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Der Abt

Walter Scott: Der Abt - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Scott
titleDer Abt
publisherHoffmann'sche Verlagsbuchhandlung
printrunZweite vermehrte Auflage
firstpub1841
year1851
translatorFriedrich Funck
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20160427
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Vierunddreißigstes Kapitel.

Ei, Pedro! Kommt Ihr her mit Mask' und Leuchte,
Strickleiter und mit anderm Mondschein-Werkzeug?
Wohl, Bürschlein, magst du die Duenna täuschen,
Mit Lob die Magd, mit Gold den Knecht gewinnen.
Doch merke, ich, ihr Vater, spiel' den Greif,
Schlaflos, nicht zu bestechen noch zu täuschen,
Und wahre sorgsam ihrer Schönheit Hort.

Der spanische Vater.

Der Verlauf unserer Geschichte führt uns zurück auf die Burg Lochleven, wo wir den Faden der Erzählung wieder an dem Tage anknüpfen, wo Dryfesdale fortgeschickt worden war. Es war zwölf Uhr durch, die gewöhnliche Stunde des Mittagsmahls; aber man sah noch keine Anstalten, die Tafel der Königin zu bestellen. Maria hatte sich in ihr Schlafgemach zurückgezogen, wo sie sich mit Schreiben beschäftigte. Ihre Dienerschaft war beisammen in dem Wohnzimmer und stellte Betrachtungen an über das Ausbleiben der Mahlzeit. Man muß sich erinnern, daß sie nicht zum Frühstücken gekommen waren.

»Ich glaube wirklich,« sagte der Kammerjunker, »da ihnen der Vergiftungsplan mißlungen ist, indem sie zu dem unrechten Krämer um ihre tödtliche Waare gingen, so wollen sie jetzt versuchen, welche Wirkung der Hunger bei uns thun wird.«

Frau Fleming wurde durch diese Vermuthung in einige Unruhe versetzt, doch tröstete sie sich mit der Bemerkung, daß der Schornstein der Küche den ganzen Tag in einer Weise geraucht habe, welche dieser Annahme widersprach. – Gleich darauf rief Katharine Seyton:

»Eben tragen sie die Schüsseln durch den Hof. Frau von Lochleven geht selber voran in ihrem höchsten und steifsten Kragen, darunter eine Krause von Flor, in Florärmeln und in ihrem ungeheuren altmodischen Wulstkleide von karmesinrothem Sammet.«

»Auf mein Wort,« sprach der Kammerjunker, indem er ebenfalls ans Fenster trat, »ich glaube, das ist der nämliche Wulstrock, in welchem sie das Herz des sanften Königs Jokel fesselte, was unsere arme Königin mit einem Bruder beglückt hat.«

»Das kann nicht wohl sein, Junker Roland,« bemerkte Frau Fleming, welche eine lebendige Modenchronik war. »Die Wulstkleider sind erst damals aufgekommen, als die Königin Regentin nach der Schlacht bei Pinkie sich nach S. Andrews begab. Man nannte sie damals Vertugardins – –«

Sie würde in dieser wichtigen Auseinandersetzung weiter fortgefahren haben, allein sie ward unterbrochen durch das Eintreten der Frau von Lochleven, welche vor den Dienern mit den Schüsseln und Tellern vorherging und mit aller Förmlichkeit jedes Gericht vorkostete. Frau Fleming bedauerte in wohlgesetzter Rede, daß Frau von Lochleven sich mit einem so beschwerlichen Geschäfte beladen habe.

»Madame,« erwiderte die Burgfrau, »nach dem sonderbaren Vorfalle von heute erheischt es meine und meines Sohnes Ehre, daß ich von Allem koste, was meinem Zwangsgaste dargeboten wird. Habt die Güte der Frau Maria zu vermelden, daß ich ihrer Befehle warte.«

»Ihrer Majestät,« erwiderte Frau Fleming mit gebührendem Nachdruck auf dem Worte, »soll vermeldet werden, daß Frau von Lochleven wartet.«

Maria erschien augenblicklich und redete ihre Hauswirthin mit Höflichkeit, ja fast mit Herzlichkeit an.

»Das heißt edel gehandelt, Frau von Lochleven, denn obwohl Wir selber keine Gefahr unter Eurem Dache befürchten, so sind doch Unsere Frauen durch den Vorfall von heute Morgen sehr erschreckt worden, und Unsere Mahlzeit wird um so heiterer sein durch Eure Anwesenheit und durch das Vertrauen, welches dieselbe einflößt. Habt die Güte, Platz zu nehmen.«

Frau von Lochleven gehorchte dem Befehle der Königin, und Roland versah wie gewöhnlich das Geschäft des Vorschneiders und Dieners. Allein ungeachtet dessen, was die Königin gesagt hatte, war das Mahl schweigsam und ungemüthlich. Jeder Versuch Mariens, ein Gespräch anzuknüpfen, er starb unter den abgemessenen kalten Antworten der Burgfrau. Man bemerkte endlich, daß die Königin, welche diese annähernden Schritte als eine Herablassung ansah und sich mit Recht Etwas auf ihre Gabe, zu gefallen, einbildete, sich durch das abstoßende Benehmen der Frau Wirthin verletzt fühlte. Nach einem bedeutsamen Blicke auf Frau Fleming und auf Katharinen zuckte sie die Achseln und schwieg. Es erfolgte eine Pause.

Endlich sprach Frau Douglas: »Ich fühle, Madame, daß ich die Heiterkeit dieser schönen Gesellschaft störe. Ich bitte, mich zu entschuldigen. Ich bin Wittwe, hier allein mit einem gefährlichen Auftrag, im Stich gelassen von meinem Enkel, verrathen von meinem Diener. – Ich bin wenig der Gnade werth, welche Ihr mir erweiset, indem Ihr mir einen Sitz an Eurer Tafel anbietet, wo man, wie ich sehe, in der Regel Witz und Kurzweil von den Gästen erwartet.«

»Wenn Frau von Lochleven ernsthaft ist,« versetzte die Königin, »so wundern Wir Uns, wie sie so naiv sein mag, zu erwarten, daß Unser gegenwärtiges Mahl mit Heiterkeit gewürzt sei. Wenn sie Wittwe ist, so lebt sie dafür auch geehrt und als unumschränkte Gebieterin im Hause ihres verstorbenen Gemahls. Ich kenne eine verwittwete Frau, vor welcher man die Worte verlassen und verrathen nie aussprechen sollte, da Niemand auf eine so herbe Weise ihre Bedeutung kennen gelernt hat.«

»Meine Absicht war nicht, Madame, Euch an Euer Mißgeschick zu erinnern, indem ich des meinigen Erwähnung that,« antwortete die Burgfrau, und abermals erfolgte tiefes Schweigen.

Endlich redete Maria die Frau Fleming an. »Wir können hier keine Todsünde begehen, ma bonne, wo wir so wohl bewahrt und bewacht werden. Wenn wir es aber könnten, würde dies karthäusermäßige Stillschweigen als eine Art von Buße dafür dienen können. Wenn du meinen Schleier falsch gesteckt hast, Fleming, oder wenn Katharine in ihrer Stickerei einen falschen Stich gemacht hat, indem sie an etwas Anderes dachte, oder wenn Roland Graeme eine wilde Ente im Flug verfehlt oder eine Rautenscheibe im Thurmfenster zerbrochen hat, wie es ihm vorige Woche begegnet ist, dann habt ihr jetzt Zeit, an eure Sünden zu denken und sie zu bereuen.«

»Madame,« nahm die Burgfrau das Wort, »ich spreche mit aller Ehrerbietung. Aber ich bin alt und nehme das Vorrecht des Alters in Anspruch. Mich dünkt, Eure Diener möchten passendere Gegenstände der Reue finden, als die Kleinigkeiten, welche Ihr erwähnt und so erwähnt – ich bitte nochmals um Verzeihung – als ob Ihr mit Sünde und Reue Scherz triebet.«

»Ihr seid Unsere Vorkosterin gewesen, Frau von Lochleven,« versetzte die Königin, »und ich merke, Ihr möchtet damit noch weiter das Amt Unseres Beichtvaters verbinden. Da Ihr wollt, daß unser Gespräch ernsthaft sein soll, dürft' ich da wohl fragen, warum das Versprechen des Regenten – wie er sich nennt – in dieser Beziehung mir nicht gehalten worden ist? Von Zeit zu Zeit ist diese Zusage erneuert, aber immer gebrochen worden. Mich dünkt, Die, welche so viel Anspruch auf Würdigkeit und Heiligkeit machen, sollten Andern nicht die religiöse Hülfe entziehen, die ihr Gewissen erfordert.«

»Madame,« antwortete die Frau von Lochleven, »der Graf von Murray ist allerdings schwach genug gewesen, insoweit Euren unglückseligen Vorurtheilen nachzugeben, und in seinem Auftrage hat sich auch ein Mann des Papstes in Unserer Stadt Kinroß eingefunden. Allein der Douglas ist Herr in seiner Burg und wird nicht gestatten, daß auch nur für einen Augenblick ein Sendling des Bischofs von Rom den Fuß über seine Schwelle setzt.«

»Dann dünkt mich,« entgegnete die Königin, »es wäre gut, wenn der gnädige Herr Reichsverweser mich an einen Ort versetzte, wo weniger Bedenklichkeit herrscht und mehr Nächstenliebe.«

»In diesem Stück, Madame,« erwiderte die Burgfrau, »verkennt Ihr das Wesen der Nächstenliebe sowohl, wie der Religion. Die Nächstenliebe gibt den in der Fieberhitze Liegenden Arzneimittel, welche sie gesund machen können, nicht aber Leckereien und starke Getränke, welche, indem sie den Gaumen kitzeln, die Krankheit verschlimmern.«

»Diese Eure Nächstenliebe ist reine Grausamkeit, unter dem Deckmantel liebevoller Sorgfalt. Ich bin unterdrückt bei Euch, als ob Ihr es auf das Verderben von Leib und Seele bei mir abgesehen hättet. Aber der Himmel wird diese Bosheit nicht ewig dulden, und die, welche am eifrigsten sind, dieselbe zu üben, mögen ihren baldigen Lohn erwarten.«

In diesem Augenblicke trat Randal ein, mit so verstörter Miene, daß Frau Fleming einen Angstschrei ausstieß. Die Königin erschrak; die Burgfrau, zu unerschrocken und stolz, um deutliche Zeichen der Unruhe von sich zu geben, fragte hastig, was vorgegangen sei?

»Dryfesdale ist umgebracht,« lautete die Antwort. »So wie er den Fuß aufs Trockene gesetzt, hat ihn Junker Heinrich Seyton ermordet.«

Jetzt war an Katharinen die Reihe zu erschrecken und zu erbleichen. –

Hastig fragte die Burgfrau: »Ist der Mörder des Untergebenen des Douglas entkommen?«

»Es war Niemand da, der ihn heißen konnte stillstehen, als der alte Keltie und der Fuhrmann Auchtermuchty, und das sind nicht die Leute danach, einen der frachsten Frech, keck, kühn. Jungen seines Alters in Schottland festzuhalten, zumal da gewiß Freunde und Helfer in seiner Nähe waren.«

»Ist die That auch zur Vollendung gekommen?« fragte die Burgfrau.

»So, daß Nichts zu thun übrig blieb,« antwortete Randal. »Ein Seyton schlägt selten zwei Mal zu. Aber der Leichnam ist nicht beraubt worden, und Ew. Gestrengen Päckchen wird nach Edinburg besorgt durch Auchtermuchty, welcher morgen früh von Keltiebruck abfährt. Er hat zwei Flaschen Aquavit zu sich genommen, um sich die Angst aus dem Kopfe zu treiben, und schläft jetzt neben seinen Gäulen seinen Rausch aus.«

Tiefes Schweigen folgte auf diesen Bericht. Die Königin und Frau Douglas sahen einander an, als wollte jede von ihnen sich besinnen, wie sie den Vorfall am besten benutzen könnte bei dem Gekeife, welches immer zwischen ihnen im Gange war. Katharina Seyton hielt ihr Tuch vor die Augen und weinte.

»Da seht Ihr, Madame, die blutigen Grundsätze und die Handlungsweise der bethörten Papisten,« hob endlich die Frau von Lochleven an.

»Nein, Madame,« versetzte die Königin, »sagt lieber: Ihr seht das Gericht Gottes über einen calvinistischen Vergifter.«

»Dryfesdale gehörte weder zur Genfer noch zur schottischen Kirche,« beeilte sich Frau von Lochleven zu bemerken.

»Jedenfalls war er ein Ketzer,« versetzte Maria. »Es gibt nur einen wahren und untrüglichen Führer, die andern leiten alle irre.«

»Madame, ich hoffe, Ihr werdet Euch leichter in Eure Zurückgezogenheit finden, wenn Ihr an dieser That abnehmt, von welcher Gemüthsart Diejenigen sind, welche Euch in Freiheit wünschen. Blutdürstige Wütheriche und grausame Mörder sind sie alle von den Stämmen Ranald und Tosach im Norden bis zu den Fernieherst und Buccleich im Süden, den mörderischen Seytons im Osten und – –«

»Ich glaube, Madame, Ihr vergeßt, daß ich eine Seyton bin,« unterbrach die Katharine, indem sie das Tuch von ihrem Gesichte zurückzog und die Gluth des Unwillens auf demselben sehen ließ.

»Wenn ich es vergessen hätte, schöne Jungfer, so würde Euer vorlautes Benehmen mich daran erinnert haben,« entgegnete Frau von Lochleven.

»Wenn mein Bruder den Schurken erschlagen hat, der seine Königin und seine Schwester vergiften wollte,« sprach Katharine, »so bedaure ich nur, daß er dem Henker in's Amt gegriffen hat. Im Uebrigen hätte es der beste Douglas im Lande sein dürfen und es wäre eine Ehre für ihn gewesen, durch das Schwert eines Seyton zu fallen.«

»Vergnügten Nachmittag, muntere Jungfer,« sprach die Burgfrau aufstehend, um wegzugehen. »Mädchen wie Ihr verdrehen jungen Leuten den Kopf, daß sie in Saus und Braus dahin leben und zu blutigen Händeln geneigt sind. Denn junge Bursche können unmöglich sitzen bleiben, wo Aussicht ist, die Huld eines Dämchens zu gewinnen, die durchs Leben zu tanzen gedenkt, wie in einer französischen Gaillarde.« –

Dann machte sie ihre Verbeugung gegen die Königin und sprach: »Auch Euch, Madame, wünsch' ich vergnügten Nachmittag bis zum Nachtgeläute, wo ich so frei, wenn auch vielleicht nicht ganz willkommen sein werde, Euch bei der Abendmahlzeit meine Aufwartung zu machen. – Kommt mit mir, Randal, und erzählt mir das Nähere von dieser Blutthat.«

»Das ist ein sonderbarer Zufall,« nahm die Königin nach dem Abgange der Burgfrau das Wort. – »Ein so großer Schurke er auch war, wollte ich doch, es wäre ihm Zeit zur Buße geblieben. Wir wollen Etwas für seine Seele thun lassen, wenn Wir je Unsere Freiheit erlangen, und wenn die Kirche einem Ketzer solche Gnade verstattet. – Aber sage mir doch, Katharine, ma mignonne, ist dieser Bruder von dir, der nach dem Ausdrucke des Burschen so frach ist, dir immer noch so wunderbar ähnlich wie sonst?«

»Wenn Ew. Durchlaucht meint in Sinnesart, so könnt Ihr wohl selber beurtheilen, ob ich so frach bin, wie der Dienstmann ihn bezeichnet hat.«

»Nun, blöd bist du eben nicht,« erwiderte die Königin; »aber darum bist du doch nicht weniger mein Liebling, – Aber ich wollte sagen: gleicht dir dein Zwillingsbruder immer noch so sehr in Gestalt und Gesicht wie sonst? Ich weiß, deine gute Mutter führte mit als Grund an, warum sie dich für's Kloster bestimmt hatte, daß, wenn ihr Beide in der Welt wäret, sicherlich mancher tolle Streich deines Bruders auf deine Rechnung geschrieben werden würde.«

»Ich glaube, Madame,« sprach Katharine, »es gibt noch immer ungewöhnlich einfältige Leute, die kaum uns Beide unterscheiden können, besonders wenn mein Bruder zum Spaß sich als Mädchen verkleidet.«

Bei diesen Worten warf sie dem Kammerjunker einen flüchtigen Blick zu, der in Verbindung mit diesem Gespräche wie ein Lichtstrahl auf ihn wirkte, gleich dem, der durch die geöffnete Kerkerthür des zur Freiheit berufenen Gefangenen dringt.

»Es muß ein hübscher junger Herr sein, dieser Bruder von dir, wenn er dir so sehr gleicht,« fuhr die Königin fort. »Er war, glaub' ich, in den letzten Jahren in Frankreich, denn ich habe ihn in dieser Zeit nicht in Holyrood gesehen.«

»Gegen sein Aussehen hat man nie viel einzuwenden gefunden,« antwortete Katharine; »aber ich wünschte, er hätte weniger von dem hitzköpfigen Wesen, welches durch die schlimmen Zeiten bei unseren jungen Herren in Schwung gekommen ist. Gott weiß, ich habe Nichts dagegen, daß er im Kampfe für Ew. Durchlaucht sein Leben einsetzt, und ich liebe ihn der Bereitwilligkeit halber, mit welcher er für Eure Befreiung thätig ist. Aber wie mag er sich in Streit einlassen mit einem alten Spitzbuben von Dienstmann, und seinen Namen mit einer solchen Rauferei und seine Hände mit dem Blute eines gemeinen alten Schurken besudeln!«

»Sei ruhig, Katharine,« sprach die Königin, »du sollst mir meinen wackeren Ritter nicht durchhecheln. Mit Heinrich als meinem Ritter und mit Roland Graeme als meinem treuen Knappen komme ich mir vor wie eine Prinzessin im Romane, welche bald den Kerkern und Waffen aller verruchten Zauberer trotzen kann. – Aber der Kopf thut mir weh von der heutigen Aufregung. Hole mir La Mer des Histoires und fahre da fort, wo wir letzten Mittwoch stehen geblieben sind. – Unsere liebe Frau behüte deinen Kopf, Mädchen, oder vielmehr dein Herz! Ich habe von dir das Meer der Geschichten verlangt, und du hast La Chronique d'Amour gebracht!«

Auf dem Meere der Geschichten herumfahrend, arbeitete die Königin an ihrer Stickerei fort, während Frau Fleming und Katharine ihr zwei Stunden lang abwechselnd vorlasen.

Roland Graeme hatte vermuthlich seine Gedanken mehr auf Amors Chronik gerichtet, trotz dem Tadel, welchen die Königin über dieses Studium ausgesprochen zu haben schien. Es fielen ihm jetzt tausenderlei Eigenheiten der Stimme und der Manieren ein, an welchen er, wäre er weniger fest in seiner vorgefaßten Meinung gewesen, sehr wohl den Bruder von der Schwester hätte unterscheiden können. Er schämte sich, daß er, der die geringsten Eigenheiten in Katharinens Geberden, Worten und Manieren kannte, sich durch ihre Lebhaftigkeit und Ungezwungenheit verleiten lassen konnte, sie für fähig zu halten, den raschen Gang, den lauten Ton und die kecke Zuversicht anzunehmen, die zu ihres Bruders männlichem Charakter sehr wohl paßten. Wiederholt bemühte er sich, einen Blick Katharinens zu erhaschen, um zu ermessen, wie sie von ihm dächte, seitdem sie das Geheimniß offenbart hatte. Aber es gelang ihm nicht; denn entweder las sie, oder wenn sie es nicht that, schien sie den Thaten der deutschen Ritter gegen die Heiden von Esthland und Lievland so viel Aufmerksamkeit zuzuwenden, daß selbst nicht während einer Secunde ihr Auge dem seinigen begegnete.

Nach Beendigung der Vorlesung ging die Königin mit den Ihrigen in den Garten, und da Rolands Unruhe ihrem geübten Blicke nicht entgangen sein konnte, so verschaffte sie ihm wahrscheinlich absichtlich Gelegenheit, mit seiner Theuren zu reden. Sie gebot den jungen Leuten, sich in einiger Entfernung zu halten, und knüpfte mit Frau Fleming ein vertrautes Gespräch an, welches, wie wir von einer anderen Seite erfahren, sich um die Frage drehte, ob der steif stehende Kragen oder der Umlegkragen den Vorzug verdiene. Roland hätte der einfältigste unter allen jungen Liebhabern gewesen sein müssen, wenn er sich nicht bemüht hätte, diese Gelegenheit zu benutzen.

»Den ganzen Nachmittag,« begann er, »habe ich schon die Frage auf der Zunge, ob Ihr, schöne Katharine, mich nicht für einen mit Blindheit geschlagenen Narren gehalten habt, daß ich Euch und Euren Bruder mit einander verwechseln konnte?«

»Die Möglichkeit solcher Verwechselung,« antwortete Katharine, »ist eben kein glänzendes Zeugniß für die Feinheit meiner Manieren, da die eines wilden Jünglings so leicht für die meinigen gehalten werden konnten. Doch ich gedenke mit der Zeit weiser zu werden, und in dieser Absicht will ich nicht an Eure Thorheiten denken, sondern daran, wie ich die meinigen ablegen möge.«

»Letzteres wird das Leichtere sein,« erwiderte Roland.

»Das möchte ich nicht gerade behaupten,« sprach Katharine sehr ernst. »Ich fürchte, wir Beide haben unverzeihliche Narrenstreiche gemacht.«

»Ich bin verrückt gewesen,« entgegnete Roland, »unverzeihlich verrückt. Aber Ihr, liebenswürdige Katharine – –«

»Ich,« unterbrach ihn Katharine in demselben Tone ungewöhnlicher Ernsthaftigkeit, wie vorher, »ich habe Euch zu lange erlaubt, Euch solcher Ausdrücke gegen mich zu bedienen. Ich fürchte, ich darf es nicht länger gestatten, und ich tadle mich selber für den Schmerz, den dies Euch verursachen mag.«

»Was in aller Welt ist denn vorgefallen, daß unser Verhältniß zu einander sich so plötzlich umgestalten müßte, oder daß Ihr mit so unerwarteter Grausamkeit Euer ganzes Benehmen gegen mich ändern solltet?«

»Ich weiß es im Grunde selbst nicht recht,« antwortete das Fräulein, »wenn es nicht der Umstand ist, daß die Begebenheiten dieses Tages mir die Nothwendigkeit für uns Beide einleuchtend gemacht haben, uns einander ferner zu bleiben. Ein Zufall wie der, welcher Euch das Dasein meines Bruders verrathen hat, könnte zu Heinrichs Kunde bringen, auf welchen Fuß Ihr Euch mit mir gestellt habt, und leider läßt mich sein ganzes Benehmen und seine heutige That als dann das Schlimmste befürchten.«

»O schöne Katharine, seid unbesorgt in dieser Hinsicht. Gegen Gefahren dieser Art werde ich mich zu schützen wissen.«

»Das heißt, Ihr würdet Euch mit meinem Zwillingsbruder auf Tod und Leben schlagen, um zu zeigen, wie viel Ihr auf seine Schwester haltet. Ich habe die Königin in ihren trüben Stunden sagen hören, daß die Männer im Haß und in der Liebe die selbstsüchtigsten Geschöpfe sind, und Eure Sorglosigkeit in vorliegender Sache scheint diese Behauptung zu rechtfertigen. – Doch schlagt die Augen nicht so sehr nieder; Ihr seid nicht schlimmer als Andere.«

»Ihr thut mir Unrecht, Katharine,« erwiderte Roland. »Ich dachte nur daran, daß ich mit einem Schwert bedroht wäre, nicht aber daran, in wessen Hände Eure Phantasie dasselbe gelegt hatte. Wenn Euer Bruder mit demselben Gesicht, derselben Stimme, derselben Gestalt wie Ihr vor mir stände, das blanke Schwert in der Hand, dann könnte er eher mein Herzblut vergießen, als mich die Lust anwandelte, ihm Widerstand zu leisten.«

»Leider ist es nicht mein Bruder allein,« bemerkte sie weiter. »Ihr gedenkt nur der eigenthümlichen Umstände. unter welchen wir auf dem Fuße der Gleichheit, ich möchte fast sagen, der Vertraulichkeit zu einander gestanden haben. Ihr bedenkt nicht, daß, wenn ich in meines Vaters Haus zurückkehre, eine Kluft zwischen uns ist, über welche Ihr nur mit Lebensgefahr hinauskommen könnt. Eure einzige Verwandte, von der man weiß, hat sonderbare Eigenheiten und gehört einem friedlichen und gebrochenen Stamme an Gebrochen hieß ein Stamm ohne ein Haupt, das fähig gewesen wäre, das gesetzmäßig Verhalten desselben zu verbürgen – ein Stamm von Aechtern. Die Graemes aus dem Streitigen Land befanden sich in diesem Verhältniß.; im Uebrigen ist Eure Herkunft unbekannt. Verzeiht mir, daß ich die unleugbare Wahrheit sage.«

»Die Liebe, schöne Katharine, verachtet die Stammbäume,« erwiderte Roland Graeme.

»Die Liebe kann es, aber der Freiherr Seyton wird es nicht thun,« versetzte das Fräulein.

»Die Königin, meine und Eure Gebieterin, wird sich in's Mittel legen. O, stoßt mich nicht von Euch in dem Augenblicke, wo ich mich für ganz glücklich hielt! Habt Ihr nicht selber gesagt, Ihr und Sie würdet meine Schuldner werden, wenn ich ihr zur Freiheit verhelfe?«

»Ganz Schottland wird dann Euer Schuldner werden,« sprach Katharine. »Aber was die thatsächlichen Beweise unserer Dankbarkeit betrifft, so stehe ich, wie Ihr wißt, ganz unter der Gewalt meines Vaters, und die arme Königin wird vermuthlich für eine lange Zeit mehr von dem Belieben ihrer Großen abhängen, als Macht haben, sie zu zwingen.«

»Mag es sein,« entgegnete Roland. »Meine Thaten sollen selbst das Vorurtheil bezwingen. Es ist eine Zeit, wo sich die Kräfte regen, und ich will nicht faul sein. Der Ritter von Avenel, so hoch er jetzt auch steht, hat sich von einer eben so tiefen Stufe emporgeschwungen, wie die, auf welcher ich jetzt stehe.«

»Richtig!« antwortete Katharine. »So spricht der theure Ritter des Romans, der sich mit dem Schwerte den Weg bahnt durch Teufel und feurige Drachen zur gefangenen Fürstin.«

»Aber wenn ich die Fürstin in Freiheit setzen kann, so daß sie im Stande ist, nach eigener Wahl zu handeln, wen wird dann ihre Wahl treffen, theure Katharine?«

»Befreit die Fürstin von Banden, und sie wird es Euch sagen.«

Mit diesen Worten brach das Fräulein das Gespräch ab und eilte so plötzlich zur Königin, daß diese halblaut ausrief:

»Doch wohl nicht noch mehr schlimme Zeitungen? Doch wohl kein Zwiespalt in meiner Hofhaltung?«

Als sie aber Katharinens erröthende Wangen und Rolands freudetrunkenen Blick sah, fügte sie hinzu:

»Nein, nein; ich sehe, Alles steht gut. Ma petite mignonne, gehe auf mein Zimmer und hole mir – warte – ja, hole mir mein Bisambüchschen.«

Nachdem sie so ihre Dienerin entfernt hatte, um ihr Gelegenheit zu geben, ihre Verwirrung zu verbergen, nahm sie den Kammerjunker auf die Seite und sprach:

»Ich möchte an Euch und an Katharinen wenigstens zwei dankbare Unterthanen haben. Welcher Herrscher sollte so geneigt sein, treue Liebe zu unterstützen, wie Maria? – Ah! Ihr legt die Hand ans Schwert? Votre petite flamberge à rien für jetzt. Aber die nächste Zukunft wird zeigen, ob alle Betheurungen aufrichtig sind, die Uns gemacht werden. – Ich höre, in Kinroß wird zu Nacht geläutet. Wir müssen hinauf, die alte Dame hat versprochen, bei unserem Abendmahle wieder zugegen zu sein. Hätte ich nicht die Aussicht auf baldige Befreiung, dann würde ihre Gegenwart mich verrückt machen. Aber ich will Geduld haben.«

»Ich gestehe,« sprach Katharine, welche eben wieder heruntergekommen war, »ich möchte für einen Augenblick Heinrich und ein ganzer Mann sein – ich hätte große Lust, diesem Gebäck von Stolz, Förmlichkeit und Bosheit meinen Teller an den Kopf zu werfen!«

Frau Fleming tadelte ihre junge Freundin wegen dieses Ausbruches von Unmuth, die Königin lachte, und die kleine Gesellschaft ging hinauf in das Gesellschaftszimmer, wo gleich nach ihnen die Burgfrau sich mit dem Abendessen einstellte. Die Königin, fest in ihrem klugen Entschlusse, ertrug ihre Gegenwart mit Ruhe und Gleichmuth, bis ihre Geduld durch eine Neuerung auf die Probe gestellt ward, welche bisher nicht zu den Förmlichkeiten in der Burg gehört hatte. Nachdem nämlich die anderen Diener sich entfernt hatten, kam Randal in das Gemach mit den Schlüsseln der Burg, welche an einer Kette hingen, meldete, daß die Wachen ausgestellt und die Thore verschlossen seien, und überlieferte die Schlüssel ehrfurchtsvoll der Frau von Lochleven. Die Königin und ihre Frauen wechselten mit einander einen Blick der Ueberraschung, des Zornes und des Aergers, und Maria bemerkte mit lauter Stimme:

»Wir brauchen uns nicht über die geringe Größe Unseres Hofstaats zu beschweren, wenn Wir finden, daß Unsere Hauswirthin in eigener Person so viele Aemter desselben versieht. Außer ihren Stellen als Obersthofmeister und Großalmosenier hat sie heute Abend auch den Dienst als Hauptmann Unserer Schloßwache versehen.«

»Und wird es in Zukunft thun, Madame,« erwiderte Frau von Lochleven mit großem Ernst. »Die Geschichte Schottlands kann mich belehren, wie schlechte Geschäfte durch Bevollmächtigte verrichtet werden. Wir haben von Günstlingen aus neuerer Zeit und von ebenso wenig Werth gehört, als Oliver Sinclair Ein den Berichten nach unwürdiger Günstling Jakobs V. war.«

»O, Madame,« erwiderte die Königin, »mein Vater hatte eben so gut seine weiblichen, wie seine männlichen Günstlinge, z. B. die Damen Sandilands und Olifaunt Die Namen dieser Damen und einer dritten Liebschaft Jakobs sind in einem Epigramm enthalten, welches zu schlüpfrig ist, als daß es angeführt werden könnte. und noch einige andere, glaub' ich. Aber ihre Namen können nicht in dem Gedächtniß einer so ernsthaften Person haften, wie Ihr seid.«

Frau von Lochleven schoß einen Blick auf die Königin, als möchte sie dieselbe auf der Stelle umbringen. Aber sie that sich Gewalt an und entfernte sich ohne Erwiderung mit dem schweren Schlüsselbunde in der Hand.

»Gott sei gelobt für dieses Weibes jugendlichen Fehltritt!« sprach die Königin. »Hätte sie nicht diese schwache Seite, dann könnt' ich meine Worte vergebens an ihr verschwenden. Aber dieser Flecken ist das wahre Gegenstück zu dem Hexenzeichen. An ihm kann ich sie zum Fühlen bringen, während sie sonst überall unempfindlich ist. – Aber sagt an, Mädchen; hier ist eine neue Schwierigkeit. Wie ist diesen Schlüsseln beizukommen? Diesen Drachen kann man doch nicht berücken oder bestechen?«

»Dürfte ich mir die Frage erlauben,« nahm Roland das Wort, »ob Ew. Durchlaucht, wenn dieselbe außerhalb der Mauern dieser Burg wäre, Mittel zur Ueberfahrt nach dem Festlande und Schutz auf diesem finden könnte?«

»Verlaßt Euch darauf, Roland,« antwortete die Königin. »Was das betrifft, so ist unser Plan erträglich angelegt.«

»Nun denn, wenn Ew. Durchlaucht mir erlauben will, meine Meinung zu sagen, glaube ich in dieser Sache einigermaßen nützlich sein zu können.«

»Wie so, guter Junge? Sprich unverzagt.«

»Mein Dienstherr, der Ritter von Avenel, pflegte die in seinem Hause erzogene Jugend anzuhalten, sich mit dem Gebrauche der Axt und des Hammers vertraut zu machen und Zimmermanns- und Schmiedearbeit zu lernen. Er erzählte von alten nordischen Kämpen, die sich selber ihre Waffen schmiedeten, und von einem Hochländerhäuptling Donald man Ord oder Donald vom Hammer, den er selber kannte, und der mit einem schweren Hammer in jeder Hand auf dem Ambos zu arbeiten pflegte. Manche meinten, der Ritter preise diese Kunst, weil er von Bauern abstammt. Dem sei, wie ihm wolle, ich habe einige Uebung darin erlangt, wie Fräulein Katharine Seyton weiß, denn seitdem wir hier sind, hab' ich ihr eine silberne Busennadel gemacht.«

»Ja wohl,« bemerkte Katharine; »nur solltet Ihr Ihro Durchlaucht dabei sagen, wie Eure Arbeit so schlecht war, daß sie den nächsten Tag zerbrach, und ich sie wegwarf.«

»Glaubt es nicht, Roland,« sprach die Königin; »sie hat geweint, als die Nadel zerbrach, und die Stücke in ihren Busen gesteckt. Aber zu Eurem Plane. Wäret Ihr wohl im Stande, Nachschlüssel zu schmieden?«

»Nein, Madame, denn ich kenne das Eingerichte der Schlösser nicht. Aber ich getraue mir eine Anzahl Schlüssel zu machen, welche dem verhaßten Bund, das die Burgfrau so eben mitgenommen, dermaßen ähnlich sehen soll, daß sie, wofern eine Vertauschung möglich wäre, sich nicht träumen lassen sollte, sie hätte die unrechten.«

»Und die gute Dame ist, Gott sei Dank, etwas blind,« fügte die Königin hinzu. »Aber nun eine Schmiede, mein Junge, und die Möglichkeit, unbemerkt zu arbeiten?«

»Die Werkstätte des Waffenschmiedes, wo ich oft mit ihm gearbeitet habe, in dem runden Gewölbe unten im Thurme. Er ist zugleich mit dem Wärter fortgejagt worden, weil man ihn im Verdacht zu großer Anhänglichkeit an Georg Douglas hatte. Die Leute sind gewohnt, mich dort beschäftigt zu sehen, und ich will schon einen Vorwand finden, dafür, daß ich mir mit Blasebalg und Ambos zu schaffen mache.«

»Der Plan läßt sich hören,« sprach die Königin. »Frisch an's Werk, mein Junge, und nehmt Euch in Acht, daß man nicht entdeckt, was Ihr arbeitet.«

»Nein, ich will mir die Freiheit nehmen, gegen unverhoffte Besucher den Riegel vorzuschieben, so daß ich Zeit habe, meine Arbeit auf die Seite zu schaffen, ehe die Thür aufgemacht wird.«

»Wird nicht eben das Verdacht erregen an einem Orte, wo man schon so sehr dazu geneigt ist?« fragte Katharine.

»Durchaus nicht,« antwortete Roland. »Gregor der Waffenschmied und jeder ordentliche Hammermann schließt sich ein, wenn er an einem Meisterstück arbeitet. Uebrigens, gewagt muß Etwas werden.«

»Für heute gute Nacht, meine Kinder, und Gottes Segen über euch!« sprach die Königin. »Wenn je Maria wieder mit dem Kopfe über das Wasser kommt, sollt ihr Alle mit ihr emporkommen.«

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