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Der Abt

Walter Scott: Der Abt - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Scott
titleDer Abt
publisherHoffmann'sche Verlagsbuchhandlung
printrunZweite vermehrte Auflage
firstpub1841
year1851
translatorFriedrich Funck
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20160427
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Sechsunddreißigstes Kapitel.

Er bestieg seinen Rappen, tüchtig zum Streit,
Sie saß auf dem Grauschimmel schon;
Sein Hüfthorn hing ihm herab an der Seit'
Und so ritten sie auf und davon.

Altes Lied.

Der Einfluß der freien Luft, das Jagen der Rosse bergauf und bergab, das Rasseln der Gebisse, und überhaupt die mit dem Gefühl der Freiheit und schneller Bewegung verknüpfte Aufregung verbannte allmälig die Art von Betäubung, von welcher Maria sich Anfangs niedergedrückt fühlte. Sie konnte zuletzt ihre veränderte Empfindung dem Manne nicht verhehlen. welcher dicht neben ihr ritt und welcher ihrer Meinung nach Niemand anders sein konnte. als Pater Ambrosius.

Seyton, mit Recht stolz auf feine erste glückliche Unternehmung, spielte mit aller Heftigkeit eines Jünglings den geschäftigen Befehlshaber des kleinen Trupps, welcher nach dem Ausdruck jener Zeit das Schicksal Schottlands geleitete. Bald ritt er an der Spitze, bald hielt er sein Roß an, bis der Nachtrab sich angeschlossen hatte, ermahnte die Führer, gleichmäßig aber scharf zu reiten, gebot den Hintersten, ihre Sporen zu gebrauchen und keine Lücken im Zug entstehen zu lassen; bald wieder war er an der Seite der Königin und ihrer Frauen, fragte, wie ihnen der rasche Ritt bekomme, und ob sie ihm Befehle zu ertheilen hätten.

Während also Seyton sich mit dem ganzen Zug beschäftigte und sich Allen einigermaßen nützlich machte, noch mehr aber wichtig that, widmete der Reiter neben der Königin seine Aufmerksamkeit ausschließlich ihr, wie einem höheren Wesen. Ward der Weg uneben und gefährlich, so überließ er sein Pferd sich selber und faßte den Zügel der Königin; mußten sie durch einen Bach oder Fluß reiten, so hielt er sie mit der linken Hand im Sattel und lenkte mit der Rechten ihren Zelter.

»Ich hätte nie gedacht, ehrwürdiger Vater,« sprach die Königin, als sie das andere Ufer eines Flusses erreicht hatten, »daß das Kloster so treffliche Reiter bilde.« –

Der Angeredete seufzte, ohne weiter zu antworten. –

»Ich weiß nicht, wie das ist,« nahm Maria wieder das Wort, »aber mir kommt es vor, als ob das Gefühl der Freiheit oder das Vergnügen meiner Lieblingsbewegung, die mir so lange versagt war, oder Beides zusammen, mir Flügel verleihe. Kein Fisch schießt durch das Wasser, kein Vogel durch die Nachtluft über diese Ebenen. So zauberisch ist diese Empfindung, daß ich fast schwören möchte, ich säße auf meinem Leibpferd Rosabelle, das seines Gleichen nicht hat in Schottland an Schnelligkeit, sanftem und sicherem Tritt.«

»Und wenn das Roß, welches eine so theure Bürde trägt, sprechen könnte,« antwortete die tiefe Stimme des schwermüthigen Douglas, »so würde es antworten: Wer anders als Rosabelle darf in einem solchen Fall seine geliebte Gebieterin tragen, und wer anders als Douglas sollte ihren Zügel halten!«

Die Königin war betroffen. Sie erkannte augenblicklich, welche Ungelegenheiten für sie und für ihn aus der schwärmerischen Leidenschaft des jungen Mannes entspringen müßten. Aber weibliche Dankbarkeit und weibliches Mitleid hinderte sie, den hohen Ton einer Königin anzunehmen, und sie bemühte sich, das Gespräch im Ton der Gleichgültigkeit fortzuführen.

»Ich meine,« sagte sie, »ich hätte gehört, daß bei der Austheilung meines Raubes Rosabelle Eigenthum von Mortons Liebchen Alice geworden sei.«

»Der edle Zelter ist allerdings zu einem so erniedrigenden Schicksal bestimmt worden,« antwortete Douglas. »Rosabelle wurde unter vierfachem Verschluß gehalten und unter der Aufsicht zahlreicher Stallknechte und Hausbedienten. Allein Königin Maria brauchte Rosabellen, und Rosabelle ist hier.«

»Und war es wohlgethan, Douglas,« fragte die Königin, »in Augenblicken, wo so mancherlei gewagt werden mußte, Eure Gefahren noch zu vermehren, um eines so unwichtigen Gegenstandes willen, wie ein Zelter?«

»Nennt Ihr das unwichtig, was Euch ein augenblickliches Vergnügen bereitet hat?« entgegnete Douglas. »Waret Ihr nicht freudig überrascht, als ich Euch sagte, Ihr säßet auf Rosabellen? Und würde, um Euch dies Vergnügen zu verschaffen, wäre es auch vorübergehend wie ein Blitz, nicht Douglas tausend Mal sein Leben gewagt haben?«

»O still, still, Douglas,« antwortete die Königin; »das ist eine unziemliche Sprache. – Ohnedem wollte ich ja mit dem Abt von St. Marien sprechen. – Nein, Douglas, ich wollte nicht, daß Ihr mißvergnügt meinen Zügel losließet.«

»Mißvergnügt, edle Frau?« entgegnete Douglas. »Nur Schmerz kann ich empfinden über Eure verdiente Verachtung. Mißvergnügt könnte ich eher mit dem Himmel sein für Versagung des tollsten Wunsches.«

»Bleibt an meiner Seite,« sprach die Königin. »Auf der andern Seite ist Raum für den Abt, und ich bezweifle, ob sein Beistand mir und Rosabellen so nützlich sein würde, wie der Eurige gewesen ist, falls der Weg ihn wieder erforderte.«

Der Abt ritt auf der andern Seite vor, und die Königin knüpfte mit ihm ein Gespräch an über den Stand der Parteien und über den Gang, welchen sie jetzt nach ihrer Befreiung einzuhalten habe. An diesem Gespräch nahm Douglas wenig Antheil, und zwar nur dann, wenn die Königin ihn ausdrücklich anredete. Seine Aufmerksamkeit schien, wie vorher, lediglich von der Sorge um ihre Person in Anspruch genommen zu sein. Maria erfuhr indeß, daß sie eine weitere Verbindlichkeit gegen ihn habe, nämlich, daß er dem Abt das Losungswort der Familie mitgetheilt und ihm so den Eintritt in die Burg verschafft hatte.

Lange vor Tagesanbruch hatten sie das Ziel ihres eiligen und gefährlichen Rittes erreicht an den Thoren von Niddrie, einem dem Freiherrn von Seyton gehörigen Schloß in Westlothian. Als die Königin im Begriff war, abzusteigen, kam Heinrich Seyton dem Junker Douglas zuvor, half ihr vom Pferde, kniete nieder und bat Ihre Majestät, in das Haus seines Vaters, Ihres treuen Dieners, einzutreten.

»Ew. Majestät,« fügte er hinzu, »kann hier in Sicherheit der Ruhe pflegen. Die Burg ist bereits mit wackeren Leuten zu Eurem Schutze bemannt, und ich habe einen Eilboten an meinen Vater abgeschickt, dessen Ankunft mit fünfhundert Mann jeden Augenblick zu erwarten steht. Erschreckt also nicht, wenn Euer Schlaf etwa durch den Hufschlag von Pferden gestört wird, sondern denkt nur, daß hier einige Dutzend Reiter von den unsittigen Seytons zu Eurem Dienste erschienen sind.«

»Und von besseren Freunden als den unsittigen Seytons kann Maria nicht bewacht werden,« antwortete die Königin. »Rosabelle ist dahin geflogen, wie ein Sommerlüftchen, so rasch und fast auch eben so leicht. Aber ich bin lange nicht auf der Reise gewesen und fühle, daß Ruhe mir wohlthun wird. – Katharine, ma mignonne, Ihr müßt heute Nacht in meinem Zimmer schlafen und mich in Eures Vaters Burg willkommen heißen. – Dank, Dank Euch Allen, meinen lieben Befreiern! Dank und gute Nacht ist Alles, was ich Euch bis jetzt bieten kann; aber wenn ich nochmals die obere Seite von Fortunas Rad erklimme, dann will ich nicht ihre Binde vor den Augen haben. Maria Stewart wird ihre Augen offen behalten und sich erkenntlich zeigen gegen ihre Freunde. – Seyton, ich brauche wohl kaum den ehrwürdigen Abt, den Douglas und meinen Kammerjunker Eurer ehrenvollen Sorgfalt und Gastfreundschaft zu empfehlen.«

Heinrich Seyton verbeugte sich.

Katharine und Frau Fleming begleiteten die Königin auf ihr Zimmer, wo diese gestand, daß sie es schwer finde, ihrem Versprechen, die Augen offen zu behalten, für den Augenblick treu zu bleiben, und sich zur Ruhe begab. Sie erwachte erst spät am Morgen wieder.

Ihr erstes Gefühl beim Erwachen war ein Zweifel, ob sie frei sei. Sie fuhr aus dem Bette empor, warf hastig den Mantel um die Schultern und eilte an's Fenster. Welch froher Anblick! Statt der einförmigen Krystallfläche des Lochleven, sah sie eine Wald- und Marschgegend vor sich, und in dem Parke um das Schloß erblickte sie die Schaaren ihrer treuesten und liebten Großen.

»Steh' auf, steh' auf, Katharine!« rief die entzückte Fürstin; »steh' auf und komm hieher! Hier sind Schwerter und Speere in guten Händen und schimmernde Rüstungen über treuen Herzen. Hier sind Banner, Mädchen, vom Winde bewegt, leicht wie Sommerwölkchen. Großer Gott! welche Lust für meine matten Augen, ihre Wahlsprüche zu lesen, – die deines braven Vaters, – die der fürstlichen Hamiltons, – der treuen Flemings. Sieh'! sieh'! sie haben mich bemerkt und drängen sich nach dem Fenster!«

Sie riß das Fenster auf und erwiderte mit ihrem entblößten Haupte, von welchem die Locken lose und verwirrt herunterhingen und mit ihrem, kaum durch den Mantel verhüllten, schönen Arme nickend und winkend den Jubelruf der Kriegsmänner, welcher weithin widerhallte. Nachdem der erste Ausbruch des Entzückens bei ihr vorüber war, fiel es ihr ein, wie leicht sie bekleidet sei. Sie hielt die Hände vor das erröthende Gesicht und zog sich eilig vom Fenster zurück.

Die Ursache ihrer Entfernung wurde errathen und vermehrte die Begeisterung für eine Fürstin, welche über dem Eifer, die Dienste ihrer Unterthanen anzuerkennen, ihren Rang vergessen hatte. Die schmucklose Schönheit des liebenswürdigen Weibes ergriff die kriegerischen Zuschauer mehr, als es die vollste Entfaltung ihrer königlichen Pracht vermocht hätte, und was etwa als zu frei in ihrer Erscheinung hätte getadelt werden können, ward mehr als entschuldigt durch die Begeisterung des Augenblicks und durch das in ihrem schnellen Rücktritte ausgedrückte Zartgefühl.

Noch oft erneuerte sich der Zuruf, daß Berg und Wald widerhallten, und mancher Schwur aus tiefstem Herzen ward an diesem Morgen auf das Kreuz des Schwertes abgelegt, die Wehr nicht aus der Hand zu legen, bis Maria Stewart wieder in ihre Rechte eingesetzt sei. Doch was sind Verheißungen, was sind die Hoffnungen der Sterblichen? In zehn Tagen waren diese wackeren, hingebenden Männer erschlagen, gefangen oder in die Flucht getrieben.

Maria warf sich auf den nächsten Stuhl und rief erröthend und dabei halb lächelnd:

»Ma mignonne, was werden sie von mir denken, daß ich mich so vor ihnen gezeigt habe, mit bloßen Füßen in Pantoffeln, bloß diesen losen Mantel umgeworfen, mein aufgelöstes Haar auf den Schultern, Hals und Arme entblößt? Das Beste, was sie denken können, ist, daß der Aufenthalt in jenem Kerker ihrer Königin den Kopf verrückt hat! Aber meine empörten Unterthanen haben mich entblößt gesehen, als ich in der tiefsten Noth war, weßhalb sollte ich kältere Förmlichkeiten gegen diese treuen und ergebenen Männer beobachten? – Indeß rufe die Fleming. Sie hat doch, hoff' ich, den kleinen Mantelsack mit meinen Kleidern nicht vergessen. Wir müssen so stattlich wie möglich erscheinen, ma mignonne.«

»Madame, unsere gute Frau Fleming war nicht in der Verfassung. an irgend Etwas zu denken.«

»Ihr scherzt, Katharine,« sprach die Königin etwas unwillig; »es liegt wahrlich nicht in ihrem Wesen. ihre Schuldigkeit so weit zu vergessen, daß wir nicht einmal ein anderes Kleid anzuziehen hätten.«

»Madame,« antwortete Katharine, »Roland Graeme hat dafür Sorge getragen. Er hat das Felleisen mit Ew. Majestät Kleidern und Juwelen in das Boot geworfen, ehe er zurücklief, das Thor zu verschließen. Ich habe in meinem Leben keinen so ungeschickten Kammerjunker gesehen, wie dieser Junge ist: der Pack fiel mir beinahe auf den Kopf.«

»Er soll deinem Herzen Genugthuung geben, Kind,« versetzte die Königin lachend, »dafür und für alle seine andern Fehltritte. Aber rufe die Fleming; Wir müssen Uns in den Putz werfen, um die getreuen Großen Unseres Reichs zu empfangen.«

Frau Fleming hatte ihre Vorbereitungen gemacht und verwaltete nun ihr Geschäft mit solcher Geschicklichkeit, daß die Königin vor den versammelten Großen in einem Schmuck erschien, wie er ihrer natürlichen Würde entsprach, wenn er dieselbe auch nicht erhöhen konnte. Mit der gewinnendsten Höflichkeit sprach sie gegen jeden Einzelnen ihren herzlichen Dank aus und zeichnete nicht nur jeden der Großen, sondern auch manchen unter den geringeren Herren durch besondere Aufmerksamkeit aus.

»Wohin nun, edle Herren?« fragte sie. »Welchen Weg schlagt Ihr Uns vor?«

»Nach Burg Drafane, wenn es Ew. Majestät gefällt,« antwortete der Freiherr von Arbroath, »und von da nach Dunbarton, um Ew. Durchlauchtigste Person in Sicherheit zu bringen. Dann wollen wir erproben, ob die Verräther uns im offenen Felde die Spitze zu bieten Lust haben.«

»Und wann brechen wir auf?«

»Wir schlagen vor,« antwortete der Freiherr von Seyton, »wofern Ew. Durchlaucht Ermüdung es erlaubt, nach dem Frühstücke aufzusitzen.«

»Euer Wille, edle Herren, ist der meinige,« sprach die Königin. »Wir wollen Unsere Reise durch Eure Weisheit bestimmen lassen und hoffen, späterhin den Vortheil zu haben, mit Hülfe derselben Unser Reich zu regieren. Gnädige Herren, Ihr werdet meinen Frauen und mir erlauben, mit Euch zusammen zu frühstücken. Wir müssen selber halbe Kriegsmänner sein und das Gepränge bei Seite lassen.«

Manch behelmtes Haupt beugte sich tief bei diesem huldreichen Anerbieten. Die Königin durchlief nochmals mit den Augen die Reihen der Häupter und vermißte die Jünglinge Douglas und Roland Graeme. Flüsternd fragte sie ihr Kammerfräulein nach denselben.

Katharine antwortete: »Sie stehen traurig in der Betkammer dort neben,« und die Königin bemerkte, daß die Augen ihrer Lieblingsdienerin verweint waren.

»Das darf nicht sein,« erwiderte sie. »Unterhalte du die Gesellschaft. Ich will sie aufsuchen und sie selber einführen.«

Sie ging in die Betkammer, und der Erste, welcher ihr aufstieß, war Georg Douglas. Er stand oder vielmehr er lehnte in einer Fenstervertiefung, die Arme über einander geschlagen. Beim Anblicke der Königin richtete er sich auf und Entzücken sprach sich in seiner Miene aus, welches aber schon im nächsten Augenblicke wieder den gewöhnlichen Ausdruck der Schwermuth annahm.

»Was bedeutet das, Douglas?« fragte die Königin. »Warum meidet der Urheber und kühne Vollführer des glücklichen Planes Unserer Befreiung die Gesellschaft der edlen Herren, zu welchen er gehört, und der Herrscherin, die seine Schuldnerin ist?«

»Madame,« antwortete Douglas, »Die, so Ihr mit Eurer Gegenwart beehrt, bringen ein Gefolge mit, um Eure Sache zu vertheidigen, Reichthümer, um Euch standesmäßig zu unterhalten, können Euch Säle anbieten zu Gastmählern und unüberwindliche Burgen zu Eurem Schutze. Ich bin ein Mann ohne Haus und Land, enterbt und verflucht von meiner Großmutter, verleugnet von meiner Verwandtschaft, ein Mann, der Nichts unter Eure Fahne bringt, als ein einziges Schwert und sein armseliges Leben.«

»Wollt Ihr mir Vorwürfe machen, Douglas, daß Ihr mir vorhaltet, was Ihr um meinetwillen verloren habt?« fragte die Königin.

»Da sei Gott vor, edle Frau!« erwiderte hastig der junge Mann. »Wäre es nochmals zu thun, und hätt' ich zehnmal höheren Rang und größeren Reichthum und zwanzigmal so viel Freunde zu verlieren, so würden alle meine Opfer überreichlich ersetzt werden durch den ersten Schritt, den Ihr als freie Fürstin auf dem Boden Eures Erbkönigreichs machtet.«

»Nun denn, was fehlt Euch, daß Ihr nicht fröhlich sein wollt mit denen, welche aus demselben Anlasse fröhlich sind?« fragte Maria.

»Madame,« antwortete der junge Mann, »obwohl enterbt und verleugnet, bin ich doch immer ein Douglas. Mit den meisten von jenen Herren hat meine Familie seit vielen Jahren in Fehde gelegen. Eine kalte Aufnahme bei ihnen wäre eine Beleidigung und eine freundliche wäre eine Demüthigung.«

»Schämt Euch, Douglas,« erwiderte die Königin, »und entschlagt Euch dieses unmännlichen Trübsinns! – Ich kann dich den Besten unter ihnen an Rang und Vermögen gleich machen, und glaube nur, ich will es. – Gehe zu ihnen, ich befehl' es dir.«

»Dies Wort genügt,« sprach Douglas; »ich gehe. Erlaubt mir nur die Bemerkung: nicht um Reichthum oder Titel hätte ich unternehmen mögen, was ich gethan habe. Maria Stewart wird – und die Königin kann mich nicht belohnen.«

Mit diesen Worten verließ er die Betkammer und nahm unter den Herren am unteren Ende der Tafel Platz. Die Königin sah ihm nach und hielt ihr Tuch vor die Augen.

»Unsere liebe Frau erbarme dich meiner!« sprach sie. »Kaum ist die Noth meiner Gefangenschaft geendet, so gerathe ich als Weib und als Königin mit meinem Herzen in's Gedränge. – Glückliche Elisabeth, der Nichts über Politik geht, und deren Herz nie dem Kopfe untreu wird! Ich muß den andern Jungen aufsuchen, wenn ich verhüten will, daß er und der kleine Seyton nicht die Dolche gegen einander ziehen.«

Roland befand sich ebenfalls in der Kammer, doch in solcher Entfernung, daß er nicht hören konnte, was zwischen Douglas und der Königin vorging. Auch er war verstimmt und gedankenvoll. Aber seine Stirn erheiterte sich sogleich, als die Königin ihn fragte:

»Nun, Roland, ihr vernachlässigt ja heute Euren Dienst. Hat Euch der nächtliche Ritt so erschöpft?«

»Nein, gnädigste Frau,« antwortete er. »Aber man hat mich wissen lassen, daß der Kammerjunker von Lochleven nicht der Kammerjunker von Burg Niddrie ist, und somit hat der Junker Heinrich Seyton für gut gefunden, mich meines Dienstes zu entheben.«

»Gott verzeih' mir!« sprach die Königin, »wie diese Hähnchen doch so früh anfangen zu beißen! Ueber Kinder und Knaben werd' ich doch Königin sein dürfen. Ihr sollt Freunde sein. Man schicke mir Heinrich Seyton herein!«

Auf diesen Ruf trat der Genannte ein. »Kommt her, Heinrich Seyton,« sprach sie. »Ihr sollt diesem Jünglinge die Hand reichen, welcher mein Entkommen so trefflich befördert hat.«

»Herzlich gerne, Madame,« erwiderte Seyton, »vorausgesetzt, daß der junge Mensch mir den Gefallen thut, nicht die Hand einer andern Person Namens Seyton zu berühren, welche er kennt. Meine Hand hat ihm seiner Zeit als die ihrige gegolten, und um meine Freundschaft zu gewinnen, muß er auf den Gedanken verzichten, meine Schwester zu lieben.«

»Heinrich Seyton,« sprach die Königin, »ziemt es Euch, die Befolgung meines Befehls an Bedingungen zu knüpfen?«

»Madame,« erwiderte Heinrich, »ich bin der Diener von Ew. Majestät Thron, und Sohn des treuesten Mannes in Schottland. Unsere Güter, unsere Schlösser, unser Blut gehören Euch. Unsere Ehre muß uns bleiben. Ich könnte mehr sagen, aber –«

»Sprich nur weiter, grober Junge,« sprach die Königin. »Was hilft es, daß ich aus Lochleven erlöset bin, wenn ich so unter das Joch meiner vorgeblichen Befreier gebeugt werden soll, und wenn man mich außer Stand setzen will, einem Menschen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, welcher sich eben so sehr um mich verdient gemacht hat, wie Ihr?«

»Ereifert Euch nicht so um mich, Durchlauchtigste Frau,« nahm Roland das Wort. »Dieser junge Herr besitzt, als treuer Diener Ew. Majestät und als Bruder von Katharine Seyton, Eigenschaften, welche die größte Heftigkeit meiner Leidenschaften beschwören müssen.«

»Ich warne dich nochmals,« rief Heinrich Seyton in gebieterischem Tone, »dir keine Ausdrücke zu erlauben, welche andeuten könnten, daß die Tochter des Freiherrn von Seyton für dich etwas Anderes sein kann, als sie jedem Bauernsohne in Schottland sein muß.«

Die Königin wollte sich abermals ins Mittel legen, denn die Röthe des Unwillens stieg in Rolands Gesicht auf, und es wurde zweifelhaft, wie lange seine Liebe zu Katharinen seinen Stolz niederhalten würde. Aber eine bisher unsichtbare Person kam der Königin zuvor. In der Betkammer war eine besondere Nische mit einer durchbrochenen Thüre von Eichenholz, innerhalb deren sich ein heilig gehaltenes Bild von St. Bendix befand. Aus dieser Vertiefung, worin sie vermuthlich ihre Andacht verrichtet hatte, trat plötzlich Magdalene Graeme vor und erwiderte auf Heinrichs letzte beleidigende Aeußerung:

»Aus welchem Stoffe sind denn diese Seytons geformt, daß das Blut der Graeme nicht wagen darf, sich mit dem ihrigen zu vermischen? Wisse, stolzer Knabe, wenn ich diesen Jüngling das Kind meiner Tochter nenne, so behaupte ich damit seine Abkunft von Malise, Grafen von Strathern, genannt Malise mit dem blitzenden Schwerte, und ich denke, das Blut Eures Hauses hat in keiner höheren Quelle seinen Ursprung.«

»Gute Mutter,« versetzte Seyton, »mich dünkt, Eure Heiligkeit sollte Euch über die Eitelkeiten dieser Welt wegsetzen, und wirklich scheint dieselbe Euch haben vergessen zu lassen, daß zu edler Geburt ein entsprechender Name und Stamm sowohl von Seiten des Vaters wie der Mutter gehört.«

»Und wenn ich nun sage, er stammt von väterlicher Seite aus Avenels Geblüt, nenn' ich damit nicht ein Blut, das eben so rein ist, wie das deine?« entgegnete Magdalene.

»Von Avenel?« fragte die Königin. »Stammt mein Kammerjunker von Avenel?«

»Ja, gnädigste Fürstin. Er ist der letzte männliche Erbe dieses alten Hauses. Julian Avenel war sein Vater, der fiel in der Schlacht gegen die Südländer.«

»Ich habe die thränenwerthe Geschichte gehört,« sprach die Königin. »Es war also deine Tochter, welche diesem unglücklichen Herrn ins Feld folgte und auf seinem Leichnam den Geist aufgab! Ach! wie viele Wege findet ein weibliches Herz, sich ein Elend zu schaffen! Die Mähr ist oft erzählt und gesungen worden in Saal und Kammer. – Und du, Roland, bist das Kind des Unglücks, welches unter den Todten und Sterbenden liegen blieb? – Heinrich Seyton, er ist deines Gleichen an Geblüt und Geburt.«

»Schwerlich,« erwiderte Heinrich Seyton, »selbst wenn er ehelich wäre. Aber wenn die Mähr richtig erzählt und gesungen worden ist, war Julian Avenel ein treuloser Ritter, und sein Liebchen ein schwaches, leichtgläubiges Mädchen.«

»Bei Gott, du lügst!« rief Roland und legte die Hand ans Schwert. –

Der Eintritt des Freiherrn von Seyton verhinderte Gewaltthätigkeiten.

»Rettet mich, gnädiger Herr,« sprach die Königin, »und trennt diese wilden und unbändigen Geister.«

»Wie, Heinrich?« begann der Freiherr, »weißt du in meiner Burg und in der Gegenwart deiner Königin deine Keckheit und Heftigkeit nicht zu zügeln? Und mit wem streitest du da? Wenn meine Augen dies Zeichen nicht falsch deuten, so ist dies eben der Jüngling, welcher mir so wacker Beistand geleistet hat im Kampf mit den Leslies. Laß mich, feiner Jüngling, das Schaustück sehen, welches du an deiner Mütze trägt. Bei St. Bendix, er ist es! – Heinrich, ich gebiete dir, von ihm abzulassen, so lieb dir mein Segen ist – –«

»Und wofern du mein Gebot ehrest,« fiel die Königin ein. »Gute Dienste hat er mir geleistet.«

»Ja wohl, Madame,« erwiderte der junge Seyton. »Zum Beispiel, als er den Zettel in der Schwertscheide nach Lochleven brachte. – Der gute Junge wußte wahrhaftig nicht mehr, als ein Packpferd, was er trug.«

»Aber ich,« nahm Magdalene wieder das Wort, »ich, die ihn diesem großen Werke geweiht hat, ich, auf deren Rath und durch deren Wirken diese rechtmäßige Erbin aus Banden erlöst worden ist, ich, die ich die letzte Hoffnung eines sinkenden Hauses bei diesem großen Werke aufs Spiel gesetzt, – ich habe doch um die Sache gewußt und meinen Rath ertheilt. Und welches Verdienst nun mir gebühren mag, laßt den Lohn, gnädigste Königin, diesem Jüngling zufallen. Mein Geschäft ist beendet. Ihr seid frei, eine gebietende Fürstin an der Spitze eines muthvollen Heeres, umgeben von tapferen Herren. Mein Dienst kann Euch nicht ferner nützen, wohl aber Euch benachtheiligen. Euer Schicksal beruht jetzt auf Männerherz und Männerschwert. Mögen sie sich als so zuverlässig beweisen, wie Weibertreue!«

»Ihr werdet Uns doch nicht verlassen, Mutter,« erwiderte die Königin, »Ihr, deren kluges Thun zu unsern Gunsten so wirksam war, die Ihr so manchen Gefahren getrotzt, so manche Verkleidung getragen habt, um Unsere Feinde zu verblenden und Unsere Freunde zu ermuthigen, – Ihr werdet Uns nicht verlassen beim neuen Aufdämmern Unseres Glückes, ehe wir Zeit haben, Euch kennen zu lernen und Euch zu danken.«

»Ihr vermögt nicht, sie kennen zu lernen, die sich selber nicht kennt,« sprach Magdalene Graeme. »Es gibt Zeiten, wo diesem meinem weiblichen Körper die Stärke des Riesen von Gath inwohnt, diesem von Anstrengungen erschöpften Gehirn die Weisheit des klügsten Rathgebers. Und dann kommt wieder der Nebel über mich, und meine Stärke wird Schwäche, meine Weisheit Thorheit. Ich habe gesprochen vor Fürsten und Cardinälen, ja, edle Fürstin, sogar vor den Fürsten deines Hauses Lothringen, und ich weiß nicht, woher die Worte der Ueberredung kamen, die von meinen Lippen flossen und von ihren Ohren eingesogen wurden. Dagegen jetzt eben, wo ich am meisten Worte der Ueberredung nöthig hätte, ist Etwas, das meine Stimme erstickt und mich der Sprache beraubt.«

»Wenn es irgend in meiner Macht steht, Euch ein Vergnügen zu machen, so sprecht nur, und das bloße Wort soll so gut sein, wie all Eure Beredsamkeit.«

»Königliche Frau,« erwiderte die Schwärmerin, »es ist beschämend für mich, daß in diesem hehren Augenblicke einige menschliche Schwäche derjenigen anhängt, deren Gelübde die Heiligen gehört haben, deren Arbeit in der gerechten Sache mit Siegen gekrönt worden ist. Aber so ist es, so lange der lebendige Geist in der sterblichen Hülle eingeschlossen ist. Ich will der Thorheit nachgeben,« fuhr sie weinend fort, »und es soll die letzte sein.«

Darauf faßte sie Rolands Hand, führte ihn vor die Königin, ließ sich auf ein Knie nieder und gebot ihm, auf beide Kniee niederzufallen.

»Mächtige Fürstin,« sprach sie, »betrachtet diese Blume. Sie ward von einem freundlichen Unbekannten auf einem blutigen Schlachtfeld gefunden, und es dauerte lange, bis meine Augen sahen und meine Arme umfaßten, was mir von meiner einzigen Tochter übrig geblieben war. Um Euretwillen und zum Besten des heiligen Glaubens, welchen wir Beide bekennen, konnte ich diese Pflanze, während sie noch zart war, der Pflege Fremder – ja sogar von Feinden überlassen, bei welchen vielleicht sein Blut wie Wasser vergossen worden wäre, hätte der Ketzer Glendinning erfahren, daß er den Erben von Julian Avenel im Hause hatte. Seitdem hab' ich ihn nur in einigen wenigen Stunden der Ungewißheit und der Angst gesehen, und jetzt scheide ich von dem Kind meiner Liebe für immer – für immer! – O, für jeden mühseligen Schritt, den ich in Eurer gerechten Sache in diesem und in fremden Landen gethan habe, verleiht Schirm dem Kinde, welches ich nicht mehr mein nennen darf!«

»Ich schwöre Euch, Mutter,« sprach die Königin, tief ergriffen, »daß Euch und ihm selber zu Liebe sein Glück ein Anliegen für Uns sein soll.«

»Ich danke Euch, Tochter von Königen,« erwiderte Magdalene, und drückte ihre Lippen erst auf die Hand der Königin, dann auf die Stirn ihres Enkels. »Und nun,« sprach sie, ihre Thränen trocknend und sich mit Würde erhebend, »nun die Erde das Ihrige hat, nimmt der Himmel das Uebrige in Anspruch. Löwin von Schottland, ziehe aus und siege! Und wenn die Gebete einer gottgeweihten Seele dir helfen können, dann werden sie in manchem Lande und von manchem fernen Altar segensreich emporsteigen. Ich will wie ein Gespenst von Land zu Land, von Tempel zu Tempel schweben; in Gegenden, wo selbst der Name meiner Heimath unbekannt ist, sollen die Priester fragen: Wer ist die Königin im fernen Norden, für welche die alte Pilgerin so inbrünstig gebetet hat? Lebe wohl! Ehre sei dein Theil und irdisches Wohlsein, wenn es der Wille Gottes ist, – wo nicht, so möge die Buße, welche du hier thust, deine ewige Glückseligkeit sichern! – Laß Niemanden zu mir sprechen oder mir folgen. Mein Entschluß ist gefaßt, mein Gelübde unabänderlich.«

Während der letzten Worte entfernte sie sich, und ihr letzter Blick war auf ihren geliebten Enkel gerichtet. Er wollte aufstehen und ihr folgen, aber die Königin und Freiherr Seyton verhinderten ihn.

»Drängt Euch jetzt nicht zu ihr,« sprach der Freiherr, »wenn Ihr sie nicht auf immer verlieren wollt. Oftmals haben wir die heilige Mutter gesehen, und oft im Augenblick der größten Noth; aber sich in ihre Heimlichkeit eindrängen oder ihrem Vorhaben in den Weg treten, ist ein Verbrechen, welches sie nicht vergeben kann. Ich hoffe, wir sollen sie noch sehen, wenn wir ihrer bedürfen. Ein heiliges Weib ist sie, das leidet keinen Zweifel, und ganz dem Gebet und Bußübungen gewidmet. Darum halten die Ketzer sie für wahnsinnig, während wahre Katholiken sie für eine Heilige ansehen.«

»So laßt mich denn hoffen,« sprach die Königin, »daß Ihr, gnädiger Herr, mich bei Erfüllung ihrer letzten Bitte unterstützen werdet.«

»Was? in Beschützung meines jungen Beistandes? – mit Vergnügen – das heißt in Allem, was Ew. Majestät passend finden kann, von mir zu verlangen. – Heinrich, gib augenblicklich dem Roland Avenel die Hand, denn so, denk' ich, muß er jetzt genannt werden.«

»Und er soll die Freiherrschaft erhalten, wofern Gott unsere gerechte Waffe segnet,« fügte die Königin hinzu.

»Ich kann sie nur empfangen, um sie meiner gütigen Beschützerin zurückzugeben, welche sie jetzt besitzt,« entgegnete Roland. »Lieber möchte ich mein Leben lang besitzlos sein, als daß sie eine Ruthe Land um meinetwillen verlieren sollte.«

»Da seht,« sprach die Königin zu dem Freiherrn gewandt, »seine Gesinnung entspricht einer Abkunft. – Heinrich, du hat ihm noch nicht die Hand gegeben.«

»Er soll sie haben,« sprach Heinrich und reichte die Hand mit einigem Schein von Höflichkeit hin, flüsterte aber Rolanden dabei zu: »Trotzdem hast du nicht die meiner Schwester.«

»Möge Ew. Majestät sich gefallen lassen, jetzt wo diese Sachen abgethan sind, uns die Ehre der Theilnahme an unserm ärmlichen Mahl zu schenken. Es wäre Zeit, daß unsere Banner sich im Clyde spiegelten. Wir müssen zu Roß so bald wie möglich.«

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