreitung des protestantischen Glaubens war für den Ritter von Avenel zugleich Sache des Gewissens und der Politik. Die Dorfbewohner waren darum eingeladen, sich zu den Belehrungen Wardens einzufinden, und viele von ihnen waren bald für die Lehre gewonnen, welcher ihr Gebieter und Beschützer anhing. Diese Vorträge waren übel vermerkt worden vom Abt Eustachius, und hatten die Bitterkeit seines Streites mit seinem alten Universitätsfreund vermehrt. So lange die Königin Maria noch nicht entthront war, und so lange die Katholischen in den Grenzlandschaften noch hin und wieder das Uebergewicht besaßen, hatte er mehr als ein Mal gedroht, seine Lehnleute aufzubieten und Schloß Avenel, die feste Burg der Ketzerei, zu stürmen und der Erde gleich zu machen. Aber trotz des Abtes Zorn und trotz der Abneigung des Landes gegen die neue Religion war Heinrich Warden unermüdet in seiner Arbeit und bekehrte allwöchentlich Einen oder Mehrere von dem römischen Glauben zur reformierten Kirche. Zu seinen fleißigsten Zuhörern zählte sich das alte Weib, deren hohe und auch sonst auffallende Gestalt sich der Edelfrau beim Gottesdienst bemerklich gemacht hatte. Schon mehr als ein Mal hatte sie gefragt, wer diese ansehnliche Person sei, deren Wesen so wenig zur Aermlichkeit ihrer Kleidung stimmte. Man hatte ihr immer geantwortet: sie sei eine Engländerin, welche sich für einige Zeit in dem Weiler aufhalte, Niemand aber wisse etwas Weiteres von ihr. Jetzt fragte sie sie selber nach ihrem Namen und nach ihrer Herkunft.

»Magdalene Graeme ist mein Name,« antwortete die Alte. »Ich stamme ab von den Graemes von Heathergill im Nickelsforst Eine Landschaft in Cumberland nahe an der schottischen Grenze., Leuten von altem Geblüt.«

»Und wie kommt es, daß Ihr so weit von Eurer Heimath entfernt seid?« fragte die Edelfrau.

»Ich habe keine Heimath,« erwiderte Magdalene; »mein Haus ist von euern Grenzreitern verbrannt worden. Mein Mann und mein Sohn sind erschlagen, kein Blutstropfen ist von meinen Verwandten mehr übrig«

»Das ist nichts Seltenes in diesen wilden Zeiten und in diesem unruhigen Land,« entgegnete die Edelfrau; »englische Hände sind eben so sehr von unserem Blute geröthet, wie schottische von dem Eurigen.«

»Ihr habt recht, gnädige Frau,« antwortete Magdalene Graeme; »denn man erzählt, daß seiner Zeit dies Schloß nicht fest genug war, Eures Vaters Leben zu retten und Eurer Mutter mit ihrem Kind eine Zuflucht zu gewähren. Wie mögt Ihr fragen, warum ich nicht in meiner Heimath und bei meinen Leuten wohne?«

»Die Frage war allerdings überflüssig da, wo Noth so oft die Leute zum Wanderstab greifen läßt,« bemerkte Frau von Avenel. »Aber warum habt Ihr in Feindesland Zuflucht gesucht?«

»Meine Nachbarn waren Päpstliche und Verehrer der Messe,« antwortete die Alte. »Dem Himmel hat es gefallen, mir eine hellere Einsicht in das Evangelium zu geben, und ich habe mich hier verweilt, um Vortheil zu ziehen von dem Dienst des göttlichen Wortes, den der würdige Mann Heinrich Warden versieht, dieser wahrhaftige und reine Lehrer des Evangeliums zum Troste so vieler Seelen.«

»Seid Ihr arm?« fragte Frau von Avenel

»Ihr werdet nie gesehen haben, daß ich Jemanden um Almosen anspreche,« antwortete die Engländerin.

Die Unterhaltung stockte. Die Ausdrucksweise der Alten war, wenn auch nicht geradezu unartig, doch nicht sehr ehrerbietig, und sie schien nicht zu neuen Fragen aufmuntern zu wollen. Frau von Avenel knüpfte das Gespräch wieder an, indem sie auf einen andern Gegenstand überging.

»Ihr habt von der Gefahr gehört, in welcher Euer Knabe geschwebt hat?

»Allerdings, gnädige Frau, und daß er durch eine eigne Fügung des Himmels vom Tod gerettet worden ist. Gebe Gott, daß ich und er dankbar dafür sind.«

»In welchem Verhältnisse steht Ihr zu ihm?«

»Ich bin seine Großmutter, gnädige Frau, die einzige Verwandte, so ihm auf Erden geblieben ist, sich seiner anzunehmen.«

»Seine Unterhaltung muß Euch schwer fallen in Eurer hilflosen Lage?«

»Ich habe noch gegen Niemand darüber geklagt,« erwiderte Magdalena Graeme stets in demselben gleichgültigen, trockenen Ton.

»Wenn Euer Enkel in ein adeliges Haus aufgenommen würde, sollte das nicht für ihn und für Euch gut sein?« fragte die Edelfrau.

»In ein adeliges Haus aufgenommen?« wiederholte die Alte, und warf sich in die Brust und runzelte die Stirne wie ein strenger Richter. »Und warum das, wenn ich fragen darf? Etwa, damit er der Edelknabe der gnädigen Frau oder der Jackmann des gnädigen Herrn werde? damit er die Brocken verspeise und sich mit dem andern Gesinde um die Abfälle von des Herrn Mahl schlage? Meint Ihr, er soll der gnädigen Frau die Fliegen vom Gesicht jagen, wenn sie schläft, ihre Schleppe tragen, wenn sie geht, ihr die Schüssel reichen, wenn sie ißt, ihr vorreiten oder zu Fuß hinter ihr her gehen? singen, wenn's ihr gefällt, schweigen, wenn sie es gebietet? – ein wahrer Wetterhahn, der scheinbar Federn und Flügel hat, aber sich nicht in die Luft schwingen, nicht wegfliegen kann von dem Fleck, wo er sitzt? der jedem Antrieb folgt und sich in jeder Richtung dreht und wendet, gehorsam dem Athemzug eines eitlen Weibes? Wenn der Adler von Helvellyn sich auf den Thurm von Lanercost setzt und sich dort herumdreht, um zu zeigen wie der Wind geht, dann soll Roland Graeme werden, was Ihr aus ihm machen wollt.«

Die Alte sprach mit einer Raschheit und Heftigkeit, welche fast auf Verrücktheit schließen ließ. Der Frau von Avenel kam plötzlich der Gedanke, daß es gefährlich für das Kind sei, unter einer solchen Obhut zu stehen, und dieser Gedanke bestärkte sie in dem Wunsch, den Knaben wo möglich im Schloß zu behalten.

»Ihr versteht mich unrecht, Dame,« sprach sie im beruhigenden Ton; »Euer Knabe soll nicht im Dienst bei mir sein, sondern bei dem guten Ritter, meinem Gemahl. Wäre er der Sohn eines Grafen mit gekröntem Helm, so könnte er nicht besser zum Waffendienst und zu Allem, was einem Edelmann ziemt, erzogen werden, als in der Lehre und unter der Zucht von Herrn Halbert Glendinning.«

»Ja wohl!« erwiderte das alte Weib in derselben bitteren, spöttischen Weise. »Ich kenne den Lohn in solchem Dienste: ein Fluch, wenn der Panzer nicht gehörig blank, ein Schlag, wenn der Gurt nicht ganz fest geschnallt ist, – Püffe dafür, daß die Hunde auf falsche Spur gekommen sind, Scheltworte, wenn der Streifzug nicht glücklich ausfällt; seine Hände auf seines Meisters Gebot mit Menschen- und Thierblut zu besudeln, ein Metzler harmlosen Wildes, ein Mörder und Schänder von Gottes Ebenbild, nicht nach eignem Gelüste, sondern nach dem seines gnädigen Herrn; zu leben als ein wüster Raufer und gemeiner Schläger, ausgesetzt der Hitze und Kälte, dem Hunger und allen Entbehrungen eines Einsiedlers, nicht aus Liebe zu Gott, sondern dem Satan zum Dienst, – am Galgen zu sterben oder in einem elenden Scharmützel, – sein Leben in fleischlicher Sicherheit zu verschlafen und zu erwachen im ewigem Feuer, das nimmer verlöscht!«

»Nein,« sagte Frau von Avenel, »einem so heillosen Lebenslauf wird Euer Enkel hier nicht entgegengehen. Mein Gemahl ist gerecht und gütig gegen die, so unter seinem Banner leben, und Ihr selber wißt wohl, daß die Jugend hier einen strengen und guten Lehrer hat in der Person unseres Kaplans.«

Die Alte schien sich zu besinnen und sprach dann:

»Ihr habt den einzigen Umstand erwähnt, der mich bestimmen kann. Ich muß bald fort; – die Erscheinung hat es gesagt; ich darf nicht an demselben Platz lange weilen, – fort muß ich, fort, – es ist mein Verhängniß! Schwört, daß Ihr den Knaben beschützen wollt, als wäre er der Eurige, bis ich hierher zurückkehre und ihn zurückfordere, – und ich will mich dazu verstehen, mich auf einige Zeit von ihm zu trennen. Aber vor Allem schwört, daß ihm nicht der Unterricht des gottseligen Mannes fehlen soll, welcher die evangelische Wahrheit hoch erhöht hat über die götzendienerischen Schorköpfe, die Mönche und Pfaffen.«

»Verlaßt Euch darauf, Dame,« erwiderte die Frau von Avenel, »der Knabe soll gehalten werden, als wär' er mein leiblicher Sohn. Wollt Ihr ihn jetzt sehen?«

»Nein!« antwortete die Alte barsch; »es ist genug, daß ich scheide. Ich gehe fort, meine Sendung auszurichten. Ich will mein Herz nicht erweichen durch unnütze Thränen und Klage, wie Eine, die keinen Beruf hat.«

»Wollt Ihr nicht Etwas annehmen zur Unterstützung auf Eurer Pilgerfahrt?« fragte Frau von Avenel, indem sie ihr zwei Sonnenkronen in die Hand legte.

Das alte Weib warf sie auf den Tisch und rief:

»Bin ich von Kains Art, stolze Frau, daß Ihr mir Gold bietet für mein Fleisch und Blut?«

»Das ist mir nicht eingefallen,« erwiderte sanft die Edelfrau. »Eben so wenig bin ich die stolze Frau, als welche Ihr mich bezeichnet. Mein Schicksal hätte mich Demuth lehren können, wäre sie mir nicht angeboren.«

Die Alte schien ihren strengen Ton ein wenig herabzustimmen und sprach:

»Ihr seid von edlem Blut, sonst hätte unsere Unterredung nicht so lange gedauert. Ihr seid von edlem Blut,« wiederholte sie, abermals sich in die Brust werfend, »und solchen Leuten steht der Stolz wohl an, wie die Feder auf dem Baret. Aber diese Goldstücke, gnädige Frau, müßt Ihr zurücknehmen. Ich brauche kein Geld, ich brauche nicht zu sorgen und zu sagen: wie oder von wem werde ich unterhalten werden. Lebt wohl und haltet Wort. Laßt Eure Thore sich öffnen und Eure Zugbrücken fallen. Ich ziehe fort noch diesen Abend. Wenn ich wiederkomme, werd' ich strenge Rechenschaft von euch fordern, denn ich lasse euch den Juwel meines Lebens! Schlaf wird nur auf Augenblicke über mich kommen, Speise wird mich nicht erquicken, Ruhe nicht stärken, bis ich Roland Graeme wiedersehe. Nochmals, lebt wohl.«

»Macht Eure Verneigung, Dame!« rief Lilias der abgehenden Alten zu, »macht eure Verneigung gegen die gnädige Frau und dankt ihr für ihre Güte, wie es sich geziemt.«

Magdalene Graeme drehte sich um gegen das diensteifrige. Kammermädchen und sprach:

»Laß sie ihre Verneigung gegen mich machen, und ich will sie erwidern. Warum sollt' ich mich vor ihr beugen? Etwa deswegen, weil ihr Rock von Seide ist und der meinige von blauer Sackleinwand? Geh, du Kammerkätzchen. Wisse, daß der Rang des Mannes seinem Weibe ihre Stellung anweist, und daß diejenige, welche den Sohn eines gemeinen Kerls heirathet, nur eines Bauern Braut ist, wäre sie auch eines Königs Tochter.«

Lilias wollte ihrer Entrüstung freien Lauf lassen, allein ihre Gebieterin legte ihr Stillschweigen auf und gab Befehl, die Alte wohlbehalten an's Land zu führen.

»Wohlbehalten zu führen!« rief das erboste Kammermädchen aus, während Magdalene Graeme das Zimmer verließ. »Ich würde sagen: taucht sie in den See, – und dann wollen wir sehen, ob sie eine Hexe ist oder nicht, wie Jedermann drüben im Dorf sagt und beschwört. Ich begreife nicht, wie Ew. Gnaden so lange ihre Frechheit dulden konnte.«

Das Gebot der Edelfrau ward vollzogen. Die Alte ward aus dem Schlosse hinausgeführt, und wirklich verließ sie noch an demselben Abend den Weiler, ohne daß Jemand fragte, wohin sie gehe. Frau von Avenel erkundigte sich, unter welchen Umständen sie zuerst erschienen war, erfuhr aber weiter Nichts, als daß man sie für die Wittwe eines angesehenen Mannes aus dem Geschlecht Graeme hielt, welches damals in dem sogenannten Streitigen Land wohnte, (d. h. in einer Gegend, welche oft Gegenstand des Haders zwischen England und Schottland gewesen) – daß sie bei einem der Streifzüge, mit welchen jene Gegend oft heimgesucht ward, schweres Unglück erlitten hatte und aus ihrem Wohnort vertrieben worden war. Warum sie in den Weiler gekommen war, wußte kein Mensch. Die Einen hielten sie für eine Hexe, die Andern für eine eifrige Protestantin, wieder Andere für eine katholische Betschwester. Ihre Sprache war geheimnißvoll, Ihr Benehmen abstoßend. Alles was man aus ihrem Gespräch abnehmen konnte, war, daß sie entweder durch einen Zauber oder durch ein Gelübde gebunden war, und daß eine unbekannte Macht auf sie wirkte.

Diese Angaben über Magdalene Graeme waren zu unbedeutend und widersprechend, als daß Frau von Avenel daraus hätte einen genügenden Schluß ziehen mögen. Der Jammer der Zeit und die wechselvollen Schicksale, denen die Grenzgegenden unterworfen waren, jagten unaufhörlich wehr- oder schutzlose Leute von Haus und Hof. Man sah solche Leute zu oft im Land herumziehen, als daß man viel auf sie geachtet hätte. Sie erhielten Unterstützung, ohne viel Theilnahme zu finden. Denn wenn auch in einigen Herzen die Gefühle der Menschlichkeit sich regten, so wurden dieselben in anderen erkaltet durch die Betrachtung, daß der, welcher heute gab, morgen in den Fall kommen konnte, betteln zu müssen. Unter solchen Verhältnissen war Magdalene Graeme wie ein Schatten in der Nachbarschaft von Schloß Avenel erschienen und verschwunden.

Der Knabe, den sie der Burgfrau überlassen hatte, war bald der erklärte Liebling seiner Beschützerin, welche sich in dem Gedanken gefiel, daß die Vorsehung sie zur Pflegerin für ihn bestimmt habe. Ihre zärtlichen Gefühle hatten jetzt einen Gegenstand gefunden, den sie lange und schmerzlich vermißt hatte. Das finstere und einsame Schloß erhielt jetzt in ihren Augen eine freundlichere Gestalt. Ihre liebste Beschäftigung war, ihn lesen und schreiben zu lehren, so weit sie es konnte, für seine Annehmlichkeiten zu sorgen und seine kindischen Spiele zu beobachten. In ihrer Lage, wo sie nichts weiter hörte, als das Brüllen des Rindviehes von den gegenüberliegenden Bergen, oder den schweren Tritt des Wächters, der auf seinen Posten ging, oder das Lachen der spinnenden Magd, um welches sie dieselbe fast beneidete – in einer solchen Lage hatte die Beschäftigung mit dem blühenden Knaben eine Annehmlichkeit, welche Diejenigen sich nicht leicht vorstellen können, welche unter freundlicheren, belebteren Umgebungen wohnen. Der junge Roland war für Frau von Avenel, was die am Fenster des einsamen Kerkers blühende Blume für den sie pflegenden Gefangenen ist. Er war ein Gegenstand, der ihre Sorgfalt in Anspruch nahm und zugleich belohnte, und indem sie ihm ihre Zuneigung schenkte, fühlte sie sich gewissermaßen zum Dank gegen ihn verpflichtet dafür, daß er sie aus dem Zustand dumpfer Gleichgiltigkeit erlöst hatte, in welchem sie sich gewöhnlich während der Abwesenheit des Ritters befunden.

Doch war der Zauber, den dieser Liebling über sie übte, nicht im Stande, die Besorgnisse zu zerstreuen, welche sich bald wieder über die verlängerte Abwesenheit ihres Gemahls erhoben. Bald nachdem Roland Graeme unter die Schloßbewohner aufgenommen war, brachte ein von Herrn Halbert abgesandter Reitknecht die Nachricht, daß wichtige Geschäfte den Ritter noch am Hof von Holyrood zurückhielten. Der ferne Zeitpunkt, welchen der Bote für die Rückkehr seines Herrn bezeichnet hatte, verstrich, aus Sommer ward Herbst, und der Herbst wollte schon dem Winter Platz machen, und er kam immer noch nicht.

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