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Der Abt

Walter Scott: Der Abt - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Scott
titleDer Abt
publisherHoffmann'sche Verlagsbuchhandlung
printrunZweite vermehrte Auflage
firstpub1841
year1851
translatorFriedrich Funck
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20160427
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Dreiunddreißigstes Kapitel.

Der Tod ist fern? – O nein! er ist stets bei uns,
Schwingt wider uns den Speer, was wir auch treiben.
Im Becher lauert er beim frohen Mahl,
Am Siechbett sitzt er, spottend der Arznei.
Wir mögen sitzen, stehen oder reiten –
Der Tod ist nah und faßt uns, wenn er will.

Der spanische Vater.

Von dem aufregenden Auftritt in dem Zimmer der Königin zog sich die Frau von Lochleven in ihr eignes Gemach zurück und gab Befehl, den Hofmeister vor sie zu rufen.

»Hat man dich nicht entwaffnet, Dryfesdale?« fragte sie, als sie ihn, wie gewöhnlich, mit Schwert und Dolch an der Seite eintreten sah.

»Nein!« antwortete der Alte. »Weshalb hätte es geschehen sollen? – Ew. Gnaden hat mich geheißen in's Gefängniß gehen, aber Nichts davon gesagt, daß ich meine Waffen ablegen sollte, und ich denke, keiner Eurer Knechte würde ohne Euren oder Eures Sohnes Befehl es wagen, dem Kasper Dryfesdale zu solchem Zweck zu nahen. Soll ich Euch jetzt mein Schwert übergeben? Es ist nicht mehr viel werth, denn es ist im Kampf für Euer Haus zu altem Eisen abgenutzt, wie des Speisemeisters Brodmesser.«

»Ihr habt ein todeswürdiges Verbrechen begangen – Vergiftung unter Täuschung des Vertrauens.«

»Täuschung des Vertrauens? Hm! – Ich weiß nicht, was Ew. Gnaden davon denkt, aber die Welt da draußen meint, das Vertrauen sei Euch eben darum geschenkt worden. Ihr würdet ganz gut gefahren sein, wäre die Sache so ausgegangen wie ich vorhatte, ohne daß Ihr Schuld oder Mitwissenschaft dabei gehabt hättet.«

»Elender!« rief die Burgfrau, »und eben so großer Thor als Schurke! Du warst ja gar nicht einmal im Stande, das Verbrechen zu vollführen, welches du im Sinne hattest.«

»Ich habe gethan, was ein Mann konnte,« erwiderte Dryfesdale. »Ich bin zu einer katholischen Hexe gegangen. Wenn ich kein Gift bekommen habe, so war es eben anders vorher bestimmt gewesen. Ich habe es redlich versucht; was nur halb geschehen ist, kann fertig gebracht werden, dafern Ihr wollt.«

»Schurke! eben bin ich im Begriff, einen Boten an meinen Sohn zu senden, um Befehl einzuholen, was mit dir angefangen werden soll. Bereite dich zum Tode vor, wenn du kannst.«

»Gnädige Frau,« entgegnete der Alte, »wer den Tod als etwas Unvermeidliches betrachtet, das seine festbestimmte Stunde hat, der ist stets auf denselben vorbereitet. Wer im Mai gehängt wird, ißt auf Johanni keine Pfannkuchen – damit ist das Klaglied über den alten Dienstmann zu Ende. Aber, sagt mir doch gütigst, wen wollt Ihr die seine Botschaft ausrichten lassen?«

»An Boten wird's nicht fehlen,« versetzte seine Gebieterin.

»Ich dächte doch,« erwiderte der Alte. »Die Burg ist schwach bemannt in Verhältniß zu den Wachen, die Ihr wegen der Gefangenen ausstellen müßt. Den Wärter und zwei andere Männer habt Ihr fortgeschickt, weil sie mit Junker Georg im Einverständniß waren. Der Wartthurm, das Stockhaus, der Mittelthurm müssen besetzt werden; fünf Mann auf jeden Posten; die übrigen müssen meist in den Kleidern schlafen. Schickt Ihr noch einen Mann fort, so plagt Ihr die Uebrigen mit dem Dienst zu Tode, und das heißt nicht gut wirthschaften. Neue Söldner annehmen, ist gefährlich, denn der Dienst erfordert bewährte Leute. Ich sehe nur einen Ausweg. Ich selber will Eure Botschaft an Herrn Wilhelm Douglas ausrichten.«

»Das wäre allerdings ein Ausweg! Und an welchem Tage in den nächsten zwanzig Jahren würde es geschehen?«

»So geschwind als Mann und Roß es vermögen,« antwortete Dryfesdale. »Es liegt mir zwar nicht viel an den letzten Tagen eines alten Dienstmannes, doch möchte ich so bald wie möglich wissen, ob mein Hals mir oder dem Henker gehört.«

»Liegt dir so wenig an deinem Leben?« fragte die Burgfrau.

»Läge mir mehr daran, so hätte ich das Leben Anderer mehr geachtet,« antwortete der Prädestinations-Mann. »Was ist Tod? – Ein Aufhören zu leben. – Und was ist Leben? Ein einförmiger Wechsel von Licht und Finsterniß, von Wachen und Schlafen, von Hungrigsein und Essen. Der todte Mann braucht weder Bank noch Trank, weder Feuer noch Federbett, und des Schreiners Kästchen dient ihm als eine ewige Friedensjacke!«

»Unglückseliger! Glaubst du denn nicht an das Gericht nach dem Tode?«

»Gnädige Frau,« antwortete Dryfesdale, »Ihr seid meine Gebieterin, und insofern darf ich Euch nicht widersprechen. Aber geistlich gesprochen seid Ihr immer noch eine Ziegelbrennerin in Aegypten, unkundig der Freiheit der Heiligen. Der hochbegabte Mann Nikolaus Schöfferbach, den der Bischof von Münster, der Bluthund, gemartert hat, der hat mir klärlich bewiesen, daß Derjenige, so bloß vollstreckt, was vorherbestimmt ist, nicht sündigen kann, denn – –«

»Schweig!« unterbrach ihn seine Gebieterin. »Antworte mir nicht mit deiner kecken Lästerung, sondern höre mich an. Du bist lange der Diener unseres Hauses gewesen –«

»Der geborne Diener der Douglas. Sie haben meine besten Kräfte verbraucht. Ich habe ihnen gedient, seitdem ich Lockerbie verlassen hatte. Damals war ich zehn Jahr alt, und dazu könnt ihr bald weitere sechzig hinzuzählen.«

»Dein scheußlicher Anschlag ist mißlungen; also ist bloß deine Absicht strafbar. Verdient hättest du, daß man dich am Wartthurm aufknüpfte; doch bei deiner gegenwärtigen Gemüthsverfassung hieße dies, eine Seele dem Satan überliefern. Ich nehme dein Erbieten an. Geh. Hier ist das Schreiben; ich will nur noch eine Zeile hinzufügen, daß mein Sohn mir einen oder zwei zuverlässige Knechte zur Vervollständigung der Mannschaft schicken soll. Mein Sohn mag mit dir machen, was er will. Wenn du klug bist, machst du, sobald du auf dem Trockenen bist, daß du nach Lockerbie kommst, und läßt das Schreiben einen andern Ueberbringer finden. Jedenfalls sorgst du, daß es nicht in unrechte Hände kommt.«

»Nein, Madame,« erwiderte der Alte. »Ich bin, wie gesagt, geborener Diener der Douglas, und ich will in meinen alten Tagen nicht den falschen Boten spielen. Eure Botschaft soll von mir so treulich ausgerichtet werden, als ob es sich um den Hals eines Andern handelte. Ich empfehle mich Ew. Gnaden.«

Die Burgfrau gab ihre Befehle, und der Alte ward übergefahren, seine sonderbare Wanderschaft anzutreten. Der Leser muß ihn auf seinem Wege begleiten, welcher höherer Fügung zufolge nur von kurzer Dauer war.

Im Dorf angelangt, erhielt der Hofmeister, obgleich seine Ungnade ruchbar geworden war, auf Geheiß des Kämmerers sofort ein Pferd. Da die Wege unsicher waren, so schloß er sich an den Fuhrmann Auchtermuchty an, der eben nach Edinburg abging.

Dem würdigen Wagenlenker fehlte es, nach der Gewohnheit aller Fuhrleute, Postknechte und anderer Leute dieses Berufes, nie an guten Gründen, auf dem Wege Halt zu machen, so oft er Lust hatte. Die Stelle, welche ihn am meisten als Ruhepunkt anzog, war eine Schenke in der Nähe des romantischen Thales der Keirie Craigs. Reize ganz anderer Art, als die, welche den Hans Auchtermuchty und seine Wagen fesselten, verleihen noch immer diesem Fleck eine Zauberkraft, und Niemand ist in seine Nähe gekommen, der nicht wünschte, lange dort zu weilen und bald wieder dahin zurückzukehren.

Als der Fuhrmann zu seiner Lieblingsstation gekommen war, vermochte das – freilich durch die Gerüchte von seiner Ungnade verminderte – Ansehen Dryfesdales schlechterdings nicht, ihn zum Vorbeifahren zu bewegen. Hartnäckig, wie das Vieh, welches er trieb, mußte er seinen Halt machen, wofür die Länge des zurückgelegten Weges wenig oder keinen Anlaß gab. Der alte Wirth Keltie, der seinen Namen auf eine Brücke in der Nähe seiner weiland Wohnung vererbt hat, empfing den Fuhrmann mit gewohnter Herzlichkeit und zog sich unter dem Vorgeben wichtiger Geschäfte mit ihm in das Haus zurück. Die Geschäfte bestanden vermuthlich in Leerung eines Krügleins Kornbranntwein.

Während der würdige Wirth und sein Gast sich so zu thun machten, ging der abgedankte Hofmeister mit doppelt mürrischem Wesen mißmuthig in die Küche, worin sich bloß ein Gast befand. Der Unbekannte war ein schmächtiger junger Mensch, kaum über das Knabenalter hinaus, in der Tracht eines Edelknaben, aber voll adelstolzer Kühnheit und selbst Frechheit in Blick und Haltung, so daß Dryfesdale ihn für eine hohe Person hätte halten müssen, hätte ihn seine Erfahrung nicht belehrt gehabt, wie oft dies stolze Wesen von den Dienern der schottischen Großen angenommen ward.

»Pilgergruß, alter Herr,« sprach der Jüngling. »Ihr kommt, denk' ich, von Schloß Lochleven. Was Neues von unserer guten Königin? Eine schönere Taube ist nie in einem so elenden Taubenschlag eingesperrt gewesen.«

»Wer von Lochleven spricht und von denen, welche in seinen Mauern wohnen, spricht von dem, was die Douglas betrifft, und wer von dem spricht, was die Douglas betrifft, der thut es auf seine Gefahr,« antwortete Dryfesdale.

»Sprecht Ihr so aus Furcht vor ihnen, alter Mann? oder wollt Ihr Streit für sie anfangen? Ich sollte denken, Euer Alter hätte Euer Blut abgekühlt.«

»Gewiß nicht, so lange es noch hohlköpfige Narren gibt, um es warm zu halten.«

»Der Anblick deiner grauen Haare erhält das meinige kalt,« erwiderte der Knabe, welcher aufgestanden war und sich wieder setzte.

»Es ist dein Glück, sonst wollte ich es mit diesem Eichenstecken abgekühlt haben,« versetzte der Hofmeister. »Ich denke, du bist Einer von den Prahlhänsen, die in Bierhäusern Streit anfangen, und die, wenn Worte Spieße und Flüche Flamberge wären, bald wieder die Religion von Babel im Lande aufrichten, und das Weib von Moab auf den Thron setzen würden.«

»Bei Sanct Bendix von Seyton!« sprach der Jüngling, »ich schlage dir auf dein ungewaschenes Maul, du elender Ketzer!«

»Sanct Bendix von Seyton?« wiederholte der Hofmeister. »Ein sauberer Gewährsmann ist Sanct Bendix, passend für das saubere Wolfsnest der Seytons! Ich verhafte dich als Verräther an König Jakob und an dem guten Reichsverweser. – Heda! Hans Auchtermuchty, zu Hülfe gegen einen Verräther am König!«

Mit diesen Worten faßte er den Jüngling am Kragen und zog sein Schwert. Hans Auchtermuchty steckte den Kopf zur Thür herein; als er aber das bloße Schwert sah, lief er schneller fort, als er gekommen war. Keltie, der Wirth, kam, mischte sich aber nicht ein, sondern rief nur:

»Ihr Herren! ihr Herren! um Gottes willen!« u. s. w.

In dem Kampfe, der sich entsponnen hatte, gerieth der junge Mensch endlich in Wuth über Dryfesdales Verwegenheit und noch mehr darüber, daß er sich nicht mit der gehofften Leichtigkeit von der Faust des Alten losmachen konnte, zog den Dolch und versetzte ihm mit Blitzes schnelle drei Wunden in die Brust und in den Unterleib, von denen die letzte tödtlich war. Der Greis sank ächzend zu Boden, und der Wirth hob ein großes Jammergeschrei an.

»Still, da heulender Hund!« sprach der verwundete Hofmeister. »Sind Dolchstiche und sterbende Menschen solche Seltenheiten in Schottland, daß du schreist, als wollte dein Haus einfallen? – Junge, ich vergebe dir nicht; zwischen uns ist Nichts zu vergeben. Du hast gethan, was ich mehr als Einem gethan habe, und ich leide, was ich sie habe leiden sehen. Es war Alles so bestimmt und nicht anders. Doch wenn du redlich an mir handeln willst, so sorge, daß dies Schreiben sicher in die Hände des Herrn Wilhelm von Douglas kommt, und daß mein Name nicht geschmäht werde, als ob ich in Ausrichtung meiner Botschaft aus Todesfurcht langsam gewesen wäre.«

Der junge Mensch, dessen Zorn sich augenblicklich nach der That gelegt hatte, horchte mit Theilnahme und Aufmerksamkeit, als ein Anderer, das Gesicht halb mit dem Mantel verhüllt, eintrat und ausrief:

»Großer Gott! Dryfesdale – und sterbend!«

»Ja,« erwiderte der Verwundete, »und Dryfesdale wünschte, er wäre eher gestorben, als daß seine Ohren die Worte des einzigen Douglas gehört hätten, der je treulos gewesen ist. – Aber nein, es ist doch besser so: Mein lieber Mörder und ihr Andere, tretet ein wenig zurück und laßt mich mit diesem unglücklichen Abtrünnigen sprechen. – Kniet nieder bei mir, Junker Georg. – Ihr habt gehört, daß mein Versuch, den moabitischen Stein des Anstoßes und ihren Anhang wegzuschaffen, mißlungen ist. Ich habe ihnen Etwas gegeben, was meiner Meinung nach Euch die Versuchung aus dem Wege räumen mußte, und dies, obwohl ich andere Gründe dafür Eurer Mutter und Andern anzugeben hatte, dies hab' ich hauptsächlich aus Liebe zu Euch unternommen.«

»Aus Liebe zu mir, schändlicher Vergifter, wolltest du so ohne allen Anlaß einen Mord begehen und meinen Namen dabei erwähnen?« rief Douglas.

»Und warum nicht, Georg von Douglas?« entgegnete Dryfesdale. »Kaum kann ich noch athmen, aber meinen letzten Athemzug möcht' ich an die Behauptung dieser Sache setzen. Hast du nicht mit Hintansetzung der Ehre, die du deinen Eltern, der Treue, die du deinem Glauben, der Ergebenheit, die du deinem König schuldig bist, dich so weit durch die Reize dieser schönen Zaubrerin verführen lassen, daß du ihr helfen wolltest, aus ihrem Gefängniß zu entfliehen, daß du ihr deinen Arm leihen wolltest, um den Thron wieder zu besteigen, den sie zu einem Orte des Gräuels gemacht hatte? Nein, ziehe dich nicht von mir zurück. Meine Hand wird zwar immer steifer, aber sie hat noch Kraft genug, dich festzuhalten. Was hast du im Sinne? Diese Hexe von Schottland zu heirathen? Sei versichert, es kann dir glücken; ihr Herz und ihre Hand sind schon wohlfeiler gewonnen worden, als zu dem Preis, welchen du Thor so gern bezahlen möchtest. Aber sollte ein Diener des Hauses deines Vaters ruhig zu sehn, wie du dem Schicksal des Schwachkopfs Darnley oder des Schurken Bothwell entgegengingst, dem Schicksal des gemordeten Narren oder des lebenden Seeräubers – wenn eine Unze Rattengift dich retten konnte?«

»Denk' an Gott, Dryfesdale,« entgegnete Georg Douglas, »und laß ab von diesen gräulichen Reden. Bereue, wenn du kannst, – wo nicht, so schweige wenigstens, – Seyton, hilf mir diesen Elenden aufrecht halten, damit er sich wo möglich noch faßt und bessere Gedanken in sich aufkommen läßt.«

»Seyton!« sprach der Sterbende. »Seyton! Finde ich durch eines Seyton Hand den Tod? – Es liegt eine gewisse Vergeltung darin,– das Haus hätte beinahe eine Schwester durch meine That verloren.«

Sein erlöschendes Auge auf den Jüngling heftend, fügte er hinzu:

»Er hat ganz ihr Gesicht. Bück' dich, Junge, und laß mich dich näher betrachten. Ich möchte dich kennen, wenn wir uns in jener Welt treffen, denn Mörder werden sich dort zusammenhalten, und ich bin einer gewesen.«

Er zog den Kopf Seytons, trotz dessen Widerstreben näher an sein Gesicht, sah ihn starr an und sagte:

»Du hast jung angefangen – um so kürzer wird deine Laufbahn sein. Ja, du wirft deinen Mann finden und das bald. Nimmer gedeiht eine junge Pflanze, die mit dem Blute eines Greises begossen worden. – Doch was tadle ich dich? – Sonderbare Wendung des Schicksals,« murmelte er für sich, »ich beabsichtigte, was ich nicht vollbringen konnte, und er hat vollbracht, was er vielleicht nicht beabsichtigte. – Wunderbar, daß unser Wille sich immer der unbezwingbaren Fluth des Geschicks entgegenstellt, – daß wir wider den Strom ankämpfen, während wir uns von ihm treiben lassen könnten. Mein Hirn versagt mir den Dienst zu weiterem Denken darüber. Ich wollte, Schöfferbach wäre hier. Doch warum? Ich bin auf einer Fahrt, welche das Schiff ohne Steuermann machen kann. – Lebe wohl, Georg von Douglas. Ich sterbe, treu dem Hause deines Vaters.«

Bei diesen Worten fiel er in Zuckungen und nicht lange, so gab er den Geist auf.

Seyton und Douglas betrachteten den sterbenden Mann, und als derselbe geendet, nahm Seyton das Wort:

»So wahr ich lebe, Douglas, das war meine Absicht nicht, und es thut mir leid. Aber er hat Hand an mich gelegt und mich gezwungen, so gut ich konnte, meine Freiheit mit meinem Dolch zu vertheidigen. Mag er zehn Mal dein Freund und Anhänger gewesen sein, ich kann Nichts weiter thun, als sagen: es ist mir leid.«

»Ich tadle dich nicht, Seyton,« erwiderte Douglas, »obwohl ich beklage, daß es so gekommen ist. Es waltet ein allmächtiges Schicksal über uns, freilich nicht in dem Sinne, wie dieser Elende es meinte, welcher, berückt durch einen ausländischen Mystiker, das Ehrfurcht erweckende Wort als Rechtfertigung für Alles brauchte. was er thun wollte. – Wir müssen das Päckchen untersuchen.«

Sie zogen sich in ein inneres Zimmer zurück und hielten Rath zusammen. Nach einiger Zeit wurden sie von Keltie unterbrochen, welcher mit verlegener Miene eintrat und fragte, wie Junker Georg Douglas es mit dem Leichnam gehalten wissen wolle.

»Ew. Gestrengen weiß, daß ich mein Brod an lebenden Menschen und nicht an todten Leichnamen verdiene. Der alte Meister Dryfesdale, der bei Leibesleben ein gar schlechter Kunde war, nimmt jetzt im Tode mein Gastzimmer ein und kann weder Bier noch Brantwein bestellen.«

»Bind' ihm einen Stein um den Hals,« sprach Seyton, »und schaff' ihn, wenn die Sonne unter ist, an den Oresee, heb' ihn hinein und laß ihn allein den Weg auf den Grund finden.«

»Mit Verlaub, junger Herr, so soll es nicht gehalten werden,« nahm Douglas das Wort. – »Keltie, du bist immer ein treuer Gesell gegen mich gewesen, und daß du es gewesen bist, soll nicht dein Schaden sein. Schicke oder bringe die Leiche nach der Kapelle zu Scotlands-Wall oder nach der Kirche von Balingrie und erzähle eine beliebige Geschichte, daß er in einer Balgerei mit Gästen, die sich Nichts sagen ließen, umgekommen sei. Auchtermuchty weiß es nicht anders, und die Zeiten sind nicht so friedlich, daß man solche Geschichten genau untersuchen könnte.«

»Nein, nein,« sprach Seyton; »laß ihn die Wahrheit sagen, soweit sie unserm Plan Nichts schadet. Sag' nur, guter Gesell, daß er es mit Heinrich Seyton zu thun gehabt. Ich mache mir den Teufel aus der Fehde.«

»Eine Fehde mit den Douglas ist immerdar ein gefährliches Ding gewesen,« bemerkte Georg mit dem Ausdrucke des Mißfallens in seiner stets ernsten Miene.

»Nicht, wenn der Beste dieses Namens auf meiner Seite ist,« entgegnete Seyton.

»Ach, Heinrich! wenn du mich meinst, ich bin nur ein halber Douglas bei diesem Unternehmen – mit halbem Kopfe, mit halbem Herzen, mit halber Hand. Aber ich will an die Unvergeßliche denken und Alles sein oder mehr, als was irgend einer meiner Ahnen je gewesen ist. – Keltie, sage, Heinrich Seyton habe die That verübt; aber, wohlgemerkt, kein Wort von mir! – Laß dies Päckchen« (er hatte es mit seinem eigenen Siegel wieder versiegelt) »durch Auchtermuchty an meinen Vater nach Edinburg besorgen. Hier ist Geld für die Leiche und für Deinen Schaden an Kundschaft.«

»Und für das Abwaschen des Fußbodens,« fügte der Gasthalter hinzu. »Das wird eine bitterböse Arbeit geben, denn Blut sagt man, ist fast gar nicht auszubringen.«

Douglas knüpfte das durch Keltie unterbrochene Gespräch mit Seyton wieder an.

»Euer Plan läßt sich hören. Aber, nehmt mir's nicht übel. Ihr seid zu hitzig und zu jung, und noch andere Gründe sprechen dagegen, daß Ihr die gewünschte Rolle spielt.«

»Wir wollen den Vater Abt darüber befragen,« sprach Seyton. »Reitet Ihr heute Nacht nach Kinroß?«

»Ich habe es vor,« antwortete Douglas. »Die Nacht wird dunkel sein, wie sie ein Vermummter Vermummt, soll hier bedeuten: Einer der den Mantel um den unteren Theil seines Gesichtes geschlagen hat, um sich unkenntlich zu machen. Ich habe ein altes Stück Eisen, auf welchem ein Räuber in dieser Weise dargestellt ist, wie er in ein Haus eindringen will, aber Widerstand bei einem großen Hunde findet, dem er vergebens Futter anbietet. Das Motto ist: Spermit dona fides (Treue verschmähet Geschenk.) Es befindet sich an einem Rost, welcher dem Erzbischof Sharpe gehört haben soll. braucht. Keltie, ich habe vergessen, daß dieser Mann einen Grabstein haben soll, worauf sein Name steht und sein einziges Verdienst: ein treuer Knecht der Douglas.«

»Von welcher Religion war der Mensch?« fragte Seyton. »Er führte Reden, die mich fürchten lassen, ich habe dem Teufel vor der Zeit einen Unterthan zugesandt.«

»Darüber kann ich Euch wenig sagen,« antwortete Douglas. »Man wußte, daß er von Genf und von Rom Nichts wissen wollte; man hatte ihn von einem Lichte sprechen hören, welches ihm bei den wilden Sektierern von Niederdeutschland aufgegangen sei. Es war eine schlimme Lehre, nach den Früchten zu urtheilen. Gott behüte uns vor vermessenem Urtheil über die Geheimnisse des Himmels!«

»Amen!« sprach Seyton, »und vor jeglichem Begegnisse diesen Abend.«

»Das ist nicht dein gewöhnliches Gebet,« bemerkte Georg Douglas.

»Nein!« erwiderte der Jüngling; »es paßt für Euch, wenn Euch Bedenklichkeiten aufsteigen, mit Eures Vaters Untergebenen handgemein zu werden. Aber ich möchte eben doch dieses alten Mannes Blut von meinen Händen haben, bevor ich weiteres vergieße. Ich will heut Abend dem Abte beichten und ich hoffe mit einer leichten Buße davon zu kommen dafür, daß ich einen solchen Frevler aus der Welt geschafft habe. Es ist mir nur Leid, daß er nicht zwanzig Jahr jünger war. Er hat übrigens zuerst blank gezogen; das ist wenigstens ein Trost.«

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