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Der Abt

Walter Scott: Der Abt - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Scott
titleDer Abt
publisherHoffmann'sche Verlagsbuchhandlung
printrunZweite vermehrte Auflage
firstpub1841
year1851
translatorFriedrich Funck
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20160427
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Fünfunddreißigstes Kapitel.

Gefährlich ist die Zeit, nicht Zeit der Kurzweil,
Wenn Pfaffen sich vermummen.

Der spanische Vater.

Rolands Unternehmung versprach einen guten Fortgang. Ein paar Zierrathen, an denen die Arbeit nicht werthvoller war, als der Stoff – Silber, von der Königin geliefert – wurden mit gutem Vorbedacht Denjenigen zum Geschenk gemacht, von welchen zu erwarten stand, daß sie am ersten fragen würden, was mit Hammer und Ambos gemacht werde. Zuweilen ließ Roland die Neugierigen zusehen, wie er an solchem Tand arbeitete, und brachte ihnen die Meinung bei, daß sein Thun harmlos, ja, insofern er die verfertigten Sachen verschenkte, nützlich sei. Im Geheimen schmiedete er eine Anzahl Schlüssel, in Gewicht und Gestalt denen, welche jeden Abend der Burgfrau überbracht wurden, so ähnlich, daß man ohne genau zuzusehen, nicht wohl einen Unterschied finden konnte. Durch Salzwasser gab er ihnen die schwärzliche Rotfarbe und nachdem die letzte Hand an das Werk seiner Kunst gelegt worden war, präsentierte er sie der Königin in ihrem Gesellschaftszimmer, etwa eine Stunde vor dem Nachtgeläute. Sie betrachtete dieselben mit Vergnügen, aber doch auch mit Bedenklichkeit.

»Ich gebe zu,« sprach sie, »daß die Augen der Frau von Lochleven, welche nicht zu den klarsten gehören, getäuscht werden könnten, wenn es uns erst einmal gelungen wäre, ihr diese Schlüssel statt der echten Werkzeuge ihrer Tyrannei in die Hände zu spielen. Aber wie ist dies eben anzustellen? und wer in meiner kleinen Hofhaltung kann sich getrauen diesen tour de jongleur mit einiger Hoffnung auf Erfolg zu versuchen? Könnten wir sie nur in ein anziehendes Gespräch verwickeln! Aber die, welche ich mit ihr führe, sind immer von der Art, daß sie die Schlüssel nur um so fester packt, als ob sie sich sagte: hier hab' ich das, was mich über Euren Tadel und über Eure Vorwürfe hinaus setzt! – Und selbst um ihre Freiheit zu erlangen, könnte Maria Stewart sich nicht erniedrigen, der stolzen Ketzerin gute Worte zu geben. – Was sollen wir machen? Soll Frau Fleming ihre Beredsamkeit versuchen in Beschreibung des neuesten Pariser Kopfputzes? Lieber Himmel! Die gute Dame hat meines Wissens die Mode in diesem Stück nicht gewechselt seit der Schlacht bei Pinkie. Soll ma mignonne Katharine ihr eines der rührenden Lieder singen, mit welchen sie mir und Rolanden Thränen in die Augen lockt? – Guter Gott! Dame Margarethe Douglas würde lieber einen Hugenottenpsalm von Clemens Marrot hören, gesungen auf die Melodie von: Réveillez vous, belle endormie. – Vettern und getreue Räthe, was ist zu machen? Unser Verstand hat in dieser Geschichte Weg und Steg verloren. – Soll Unser Reisiger und Leibkämpe, Roland Graeme, einen Angriff auf die alte Dame machen und ihr die Schlüssel par voie de fait abnehmen?«

»Nein, mit Ew. Durchlaucht Erlaubniß,« antwortete Roland, »hoff' ich die Sache mit mehr Behutsamkeit zu betreiben. Zwar in Ew. Durchlaucht Dienst fürchte ich mich nicht – –«

»Vor einem Heer alter Weiber, mit Rocken und Spindeln bewaffnet,« unterbrach ihn Katharine. »Aber er findet gar keinen Geschmack an den Piken und Partisanen, welche sich erheben möchten auf den Ruf »Herbei! Hie, Douglas!«

»Wer sich nicht vor schöner Frauen Zungen fürchtet,« fuhr der Kammerjunker fort, »braucht vor nicht Anderem zu beben. – Aber, allergnädigste Frau, ich bin so ziemlich überzeugt, daß ich im Stande wäre, der Frau von Lochleven diese Schlüssel in die Hände zu spielen. Nur fürchte ich die Schildwache, welche jetzt des Nachts in dem Garten steht, und durch den Garten führt nothwendig unser Weg.«

»Unsere letzten Nachrichten von Unseren Freunden jenseits haben Uns in dieser Beziehung Aussicht auf Hülfe gegeben,« antwortete die Königin.

»Und ist Ew. Durchlaucht der Treue und Wachsamkeit der Freunde von Außen sicher?«

»Für ihre Treue und für ihre Wachsamkeit bürge ich mit meinem Leben. Ich will dir augenblicklich den Beweis liefern, treuer Roland, daß sie eben so erfindsam und zuverlässig sind, wie du. Komm her – halt, Katharine, begleit' Uns, Wir gehen nicht allein mit einem so hübschen Kammerjunker in Unser inneres Gemach. Fleming, verschließt die Thür des Wohnzimmers, und gebt Uns Kunde, so wie Ihr den leisesten Tritt hört. Aber nein, – geh' du an die Thür, Katharine,« und dabei flüstere sie: »dein Ohr und dein Verstand sind schärfer, – gute Fleming, begleite Du Uns.« – Und abermals flüstere sie dem Mädchen zu: »Ihre ehrwürdige Person wird eine eben so sichere Wache für Roland sein, wie die deinige, also sei nicht eifersüchtig, mignonne.«

Frau Fleming leuchtete voran in der Königin Schlafgemach, welches durch ein Erkerfenster sein Licht empfing.

»Sieh dort zum Fenster hinaus, Roland,« begann die Königin. »Siehst du neben den Lichtern, welche jetzt allgemach drüben in Kinroß angesteckt werden, siehst du durch die Dämmerung das vereinzelte Fünkchen näher am Wasser? Von hier aus gesehen ist es nicht größer als ein Leuchtwürmchen, und doch, guter Jüngling, ist dies Licht Marien Stewart theurer als jeder Stern, der am blauen Himmelsgewölbe funkelt. Durch dies Zeichen erfahre ich, daß mehr als ein treues Herz auf meine Befreiung sinnt; und ohne diese Gewißheit und ohne die Hoffnung, welche sie mir gibt, würde ich längst meinem Schicksal erlegen und vor Herzeleid gestorben sein. Ein Plan nach dem andern ist entworfen und aufgegeben worden, aber noch immer glimmt das Licht, und so lange es glimmt, lebt meine Hoffnung. – O, wie manchen Abend hab' ich dagesessen, nachdenkend über unsere zerstörten Entwürfe und kaum hoffend, daß ich je wieder dies Zeichen des Heiles sehen würde. Aber plötzlich leuchtete es wieder und brachte, wie das Feuer von St. Elmo, Hoffnung und Trost dahin, wo eben noch eitel Niedergeschlagenheit und Verzweiflung gewesen!«

»Wenn ich nicht irre,« sprach Roland, »so schimmert das Licht aus dem Hause des Kunstgärtners Blinkhoolie.«

»Du hast ein gutes Auge,« antwortete die Königin. »Dort ist es, wo meine Getreuen – Gottes und der Heiligen Segen über sie! – Rath halten wegen meiner Befreiung. Die Stimme eines armen Gefangenen würde verhallen auf dieser blauen Wasserfläche, anstatt bis zu ihnen zu dringen; nichts destoweniger kann ich mich ihnen mittheilen. Ich will dir das Geheimniß anvertrauen. Jetzt frage ich die treuen Freunde, ob der Augenblick des Wagstücks nahe ist. Fleming, stelle die Lampe an's Fenster!«

Frau Fleming that wie befohlen und nahm dann sogleich das Licht wieder weg. Kaum war dies geschehen, so verschwand das Licht im Hänschen des Gärtners.

»Jetzt zähle,« sprach die Königin. »Mein Herz klopft so heftig, daß ich nicht selber zählen kann.«

Frau Fleming zählte langsam: Eins, Zwei, Drei und so fort. Als sie Zehn gesagt hatte, kam das Lichtchen am Ufer wieder zum Vorschein.

»Gott Lob und Dank!« sprach die Königin. »Vorgestern Abend konnte ich noch dreißig zählen, bis ich das Licht wiedersah. Die Stunde der Freiheit naht heran. Gottes Segen über die, welche mit solcher Treue darauf hinarbeiten, – und ach auch mit so großer Gefahr für sich! Gottes Segen auch über Euch, meine Kinder! Kommt, wir müssen wieder ins Audienzzimmer. Unsere Abwesenheit könnte Verdacht erregen, wenn sie uns mit dem Abendessen überraschten.«

Sie kehrten in das Wohnzimmer zurück, und der Abend verging, wie gewöhnlich.

Am folgenden Mittag bei Tische begab sich ein ungewöhnlicher Vorfall. Während Frau Douglas von Lochleven ihr Geschäft als Vorkosterin versah, meldete man ihr, ein Reisiger sei angekommen mit einer Empfehlung von ihrem Sohn, aber ohne Brief und bloß mit einem mündlichen Erkennungszeichen.

»Hat er Euch dies Zeichen gegeben?« fragte die Burgfrau.

»Nein,« antwortete Randal, »er will es Ew. Gnaden allein sagen.«

»Er hat Recht,« sprach die Burgfrau. »Sagt ihm, er solle im Saal warten, – doch nein – mit Eurer Erlaubniß, Madame, – sagt ihm, er solle hierher kommen.«

»Da es euch gefällt, Eure Diener in meiner Gegenwart zu empfangen,« bemerkte die Königin, »so muß ich wohl – –«

»Meine Altersschwäche muß mich entschuldigen, Madame,« fiel die Burgfrau ein. »Das Leben, welches ich hier führen muß, paßt schlecht zu den Jahren, welche über mein Haupt dahingegangen sind, und nöthigt mich, von Förmlichkeiten Umgang zu nehmen.«

»O, gnädige Frau,« versetzte die Königin, »ich wollte, es wäre in dieser Burg nichts Zwingenderes, als die Spinnwebfesseln der Förmlichkeit. Aber über Riegel und Querbäume ist schwerer hinauszukommen.«

Während der letzten Worte trat der von Randal gemeldete Mann herein, und Roland Graeme erkannte augenblicklich in ihm den Abt Ambrosius.

»Wie ist Euer Name, guter Gesell?« fragte die Burgfrau.

»Edward Glendinning,« antwortete der Abt mit einer tiefen Verbeugung.

»Bist du von der Verwandtschaft des Ritters von Avenel?«

»Ja, Madame, ich bin nahe mit ihm verwandt.«

»Das läßt sich wohl glauben,« bemerkte die Burgfrau. »Der Ritter ist der Sohn seiner eignen Thaten und ist von geringem Herkommen zu seiner jetzigen hohen Stellung im Staat emporgestiegen. Aber er ist von geprüfter Treue und von erprobter Würdigkeit, und sein Verwandter ist Uns willkommen. Ihr habt ohne Zweifel den wahren Glauben?«

»Zweifelt nicht daran, Madame,« antwortete der verkappte Geistliche.

»Hast du ein Erkennungszeichen für mich von Herrn Wilhelm Douglas?«

»Allerdings, Madame, aber ich soll es im Geheimen sagen.«

»Du hast Recht,« sprach die Burgfrau und zog sich in die Fenstervertiefung zurück. »Sag' an.«

»Es sind die Worte eines alten Dichters,« erwiderte der Abt.

»Sprich sie aus,« sagte die Burgfrau.

Der Abt flüsterte ihr folgende Stelle aus einem alten Gedicht, betitelt das Käuzchen, zu:

»O Douglas! Douglas!
Zärtlich und treu!«

»Treuer Herr Hans Holland Sammler von Gedichten kennen Herrn Hans Hollands Lied vom Käuzchen durch die schöne Ausgabe, welche David Laing dem Bannatyne-Club gewidmet hat.!« sprach Frau Douglas, »nie hat ein besseres Herz einen Reim gedichtet, und von der Ehre der Douglas erklang stets deine Harfe! – Wir nehmen Euch unter unsere Dienerschaft auf, Glendinning. – Randal, laßt ihn vorläufig bloß außen Wache stehn, bis Wir von Unserem Sohne mehr über ihn hören. – Du fürchtest doch nicht die Nachtluft, Glendinning?«

»In der Sache der gnädigen Frau, vor welcher ich stehe, fürcht' ich Nichts, Madame,« antwortete der verkleidete Abt.

»So wäre denn unsere Mannschaft um einen zuverlässigen Söldner verstärkt,« meinte die Burgfrau. »Geh' an die Speisekammer und laß dir eine tüchtige Mahlzeit geben.«

Nachdem Frau von Lochleven sich entfernt hatte, sprach die Königin zu Roland, welcher jetzt fast immer um sie war:

»Ich finde Trost in dem Gesicht dieses Unbekannten. Ich weiß nicht warum, aber ich glaube fest, es ist ein Freund.«

»Ew. Durchlaucht Scharfblick täuscht dieselbe nicht,« antwortete der Kammerjunker. »Es ist Niemand anders, als der Abt von Sanct Marien.«

Die Königin bekreuzte sich und blickte gen Himmel.

»Ich unwürdige Sünderin« sprach sie; »um meinetwillen trägt ein so heiliger und in so hohem geistlichen Amt stehender Mann das Gewand eines gemeinen Kriegsknechtes und setzt sich der Gefahr aus, den Tod eines Verräthers zu sterben!«

»Gott wird seine Diener schützen,« sagte Katharine Seyton. »Seine Hülfe würde Segen über unser Unternehmen bringen, wäre es nicht um seiner selbst willen gesegnet.«

»Was ich an meinem geistlichen Vater bewundere,« bemerkte Roland, »ist der feste Blick, mit dem er mich ansah, ohne im Geringsten merken zu lassen, daß er mich kennt. Ich hätte dergleichen nicht für möglich gehalten, seitdem ich aufgehört habe, Heinrich und Katharinen für eine und dieselbe Person zu halten.«

»Aber habt ihr nicht bemerkt,« sagte die Königin, »wie der gute Pater den Zweck der Fragen des alten Weibes vereitelte, indem er ihr die Wahrheit sagte, welche sie nicht als solche aufnahm?«

Roland dachte in seinem Sinn, daß die Wahrheit, wenn sie mit der Absicht zu täuschen gesprochen werde, nicht viel besser sei als eine verkappte Lüge. Allein es war jetzt keine Zeit, solche Gewissensfragen zu verhandeln.

»Und nun das Zeichen vom Lande!« rief Katharine. »Mein Herz sagt mir, daß wir heut Abend zwei Lichter statt eines in dem Garten Eden schauen werden. Spielt Ihr, Roland, nur mannhaft Eure Rolle, so tanzen wir heut noch im Grünen, wie Feen um Mitternacht.«

Katharine hatte sich in ihrer Vermuthung nicht getäuscht. Am Abend flimmerten zwei Lichter statt eines in dem Häuschen. Roland vernahm mit klopfendem Herzen, daß der neue Knecht Befehl erhielt, außerhalb der Burg Schildwache zu stehen. Als er diese Nachricht der Königin brachte, reichte diese ihm die Hand zum Kusse dar. Er kniete nieder, aber wie erstaunt war er, als er sie ehrfurchtsvoll an seine Lippen brachte und fand, daß sie feucht und kalt war wie Marmor.

»Um Gottes willen, Madame!« rief er, laßt nur jetzt den Muth nicht sinken!«

»Ruft Unsere liebe Frau an, theure Herrscherin!« sprach Frau Fleming. »Ruft Euren Schutzengel an!«

»Ruft die Geister der hundert Könige an, von denen Ihr entsprossen seid!« redete Roland ihr zu. »In dieser Stunde der Noth wäre die Entschlossenheit einer königlichen Seele die Hülfe von hundert Heiligen werth!«

»O Roland Graeme!« erwiderte die Königin im Tone tiefer Niedergeschlagenheit, »bleibe mir treu – Viele sind mir untreu geworden. Ach! ich selber bin mir nicht immer treu geblieben! Mir ahnt, daß ich im Kerker sterben werde, und daß dies Wagstück uns Allen das Leben kosten wird. In Frankreich hat mir ein Wahrsager verkündet, ich würde im Gefängniß eines gewaltsamen Todes sterben, und jetzt naht die Stunde. Wollte Gott, sie fände mich vorbereitet!«

»Madame,« nahm Katharine das Wort, »bedenkt, daß Ihr eine Königin seid. Besser, wir Alle sterben in dem muthigen Versuch, unsere Freiheit zu gewinnen, als daß wir hier bleiben, um uns vergiften zu lassen, wie Ungeziefer, das man in alten Häusern vertilgt.«

»Ihr habt Recht, Katharine,« erwiderte die Königin, »und Maria will sich ihrer selbst würdig zeigen. Ach! euer jugendlich froher Muth begreift nicht die Ursachen, welche den meinigen gebrochen haben. Vergebt mir, meine Kinder, und gehabt euch einstweilen wohl. Ich will Leib und Seele vorbereiten für dies beängstigende Wagniß.«

Sie trennten sich, bis sie durch das Läuten der Nachtglocke wieder zusammengerufen wurden. Die Königin erschien ernst, aber fest und entschlossen. Frau Fleming verstand, als vollendete Hofdame, ihr innerliches Beben zu verbergen. Katharinens Auge strahlte, als ob die Kühnheit des Wagstücks ihren Muth noch mehr entflammte, und das halbe Lächeln um ihren schönen Mund schien alle Gefahr und jede Folge der Entdeckung zu verachten.

Roland, welcher fühlte, wie viel von seiner Gewandtheit und Kühnheit abhing, nahm alle seine Geistesgegenwart zusammen. und wenn er einen Augenblick seinen Muth wanken sah, richtete er sein Auge auf Katharinen, welche er noch nie so schön gesehen zu haben glaubte.

»Ich kann unterliegen,« dachte er; »aber wenn ich die Aussicht auf diesen Lohn habe, müssen sie den Teufel zu Hülfe nehmen, um meinen Anschlag zu nichte zu machen.«

So entschlossen stand er, wie ein Windhund an der Leine, Hand, Herz und Auge bereit, die Gelegenheit zur Vollführung des Plans herbeizuführen und zu benutzen.

Die Schlüssel waren mit der gewöhnlichen Förmlichkeit der Frau von Lochleven überliefert worden. Sie stand mit dem Rücken gegen das Fenster gekehrt, welches, wie das im Schlafzimmer der Königin, die Aussicht nach Kinroß hatte und nach der, außerhalb des Ortes näher am See stehenden, damals durch einzelne Hütten mit dem Ort zusammenhängenden, Kirche. In dieser Stellung kostete sie die Speisen und während dieses Geschäftes lagen die Schlüssel auf dem Tische. Den Gefangenen wollte es bedünken, als ob sie dies Mal ungewöhnlich achtsam auf die Schließwerkzeuge sei.

Eben hatte sie ihr Geschäft als Vorkosterin beendigt und wollte die Schlüssel wieder nehmen, als der Kammerjunker, welcher neben ihr stand, weil er ihr die einzelnen Schüsseln hatte darreichen müssen, seitwärts nach dem Kirchhof jenseits des Sees blickte und ausrief:

»Ich sehe Leichenlichter in der Gruft!«

Frau von Lochleven war nicht ganz frei von dem Aberglauben der Zeit. Das Schicksal ihrer Söhne hatte gemacht, daß sie nicht gleichgültig gegen Vorbedeutungen war. Ein sogenanntes Leichenlicht aber in der Familiengruft verkündete Tod. Sie wandte das Gesicht nach dem Fenster, sah einen fernen Schimmer, vergaß für einen Augenblick, was sie zu bewahren hatte, und in diesem Augenblick ging für sie die Frucht all ihrer früheren Wachsamkeit verloren.

Der Kammerjunker, welcher die nachgemachten Schlüssel unter dem Mantel hatte, vertauschte sie blitzschnell mit den wahren. Mit der größten Behutsamkeit konnte er doch ein leises Klirren beim Aufheben der letzteren nicht verhüten.

Die Burgfrau rief: »Wer greift die Schlüssel an?« und während Roland antwortete: »Ich bin mit dem Mantel daran hängen geblieben,« sah sie hin, nahm das daliegende Bund zu Händen und wandte sich dann wieder gegen das Fenster, um nach den vermeintlichen Leichenlichtern zu sehen.

»Ich glaube,« sagte sie nach einigem Besinnen, »dieser Schimmer kommt nicht vom Kirchhof, sondern von der Hütte des alten Gärtners Blinkhoolie. Ich möchte wissen, was der Kerl treibt, daß er seit einiger Zeit immer bis spät in die Nacht hinein Licht hat. Ich habe ihn für einen fleißigen, friedlichen Mann gehalten. Wenn er aber anfängt, Tagediebe und Nachtschwärmer zu beherbergen, muß er fort.«

»Vielleicht macht er Reusen,« bemerkte der Kammerjunker, um ihren Argwohn zu beschwichtigen.

»Oder vielleicht Netze? Nicht wahr?« fügte die Burgfrau hinzu.

»Ja, Madame,« antwortete Roland, »für Forellen und Salmen.«

»Oder für Narren und Schurken,« fuhr die Alte fort. »Morgen soll die Sache untersucht werden. – Ich wünsche Ew. Durchlaucht und dero Gesellschaft guten Abend. – Randal, komm mit Uns!«

Und Randal, der im Vorzimmer zu warten pflegte, wenn er die Schlüssel überliefert hatte, geleitete die Burgfrau aus den Gemächern der Königin in die ihrigen.

»Morgen!« sprach Roland, sich vergnügt die Hände reibend; »Narren warten auf morgen, Weise benutzen die Nacht. – Dürft' ich Euch, gnädigste Fürstin, bitten, Euch für eine halbe Stunde zurückzuziehen, bis Alles in der Burg schlafen gegangen ist? Ich muß unterdessen diese gesegneten Werkzeuge unserer Befreiung einölen. Muth und Standhaftigkeit! und Alles wird gut gehen, vorausgesetzt, daß unsere Freunde am Lande nicht verfehlen, das Boot zu schicken, von dem Ihr gesprochen habt.«

»Seid ihrethalben außer Sorgen,« erwiderte Katharine. »Sie sind treu wie Gold. Wenn nur unsere theure Gebieterin ihren königlichen Muth bewahrt.«

»Zweifle daran nicht, Katharine,« sprach die Königin. »Vor einigen Augenblicken war ich niedergedrückt, aber ich habe den frischen Muth früherer fröhlicher Tage in mir wiedererweckt, jener Tage, in welchen ich mit den Großen meines Reichs zu Felde zog und wünschte ein Mann zu sein, um zu versuchen, wie es sich unter freiem Himmel lebt mit Schwert und Schild, Jacke und Sturmhaube.«

»Die Lerche führt kein lustigeres Leben und singt kein heitereres, lustigeres Lied als der fröhliche Kriegsmann,« erwiderte Katharine. »Bald soll Ew. Durchlaucht sich in der Mitte solcher Männer sehen, und der Anblick einer solchen Königin wird sie so begeistern, daß jeder derselben in der Stunde der Noth für Drei gerechnet werden darf. Aber ich muß an mein Geschäft.«

»Wir haben nur wenig Zeit,« bemerkte die Königin. »Eins der zwei Lichter im Häuschen ist ausgelöscht, zum Zeichen, daß das Boot abgefahren ist.«

»Sie werden langsam oder, wo es die Tiefe zuläßt, nur auf einer Seite rudern,« sprach Roland. –

»Nun, Jedes von uns an sein Geschäft. Ich will mit dem Pater Rücksprache nehmen.«

In der stillen Mitternachtsstunde, als tiefes Schweigen in der Burg herrschte, steckte Roland den Schlüssel in das Schloß der in den Garten führenden Schlupfpforte unten an der Treppe, die zu den Gemächern der Königin führte.

»Jetzt dreh' dich glatt und sanft, guter Riegel, wenn je Oel alten Rost erweichen kann!« sprach der Jüngling, und seine Vorsorge hatte solchen Erfolg, daß der Riegel fast lautlos zurückging. Er wagte nicht, die Schwelle zu überschreiten, sondern fragte von seinem Platz aus den Abt, ob das Boot bereit sei?

»Seit einer halben Stunde,« antwortete die Schildwache. »Es liegt unter der Mauer, zu dicht am Ufer, als daß der Wärter es sehen könnte. Aber ich fürchte, es wird schwerlich bei der Abfahrt seiner Aufmerksamkeit entgehen.«

»Die Dunkelheit,« entgegnete der Kammerjunker, »und unser Schweigen sollten es möglich machen, daß es unbemerkt abfährt, wie es gekommen ist. Hildebrand hat den Posten auf dem Thurme, und das ist ein duseliger Kerl, der meint, nichts Besseres für den Kopf auf einer Nachtwache, als eine Kanne gutes Bier. Ich wette, er schläft.«

»So bringt denn die Königin und die Frauen herunter,« sprach der Abt. »Ich will Heinrich Seyton rufen, daß er sie nach dem Boote führen hilft.«

Auf den Zehen, mit lautlosem Schritte und angehaltenem Athem, zitternd bei jedem Geräusche ihrer Kleider, schlüpften die schönen Gefangenen, Eine nach der Andern, unter Rolands Führung die Wendeltreppe hinab und wurden an der Schlupfpforte von Heinrich Seyton und dem Geistlichen in Empfang genommen. Heinrich nahm jetzt die Leitung der Unternehmung in seine Hände.

»Gnädiger Herr Abt,« sprach er, »gebt meiner Schwester den Arm; ich will die Königin führen, und dieser junge Mensch wird die Ehre haben, der gnädigen Frau Fleming als Wegweiser zu dienen.«

Es war nicht die Zeit, gegen diese Anordnungen Einwendungen zu machen, obwohl sie nicht so war, wie Roland sie wünschte. Katharine Seyton, welche den Gartenpfad sehr wohl kannte, trippelte voran wie eine Sylphe, mehr den Abt führend, als von ihm Beistand empfangend. Die Königin deren natürlicher Muth die Oberhand behielt über weibliche Furcht und tausend schmerzliche Erinnerungen, schritt, unterstützt von Heinrich Seyton, rüstig vorwärts. Frau Fleming machte mit ihrer Angst und ihrer Unbeholfenheit dem Kammerjunker viel zu schaffen, der über dem noch unter dem einen Arme ein der Königin gehöriges Päckchen trug.

Die Gartenthür, welche zum Ufer führte, ging auf mit einem der Schlüssel, jedoch erst nachdem Roland es mit mehren versucht hatte – eine Minute banger Ungeduld. Von der Gartenthür aus wurden die Frauen an den See theils geführt, theils getragen zu dem sie erwartenden Boote, in welchem die sechs Ruderer, um unentdeckt zu bleiben, auf dem Boden lagen. Heinrich Seyton setzte die Königin in das Gatt; der Abt wollte Katharinen an Bord helfen, allein ehe er sein Erbieten aussprechen konnte, saß sie schon neben der Königin.

Roland wollte eben die Frau Fleming hineinheben, als er plötzlich ausrief: »Vergessen! Wartet nur eine halbe Minute!« –

Die hülflose Kammerfrau loslassen, das Päckchen der Königin in's Boot werfen und mit der geräuschlosen Eile eines Vogels durch die Gartenthür verschwinden, war das Werk eines Augenblicks.

»Bei Gott, er ist am Ende treulos!« sprach Heinrich, »Ich habe es immer gefürchtet.«

»Er ist so treu wie Gott selber, dafür bürge ich,« entgegnete Katharine.

»Schweig, Kammerkätzchen! aus Scham, wenn nicht aus Scheu,« versetzte ihr Bruder. –

»Bursche, stoßt ab und rudert um Euer Lehen!«

»Helft mir! Helft mir an Bord!« rief die verlassene Frau Fleming lauter als die Klugheit verstattete.

»Stoßt ab!! stoßt ab!« rief Heinrich. »Laßt Alles im Stich, wenn nur die Königin in Sicherheit ist.«

»Wollt Ihr das zugeben, Madame?« sprach Katharine im flehenden Tone. »Ihr gebt Euren Befreier dem Tode preis.«

»Nein,« antwortete die Königin. – »Seyton, ich befehle dir, auf jede Gefahr hin zu warten.«

»Verzeiht, Madame, wenn ich nicht gehorche,« entgegnete der starrköpfige junge Mensch, hob Frau Fleming mit einer Hand in das Boot und begann selber abzudrücken.

Das Boot war zwei Klafter vom Lande und die Ruderer wandten es eben, als Roland am Ufer erschien und mit einem gewaltigen Sprunge im Boote war, den Heinrich Seyton umwerfend, auf den er herabfiel. Der junge Mensch murmelte einen grimmigen Fluch, und hielt den Kammerjunker fest, als derselbe nach dem Gatt zu gehen wollte.

»Euer Platz,« sagte er, »ist nicht bei hochgebornen Damen; bleibt am Vordertheile und haltet den Kahn im Gleichgewicht – Jetzt, vorwärts! Vorwärts für Gott und die Königin!«

Die Ruderer gehorchten und arbeiteten aus Leibeskräften.

»Warum habt Ihr nicht die Ruder umwickelt?« fragte Roland. »Das Plätschern muß den Wärter aufwecken. Rudert Jungen, und macht, daß wir aus der Schußweite kommen. Hätte nicht der alte Hildebrand Mohnsuppe zum Abendessen gehabt, so hätte schon dies Geflüster ihn aufwecken müssen.«

»Niemand ist Schuld, als du mit deinem Aufenthalt,« versetzte Seyton. »Ich werde seiner Zeit darüber und über andere Dinge ein Wort mit mir reden.«

Ehe Roland auf diesen Vorwurf und diese Drohung erwidern konnte, ward seine Befürchtung gerechtfertigt. Der Wärter, dessen Schlummer durch das Flüstern nicht gestört worden war, erwachte bei dem heftigen Plätschern der Ruder, und rief: »Ein Boot! ein Boot! Heran, oder ich schieße!« Und als sie weiter ruderten, rief er: »Verrath! Verrath!« zog die Burgglocke und feuerte seinen Doppelhaken ab. Bei dem Blitz und Knall der Büchse drängten sich die Frauen wie aufgejagte Vögel zusammen, während die Männer die Ruderer zur größten Anstrengung trieben. Noch mehr als eine Kugel pfiff nicht weit von ihnen über den See, und an den Lichtern, welche wie Meteore von Fenster zu Fenster schimmerten, sah man, daß das ganze Schloß auf den Beinen war.

»Rudert zu!« schrie Seyton abermals, »oder ich will Euch mit dem Dolch anspornen. Den Augenblick werden sie uns ein Boot nach enden.«

»Dafür ist gesorgt,« sprach Roland. »Ich habe Thür und Thor verschlossen, als ich zurücklief. Heute Nacht geht kein Boot von der Insel ab, wofern Thüren von gutem Eichenholz und eiserne Riegel Männer in Mauern festhalten können. – Und nun lege ich mein Amt als Schließer von Lochleven nieder und gebe die Schlüssel dem Nix zur Bewahrung.«

Als die schweren Schlüssel in den See plumpten, rief der Abt, welcher bisher eifrig gebetet hatte: »Gottes Segen über dich, mein Sohn! Deine Besonnenheit beschämt uns Alle.«

»Ja,« sprach Maria, freier athmend, da sie jetzt aus der Schußweite der Handbüchsen heraus waren, »ich wußte, daß mein Knappe treu, gewandt und scharfblickend ist. Er muß gut Freund werden mit meinen nicht minder treuen Rittern Douglas und Seyton. – Aber wo ist Douglas?«

»Hier, Madame,« antwortete die tiefe, schwermüthige Stimme des ihr zunächst sitzenden Bootsmannes, der die Stelle des Steuermanns versah.

»Ach! waret Ihr es, der sich vor mich beugte, als die Kugeln um uns regneten?« sagte die Königin.

»Glaubt Ihr,« entgegnete er leise, »daß Douglas einem Andern das Geschäft überlassen würde, das Leben seiner Königin mit seinem eigenen zu beschützen?«

Hier ward das Gespräch unterbrochen durch einige Falkonetschüsse von der Burg. Da dieselben auf gut Glück abgefeuert waren, trafen sie nicht; aber der stärkere Blitz, der dumpfere Knall und der lautere Widerhall vom Benarty erschreckte die befreiten Gefangenen so, daß sie verstummten. Erst als das Boot bei einer kunstlosen Anlände vor einem weitläufigen Garten anhielt, wagten sie wieder zu sprechen.

Sie landeten, und während der Abt mit lauter Stimme Gott pries, der ihre Unternehmung bis dahin begünstigt hatte, machte sich Douglas des schönsten Lohnes für ein verzweifeltes Wagstück theilhaftig, indem er die Königin in die Wohnung des Gärtners führte. Maria aber vergaß selbst in diesem Augenblicke des Schreckens und der Erschöpfung ihren treuen Roland nicht, und befahl dem jungen Seyton ausdrücklich, der Frau Fleming den Arm zu geben, worauf Katharine ungeheißen den Arm des Kammerjunkers nahm. Heinrich Seyton überließ jedoch die Kammerfrau sofort der Obsorge des Abtes mit der Erklärung, daß er die Pferde herbeibringen müsse. Seine Diener zogen ihre Bootsmäntel aus und eilten, ihm bei diesem Geschäft zur Hand zu gehen.

Während Maria in dem Häuschen des Gärtners die wenigen Minuten zubrachte, welche sie warten mußte, bis die Pferde herbeigeführt waren, bemerkte sie in einem Winkel den Greis, welchem der Garten gehörte, und rief ihn zu sich. Der Alte näherte sich, wie es schien, ungern.

»Wie, Bruder?« sprach der Abt; »seid Ihr so langsam, Eure königliche Gebieterin in der Freiheit zu bewillkommnen?«

Der Greis stattete ihr in wohlgesetzter Rede seinen Glückwunsch ab. Die Königin dankte ihm aufs Verbindlichste und fügte hinzu:

»Es gebührt sich, daß Wir Euch augenblicklich eine Belohnung für Eure Treue anbieten, denn Wir wissen wohl, daß Euer Haus lange der Zufluchtsort Unserer treuen Diener gewesen ist, wo sie die Mittel zu Unserer Befreiung verabredeten.«

Mit diesen Worten bot sie ihm Gold an und bemerkte: »Wir wollen später Eure Dienste noch weiter berücksichtigen.«

»Kniee nieder, Bruder,« rief der Abt ihm zu, »kniee augenblicklich nieder und danke Ihro Durchlaucht für Dero Gnade.«

»Lieber Bruder,« entgegnete der Gärtner empfindlich, »du hast seiner Zeit ein Paar Stufen tiefer gestanden als ich, und bist noch immer viele Jahre jünger. Laß mich meine Erkenntlichkeit in meiner Weise aussprechen. Vor mir haben einst Königinnen geknieet, und meine Kniee sind zu alt und steif, selbst um sich vor dieser liebenswürdigen Frau zu beugen. – Wenn Euer Durchlaucht Diener mein Haus eingenommen haben, so daß ich es nicht mein nennen konnte, wenn sie bei ihrem mitternächtlichen Kommen und Gehen meine Blumen zertreten und durch Einreiten mit ihren Streitrossen die Hoffnungen für den Herbst zerstört haben, so erbitte ich mir zum Lohne dafür lediglich und allein, daß Ew. Durchlaucht Ihren Wohnsitz so weit wie möglich von mir entfernt wählen möge. Ich bin ein alter Mann und möchte gern so gemächlich wie möglich meinem Grabe zukriechen in Friede, Verträglichkeit und stiller Arbeitsamkeit.«

»Ich verspreche Euch aufrichtig, guter Mann,« erwiderte die Königin, »daß ich die Burg dort drüben nicht wieder zu meiner Residenz machen will, wenn ich irgend umhin kann. Aber nehmt dies Geld von mir an, es wird einigen Ersatz gewähren für die Verwüstung, die wir in Eurem Frucht- und Blumengärtchen angerichtet haben.«

»Ich danke Ew. Durchlaucht,« antwortete der Greis, »aber dies Geld kann mir schlechterdings keinen Ersatz gewähren. Die zerstörte Arbeit eines Jahres läßt sich nicht so leicht Dem ersetzen, welcher vielleicht nur noch dies eine Jahr zu leben hat. Ueberdies ist mir gesagt worden, daß ich diesen Ort verlassen und in meinen alten Tagen den Wanderstab ergreifen muß, – ich, der ich Nichts habe, als diese Obstbäume und ein Paar alte Pergamente und unbedeutende Familiengeheimnisse. Hätte ich das Geld geliebt, dann hätte ich infulirter Abt von St. Marien bleiben können – doch wer weiß –wenn Abt Bonifacius Nichts weiter mehr ist, als der arme Bauer Blinkhoolie, so ist sein Nachfolger Abt Ambrosius noch schlimmer verwandelt in einen Schwert- und Schildträger.«

»Ah! Ist das wirklich der Abt Bonifacius, von welchem ich gehört habe?« sprach die Königin. »Allerdings wäre es an mir gewesen, das Knie vor Euch zu beugen, um Euren Segen zu erhalten, guter Vater.«

»Beugt vor mir nicht das Knie, gnädige Frau! Der Segen eines alten Mannes, welcher nicht mehr Abt ist, folge Euch über Berg und Thal. Ich höre das Stampfen Eurer Rosse.«

»Lebt wohl, Vater,« sprach die Königin. »Wenn Wir wieder Unseren Sitz zu Holyrood eingenommen haben, wollen wir weder Euch noch Euren beschädigten Garten vergessen.

»Vergeßt uns Beide,« sprach der Ex-Abt, »und Gott sei mit Euch!«

Als die Gesellschaft eilig das Haus verlassen hatte, hörte man, wie der Alte für sich sprach und brummte, und eilig hinter ihnen Riegel und Querstange vorschob.

»Die Rache der Douglasie wird den armen Greis treffen,« bemerkte die Königin. »Gott steh' mir bei! ich bringe Jeden ins Verderben, dem ich nahe komme!«

»Für seine Sicherheit ist gesorgt,« erwiderte Seyton. »Er darf nicht hier bleiben; er soll heimlich an einen sichereren Platz gebracht werden. Aber ich wollte, Ew. Durchlaucht wäre im Sattel. Zu Roß! Zu Roß!«

Die Gesellschaft Seytons und Douglas' war jetzt durch die Diener, welche bei den Pferden geblieben waren, auf zehn Mann angewachsen. Die Königin, ihre Kammerfrauen und die Uebrigen, welche mit im Boote gewesen waren, saßen augenblicklich auf, und beeilten sich, von Kinroß wegzukommen, welches durch das Schießen von der Burg in Bewegung gebracht war. Douglas, als Führer, brachte sie schnell ins freie Feld, und nun ritten sie so scharf zu, als es möglich war, ohne auseinander zu kommen.

 

Anmerkung zum Kapitel:

Die Aeußerung der Königin im letzten Gespräch zu Lochleven – unmittelbar vor der Flucht – stimmt zu den Berichten des englischen Gesandten Randolph an Cecil. Ueber ihr Verhalten bei dem gefährlichen Zug nach Aberdeenshire drückt er sich folgendermaßen aus:

»Ich versichere Ew. Gestrengen, daß ich bei all diesem Durcheinander die Königin so heiter, wie nur je, und nie niedergeschlagen gesehen habe. Nie hätte ich ihr den Muth zugetraut, den ich hier bei ihr gefunden habe. Als die großen Herren und Andere zu Inverneß des Morgens von der Wache kamen, bedauerte sie nur, daß sie kein Mann wäre, um zu erfahren, wie es thue, die ganze Nacht im Freien zu liegen oder auf der Heerstraße einherzuziehen mit Jacke, glasgower Schild, Sturmhaube und Schwert.« – Randolph an Cecil, 18. Sept. 1562.

Der Schreiber des Obigen scheint dieselbe Ansicht, wie sie im Text Katharine Seyton ausspricht, von dem Eindruck gehabt zu haben, welchen die Anwesenheit der Königin auf ihre bewaffneten Unterthanen hervorbringen müßte.

»Da dachten wir: heute oder nie müssen wir fechten. Ew. Gestrengen kann leicht denken, welche Streiche da geführt worden wären, wo Jedermann hätte kämpfen müssen vor den Augen einer so herrlichen Königin und so vieler schönen Frauen, welche die Feinde uns aus den Händen reißen wollten, und die wir uns nicht nehmen lassen durften, wollten wir unsere Ehre retten.« – Brief vom 24. Sept. 1562.

Bekanntlich ist die Flucht der Königin Maria aus Lochleven durch Georg Douglas, jüngsten Bruder des Burgherrn, Ritters Wilhelm Douglas, bewerkstelligt worden. Die einzelnen Umstände dieser Begebenheit sind vielfach verwirrt worden, weil zwei der mitwirkenden Personen denselben Namen trugen. Es gilt als ausgemacht, daß Georg Douglas sich zur Beförderung von Mariens Flucht durch die ehrgeizige Hoffnung verleiten ließ, mit solchem Dienst ihre Hand zu verdienen. Sein Vorhaben ward von seinem Bruder, Herrn Wilhelm, entdeckt, und er wurde aus der Burg ausgetrieben. Fortwährend indeß streifte er in der Nachbarschaft umher und unterhielt einen Briefwechsel mit der gefangenen Königin und mit Andern in der Burg.

Dürfen wir dem englischen Gesandten Drury glauben, so war die Königin dankbar gegen Georg Douglas und schlug sogar eine Heirath mit ihm vor. Dieser Vorschlag konnte indeß kaum ernstlich gemeint sein, da sie noch Bothwells Gemahlin war, und wenn er wirklich gemacht worden ist, so möchte es geschehen sein, um dem Ehrgeiz des Reichsverwesers Murray, leiblichen Bruders von Douglas, zu schmeicheln.

Der Vorschlag, wenn er überhaupt im Ernst gemacht worden ist, wurde sicher als unzulässig von der Hand gewiesen, und Maria wandte sich wieder ihrem Fluchtplan zu. Ihr erster Versuch, welcher mißlang, hat einige malerische Einzelnheiten, die mit Glück in einem Roman hätten benutzt werden können. Drury schickte an Cecil folgenden Bericht darüber:

»Späterhin aber, am 25. v. M. – April 1567 – unternahm sie eine Flucht, welche ihr beinahe gelungen wäre, indem ihr ihre Gewohnheit, lange im Bett zu liegen, dabei zu Statten kam. Die Art und Weise war folgende. Die Wäscherin kommt früh am Tag zu ihr. Die Königin setzt die Haube derselben auf, nimmt ihren Waschbündel und kommt so unerkannt – denn ihr Gesicht war größtentheils durch das Kinntuch verhüllt – zum Thor hinaus in das Boot. Unterwegs auf dem See sagt einer der Ruderer: ›Laß doch sehen, was das für eine Art Dame ist,‹ und will ihr das Kinntuch herunterziehen. Sie, um dies zu verhindern, hob die Hände in die Höhe. Den Ruderern fiel sogleich die Zartheit und Weiße derselben auf und führte sie auf die Vermuthung, wen sie im Boot hätten. Sie drückten ihr Erstaunen aus. Die Königin, ohne über die Entdeckung bestürzt zu werden, gebot ihnen, so lieb ihnen ihr Leben sei, sie hinüber nach Kinroß zu rudern. Allein die Ruderer achteten diese Drohung nicht, sondern ruderten sie zurück, versprachen ihr aber, die Sache geheim zu halten, namentlich vor dem Burgherrn, von welchem sie bewacht wird. Vermuthlich wußte sie, wo sie Zuflucht finden würde, wenn sie einmal am Lande wäre, denn in der Gegend des Dörfchens Kinroß dicht am See hielten sich und halten sich noch immer auf Georg Douglas, ein gewisser Sempil und ein gewisser Beton, beide Letztere ehedem ihre vertrauten Diener und, wie man sieht, ihr noch immer zugethan.« – Siehe des Bischofs Keith politische und Kirchengeschichte von Schottland. S. 490.
Dieser mißlungene Versuch, dessen die Geschichtschreiber selten erwähnen, hielt die Königin nicht ab, neue zu wagen. In der Burg Lochleven war ein achtzehnjähriger Jüngling Namens Wilhelm Douglas, vermuthlich ein Verwandter des Burgherrn. Er zeigte sich den Bitten und Verheißungen Mariens eben so zugänglich, wie Georg Douglas, der Bruder seines Herrn. Dieser Wilhelm – und nicht, wie es gewöhnlich heißt, jener Georg – stahl die Schlüssel von dem Tische, auf welchem sie lagen, während sein Herr beim Abendessen war. Er ließ die Königin und eine Kammerfrau aus dem Gemach, in welchem sie eingeschlossen waren, und dann aus dem Schloß hinaus, schiffte sich mit ihnen auf einem Nachen ein und ruderte sie an's Land. Um augenblickliche Verfolgung zu verhin dern, hatte er das eiserne Thor zugeschlossen und sodann die Schlüssel in den See geworfen. Am Ufer fanden sie zunächst den Georg Douglas und den Diener der Königin, Beton, weiterhin den Freiherrn von Seyton und den Jakob Hamilton von Orbiestone an der Spitze einer treuen Schaar. und mit diesen flohen sie nach Schloß Niddrie und von da nach Hamilton.

Geschichte und Ueberlieferung verwechseln die beiden Douglase und schreiben dem Georg das Verdienst zu, welches dem Wilhelm gebührt. Letzterer heißt gewöhnlich der kleine Douglas entweder wegen seiner Jugend oder wegen seiner unansehnlichen Gestalt. Der Leser wird gefunden haben, daß die Rolle dieses kleinen Douglas im Roman dem Roland Graeme übertragen ist.
In jedem anderen Falle würde es langweilig sein, in einem der Unterhaltung gewidmeten Buche solche geschichtliche Einzelnheiten nachzuweisen. – Allein das allgemeine Interesse an dem Schicksal der Königin Maria macht Alles, was mit ihrem Mißgeschick in Verbindung steht, der Erwähnung werth.

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