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Der Abt

Walter Scott: Der Abt - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Scott
titleDer Abt
publisherHoffmann'sche Verlagsbuchhandlung
printrunZweite vermehrte Auflage
firstpub1841
year1851
translatorFriedrich Funck
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20160427
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Einunddreißigstes Kapitel.

Vergiftet – unwohl! – todt, verlassen, hin!

König Johann.

So sehr auch Roland des Aufenthaltes auf Schloß Lochleven müde war, so sehr er auch wünschte, der Anschlag zur Befreiung der Königin möchte geglückt sein, so ist doch die Frage, ob er je mit angenehmeren Gefühlen erwachte, als an dem Morgen, nachdem des Burgvogts Befreiungsplan vereitelt worden war. Erstlich war er jetzt überzeugt, daß er des Abtes Wink mißverstanden hatte, und daß die Neigung von Georg Douglas nicht Katharinen Seyton, sondern die Königin zum Gegenstande hatte. Zweitens glaubte er nach den Erklärungen, die zwischen ihm und dem Hofmeister stattgefunden hatten, freie Hand zu haben, um ohne Verletzung seiner Ehre in seinem Verhältnisse zum Hause Lochleven nach Kräften zu jedem künftigen Befreiungsversuche beizutragen. Und abgesehen von seiner Geneigtheit zu der Unternehmung, wußte er, daß er keinen sicherern Weg zur Gunst von Katharine Seyton finden konnte. Er suchte jetzt nur eine Gelegenheit, um sie wissen zu lassen, daß er sich diese Aufgabe gestellt habe, und der Zufall verschaffte ihm eine ungewöhnlich günstige.

Zur gewöhnlichen Stunde ward das Frühstück gebracht unter Vortritt des Hofmeisters, der die gewöhnlichen Förmlichkeiten beobachtete, aber mit einem spöttischen Blick auf Roland bemerkte:

»Ich überlass' es Euch, junger Herr, das Amt des Vorschneiders zu versehen. Zu lange ist dieser Dienst der Frau Maria durch einen Angehörigen des Hauses Douglas geleistet worden.«

»Und wär' es der Vorzüglichste, der je diesen Namen geführt, so könnt er sich eine Ehre daraus machen,« versetzte der Kammerjunker.

Der Hofmeister entfernte sich, ohne diesen Trumpf anders zu erwidern, als mit einem finsteren Hohnlächeln.

Roland, der sich jetzt allein in dem Zimmer befand, dachte mit Lust und Liebe an das ihm überlassene Geschäft, und wie er nach Kräften die anmuthige und höfliche Weise nachahmen wolle, mit welcher Georg von Douglas dasselbe an der Tafel der Königin von Schottland verrichtet hatte. Es war mehr als jugendliche Eitelkeit, es war eine edelmüthige Hingebung in dem Gefühle, mit welchem er dasselbe übernahm, wie wenn ein braver Kriegsmann an den Platz seines im ersten Gliede gefallenen Kameraden vortritt.

»Ich bin jetzt,« dachte er, »ihr einziger Kämpe; mag Glück oder Unglück kommen, ich will nach besten Kräften so treu, so zuverlässig, so brav sein, wie nur irgend ein Douglas sein könnte.«

In diesem Augenblick trat Katharine Seyton ein, wider ihre Gewohnheit allein, und ganz gegen ihre Weise mit dem Schnupftuch vor den Augen. Roland Graeme näherte sich ihr mit klopfendem Herzen und gesenktem Blick, und fragte sie leise und zögernd, ob die Königin wohl sei?

»Könnt Ihr das denken?« antwortete Katharine. »Meint Ihr, das Herz und der Leib dieser Frau sei von Stahl und Eisen, daß sie die grausame Vereitelung ihrer Hoffnungen gestern Abend und die schändlichen Scheltworte jener puritanischen Hexe ertragen könnte? – Wollte Gott, ich wäre ein Mann, um ihr mit besserem Erfolge zu helfen.«

»Wenn Diejenigen, welche Pistolen und Stöcke und Dolche tragen, nicht Männer sind, so sind sie wenigstens Amazonen, und die sind eben so furchtbar,« versetzte der Kammerjunker.

»Ihr seid gar nicht willkommen mit Eurem Witze,« erwiderte das Fräulein. »Ich bin weder in der Stimmung, mich daran zu ergötzen, noch auf denselben zu antworten.«

»Wohlan dann,« nahm Roland wieder das Wort, »so laßt mich denn die ernsthafte Wahrheit mit Euch reden. Also fürs Erste laßt mich bemerken, daß die Geschichte gestern Abend glätter abgegangen wäre, wenn Ihr mich ins Vertrauen gezogen hättet.«

»Das wollten wir. Aber wer konnte sich einfallen lassen, daß es dem Herrn Kammerjunker belieben würde, die Nacht im Garten zuzubringen, wie ein mondsüchtiger Ritter in einem spanischen Roman, anstatt im Bett zu sein, wenn Douglas käme, mit ihm über unser Vorhaben zu reden?«

»Und warum,« fragte Roland, »mußte die wichtige Mittheilung so lange verschoben werden?«

»Weil Eure Gespräche mit Henderson und – nichts für ungut! – Eure natürliche Heftigkeit und Wankelmüthigkeit uns bedenklich machten, Euch ein so wichtiges Geheimniß früher als im letzten Augenblick anzuvertrauen.«

»Und warum denn doch noch im letzten Augenblick?« fragte der Kammerjunker, der sich durch diese Offenherzigkeit gar nicht geschmeichelt fühlte. »Warum denn in irgend einem Augenblick, da ich einmal das Unglück hatte, so verdächtig zu sein?«

»Da – da seid Ihr wieder zornig,« sprach Katharine, »und Ihr verdientet, daß ich das Gespräch abbräche. Aber ich will großmüthig sein und Eure Frage beantworten. Wisset also, wir hatten zweierlei Gründe, Euch in's Geheimniß zu ziehen. Erstlich konnten wir es nicht wohl umgehen, da Ihr in dem Zimmer schlieft, durch welches unser Weg ging. Zweitens –«

»Nein,« fiel der Kammerjunker ein, »Ihr könnt den zweiten Grund sparen, da der erste Euer Vertrauen gegen mich zu einem nothgedrungenen macht.«

»Halt's Maul!« rief Katharine. »Also zweitens ist unter uns eine alberne Person, welche glaubt, Roland hat ein warmes Herz, wenn auch einen Schwindelkopf, sein Blut ist rein, wenn es auch etwas zu schnell siedet, seine Treue und Ehrlichkeit sind zuverlässig wie der Angelstern, obwohl seine Zunge manchmal nichts weniger als verständig ist.«

Dies Geständniß machte Katharine mit leiser Stimme und mit auf den Boden gehefteten Augen, als ob sie den Blicken Rolands ausweichen wollte, während sie es über ihre Lippen gehen ließ.

»Und diese einzige Freundin,« rief der Jüngling entzückt, »diese Einzige, welche dem armen Roland wollte Gerechtigkeit widerfahren lassen, deren eignes edles Herz sie lehrte, zu unterscheiden zwischen Thorheiten des Kopfes und Fehlern des Herzens! – wollt Ihr mir nicht sagen, theuerste Katharine, wem ich meinen innigsten, herzlichsten Dank schuldig bin?«

»Nein,« antwortete Katharine, »wenn Euer eignes Herz es Euch nicht sagt –«

»Theuerste Katharine!« sprach Roland, ihre Hand fassend und sich auf ein Knie niederlassend.

»Ich meine, wenn Euer eignes Herz es Euch nicht sagt, dann ist es sehr undankbar. Denn die mütterliche Liebe der Frau Fleming – –«

Der Kammerjunker sprang auf und rief:

»Bei Gott, Katharine, Eure Zunge weiß sich eben so vielfach zu verwandeln, wie Eure Person! Ihr treibt Euren Spott mit mir, grausames Mädchen. Ihr wißt, Frau Fleming macht sich aus Unsereinem gerade so viel, wie die verwünschte Prinzessin auf der altmodischen Hoftapete dort.«

»Es mag sein,« sprach Katharine Seyton, »aber Ihr solltet nicht so laut reden.«

»Psch!« fuhr der Kammerjunker fort; »sie kümmert sich um Niemanden, als um sich und um die Königin. Ueberdies wißt Ihr, daß mir an der guten Meinung von Keiner unter Euch etwas gelegen ist, wenn ich nicht die Eurige habe. Nein, wahrlich selbst an der Meinung der Königin Maria nicht.«

»Schändlich genug von Euch, wenn dem so wäre,« entgegnete Katharine mit großer Ruhe.

»Oh, schöne Katharine,« sprach Roland, »warum wollt Ihr so meinen Feuereifer dämpfen, während ich mich mit Leib und Seele der Sache Eurer Gebieterin weihe?«

»Darum,« antwortete Katharine, »weil Ihr eine so edle Sache herabwürdigt, indem Ihr neben derselben einen niedrigen, eigennützigen Beweggrund erwähnt. Glaubt mir,« fuhr sie fort, mit leuchtenden Augen und höher gefärbten Wangen, »schmählich und irrig denken Die von dem Weibe,– ich meine von dem, welches diesen Namen verdient, – welche glauben, daß dasselbe auf die Befriedigung seiner Eitelkeit oder auf die Erlangung der Bewunderung und Zuneigung eines Liebhabers mehr hält, als auf die Tugend und Ehre des Mannes, den es zu bevorzugen vermocht werden kann. Wer seiner Religion, seinem Fürsten, seinem Vaterlande mit Eifer und Hingebung dient, braucht seine Werbung nicht mit den hochtrabenden Gemeinplätzen romantischer Leidenschaft anzubringen – das Weib, welches er mit seiner Liebe beehrt, wird seine Schuldnerin, und sie ist verpflichtet, durch Gegenliebe seine herrliche Arbeit zu belohnen.«

»Ihr besitzt einen herrlichen Preis für solche Arbeit,« sprach der Jüngling, seine trunkenen Blicke auf sie heftend.

»Nur ein Herz, welches sie zu schätzen weiß,« erwiderte Katharine. »Wer diese mißhandelte Fürstin aus dem Kerker erlösete, und sie in den Kreis ihrer treuen und kriegerischen Großen brächte, deren Herzen vor Verlangen brennen, sie zu bewillkommnen – welches Mädchen in Schottland würde sich nicht durch die Liebe eines solchen Helden geehrt finden, wäre sie auch aus königlichem Geblüte, und er der Abkömmling des ärmsten Hüttenbewohners, der je einen Pflug lenkte!«

»Ich bin entschlossen zu der Unternehmung,« rief Roland. »Doch sagt mir erst, schöne Katharine, und sprecht, als ob Ihr einem Priester beichtetet – diese arme Königin, ich weiß, sie ist unglücklich, – aber, Katharine, haltet Ihr sie für schuldlos? Man legt ihr Mord zur Last.«

»Halt' ich das Lamm für schuldig, weil der Wolf es anfällt?« entgegnete Katharine. »Halte ich die Sonne dort für befleckt, weil ein Erdennebel ihre Strahlen verdüstert?«

Roland seufzte und blickte zur Erde.

»Wollte Gott, meine Ueberzeugung wäre so fest, wie die Eurige! Doch Eins ist klar: mit dieser Gefangenhaltung geschieht ihr Unrecht. Sie hat sich auf einen Vertrag hin ergeben, und man hat ihr die Bedingungen nicht gehalten. Ich will kämpfen für sie auf Tod und Lehen!«

»Wollt Ihr? – wollt Ihr wirklich?« fragte Katharine, ihrerseits seine Hand ergreifend. »Oh, seid nur fest, wie Ihr kühn im Thun und rasch zum Entschlusse seid. Haltet nur Euer gegebenes Wort, und die Nachwelt wird Euch ehren als den Retter Schottlands!«

»Aber,« entgegnete Roland, »wenn ich mit Erfolg gearbeitet habe, um die Lea-Ehre zu gewinnen, werdet Ihr, meine Katharine, mich dann nicht zu einer neuen Dienstzeit für die Rahel-Liebe verurtheilen?«

»Davon zu reden,« antwortete Katharine, ihre Hand wieder zurückziehend, werden wir noch Zeit genug haben. Jedenfalls ist Ehre die ältere Schwester und will zuerst gewonnen sein.«

»Vielleicht gewinne ich sie nicht,« sprach der Jüngling, »aber ich will es treulich um sie wagen; mehr kann ein Mann nicht thun. Und wisset, schöne Katharine, – denn Ihr sollt den geheimsten Gedanken meines Herzens erfahren – nicht Ehre allein – auch nicht bloß die andere und schönere Schwester, für deren Erwähnung Ihr mich so zürnend ansieht – sondern auch das strenge Gebot der Pflicht treibt mich, zur Befreiung der Königin zu helfen.«

»Wirklich?« versetzte Katharine. »Ihr hegtet sonst Zweifel in dieser Beziehung.«

»Ja, damals war auch ihr Leben nicht bedroht,« antwortete Roland.

»Ist es denn jetzt in größerer Gefahr als zuvor?« fragte Katharine erschreckt.

»Erschreckt nicht,« erwiderte Roland. »Ihr habt doch den Abschied Eurer königlichen Gebieterin von der Frau von Lochleven gehört?«

»Nur zu gut, leider nur zu gut,« antwortete das Fräulein. »Ach, daß sie ihren königlichen Unwillen nicht zügeln, daß sie solche Auftritte nicht vermeiden kann!«

»Es ist Etwas zwischen ihnen vorgefallen, wofür zwischen Weibern keine Vergebung stattfindet,« bemerkte Roland. »Ich sah, wie die Stirn der Burgfrau bleich ward und dann blau, als die Königin sie vor dem Gesinde und in der Stunde ihrer Macht in den Staub erniedrigte, indem sie ihr ihre Schande vorhielt. Ich habe den Schwur tödtlicher Rache gehört, welchen sie in das Ohr eines Menschen flüsterte, der, seiner Antwort nach zu urtheilen, ein nur zu bereitwilliger Vollstrecker ihres Willens sein wird.«

»Ihr erschreckt mich!« sprach Katharine.

»Nehmt die Sache nicht so auf. Laßt den männlichen Theil Eures Wesens vorwalten. Wir wollen ihre Plane durchkreuzen und zu nichte machen, mögen sie sein, wie sie wollen. Warum seht Ihr mich so an und weint?«

»Ach!« sprach Katharine, »Ihr steht hier lebend und athmend vor mir mit dem Feuer unternehmender Jugend und dabei noch mit dem frohen Muthe der Kindheit, – edelmüthig und unternehmend, und dabei sorglos wie ein Kind; und wenn Ihr nun heute oder morgen oder in einigen Tagen als eine verstümmelte Leiche auf dem Boden dieses verhaßten Kerkers liegt, wer anders als Katharine Seyton wird die Ursache sein, daß Euer fröhlicher, muthiger Lauf unterbrochen wird, wenn Ihr kaum aus den Schranken hervorgebrochen seid? Ach! sie, die Ihr erwählt habt, Euren Kranz zu winden, wird wahrscheinlich Euer Leichentuch zu wirken haben!«

»Es sei!« rief Roland in der vollen Gluth jugendlicher Begeisterung. »Wirke du mein Leichentuch! und wenn du solche Thränen darauf perlen läßt, wie sie jetzt bei dem Gedanken daran rinnen, so wird es meine Leiche mehr schmücken, als ein Grafenmantel meinen lebendigen Leib. – Aber pfui über diese Weichherzigkeit! Die Zeit erheischt festen Muth. Sei ein Weib, Katharine, oder vielmehr sei ein Mann; du kannst ein Mann sein, wenn du willst.«

Katharine trocknete ihre Thränen und bemühte sich zu lächeln.

»Ihr müßt mich,« sprach sie, »nicht um das fragen, was Euch so sehr beunruhigt und verwirrt. Mit der Zeit sollt Ihr Alles erfahren – ja, Ihr solltet es jetzt erfahren, wenn nicht – – Still! die Königin kommt.«

Maria trat aus ihrem Schlafgemache, ungewöhnlich bleich und augenscheinlich erschöpft durch eine schlaflose Nacht und durch die schmerzhaften Gedanken, welche die Zeit der Ruhe ausgefüllt hatten. Doch das Schmachtende ihres Blickes that so wenig ihrer Schönheit Eintrag, daß es nur die Zartheit des schwachen liebenswürdigen Weibes anstatt der majestätischen Anmuth der Königin erscheinen ließ. Gegen ihre Gewohnheit war ihre Toilette sehr hastig gemacht, und ihr Haar, in der Regel sehr sorgfältig von Frau Fleming aufgeschmückt, fiel unter der in der Eile aufgesetzten Haube hervor in langen und üppigen natürlichen Locken, über einen Hals und einen Busen herab, die etwas weniger sorgfältig als gewöhnlich verhüllt waren.

Als sie den Fuß über die Schwelle setzte, eilte Katharine Seyton, hastig ihre Thränen trocknend, ihr entgegen, kniete vor ihr nieder, küßte ihre Hand und trat ihr dann zur Seite, um mit Frau Fleming die Ehre, sie zu unterstützen und ihr Beistand zu leisten, zu theilen. Der Kammerjunker seinerseits trat vor, rückte den Staatssessel zurecht, welchen sie gewöhnlich einnahm, legte das Kissen und stellte den Schemel so, wie es ihr am bequemsten sein konnte, trat dann zurück und stellte sich dienstfertig an dem Platze auf, den sonst der Burgvogt eingenommen hatte. Mariens Auge ruhte einen Augenblick auf ihm und bemerkte augenblicklich den Wechsel der Personen. Es war ihr nicht gegeben, Mitleid zu verweigern, zumal einem wackeren jungen Manne, der für sie gelitten hatte, wenn er auch von einer zu hoch strebenden Leidenschaft getrieben worden war. Vielleicht ohne daß sie es wußte, entschlüpften ihr die Worte: »Armer Douglas!« als sie sich in den Sessel zurücklehnte und ihr Tuch vor die Augen hielt.

»Ja, gnädigste Frau,« begann Katharine in munterem Tone, um ihre Königin aufzuheitern, »unser wackerer Ritter ist verbannt, aber er hat einen jungen Knappen zurückgelassen, der eben so sehr dem Dienste Ew. Durchlaucht geweiht ist, und der Euch durch mich seine Hand und sein Schwert anbietet.«

»Wofern Beide irgend Ew. Durchlaucht dienen können,« fügte Roland mit einer tiefen Verbeugung hinzu.

»Ach!« sprach die Königin, »wozu das, Katharine? Wozu neue Opfer bereit machen, um in mein grausames Geschick verflochten und durch dasselbe zu Grunde gerichtet zu werden? Thäten wir nicht besser, das Ringen nach Rettung aufzugeben und ohne weiteren Widerstand in die Fluth zu sinken, als so mit in unser Verderben jedes edle Herz zu ziehen, welches einen Versuch zu unseren Gunsten macht? – Ich habe in meinem Leben schon zu viel Complotte und Intriguen um mich gehabt. Während ich als vaterloser Säugling in der Wiege lag, stritten sich die Großen, wer im Namen des Kindes, das von Nichts wußte, regieren sollte. Es wäre wirklich Zeit, daß dies gefährliche Getreibe ein Ende nähme. Laßt mich meinen Kerker ein Kloster nennen und meine Einsperrung eine freiwillige Zurückgezogenheit von der Welt und ihrem Thun!«

»Sprecht nicht so, Madame, vor Euren treuen Dienern,« nahm Katharine das Wort. »Damit erkältet Ihr nicht nur ihren Eifer, sondern Ihr brecht ihnen auch das Herz. Tochter von Königen, sei nicht in dieser Stunde so unköniglich! – Komm, Roland, laß uns, die jüngsten ihrer Anhänger, uns ihrer Sache würdig zeigen, laß uns vor ihren Schemel knieen und sie anflehen, die hochherzige Frau zu sein, welche sie stets gewesen ist.«

Und sie ergriff Rolands Hand und führte ihn vor den Stuhl der Königin, und Beide knieeten nieder. Maria bewegte sich vorwärts, so daß sie aufrecht saß, reichte die eine Hand dem Kammerjunker zum Kusse dar und strich mit der anderen die Locken zurück, welche die Stirn der kühnen und doch so liebreizenden Katharine beschatteten.

»Ach! ma mignonne,« sprach sie, »wie mögt Ihr Beide so verzweifelter Weise Euer junges Leben an mein unglückseliges Schicksal knüpfen! – Sind sie nicht ein liebenswürdiges Paar, gute Fleming? Und ist es nicht herzzerreißend, zu denken, daß ich ihr Verderben werden soll?«

»Nein,« entgegnete Roland; »im Gegentheil, wir wollen Eure Befreier werden.«

»Ex oribus parvulorum!« Aus dem Munde der Kinder. sprach die Königin, gen Himmel blickend. »Durch den Mund dieser Kinder ruft mir der Himmel zu, mich den hohen Gedanken wieder zuzuwenden, wie sie meiner Abkunft und meinen Rechten gemäß sind. Du wirst ihnen deinen Schutz verleihen und mir die Macht, ihren Eifer zu belohnen!«

Und zur Fleming sich wendend, fügte sie hinzu:

»Du, meine Freundin, kannst sagen, ob es nicht immer Mariens liebster Zeitvertreib war, Die, so ihr treulich dienten, glücklich zu machen. Wenn ich von den harten Predigern der calvinistischen Ketzerei getadelt ward, wenn ich sah, daß die grimmigen Gesichter meiner Großen sich von mir abwandten, war es nicht deswegen, weil ich an der harmlosen Lust der Jungen und Fröhlichen Theil nahm? weil ich mehr zu ihrem, als zu meinem Vergnügen mitsang und mittanzte? Nein, ich bereue es nicht, obwohl Knox es Sünde nannte und Morton Erniedrigung. Ich war glücklich, weil ich Glück um mich her sah, und wehe der elenden Eifersucht, welche in der überströmenden Lust unbefangener Heiterkeit Schuld finden kann! – Wie, Fleming? wenn Wir wieder auf Unsern Thron gesetzt sind, sollen Wir da nicht wenigstens einen fröhlichen Tag haben bei einer fröhlichen Hochzeit, von der wir jetzt weder die Braut noch den Bräutigam nennen dürfen? Und dieser Bräutigam soll die Herrschaft Blairgowrie erhalten, ein schönes Geschenk, wie es wohl eine Königin geben mag, und der Kranz der Braut soll durchflochten werden mit den schönsten Perlen, die je in den Tiefen des Lochlomand gefunden worden sind, und du selber, Fleming, die geschickteste Haubensteckerin, die je das Haar einer Königin geschmückt hat, und die du verschmähen würdest, die Locken eines Weibes von geringerem Range zu berühren, du selber sollst mir zu Liebe jene Perlen in das Haar jener Braut flechten. – Sieh' her, Fleming, denke dir solche dicke Locken, wie die unserer Katharine, sie würden deiner Kunst keine Schande machen.«

So sprechend strich sie mit der Hand liebkosend über die Stirn ihrer geliebten jungen Dienerin, während die Aeltere niedergeschlagen bemerkte:

»Ach! Madame, Eure Gedanken verirren sich in weite Ferne.«

»Freilich, liebe Fleming,« versetzte die Königin. »Aber ist es wohlgethan oder freundlich von Euch, sie zurückzurufen? Gott weiß, sie sind diese Nacht nur zu nahe bei der nackten Wirklichkeit geblieben. Komm, ich will, wäre es auch nur um sie dafür zu strafen, wieder das freundliche Bild hervorzaubern. Ja, bei dieser fröhlichen Hochzeit soll Maria selber die Last des Kummers und die Mühen der Regierung vergessen und einmal wieder vortanzen. – Bei welcher Hochzeit haben Wir zum letzten Mal getanzt, liebe Fleming? Ich glaube, die Sorgen haben mein Gedächtniß geschwächt, doch Etwas davon muß mir noch beifallen – kannst du mich nicht darauf bringen? Ich weiß, du kannst es.«

»Ach! Madame – –« begann zögernd die Kammerfrau.

»Was?« sprach Maria, »willst du Uns nicht einmal so weit zu Hülfe kommen? Das ist ein eigensinniges Bestehen auf deiner ernsteren Ansicht, welche Unser Gerede als Thorheit nimmt. Aber du bist am Hofe erzogen und wirst mich verstehen, wenn ich dir sage: die Königin befiehlt der Frau Fleming, ihr zu sagen, wo sie zum letzten Male beim branle vorgetanzt hat.«

Mit todtenbleichem Gesicht und mit einer Miene, als müßte sie in die Erde sinken, stammelte die Hofdame, nicht länger Gehorsam zu verweigern wagend:

»Allergnädigste Frau – wenn mein Gedächtniß nicht irrt – so war es auf dem Maskenball in Holyrood – bei der Hochzeit von Sebastian.«

Die unglückliche Königin, welche bisher mit schwermüthigem Lächeln über das Widerstreben, womit Frau Fleming ihre Geschichte vorbrachte, zugehört hatte, unterbrach sie bei diesem unglückseligen Worte mit einem so lauten und gellenden Schrei, daß das Gewölbe des Gemaches davon widerhallte, und daß Roland und Katharine voll Angst und Entsetzen aufsprangen. Maria schien durch eine Verkettung gräßlicher Gedanken, die plötzlich geweckt worden waren, nicht nur ihre Selbstbeherrschung, sondern auch den Verstand verloren zu haben.

»Verrätherin!« schrie sie der Frau Fleming zu. »Du willst deine Königin umbringen! Ruft meine französischen Garden! À moi! à moi! mes Français! Ich bin von Verräthern umringt in meinem eignen Palast! Sie haben meinen Gemahl ermordet! – Rettet! rettet die Königin von Schottland!«

Sie fuhr von ihrem Stuhl empor – ihre Gesichtszüge, eben noch so liebreizend in ihrer Blässe, jetzt von Wuth und Raserei entflammt, glichen denen einer Bellona.

»Wir wollen selber zu Felde ziehn,« fuhr sie fort. »Bietet die Stadt auf! bietet Lothian auf und Fife! Sattelt unser spanisches Streitroß und heißt den Franzosen Paris unsere Stutzbüchse laden! Besser an der Spitze Unserer braven Schotten sterben, wie mein Großvater bei Flodden, als an gebrochenem Herzen, wie mein unglückseliger Vater!«

»Laßt Euch besänftigen – beruhigt Euch, theuerste Fürstin?« bat Katharine, und zu Frau Fleming sich wendend. sprach sie zornig: Wie konntet Ihr irgend Etwas sagen, das sie an ihren Gemahl erinnerte!«

Das vorletzte Wort wurde von der Königin gehört. Sie wiederholte es, indem sie mit großer Schnelligkeit sprach:

»Gemahl! Was für ein Gemahl? – Nicht eine Allerchristlichste Majestät, – er befindet sich übel – er kann nicht zu Pferde steigen. – Nicht der von Lennox – du hast den Herzog von Orkney gemeint!«

»Um Gottes willen, beruhigt Euch, Madame!« sprach Frau Fleming.

Aber die aufgeregte Einbildungskraft der Königin ließ sich durch kein Zureden von ihrem Gegenstande abbringen.

»Heißt ihn hierher kommen. Uns zu Hülfe mit seinen Lämmchen, wie er sie nennt – Bowton, Hay von Talla, Black Ormiston und seinen Verwandten Hob! Pfui! wie sie so schwarz sind und nach Schwefel riechen! Was? mit Morton zusammen? Nein, wenn der Douglas und der Hepburn den Plan zusammen ausbrüten, dann wird der Vogel, welcher aus der Schale kommt, Schottland erschrecken. Wird er es nicht thun, liebe Fleming?«

»Sie wird immer irrer,« sprach die Fleming. »Wir haben zu viele Zuhörer für diese seltsamen Worte.«

»Roland,« rief Katharine, »um Gottes willen entfernt Euch! Ihr könnt uns hier nicht helfen. Laßt uns allein mit ihr gewähren. Fort! fort!«

Sie drängte ihn nach der Thür des Vorzimmers; doch auch hier hörte er noch immer durch die Thür, wie die Königin laut und in entschiedenem Tone redete, als ertheilte sie Befehle, bis endlich ihre Stimme in einem langen Wimmern erstarb.

Nach dieser Wendung ihres Zustandes trat Katharine in's Vorzimmer und sprach zu Roland:

»Seid nicht allzu besorgt. Die Krisis ist vorüber. Aber haltet die Thür zu. Laßt Niemand herein, bis sie sich wieder gefaßt hat.«

»Um Gottes willen, was bedeutet denn das?« fragte der Kammerjunker. »Was war denn in den Worten der Frau Fleming, das einen solchen Ausbruch veranlassen konnte?«

»Ja, die Frau Fleming, die Frau Fleming,« sprach Katharine unwillig, »die Frau Fleming ist eine Närrin. Sie liebt ihre Gebieterin, aber sie weiß so wenig ihre Liebe an den Tag zu legen, daß sie es für Pflicht halten würde, ihrem Gebote nicht ungehorsam zu werden, auch wenn die Königin Gift von ihr verlangte. Ich hätte ihr die gestärkte Haube von ihrem steifen Kopfe herunter reißen mögen. Eher sollte die Königin das Herz aus meinem Leibe, als das Wort Sebastian aus meinem Munde herausbekommen haben. Daß dies Stück gewebte Tapete ein Weib ist und nicht so viel Verstand hat, eine Lüge zu sagen!«

»Und was ist denn das für eine Geschichte von Sebastian?« fragte Roland. »Bei Gott, Katharine, ihr seid Alle Eine so räthselhaft wie die Andere!«

»Ihr seid ein eben so großer Narr, wie die Fleming,« versetzte das ungeduldige Mädchen. »Wißt Ihr nicht, daß man in der Nacht, wo Heinrich Darnley umgebracht und die Kirch' im Feld in die Luft gesprengt ward, die Abwesenheit der Königin dem Umstande verdankte, daß sie einem Maskenball zu Holyrood beiwohnte, den sie zur Verherrlichung der Hochzeit jenes Sebastian, eines Lieblingsdieners, mit einer ihrer Leibdienerinnen veranstaltete?«

»Bei St. Gilgen!« sprach der Kammerjunker, »ich wundere mich nicht über ihre Heftigkeit, sondern nur über die Vergeßlichkeit, mit der sie der Frau Fleming wiederholt eine solche Frage stellen konnte.«

»Ich kann es nicht erklären,« antwortete Katharine, »aber es scheint, als ob heftiger Schmerz oder Entsetzen zuweilen das Gedächtniß verdüstern und eine Wolke, wie vor einer abgefeuerten Kanone, über die mit ihnen in Berührung stehenden Umstände verbreiten. Aber ich kann mich hier nicht aufhalten; ich bin nicht hieher gekommen, um mit Eurer Weisheit zu moralisieren, sondern um über die unweise Frau Fleming meinen Zorn auszulassen, welcher sich jetzt einigermaßen gelegt hat, so daß ich es in ihrer Nähe aushalten kann, ohne mich gedrungen zu fühlen, ihr den Kopfputz oder den Reifrock zu verderben. – Unterdessen haltet die Thür zu; ich möchte um Alles in der Welt nicht, daß Jemand von dieser Ketzerbrut sie in diesem jammervollen Zustande sähe, in welchen sie dieselbe durch ihre Höllenpläne versetzt haben, und den sie nun in ihrer Salbadersprache unbedenklich das Gericht Gottes nennen würden.«

Sie verließ das Gemach, und in demselben Augenblick ging die Klinke der äußeren Thüre in die Höhe. Allein der Riegel, den Roland inwendig vorgeschoben, widerstand dem Drucke von Außen.

»Wer ist da?« rief Roland.

»Ich bin's,« antwortete leise die rauhe Stimme des Hofmeisters Dryfesdale.

»Ihr könnt jetzt nicht herein,« entgegnete der Kammerjunker.

»Und warum nicht?« fragte Dryfesdale. »Ich komme nur, um meine Schuldigkeit zu thun und zu sehen, was die Schreie in dem Gemache des moabitischen Weibes bedeuten. Also, da dies mein Geschäft ist, warum kann ich nicht hinein?«

»Einfach darum,« antwortete der Kammerjunker, »weil der Riegel vorgeschoben ist, und ich keine Lust habe, ihn zurückzuziehen. Dies Mal bin ich auf der rechten Seite der Thür, wie Ihr gestern Abend.«

»Sprichst du so mit mir, du naseweiser Junge?« sprach der Hofmeister. »Ich will meine gnädige Frau von deiner Keckheit benachrichtigen.«

»Die Keckheit,« erwiderte der Kammerjunker, »gilt bloß dir zum Lohn für deine Unartigkeit gegen mich. Zur Nachricht für deine gnädige Frau hab' ich eine höflichere Antwort – ihr kannst du sagen, daß die Königin unwohl ist und weder durch Besuche noch Botschaften gestört sein will.«

»Ich beschwöre dich im Namen Gottes,« sprach der Alte mit feierlicherem Tone als bisher, »mich wissen zu lassen, ob ihre Krankheit wirklich heftig wird.«

»Sie will von Euch und von Eurer gnädigen Frau keine Hülfe. Drum macht, daß Ihr fortkommt, und stört uns nicht weiter. Wir brauchen und mögen Eure Hülfe nicht.«

Mit dieser entschiedenen Antwort abgewiesen, ging der Hofmeister unzufrieden und brummend wieder die Treppe hinunter.

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