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Der Abt

Walter Scott: Der Abt - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Scott
titleDer Abt
publisherHoffmann'sche Verlagsbuchhandlung
printrunZweite vermehrte Auflage
firstpub1841
year1851
translatorFriedrich Funck
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20160427
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Zweiunddreißigstes Kapitel.

Es ist der Fluch der Könige, von Sclaven
Umringt zu sein, die ihre Launen deuten
Als Vollmacht zur Verübung blutger That,
Und nach dem Wink der herrschenden Gewalt
Auslegen ein Gesetz.

König Johann.

Die Frau von Lochleven saß allein in ihrer Kammer, mit aufrichtigem, aber unzureichendem Eifer bemüht, ihre Augen und ihre Aufmerksamkeit auf die dicken deutschen Buchstaben einer Bibel zu richten, welche in gestickten Sammet gebunden und mit schweren silbernen Ecken und Schlössern verziert vor ihr lag. Vergeblich waren ihre größten Anstrengungen, den Gang ihrer Gedanken von dem abzulenken, was in vergangener Nacht zwischen ihr und der Königin vorgefallen war, und das Rachegefühl gegen Marien zu unterdrücken, welche sie an ihren frühen und lange bereuten Fehltritt erinnert hatte.

»Warum,« sprach sie, »sollt' ich so sehr darob zürnen, daß ein Anderer mir das zum Vorwurfe macht, worüber ich selber mich unablässig tadele? Aber wie kommt gerade dies Weib, welches die Früchte meiner Thorheit geerntet und meinen Sohn vom Throne weggeschoben hat, – wie kommt dies Weib dazu, mir im Angesicht meiner und ihrer Diener meine Schande vorzuwerfen? – Ist sie nicht in meiner Gewalt? Fürchtet sie mich nicht? – Arglistiger Versucher! ich will mit dir ringen, gestärkt durch bessere Gedanken, als mein böses Herz mir an die Hand geben kann.«

Sie nahm das heilige Buch wieder auf und bemühte sich, ihre Aufmerksamkeit auf den Inhalt zu richten. Ein Anklopfen an die Thür störte sie. Auf ihren Ruf »Herein!« ging die Thür auf, und der Hofmeister Dryfesdale erschien vor ihr mit finsterem und verstörtem Blicke.

»Was ist vorgefallen, Dryfesdale, daß du so aussiehst?« fragte die Burgfrau. »Ist schlimme Botschaft da von meinem Sohne oder von meinen Enkeln?«

»Nein, gnädige Frau,« antwortete Dryfesdale. »Aber Ihr seid vergangene Nacht schwer beleidigt und, ich fürchte, eben so schwer diesen Morgen gerächt worden. – Wo ist der Kaplan?«

»Was wollt Ihr mit diesen dunkeln Andeutungen und mit einer so unerwarteten Frage? Der Kaplan ist, wie Ihr recht gut wißt, abwesend in Perth bei einer Versammlung der Brüder.«

»Es liegt mir Nichts daran; er ist bloß ein Baalspfaffe,« entgegnete der Hofmeister.

»Dryfesdale,« sprach die Burgfrau in strafendem Tone, »was willst du damit sagen? Ich habe immer gehört, daß du dich in den Niederlanden zu den Predigern der Wiedertäufer gehalten hat, zu diesen Wildschweinen, welche den Weinberg verwüsten. Der Geistliche, welcher mir und meinem Hause recht ist, muß auch meiner Dienerschaft gut genug sein.«

»Ich wollte eben doch, ich hätte geistlichen Trost,« sprach der Hofmeister mehr für sich und ohne auf die Zurechtweisung der Burgfrau zu achten. »Dies Weib von Moab – –«

»Sprich mit Ehrfurcht von ihr!« unterbrach ihn seine Gebieterin. »Sie ist eines Königs Tochter.«

»Meinetwegen,« sprach der Alte. »Sie geht dahin, wo zwischen ihr und des Bettlers Kind kein Unterschied ist. Maria von Schottland liegt im Sterben.«

»Im Sterben? in meinem Schloß?« fuhr die Burgfrau auf. »An welcher Krankheit oder durch welchen Zufall?«

»Beruhigt Euch, gnädige Frau. Ich habe es veranstaltet.«

»Du? Schurke und Verräther! wie konntest du wagen – –«

»Ich habe gehört, wie Euch Hohn gesprochen ward, ich habe gehört, wie Ihr Rache fordertet. Ich habe gelobt, Ihr solltet sie haben, und jetzt bring' ich die Botschaft davon.«

»Dryfesdale, ich hoffe, du spricht im Wahnwitz,« sagte die Burgfrau.

»Ich spreche nicht im Wahnwitz,« entgegnete der Hofmeister. »Was Millionen Jahre vor meiner Geburt von mir geschrieben war, mußte von mir vollführt werden. Ich fürchte, sie hat Etwas in ihren Adern, was bald die Lebensquelle verstopfen wird.«

»Grausamer Schurke,« rief die Burgfrau, »du hast sie doch nicht vergiftet?«

»Und wenn ich es nun gethan hätte,« sprach Dryfesdale, »was wäre dabei? Man legt dem Ungeziefer Gift; warum nicht auch seinen Feinden? In Italien thut man so Etwas für einen Kreuzgulden.«

»Feiger Schurke, geh mir aus dem Gesicht!«

»Denkt besser von meinem Eifer, gnädige Frau,« erwiderte der Hofmeister, »und urtheilt nicht, ohne Euch umzusehen. Lindsay, Ruthven und Euer Verwandter Morton haben den Rizzio erdolcht, und Ihr seht kein Blut auf ihrer Stickerei. Herr Semple hat den Herrn von Sanquhar erstochen – sitzt darum seine Mühe um ein Haarbreit schiefer? Welche hohe Herrschaft in Schottland hat nicht aus Politik oder aus Rachsucht an solchen Thaten Theil genommen? Und wer macht es ihnen zum Vorwurf? Laßt Euch nicht die Namen irren. Ein Dolch und ein Trank bewirken dasselbe und sind nicht sehr verschieden; der eine liegt bewahrt in einem gläsernen Fläschchen. der andere in einer ledernen Scheide; der eine hat mit dem Gehirn zu schaffen; der andere läßt das Blut heraus. – Doch ich sage nicht, daß ich dieser Frau Etwas gegeben habe.«

»Was willst du mit diesem Geschwätz, womit du mich hinhältst?« fragte die Burgfrau. »So wahr du deinen Hals vor dem verdienten Strang bewahren willst, erzähle mir die ganze Geschichte. Man kennt dich schon lange als einen gefährlichen Menschen.«

»In meines Meisters Dienst kann ich kalt und scharf sein, wie mein Schwert. Wisset; als ich kürzlich drüben am Lande war, fragte ich ein Weib, das Etwas versteht und vermag, um Rath. Sie heißt Nicneven, und seit Kurzem spricht das ganze Land von ihr. Narren baten sie um Zaubermittel, Liebe zu gewinnen. Geizhälse, um Recepte zur Vermehrung ihres Gutes. Einige wollten die Zukunft erfahren – eitler Wunsch; sie ist unabänderlich! – Andere wollten die Vergangenheit erklärt haben, – noch alberner; sie läßt sich nicht zurückrufen. Ich hörte diese Fragen mit Verachtung an und forderte ein Mittel, mich an einem Todfeinde zu rächen, denn ich werde alt und kann mich nicht länger auf die spanische Klinge verlassen. Sie gab mir ein Päckchen und sprach: ›Mische dies mit irgend einer Flüssigkeit, und deine Rache ist geübt.‹«

»Schuft! und du hast es unter die Speisen dieser gefangenen Frau gethan zur Schmach des Hauses deines Herrn?«

»Zur Rettung der verletzten Ehre des Hauses meines Herrn habe ich den Inhalt des Päckchens in den Cichorienwasserkrug geschüttet. Sie trinken gewöhnlich daraus, und das Weib liebt ihn ganz besonders.«

»Es war ein Höllenwerk,« sprach die Frau von Lochleven, »das Fordern sowohl wie das Geben. Weg, Elender! Ich will sehen, ob noch Hülfe möglich ist.«

»Sie lassen uns nicht ein; wir müßten mit Gewalt eindringen. Ich bin zwei Mal an der Thür gewesen und habe keinen Einlaß erlangt.«

»Wir schlagen sie im Nothfall ein. Halt – rufe augenblicklich Randal hieher. – Randal, hier ist eine schändliche und schlimme Geschichte vorgefallen. Schicke augenblicklich einen Kahn nach Kinroß hinüber; der Kämmerer Lukas Lundin soll Etwas verstehen. Hol' auch die scheußliche Hexe Nicneven herbei. Sie soll erst ihren Zauber lösen und dann zu Asche verbrannt werden auf der Insel St. Serf. Fort! fort! Sag' ihnen, sie sollen segeln und rudern, so wahr sie Gutes von den Douglas gewarten wollen!«

»Auf diese Bedingungen wird sich Mutter Nicneven nicht so leicht finden und abholen lassen,« bemerkte Dryfesdale.

»Dann gib ihr Zusage voller Sicherheit. Richte es aus, denn du haftest mit deinem Leben für die Genesung dieser Frau.«

»Ich hätte mir das denken können,« sprach Dryfesdale verdrießlich. »Doch mein Trost ist, ich habe mich und Euch gerächt. Sie hat stets über mich gespottet und gewitzelt, und ihren naseweisen Kammerjunker ermuntert, sich über meinen steifen Gang und über mein langsames Reden lustig zu machen. Ich fühlte, es lag mir ob, mich an ihnen zu rächen.«

»Geh' in den westlichen Thurm und bleibe dort in Gewahrsam, bis wir sehen, wie diese Geschichte ausgeht,« gebot die Burgfrau. »Ich kenne deine Entschlossenheit; ich weiß, du wirst keinen Fluchtversuch machen.«

»Wahrlich nicht,« erwiderte Dryfesdale, »auch wenn der Thurm von Eierschalen wäre, und der See mit Eis überzogen. Ich bin belehrt und glaube fest, daß der Mensch Nichts aus sich thut; er ist nur der Schaum auf der Welle, der emporkommt, sprudelt und platzt, nicht durch eigne Kraft, sondern durch die Macht des Schicksals, die ihn treibt. Doch, Frau von Lochleven, vergeßt über diesem Eifer um das Leben der Jesabel von Schottland nicht Eure eigne Ehre, und haltet die Sache geheim.«

Mit diesen Worten wandte sich der finstere Fatalist von ihr ab und schlich in düsterer Ruhe nach dem ihm angewiesenen Gewahrsam.

Die Burgfrau beachtete seinen letzten Wink und drückte bloß die Besorgniß aus, ihre Gefangene möge eine ungesunde Speise zu sich genommen haben und gefährlich krank sein. Bald war das ganze Schloß auf den Beinen und in Verwirrung. Randal ward über den See geschickt, um den Doctor Lundin und Gegengift zu holen, und mit der ferneren Weisung, die Mutter Nicneven mitzubringen, wenn sie ausfindig zu machen wäre, und ihr freies Geleit von der Frau von Lochleven zuzusichern.

Während er unterwegs war, parlamentierte die Frau von Lochleven an der Thür des Vorgemachs der Königin und drang vergebens in den Kammerjunker, die Thür zu öffnen.

»Thörichter Junge,« sprach sie endlich, »dein und deiner Gebieterin Leben steht auf dem Spiel. Ich sage dir, mach' auf, oder ich lasse die Thür einbrechen.«

»Ich darf die Thür nicht öffnen, ohne meiner königlichen Gebieterin Befehl,« antwortete Roland. »Es ist ihr sehr übel geworden, und jetzt schlummert sie. Wenn Ihr sie durch Anwendung von Gewalt aufweckt, so mögen die Folgen auf Euch und Eure Leute fallen.«

»Ob wohl je ein Weib in einer so schrecklichen Verlegenheit gewesen ist!« rief die Burgfrau. »Sorge wenigstens, du unbesonnener Junge, daß Niemand Etwas von den Speisen genießt, und namentlich nicht von dem Krug mit Cichorienwasser.«

Darauf eilte sie nach dem kleinen Thurm, wo Dryfesdale sich mit völliger Ruhe in seine Gefangenschaft ergab. Sie fand ihn mit Lesen beschäftigt und fragte ihn:

»War dein Teufelstrank schnell wirksam?«

»Langsam,« antwortete der Hofmeister. »Die alte Hexe fragte mich, ob ich ein schnelles oder ein langsames Mittel wolle. Ich sagte ihr, ich liebe eine langsame und sichere Rache. Rache, sagte ich, ist der Wonnebecher des Menschen auf Erden; er solle ihn langsam nach und nach ausschlürfen, nicht gierig mit einem Zuge leeren.«

»Gegen wen, Unglücksmensch, konntest du so boshafte Rachsucht hegen?«

»Gegen Verschiedene, besonders aber gegen den frechen Kammerjunker.«

»Gegen den Knaben? Du Unmensch!« rief die Burgfrau. »Was kann er gethan haben, um deinen Haß zu verdienen?«

»Er stieg in Eurer Gunst, und Ihr beehrtet ihn mit Euren Aufträgen: das war Eins. Er stieg auch in der Gunst von Georg Douglas: das war das Zweite. Er war der Liebling des Calvinisten Henderson, der mich haßt, weil ich Nichts von einer besonderen Priesterschaft wissen will. Die moabitische Königin hatte ihn gern – aus allen Ecken. von den entgegengesetztesten Seiten blies der Wind zu feinen Gunsten – der alte Diener Eures Hauses wurde bei Euch gering geachtet. Und was die Hauptsache ist: vom ersten Augenblick an, wo ich ihn sah, verspürte ich Lust, ihn umzubringen.«

»Welch einen Teufel hab' ich in meinem Hause unterhalten!« sprach die Frau von Lochleven. »Möge Gott mir die Sünde verzeihen, dir Nahrung und Kleidung gegeben zu haben.«

»Ihr konntet nicht anders, gnädige Frau,« erwiderte der Hofmeister. »Lange bevor dies Schloß gebaut war, ja lange bevor das Eiland, auf dem es steht, sein Haupt über das blaue Gewässer emporhob, war ich bestimmt, Euer treuer Sclav, und Ihr, meine undankbare Gebieterin zu sein. Wißt Ihr nicht mehr, wie ich mich zur Zeit der Mutter dieser Frau unter die siegreichen Franzosen stürzte und Euren Gemahl heraushieb, während die, so mit ihm an derselben Brust gelegen, nicht den Rettungsversuch wagen wollten? Erinnert Ihr Euch noch, wie ich mich in den See stürzte, als Eures Enkels Nachen vom Sturm überrascht wurde, wie ich ihn bestieg und glücklich an's Land brachte? Gnädige Frau –der Diener eines schottischen Landherrn ist der Mann, welcher weder sein eignes noch fremdes Leben achtet, ausgenommen das ,eines Herrn. Was den Tod des Weibes betrifft, so hätte ich den Trank eher an ihr versucht. wäre nicht Junker Georg ihr Vorkoster gewesen. Ihr Tod – wär' er nicht die glücklichste Nachricht, welche Schottland je gehört hat? Ist sie nicht von dem blutigen Stamm der Guisen, deren Schwert sich so oft geröthet hat mit dem Blut der Heiligen Gottes? Ist sie nicht die Tochter des elenden Tyrannen Jakob, den Gott von seinem Stuhl und von der Höhe seines Stolzes herabgestürzt hat, gleichwie er den König zu Babel schlug?«

»Schweig', Elender!« rief die Burgfrau, und tausend wechselnde Erinnerungen drängten sich ihrer Seele auf bei Nennung des Namens ihres königlichen Geliebten.

»Schweig und lasse die Asche des Todten in Ruhe, des königlichen und unglücklichen Todten! Lies deine Bibel, und möge Gott dich eine bessere Nutzanwendung machen lassen, als du bisher gethan!«

Sie entfernte sich eilig, und als sie das nächste Gemach erreichte, traten ihr die Thränen so stark in die Augen, daß sie stille stehn und ihr Tüchlein gebrauchen mußte, um sie zu trocknen.

»Das hätte ich nicht erwartet,« sprach sie, »eben so wenig wie Wasser aus einem harten Kiesel oder Saft aus einem dürren Baum zu ziehen. Mit trocknem Auge hab' ich den Abfall und die Schande Georgs von Douglas, der Hoffnung des Hauses meines Sohnes, des Kindes meiner Liebe, gesehen, und nun weine ich um den, der so lange schon im Grabe liegt, um den, welchem ich es verdanke, daß seine Tochter meinen Namen zum Gespött machen kann! Aber sie ist seine Tochter. Mein Herz, verhärtet gegen sie aus so vielen Gründen, – es erweicht sich, wenn ein Blick ihres Auges mir unerwartet ihren Vater hervorzaubert – und eben so oft hat ihre Aehnlichkeit mit ihrer verabscheuten Mutter, der ächten Tochter des Hauses Guise, meinen Entschluß wieder befestigt. Aber sie darf nicht – sie darf nicht in meinem Hause sterben durch ein solches Bubenstück. Gott sei Dank, die Wirkung des Trankes ist langsam und läßt sich vielleicht aufheben. Ich will nochmals nach ihrem Zimmer gehen. – O, dieser verhärtete Bösewicht, dessen Treue wir so hoch schätzten und so wohl erprobt hatten! Durch welches Wunder kann sich so viel Treue und so viel Verworfenheit in einem und demselben Herzen vereinigen?«

Die Frau von Lochleven wußte nicht, wie weit Menschen von einer gewissen finsteren und entschlossenen Gemüthsart durch Empfindlichkeit über kleine Beleidigungen, vereint mit Gewinnsucht und Eigennutz, gebracht werden können, zumal wenn solche seltsame, unverdaute, fanatische Meinungen hinzukommen, wie sie dieser Mensch bei den schwachköpfigen Schwärmern Deutschlands eingesogen hatte, oder wie sehr die Lehren des Fatalismus, die er entschieden angenommen hatte, das Gewissen verhärten, indem sie unsere Handlungen als das Ergebniß einer unvermeidlichen Nothwendigkeit darstellen.

Während sie bei dem Gefangenen war, hatte Roland dem Kammerfräulein den Inhalt eines mit ihr an der Thür gehaltenen Gesprächs mitgetheilt. Der scharfe Verstand des Mädchens ließ sie sogleich das Wesentliche von dem vermeinten Vorfall begreifen, aber ihre Vorurtheile führten sie über die Grenzen der Wahrheit hinaus.

»Sie haben beabsichtigt, uns zu vergiften!« rief sie entsetzt aus. »Da steht der verhängnißvolle Trank, der es bewerkstelligen sollte! – Jawohl! sobald Douglas nicht mehr unser Vorkoster war, stand zu erwarten, daß unsere Speise tödtliche Würze erhalten würde. Du Roland, der du vorkosten solltest, warst verurtheilt, mit uns zu sterben. O theure Frau Fleming, verzeiht mir die Beleidigungen, welche ich im Zorn gegen Euch ausgestoßen habe! Eure Worte waren Euch von Gott in den Mund gelegt, um unser Leben zu retten, und besonders das der gekränkten Königin. Doch was ist jetzt zu thun? Das alte Krokodil vom See wird bald wieder zurückkommen, um seine heuchlerischen Thränen über unseren Todeskampf zu vergießen. – Frau Fleming, was sollen wir thun?«

»Unsere liebe Frau helfe uns in unserer Noth!« antwortete die Kammerfrau. »Was kann ich sagen? Wenn wir uns nicht bei dem Reichsverweser beschweren wollen – –«

»Beim Teufel,« unterbrach die Katharine ungeduldig, »und seine Großmutter an den Stufen seines Thrones verklagen! – Die Königin schläft noch; wir müssen Zeit gewinnen. Die Giftmischerin darf nicht wissen, daß ihr Plan mißlungen ist: die alte Kreuzspinne hat zu viele Wege, ihr zerrissenes Gewebe wieder auszubessern. Der Krug mit Cichorienwasser – Roland, wenn du ein Mann bist, hilf mir ihn in das Kamin oder zum Fenster hinaus ausleeren, schaffe so viel von den Speisen weg, als ob wir unsere gewöhnliche Mahlzeit gehalten hätten, und lasse Brocken und Rückstände in Schüssel und Becher, aber so lieb dir dein Leben ist, koste Nichts. Ich will mich zur Königin setzen und ihr bei ihrem Erwachen berichten, in welcher gefährlichen Lage wir uns befinden. Ihr Scharfsinn und ihr erfinderischer Geist wird uns am besten sagen, was zu thun ist. Mittlerweile und bis auf weitere Nachricht merke dir, Roland, daß die Königin in Erstarrung liegt, daß Frau Fleming sich unwohl befindet: diese Rolle« (flüsterte sie dem Kammerjunker zu) »wird am besten für sie passen und vergebliches Kopfbrechen ersparen. Ich bin nicht so sehr unpäßlich; – verstehst du?«

»Und ich?« fragte Roland.

»Ihr?« antwortete Katharine. »Ihr seid ganz wohl. Wer hält es der Mühe werth, junge Hunde oder Kammerjunker zu vergiften?«

»Ist dieser Leichtsinn jetzt an der Zeit?« sprach Roland.

»Allerdings,« antwortete Katharine. »Wenn die Königin mit mir einverstanden ist, sehe ich voraus, wie dieser mißlungene Anschlag uns vortrefflich dienen kann.«

Während dieser Worte machte sie sich ans Werk unter eifriger Beihülfe Rolands. Der Frühstückstisch sah bald so aus, als ob das Mahl wie gewöhnlich genossen worden wäre. Darauf zogen sich die Frauen so geräuschlos wie möglich in das Zimmer der Königin zurück. Auf eine neue Aufforderung der Frau von Lochleven öffnete der Kammerjunker die Thür des Vorzimmers und ließ sie herein. Er bat sie um Verzeihung, daß er sie vorher abgewiesen hatte, und entschuldigte sich damit, daß die Königin nach dem Frühstück in tiefen Schlaf verfallen sei.

»Sie hat also gegessen und getrunken?« fragte die Burgfrau.

»Wie Ihre Durchlaucht pflegt, außer an kirchlichen Fasttagen,« antwortete Roland.

»Der Krug,« sprach sie, ihn eilends untersuchend, – »er ist leer. Hat Frau Maria all dies Wasser getrunken?«

»Zum großen Theil, Madame; und ich habe gehört, wie Fräulein Katharine von Seyton der Frau Maria Fleming im Scherz vorwarf, sie habe über die Gebühr viel von dem Rest zu sich genommen, so daß auf ihren Antheil nur wenig geblieben sei.«

»Und sind sie wohlauf?« fragte die Frau von Lochleven.

»Frau Fleming,« antwortete der Kammerjunker, »klagt über Betäubung, und sieht schläfriger aus als gewöhnlich. Fräulein Katharine Seyton meint, es wäre ihr schwindliger im Kopf, als sonst.«

Diese Worte sprach er etwas lauter, um die Kammerfrauen wissen zu lassen, welche Rolle er jeder von ihnen zugetheilt habe, vielleicht auch mit dem Wunsche, Katharinen den Kammerjunkerscherz hören zu lassen, der in der Bestimmung dieser Rollen lag.

»Ich will in das Zimmer der Königin,« sprach die Burgfrau; »mein Geschäft ist dringend.«

Während sie sich der Thür näherte, hörte man von Innen die Stimme Katharinens:

»Niemand kann herein; die Königin schläft.«

»Ich lasse mich nicht aufhalten, Fräulein,« versetzte Frau von Lochleven. »Ich weiß, inwendig ist kein Riegel, und ich will Euch zum Trotz hinein.«

»Allerdings,« antwortete Katharine, »ist hier inwendig kein Riegel, aber die Haken sind da, in welche der Riegel gehört, und in diese Haken hab' ich meinen Arm gesteckt, wie Eine Eurer Vorfahren, welche in besserem Dienst, als die Douglase unserer Tage, auf diese Weise die Schlafkammer ihrer Königin gegen Mörder vertheidigte. Versucht Eure Kraft und seht, ob nicht eine Seyton mit einer Jungfrau vom Hause Douglas in Muth wetteifern kann.«

»Auf diese Gefahr hin mag ich den Eingang nicht versuchen,« sprach die Burgfrau. – »Sonderbar, daß diese Fürstin bei allem Tadel, der ihr anhängt, eine solche Gewalt über die Herzen ihrer Diener übt! – Fräulein, ich gebe dir mein Ehrenwort, daß ich zum Besten und zur Rettung der Königin komme. Wecke sie auf, wenn du sie liebst, und bitte sie um Erlaubniß, daß ich eintreten darf – ich will einstweilen zurücktreten.«

»Du wirst doch die Königin nicht wecken?« sagte Frau Fleming.

»Welche andere Wahl haben wir?« entgegnete das kluge Mädchen. »Oder haltet Ihr es vielleicht für besser, daß die Frau von Lochleven selber die Kammerfrau spielt? Der Anflug von Geduld wird nicht lange bei ihr dauern, und die Königin muß zur Zusammenkunft mit ihr vorbereitet werden.«

»Aber du wirst machen, daß ihr Anfall wiederkehrt, wenn du sie so stört.«

»Verhüt' es Gott!« erwiderte Katharine. »Geschieht es aber, so muß es für eine Wirkung des Giftes gelten. Ich hoffe das Beste und lebe der Zuversicht, daß die Königin, wenn sie erwacht, im Stande sein wird, selber zu urtheilen, was unter diesen schrecklichen Umständen zu thun ist. Unterdessen bemüht Ihr Euch, liebe Frau Fleming, so schläfrig auszusehen, als die Munterkeit Eures Geistes erlauben mag.«

Katharine kniete neben dem Bett der Königin nieder, und es gelang ihr, sie durch wiederholtes Küssen ihrer Hand wach zu machen, ohne sie zu erschrecken. Maria schien sich zu wundern, daß sie angekleidet im Bett lag, schien übrigens, als sie sich aufsetzte, völlig gefaßt zu sein, daß Katharine Seyton es unbedenklich fand, die ohne Umschweife von den Umständen zu benachrichtigen, in welchen sie sich befanden. Maria erbleichte und bekreuzte sich zu wiederholten Malen, als sie hörte, in welcher Gefahr sie geschwebt. Doch, gleich dem Ulysses Homers,

– – Kaum erwacht sie war,
Und augenblicklich wußte sie sich Rath.

Sie begriff auf der Stelle ihre Lage, die Gefahren und die Vortheile derselben.

»Wir können nichts Besseres thun,« sprach sie, das Fräulein ans Herz drückend und auf die Stirn küssend, »wir können nichts Besseres thun, als den Plan durchführen, den dein gesunder Verstand und deine unerschrockene Liebe ersonnen hat. Oeffne der Frau Lochleven die Thür. Sie soll ihren Meister finden in Schlauheit, wenn auch nicht in Falschheit. Fleming, zieh' den Vorhang zu und begib dich hinter denselben; du bist eine bessere Haar-, als Bühnenkünstlerin. Athme nur schwer und, wenn du willst, ächze ein wenig; damit wirst du deiner Rolle die Krone aufsetzen. Horch! Sie kommen. Nun, Katharine von Medici, möge dein Geist auf mir ruhen; ein kaltes nordisches Gehirn ist zu blöde für einen solchen Auftritt!«

Eingeführt von Katharine Seyton und so leise wie möglich auftretend, erschien die Frau von Lochleven in dem halbdunklen Schlafgemache und trat an das Bett, wo Maria, blaß und erschöpft durch eine schlaflose Nacht und durch die Aufregung an diesem Morgen, so regungslos dalag, daß die schlimmsten Befürchtungen ihrer Hauswirthin bestätigt zu werden schienen.

»Gott vergeb' uns unsere Sünden!« rief die Burgfrau, ihren Stolz vergessend und neben dem Bette auf die Kniee fallend. »Es ist nur zu wahr – sie ist gemordet!«

»Wer ist in der Kammer?« fragte Maria, als ob sie aus einem tiefen Schlafe erwachte. »Seyton, Fleming, wo seid Ihr? Ich habe eine fremde Stimme gehört. Wer hat den Dienst? – Ruft Courcelles.«

»Ach!« sprach die Burgfrau, »ihre Gedanken sind in Holyrood, während ihr Leib in Lochleven ist. – Verzeiht, Madame, wenn ich Eure Aufmerksamkeit auf mich lenke. Ich bin Margarethe Erskine aus dem Hause Mar, vermählte Frau Douglas von Lochleven.«

»O, Unsere gutmüthige Hauswirthin,« antwortete die Königin, »die so große Sorge für Unsere Wohnung und Speisung trägt. Wir belästigen Euch sehr und zu lange, gute Frau von Lochleven, doch jetzt hoffen wir, Euer Geschäft, Uns zu bewirthen, wird bald beendigt sein.«

»Ihre Worte gehen mir wie ein Messer durchs Herz,« sprach die Burgfrau. – »Mit brechendem Herzen bitt' ich Euch, mir zu sagen, was Euer Durchlaucht fehlt, damit Hülfe geschafft werde, wofern noch Zeit dazu ist.«

»Was mir fehlt, ist nicht der Rede werth,« antwortete die Königin, »braucht dem Arzte nicht gesagt zu werden. Es ist mir schwer in den Gliedern, es ist mir kalt ums Herz, wie das bei Gefangenen selten anders ist. Frische Luft, denke ich, und Freiheit würden mir bald wieder neues Leben verleihen. Allein so wie die Stände verfügt haben, kann nur der Tod meine Kerkerthüren brechen.«

»Wäre es möglich, Madame,« nahm die Burgfrau das Wort, »daß Eure Freiheit vollkommen Eure Gesundheit wiederherstellen könnte, dann würde ich selber mich lieber dem Unwillen des Reichsverwesers, – dem meines Sohnes, Herrn Wilhelm, und meiner ganzen Freundschaft aussetzen, als daß Ihr in dieser Burg Euer Ende finden solltet!«

»Ach! Madame,« sprach Frau Fleming, welche den Augenblick für passend hielt, um zu zeigen, daß man ihre Gewandtheit zu gering angeschlagen habe; »es käme nur auf den Versuch an, um zu sehen, welche gute Wirkung die Freiheit auf uns hätte. Ich meinerseits glaube, ein ungehinderter Gang auf grünem Rasen würde mir große Erleichterung gewähren.«

Frau von Lochleven richtete sich auf und warf einen durchdringenden Blick auf die ältere Kranke.

»Seid Ihr so unwohl, Frau Fleming?« »Unwohl, gewiß, Madame, besonders seit dem Frühstück,« antwortete die Hofdame.

»Hülfe! Hülfe!« rief Katharine, um ein Gespräch zu unterbrechen, welches ihrem Plane nichts Gutes bedeutet; »Hülfe! die Königin wird ohnmächtig. Helft, Frau von Lochleven, wofern Ihr ein Weib seid!«

Die Burgfrau beeilte sich, der Königin den Kopf zu halten. Maria wandte ihre Augen mit dem Ausdrucke großer Mattigkeit gegen sie, und sprach:

»Danke, theuerste Frau von Lochleven. Trotz einigen Streichen in der letzten Zeit hab' ich nie Eure Neigung zu Unserem Hause bezweifelt oder gemißdeutet. Man sagt, Ihr hättet sie schon vor meiner Geburt bewiesen.«

Die Frau von Lochleven sprang von dem Boden auf, wo sie abermals niedergekniet war, ging in großer Aufregung durch das Zimmer und riß das Fenster auf, wie um nach Luft zu schnappen.

»Heilige Mutter Gottes!« dachte Katharine; »wie tief muß die Spottlust uns Weibern eingepflanzt sein, wenn die Königin bei allem ihrem Verstande es lieber darauf ankommen läßt, in's Verderben zu gerathen, als ihren Witz zu zügeln!«

Sie faßte sich ein Herz, beugte sich über die Königin und drückte ihr den Arm, indem sie sagte:

»Um Gottes willen, Madame, zügelt Euch!«

»Du bist zu keck, Mädchen,« sprach Maria, fügte aber sogleich flüsternd hinzu: »Vergieb mir, Katharine. Als ich die mörderische Hand der Hexe an meinem Kopfe und Halse spürte, empfand ich solchen Abscheu und Haß, daß ich etwas sagen mußte, wenn mir nicht das Herz zerspringen sollte. Doch ich will mich zu einem besseren Verhalten schulen lassen. Sorge du nur, daß sie mich nicht anrührt.«

»Nun, Gott sei gelobt!« rief Frau von Lochleven, den Kopf aus dem Fenster zurückziehend, »der Kahn kommt so schnell, als Segel und Ruder Holz durch Wasser treiben können. Er bringt den Arzt und ein Weib – sicherlich die Person, welche ich suchte. Wäre sie nur aus dem Schlosse heraus, ohne daß unsere Ehre dabei litte, dann wollte ich, sie wäre auf dem Gipfel des wildesten Berges in Norwegen; oder ich wollte, ich selbst wäre dort gewesen, ehe ich dies Geschäft übernommen hätte!«

Während sie so in der Vertiefung des Fensters redete, beobachtete Roland aus einem anderen Fenster den durch den See heranschießenden Kahn, von dessen Seiten der Schaum wegspritzte. Auch er sah, wie am Hintertheile der ärztliche Kämmerer in seinem schwarzen Sammetmantel saß, und wie am Vordertheile seine Großmutter mit gefalteten Händen stand, und zuweilen nach der Burg deutete, so daß man schon von Weitem an ihrer Haltung die Begierde bemerkte, den Landungsplatz zu erreichen.

Als sie angekommen waren, wurde die vermeintliche Hexe in einem Zimmer zu ebener Erde zurückgehalten, der Arzt aber in das Gemach der Königin eingeführt, wo er mit aller Feierlichkeit eines Heilkünstlers von Fach eintrat. Katharine schlich von dem Bette der Königin weg zu Roland und flüsterte ihm zu:

»Nach dem abgeschabten Mantel und dem amtsmäßigen Barte zu urtheilen, möchte es nicht viel Mühe kosten, diesem Esel Zaum und Gebiß anzulegen. Aber deine Großmutter, Roland, – der Eifer deiner Großmutter wird uns zu Grunde richten, wenn sie nicht einen Wink erhält, zurückhaltend zu sein.«

Roland schlüpfte, ohne zu antworten, aus dem Schlafzimmer hinaus, ging durch das Wohnzimmer und bis in das Vorzimmer. Hier aber scholl ihm der Ruf: »Zurück! zurück!« von zwei mit Stutzbüchsen bewaffneten Männern entgegen und belehrte ihn, daß die argwöhnische Vorsicht der Burgfrau selbst in der Angst und Verwirrung ihres Herzens nicht so weit eingeschläfert war, um die Aufstellung von Schildwachen zu versäumen. Er mußte also zurück in das Wohnzimmer, wo er die Burgfrau im Gespräch mit ihrem gelehrten Arzte fand.

»Macht ein Ende mit Eurem Gesalbader und Eurer feierlichen Ziererei,« redete sie den Mann der Wissenschaft an, »und laßt mich augenblicklich wissen, ob diese Frau etwas Ungesundes zu sich genommen hat.«

»Liebe, gute, gnädige Frau, geehrte Beschützerin, der ich zu unbedingtem Dienste verbunden bin sowohl in meiner Eigenschaft als Arzt, wie als Amtmann, seid doch billig gegen mich. Wenn diese meine erlauchte Patientin auf alle Fragen nicht anders antworten will, als mit Seufzen und Stöhnen, wenn die andere ehrenwerthe Frau Nichts thut, als mir ins Gesicht gähnen, wenn ich nach den Symptomen frage, und wenn das andere Fräulein, welches, ich gestehe es, ein hübsches Kind ist –«

»Sprich mir nicht von hübsch und nicht von Fräulein,« unterbrach ihn die Burgfrau. »Ich frage: Sind sie unwohl? Mit einem Worte – haben sie Gift genommen? ja oder nein!«

»Die Gifte, Madame,« antwortete der Gelehrte, »sind von mancherlei Art. Es gibt thierisches Gift, wie z. B. den lepus marinus, dessen Dioskorides und Galenus gedenken,– es gibt mineralische und halbmineralische Gifte, wie die aus sublimiertem Spießglanzkönig, Vitriol und Arseniksalzen zusammengesetzten, – es gibt Gifte aus Kräutern und Vegetabilien, wie die aqua Cymbalariae, das Opium, Eisenhütlein, Canthariden und dergleichen. Es gibt ferner – –«

»Zum Henker mit dir!« unterbrach die Burgfrau abermals. »Du gelehrter Narr – doch ich selber bin nicht besser, daß ich Rath von einem solchen Klotz erwarte.«

»O, geduldet Euch doch nur, gnädige Frau. Wenn ich wüßte, was sie für Speisen genossen haben, oder wenn ich nur die Ueberreste ihres letzten Mahles sehen könnte – denn ich kann weder äußere noch innere Symptome bemerken, denn Galenus sagt in seinem zweiten Buche de Antidotis – –«

»Fort mit dir, Narr!« rief Frau von Lochleven. »Schickt mir die Hexe herauf; sie soll gestehen, was sie dem Schufte Dryfesdale gegeben hat, oder die Zangen und Daumschrauben sollen es ihr aus den Fingergelenken herausquetschen!«

»Die Kunst hat keinen andern Feind, als den Unwissenden,« sagte der gekränkte Doctor, das heißt, auf Lateinisch, und zog sich in einen Winkel zurück, um das Ende abzuwarten.

Nach Verlauf einer Minute trat Magdalene Graeme ein in der Kleidung, wie wir sie bei dem Jahrmarkte beschrieben haben, jedoch mit zurückgeschlagenem Kinntuche und ohne sich unkenntlich machen zu wollen. Zwei Bewaffnete, die sie gar nicht zu bemerken schien, folgten ihr mit verlegener und ängstlicher Miene, vermuthlich im Glauben an ihre übernatürliche Macht, worin sie durch ihr unerschrockenes Benehmen befestigt wurden. Kühn trat sie vor die Frau von Lochleven hin, welche ihr zuversichtliches Wesen mit tiefer Verachtung zu erwidern schien.

»Elendes Weib!« begann die Burgfrau, nachdem sie versucht hatte, sie vorerst durch einen strengen Blick einzuschüchtern, »was war das für ein Pulver, welches du einem Diener dieses Hauses, Namens Kaspar Dryfesdale, gegeben hast, auf daß er mit demselben eine langsame und verborgene Rache üben könnte? Bekenne die Beschaffenheit und Wirksamkeit desselben, oder, bei der Ehre von Douglas, ich lasse dich am Pfahl verbrennen, ehe die Sonne unter ist!«

»Ach!« erwiderte Magdalene Graeme, »wann ist je ein Douglas oder ein Diener von Douglas so von Mitteln, seine Rache zu üben, entblößt gewesen, daß er sie bei einer armen, einsamen Frau hätte zu suchen brauchen? Die Thürme, in welchen Eure Gefangenen sich abhärmen, bis sie unbemitleidet in's Grab sinken, stehen noch fest auf ihren Grundlagen, – die in denselben verübten Verbrechen haben noch nicht ihre Gewölbe zersprengt. Eure Leute haben noch ihre Armbrüste, Pistolen und Dolche – was braucht Ihr Kräuter und Zaubersprüche zur Uebung Eurer Rache?«

»Höre mich an, Scheusal!« sprach die Burgfrau. »Doch wozu mit dir sprechen? – Bringt den Dryfesdale herauf und stellt sie einander gegenüber!«

»Ihr könnt Euren Knechten die Mühe ersparen,« versetzte Magdalene Graeme. »Ich bin nicht hieher gekommen, um einem gemeinen Knechte gegenüber gestellt zu werden, noch um auf die Fragen von Jakobs ketzerischer Buhle zu antworten. Ich bin gekommen, um mit der Königin von Schottland zu reden. Platz da!«

Während Frau von Lochleven ganz verwirrt über ihre Kühnheit und über den gegen sie geschleuderten Vorwurf dastand, schritt Magdalene Graeme an ihr vorüber in das Schlafgemach der Königin, knieete nieder und beugte das Haupt, als wollte sie nach morgenländischer Begrüßungsweise mit der Stirn den Boden berühren.

»Heil dir, o Fürstin!« sprach sie, »Heil dir, Tochter vieler Könige, aber vor Allem dadurch verherrlicht, daß du berufen bist, für den wahren Glauben zu dulden! Heil dir, das reine Gold deiner Krone ist geprüft in dem siebenfach geheizten Ofen der Trübsal; vernimm den Trost, welchen Gott und Unsere liebe Frau dir senden durch den Mund deiner unwürdigen Magd. – Doch erst –« sie beugte abermals das Haupt, bekreuzte sich wiederholt und schien, immer noch knieend, schnell ein Gebet herzusagen.

Die Frau von Lochleven hatte sich unterdessen von ihrem Staunen über die Frechheit der vermeintlichen Hexe erholt und rief ihren Knechten zu:

»Greift sie und schleppt sie auf den Dickhübel! Werft die Zaubrerin ins Verließ! Nur der Teufel, ihr Meister, konnte ihr die Keckheit einflößen, der Mutter des Douglas in seiner Burg Hohn zu sprechen!«

Der Arzt wagte eine Vorstellung gegen diesen Befehl.

»Gnädige Frau,« sprach er, »ich bitte, laßt sie gewähren. Vielleicht erfahren wir so Etwas über das Geheimmittel, welches sie sich unterstanden hat, wider das Gesetz und wider die Regeln der Kunst bei diesen Frauen anzuwenden durch Vermittelung des Hofmeisters Dryfesdale.«

»Für einen Narren,« erwiderte die Frau von Lochleven, »hast du einen weißen Rath gegeben. Ich will meinen Zorn zügeln, bis ihre Besprechung vorüber ist.«

»Verhüt' es Gott, geehrte Frau, daß Ihr ihn länger zurückhaltet,« sprach der Doctor. »Nichts könnte mehr Eurem hohen Wohlergehen schaden. Und wirklich, wenn hier Zauberei mit unterläuft, so ist die Meinung im Volke und selbst von gründlichen Schriftstellern über Dämonologie, daß drei Scrupel von der Asche der Hexe, wenn sie sorgfältig an einem Pfahle verbrannt worden ist, in Fällen, wie der vorliegende, eine Universalarznei sind, gerade wie man im Falle der Wasserschen crinis canis rabidi, das ist: ein Haar von dem Hunde, der den Patienten gebissen, zu verschreiben pflegt. Ich will weder das eine noch das andere dieser beiden Mittel verbürgen, denn sie liegen außer der regelmäßigen Praxis der Schulen; doch im vorliegenden Falle möchte es unbedenklich sein, die Probe mit dieser alten Beschwörerin und Quacksalberin zu machen. Fiat experimentum in corpore vili, pflegen wir zu sagen.«

»Schweig, Narr!« entgegnete die Burgfrau. »Eben will sie sprechen.«

Magdalene Graeme war eben aufgestanden und hatte ihr Gesicht der Königin zugekehrt. Den einen Fuß vorsetzend und die rechte Hand ausstreckend, glich sie einer Sibylle in Verzückung. Ihr graues Haar hing lang unter ihrer Haube hervor, ihr Auge strahlte Feuer unter ihren buschigen Brauen, und auf ihren hageren Zügen drückte sich eine an Wahnsinn grenzende Begeisterung aus, die alle Anwesenden mit Grauen erfüllte. Sie blickte wild umher, als suchte sie Etwas, das ihr helfen könnte, des Wortes mächtig zu werden; ihre Lippen zitterten, wie die eines Menschen, der gern sprechen möchte, aber die Worte, welche sich ihm darbieten, als unzulänglich verwirft.

Maria selber schien durch einen magnetischen Einfluß mit ihr in Verbindung zu stehen, denn sie richtete sich im Bette auf, sah unverwandt der Alten in die Augen, ohne im Stande zu sein, den Blick abzuwenden, und wartete wie auf das Orakel einer delphischen Priesterin.

Bald hatte Magdalene sich völlig gesammelt, ihr Blick wurde starr, in ihren Gesichtszügen drückte sich die entschiedenste Kraft aus, und die Worte begannen ihr mit einer Leichtigkeit vom Munde zu fließen, daß sie selber und Andere sie für höhere Eingebung hielten.

»Erhebe dich,« sprach sie, »Königin von Frankreich und von England! Erhebe dich, Löwin von Schottland, und zittre nicht, obwohl die Netze der Jäger dich umgeben! Laß dich nicht herab, mit den Falschen zu heucheln, welchen du bald im offenen Felde begegnen wirst. Der Ausgang der Schlacht steht bei dem Gott der Heerschaaren, aber durch eine Schlacht wird deine Sache erprobt werden. Lege also die Künste niederer Sterblicher bei Seite und übe die, so einer Königin ziemen! Treue Vertheidigerin des einzig wahren Glaubens, das Zeughaus des Himmels ist dir eröffnet. Treue Tochter der Kirche, nimm die Schlüssel Petri, zu binden und zu lösen. Fürstin des Landes, nimm das Schwert Pauli, um zu schlagen und zu zertrennen! Es ist eine Düsterheit in deinem Schicksal. Aber nicht in diesen Thürmen, nicht unter dem Machtgebote der hochmüthigen Gebieterin derselben wird dies Schicksal zum Schlusse kommen. In andern Landen mag die Löwin den Nacken beugen vor der Macht der Tigerin, aber nicht in ihrem eignen. Nicht in Schottland soll Schottlands Königin lange gefangen bleiben; das Schicksal der königlichen Stewart ist nicht in der Hand des Verräthers Douglas. Laß die Frau von Lochleven ihre Riegel verdoppeln und ihre Verließe vertiefen; sie sollen dich nicht halten. Eher wird dir jedes Element. Beistand leisten, als daß du noch lange gefangen bleiben solltest. Eher wird das Land seine Erdbeben, das Wasser seine Wogen, die Luft ihre Stürme, das Feuer seine Flammen zur Verwüstung dieses Hauses in Bewegung setzen, als daß es noch lange der Ort deiner Haft bleiben sollte. Hört es und zittert, ihr Alle, die ihr kämpft wider das Licht! Es spricht dies Die, der es offenbart worden ist!«

»Wenn es je in unseren Tagen eine Energumene oder Besessene gegeben hat,« sprach der erstaunte Arzt, »dann spricht ein Teufel mit der Zunge dieses Weibes.«

»Praktiken,« rief die Burgfrau, sich von ihrem Staunen erholend; »Nichts als Praktiken und Betrug. In's Verließ mit ihr!«

»Frau von Lochleven,« nahm die Königin das Wort, indem sie aufstand und mit gewohnter Würde sich der Angeredeten näherte, »ehe Ihr Jemand in meiner Gegenwart verhaften laßt, hört mich auf ein Wort. Ich habe Euch einigermaßen Unrecht gethan. Ich habe Euch für eine Mitwisserin des Mordanschlags Eures Untergebenen gehalten, und ich habe Euch getäuscht, indem ich Euch glauben ließ, jener Anschlag sei zur Ausführung gekommen. Ich habe Euch Unrecht gethan, Frau von Lochleven, denn ich sehe, Eure Absicht, mir zu helfen, war aufrichtig. Wir haben den Trank nicht gekostet, Wir sind nicht krank, ausgenommen, daß Wir nach Unserer Freiheit schmachten.«

»Es ist ein Geständniß, wie es Marien von Schottland geziemt,« sprach Magdalene Graeme. »Uebrigens wisset, hätte auch die Königin den Trank bis auf die Hefen zu sich genommen, so würde er ihr so wenig haben schaden können, wie das Wasser von einer heiligen Quelle. Glaubt Ihr, stolzes Weib, daß ich den Frevel hätte begehen können, Gift in die Hände eines Dieners oder Untergebenen des Hauses Lochleven zu legen, während ich wußte, wer in diesem Hause weilte? Eher würde ich Gift geliefert haben zur Ermordung meiner Tochter!«

»Wird mir so in meiner eigenen Burg Hohn gesprochen?« rief Frau von Lochleven. »In's Verließ mit ihr! Sie soll den Lohn gewarten, der Giftmischern und Zauberern gebührt!«

»Hört mich doch einen Augenblick an, Frau von Lochleven,« nahm die Königin abermals das Wort, »und Ihr,« sprach sie zu Magdalenen, »schweigt auf meinen Befehl. – Euer Hofmeister hat seinem Geständnisse nach einen Versuch auf mein und meiner Dienerschaft Leben gemacht, und dies Weib hat gethan, was sie konnte, um uns zu retten, indem sie ihm etwas Unschädliches gab, statt des erwarteten Giftes. Ich dächte, es ist kein unbilliger Vorschlag, wenn ich sage, ich vergebe Eurem Diener von Herzen und überlasse die Rache Gott und seinem Gewissen, dafür vergebt Ihr aber auch diesem Weibe seine Kühnheit gegen Euch. Denn daß sie ein unschädliches Pulver an die Stelle des für Unseren Becher bestimmten Giftes gesetzt hat, könnt Ihr doch wohl nicht für ein Verbrechen halten?«

»Da sei Gott vor,« antwortete die Burgfrau, »daß ich für ein Verbrechen halten sollte, was das Haus Douglas vor der Schmach des Treubruchs und der Verletzung des Gastrechts bewahrt hat. Wir haben an Unsern Sohn geschrieben in Betreff des Verbrechens Unseres Untergebenen. Dieser muß sein Urtheil abwarten, welches vermuthlich auf Tod lauten wird. Was dies Weib anlangt, so ist ihr Geschäft durch die heilige Schrift verdammt und wird nach den weisen Gesetzen unserer Vorfahren mit dem Tode bestraft. Auch sie muß ihr Urtheil abwarten.«

»Habe ich denn,« fragte die Königin, »gar keinen Anspruch an das Haus Lochleven für das Unrecht, welches ich beinahe in seinen Mauern erlitten hätte? Ich verlange dafür ja nichts weiter, als das Leben eines alten gebrechlichen Weibes, deren Verstand, wie Ihr selber sehen könnt, einigermaßen durch die Jahre und durch Leiden angegriffen zu sein scheint.«

»Wenn Frau Maria mit Unheil bedroht worden ist in dem Hause von Douglas,« erwiderte die unbeugsame Burgfrau, »so mag als Genugthuung dafür gelten, daß ihre Anschläge diesem Hause die Ausstoßung eines werthgeschätzten Sohnes gekostet haben.«

»Redet nicht weiter für mich, gnädigste Fürstin,« nahm Magdalene das Wort; »erniedrigt Euch nicht, auch nur ein Haar von meinem grauen Haupte von ihr zu erbitten. Ich weiß, mit welcher Gefahr ich meiner Kirche und meiner Königin diene, und bin stets bereit gewesen, mein armseliges Leben als Lösegeld für sie darzubringen. Es liegt ein Trost in dem Gedanken, daß durch meine Ermordung oder durch Beschränkung meiner Freiheit oder auch nur durch Krümmung eines Haares meines grauen Hauptes, das Haus, mit dessen Ehre sie prahlt, das Maß seiner Schande voll macht, indem es seine feierliche schriftliche Zusage der Sicherheit bricht.«

Damit zog sie ein Papier aus dem Busen und händigte es der Königin ein.

»Es ist eine feierliche Zusage der Sicherheit für Leib und Leben,« sprach Maria, »mit Frist zu kommen und zu gehen, geschrieben und besiegelt von dem Kämmerer zu Kinroß, bewilligt der Magdalene Graeme, gemeiniglich genannt Mutter Nicneven, in Betracht, daß sie sich dazu versteht, sich erforderlichen Falles auf vierundzwanzig Stunden innerhalb des eisernen Thores der Burg Lochleven zu verfügen.«

»Schelm!« fuhr die Burgfrau den Kämmerer an, »wie konntet Ihr Euch unterstehen, ihr solchen Schutz zuzusagen?«

»Es geschah auf den Befehl Ew. Gnaden, den Randal, wie er bezeugen kann, überbracht hat,« antwortete der Kämmerer. »Ich bin bloß der Apotheker, welcher die Arzneien nach Anweisung des Mediciners mischt.«

»Ich erinnere mich – ich erinnere mich,« sprach die Burgfrau. »Allein meine Meinung war bloß, daß die Zusicherung in dem Falle angewandt werden sollte, wenn sie sich in einem fremden Gerichtsbezirke aufhielte, so daß sie auf Unseren Befehl nicht ergriffen werden könnte.«

»Nichtsdestoweniger,« bemerkte die Königin, »ist die Frau von Lochleven gebunden durch die Handlung ihres Bevollmächtigten, welcher die Zusicherung gegeben hat.«

»Madame,« erwiderte die Burgfrau, »das Haus Douglas hat nie ein gegebenes sicheres Geleite gebrochen und wird es auch nie thun. Zu schwer hat es gelitten durch einen an ihm verübten Treubruch, als Einer von Ew. Durchlaucht Ahnen, Jakob der Zweite, dem Gastrechte und seiner schriftlichen Zusage zuwider, den wackeren Grafen von Douglas mit eigner Hand erdolchte, drei Schritte weit von der Tafel, an welcher er eben noch als der geehrte Gast des Königs von Schottland gesessen.«

»Mich dünkt,« sprach die Königin gleichgültig, »in Betracht einer so neuen und unerhörten Schauergeschichte, welche, glaub' ich, erst vor hundert und etlichen Jahren vorgefallen ist, sollten die Douglase weniger zähe sein, in der Gesellschaft ihrer Herrscher zu bleiben, wie Ihr es bei mir zu sein scheint.«

»Randal,« gebot die Burgfrau, »soll die Hexe nach Kinroß hinüberführen und sie in Freiheit setzen, worauf sie bei Lebensstrafe aus Unserem Gebiet zu verweisen ist. – Und Eure Weisheit. Kämmerer, soll ihr Gesellschaft leisten. Fürchtet nicht, daß Eure Ehre darunter leidet. wenn ich Euch in solcher Gesellschaft fortschicke. Denn zugegeben. daß sie eine Hexe ist, wäre es doch Holzverschwendung, Euch als einen Hexenmeister zu verbrennen.«

Der gedemüthigte Kämmerer machte Miene, sich zu entfernen. Magdalene Graeme wollte noch Etwas sagen, allein die Königin kam ihr zuvor mit den Worten:

»Gute Mutter, Wir danken Euch für Euren ungeheuchelten Eifer um Unsere Person. und bitten Euch bei Eurer Unterthanenpflicht, Alles zu unterlassen, was Euch in Gefahr bringen kann. Und ferner ist Unser Wille, daß Ihr weggeht, ohne mit einem Menschen in diesem Schlosse ein Wort weiter zu reden. Zum Lohne nehmt dies Reliquienkästchen. Es ist Uns von Unserem Oheim, dem Cardinal gegeben und von dem heiligen Vater selber eingesegnet worden.«

Dann wandte sie sich zu dem Doctor. der in zwiefacher Verlegenheit war, einmal aus Ehrfurcht vor der Königin, indem er fürchtete, zu wenig zu thun, und dann aus Besorgniß vor dem Mißfallen seiner gnädigen Frau, wofern er zu viel thäte, und sprach:

»Gelehrter Herr, da es nicht Eure Schuld ist, sondern ohne Zweifel nur Unser Glück war, daß Wir Eurer Geschicklichkeit für dies Mal nicht bedurften, so würde es Uns, in welchen Umständen Wir Uns auch befinden mögen, nicht geziemen, Unsern Arzt ohne eine Belohnung, wie Wir sie bieten können, ziehen zu lassen.«

Mit diesen Worten und mit der Anmuth, die ihr nie abging – wiewohl im gegenwärtigen Fall bei derselben ein wenig gutmüthiger Spott mit unterlaufen mochte – reichte sie dem Kämmerer ein gesticktes Beutelchen dar. Lundin streckte die Hand aus und bog den Rücken dergestalt, daß ein Phyiognom von hinten zwischen seinen Kamaschen hindurch die Beschauung seiner gelehrten Stirn hätte vornehmen können. Allein die Burgfrau verhinderte ihn, den Lohn seines Geschäftes aus einer eben so schönen als erlauchten Hand zu empfangen, indem sie laut sagte:

»Kein Diener Unseres Hauses darf, ohne augenblicklich diese Eigenschaft zu verlieren und ohne sich zugleich Unser höchstes Mißfallen zuzuziehen, irgend eine Erkenntlichkeit aus der Hand der Frau Maria annehmen.«

Betrübt und langsam verwandelte der Kämmerer seine gebeugte Stellung in die aufrechte und verließ niedergeschlagen das Gemach.

Magdalene Graeme folgte ihm, nachdem sie mit stummer, aber ausdrucksvoller Geberde das Reliquienkästchen geküßt und ihre Augen und gefalteten Hände gen Himmel erhoben hatte, als wollte die Segen über die königliche Frau erflehen.

Als sie aus der Burg herauskam und auf die Anlände zuging, trat ihr Roland in den Weg, um, wo möglich, einige Worte mit ihr zu wechseln. Dies hätte ungehindert geschehen können, denn es war Niemand um sie, als der niedergebeugte Kämmerer und seine Hellebardiere. Aber es schien, sie nahm den Befehl der Königin, welcher ihr Schweigen auferlegte, streng und ohne zu deuteln, denn sie erwiderte lediglich damit, daß sie den Finger auf den Mund legte.

Dr. Lundin war nicht so zurückhaltend. Schmerz um das hübsche Geschenk und um die ihm auferlegte Entsagung nagte an dem Herzen des würdigen Beamten und gelehrten Mediciners.

»Seht, Freund,« sprach er, als er dem Kammerjunker die Hand zum Abschied drückte, »so wird Verdienst belohnt. Da bin ich gekommen, diese unglückliche Frau zu kurieren – und ich muß gestehen, sie verdient die Mühe, welche man auf sie wendet. Denn, man mag von ihr sagen, was man will, sie hat sehr gewinnende Manieren, eine süße Stimme, ein anmuthiges Lächeln und eine majestätische Bewegung der Hand. Wenn sie nicht vergiftet war, sprecht, lieber Meister Roland, war es meine Schuld? da ich doch bereit war, sie zu kurieren, falls sie es gewesen wäre. Und nun verwehrt man mir, das wohlverdiente Honorar anzunehmen! O Galen! o Hippokrates! sind Doctorhut und Scharlachmantel dahin gebracht? Frustra fatigamus! Vergebens quälen wir die Kranken mit Heilmitteln.«

Er wischte sich die Augen und schiffte sich ein. Der Kahn drückte ab und flog lustig über den See, welchen ein Sommerlüftchen kaum kräuselte.

 

Anmerkung zum Kapitel:

Ein Romanschreiber braucht nur ein Haar, um ein Spannseil daraus zu machen, wie man in Schottland zu sagen pflegt. Die ausführliche Geschichte von dem Anschlag des Hofmeisters auf das Leben der Königin beruht auf einer Stelle in einem ihrer Briefe, wo es heißt, daß Kaspar Dryfesdale, einer der Diener des Herrn von Lochleven, gedroht habe, den Wilhelm Douglas für seine Theilnahme an der Befreiung der Königin zu ermorden, und daß er erklärt habe, er wolle einen Dolch in Mariens eigenes Herz stoßen. – Chalmers' Leben der Königin Maria, Bd. 1. S. 278.

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