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Der Abt

Walter Scott: Der Abt - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Scott
titleDer Abt
publisherHoffmann'sche Verlagsbuchhandlung
printrunZweite vermehrte Auflage
firstpub1841
year1851
translatorFriedrich Funck
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20160427
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Dreißigstes Kapitel.

In mancher Brust liegt Leidenschaft verborgen,
Wie Pulver im Gewölbe einer Burg,
Bis daß Gelegenheit gleich Lunten zündet.
Dann plötzlich blitzt und kracht's; ein heller Schimmer
Und ferner Nachhall sagt, daß Alles ging in Trümmer.

Altes Schauspiel.

Durch eine Lücke in der Eichenhecke und beim Schein des aufgegangenen Vollmondes konnte Roland Graeme ganz bequem und ohne bemerkt zu werden, die Personen betrachten, welche so unerwartet seine Ruhe gestört hatten. Seine Beobachtungen bestätigten seine eifersüchtigen Besorgnisse. Das Paar fand etwa sechs Schritte von seinem Versteck in eifrigem Gespräch beisammen, und deutlich konnte er die schlanke Gestalt und die tiefe Stimme des Douglas und die eben so unverkennbare Tracht und Stimme des Edelknaben aus der Herberge zum St. Michael unterscheiden.

»Ich bin an der Thür des Zimmers des Kammerjunkers gewesen,« sprach Douglas, »aber er ist nicht da oder er will keine Antwort geben. Es ist inwendig wie gewöhnlich fest verriegelt, so daß wir nicht hindurch können. Was sein Schweigen bedeutet, weiß ich nicht.«

»Ihr habt ihm viel zu viel getraut,« erwiderte der Rothmantel. »Er ist ein leichtsinniger, eitler Bursche, auf dessen unbeständigen Sinn und hitzigen Kopf sich kein bleibender Eindruck machen läßt.«

»Ich war gar nicht geneigt, ihm zu trauen,« entgegnete Douglas. »Aber man versicherte mich, er würde erforderlichen Falls auf unserer Seite sein – aus« – –

Hier sprach er so leise, daß Roland ihn nicht verstehen konnte, was um so ärgerlicher war, da es sich hier um ihn handelte.

»Hm,« sprach der Rothmantel, »ich habe ihn mit schönen Worten abgespeist, wie man die Narren lockt. Wenn Ihr ihm aber jetzt, wo angezogen werden soll, mißtraut, so gebt ihm Eins mit Eurem Dolch ab, und bahnt so den Weg.«

»Das wäre übereilt,« entgegnete Douglas. »Wie gesagt, seine Thür ist verschlossen und verriegelt. Ich will nochmals den Versuch machen, ihn zu wecken.«

Graeme fand es begreiflich, daß die Frauen, welche irgendwie bemerkt hätten, daß er ausgesperrt sei, die Thür des äußeren Gemaches verwahrt hätten, in welchem er gleichsam als Schildwache, am Eingange zur Königin, zu schlafen pflegte. Aber wie kam dann Katharine Seyton heraus, wenn die Königin und Frau Fleming sich noch in ihren Zimmern befanden, und wenn der Zugang zu denselben verschlossen und verriegelt war?

»Ich will diesen Geheimnissen bald auf den Grund kommen, und dann schönen Dank, Jungfer Katharine, wenn sie es wirklich ist, für den freundschaftlichen Gebrauch, den sie dem Douglas gerathen hat, von seinem Dolch zu machen. Ich sehe, sie suchen mich, und sie sollen mich nicht vergebens suchen.«

Während dieses Selbstgesprächs war Douglas durch die jetzt offene Schloßpforte in das Schloß zurückgekehrt. Die Person im rothen Mantel stand mit übereinander geschlagenen Armen in dem Gange, die Augen ungeduldig auf den Mond gerichtet, als zürne sie ihm, daß er sie durch sein helles Licht verrathe. In einem Augenblick stand Roland Graeme vor ihr.

»Eine hübsche Nacht, Fräulein Katharine, für eine junge Dame, verkleidet herumzustreichen und mit Männern in einem Garten zusammenzutreffen.«

»Still! still!« sprach der Angeredete, »du Hanswurst, und sag' uns mit einem Wort, ob du Feind oder Freund bist.«

»Wie kann ich Freund sein mit Einer, die mich mit schönen Worten täuscht, und die den Douglas heißt, seinen Dolch gegen mich gebrauchen?« erwiderte Roland.

»Der Teufel hole den Georg von Douglas und dich dazu, du geborner Narr und geschworner Planverderber,« entgegnete der Rothmantel. »Wir werden entdeckt, und dann ist Tod die Losung.«

»Katharine,« sprach der Kammerjunker, »Ihr habt falsch und grausam an mir gehandelt. Der Augenblick der Erklärung ist jetzt gekommen. Weder er noch Ihr sollt mir entschlüpfen.«

»Wahnsinniger Mensch!« versetzte der Rothmantel. »Ich bin weder Käthe noch Katharine. Der Mond scheint doch wohl hell genug, um den Hirsch von der Hirschkuh zu unterscheiden.«

»Mit dieser Ausflucht kommt Ihr mir nicht durch, schönes Fräulein,« sprach der Kammerjunker, die Ecke ihres Purpurmantels fassend. »Diesmal wenigstens will ich sehen, mit wem ich es zu thun habe.«

»Laß los!« sprach sie, ihm den Mantel zu entwinden suchend, und in einem Tone, welcher verrieth, daß Zorn und Lachlust mit einander kämpften, fügte sie hinzu: »Macht Ihr so wenig Umstände mit einer Tochter von Seyton?«

Roland, der aus ihrem unterdrückten Lachen abnehmen zu dürfen glaubte, seine Gewaltthätigkeit sei nicht unverzeihlich, hielt den Mantel fest. Da sprach sie im härteren und rein zornigen Tone:

»Wahnsinniger, laß mich los! Leben und Tod stehen in diesem Augenblicke auf dem Spiele. Ich möchte dir Nichts zu Leide thun. Aber nimm dich in Acht!«

Bei diesen Worten machte das räthselhafte Wesen einen Versuch. von ihm loszukommen. und bei diesem Versuch ging eine Pistole los, welche sie in der Hand oder am Leibe trug.

Der Knall brachte sogleich das Schloß in Bewegung. Der Wärter stieß in's Horn, zog die Burgglocke und rief: »Verrath! Verrath! Heraus! Heraus!«

Die Gestalt Katharinens. welche Roland im ersten Augenblicke des Erstaunens losgelassen hatte, verschwand in der Düsterheit, dagegen ließ sich Ruderschlag vernehmen und augenblicklich wurden von den Zinnen der Burg fünf oder sechs Hakenbüchsen und ein Falkonet nacheinander nach dem Wasser abgefeuert. Verwirrt durch Alles dies wußte Roland keinen andern Weg, Katharinen, die er in dem Boot glaubte, zu schützen. als sich an Georg Douglas zu wenden. In dieser Absicht eilte er nach dem Gemach der Königin, wo er laute Stimmen und Getrappel hörte. Bei seinem Eintreten fand er sich in einer Gruppe verwirrter und erstaunter Menschen, die sich einander anstarrten. Am hinteren Ende des Zimmers stand die Königin in Reisekleidern, und neben ihr nicht nur Frau Fleming, sondern auch die allgegenwärtige Katharine Seyton in weiblicher Kleidung mit dem Juwelenkästchen der Königin in der Hand. Am anderen Ende des Gemaches stand Frau von Lochleven unordentlich angezogen, wie Jemand. der plötzlich von seiner Schlafstätte aufgescheucht ist, umgeben von Dienern, theils mit entblößten Schwertern, Partisanen, Pistolen oder andern Waffen, wie sie ihnen gerade in der Eile vor die Hand gekommen waren. Zwischen beiden Parteien stand Georg von Douglas, die Arme über einander geschlagen, die Augen auf den Boden gesenkt, wie ein Verbrecher, der nicht leugnen kann und doch auch nicht gestehen will, nachdem er auf der That ertappt worden ist.

»Sprich, Georg von Douglas,« sagte Frau von Lochleven, »sprich und reinige dich von dem schrecklichen Verdachte, der auf deinem Namen ruht. Sage: ›Nie ist ein Douglas treulos gewesen, und ich bin ein Douglas.‹ Sage dies, theuerster Sohn; es ist Alles, was ich von dir verlange, um deinen Namen rein zu halten, selbst wo eine so häßliche Beschuldigung auf dir ruht. Sage, es war nur die List dieser unglückseligen Weiber und dieses falschen Buben, welche den Plan einer für Schottland so verhängnißvollen, für das Haus deines Vaters so verderblichen Flucht entworfen haben.«

»Madame,« nahm Dryfesdale, der alte Hofmeister, das Wort: »das muß ich zu Gunsten dieses albernen Kammerjunkers sagen, daß er zum Aufschließen der Thüren nicht behülflich sein konnte; denn ich selber habe ihn gestern Abend aus der Burg ausgesperrt. Mag dies Nachtstück entworfen haben, wer da wolle, der Antheil des Jungen daran scheint gering zu sein.«

»Du lügst, Dryfesdale!« rief die Burgfrau. »Du möchtest die Schmach auf das Haus deines Herrn werfen, um das nichtswürdige Leben eines Zigeunerbuben zu retten.«

»Sein Tod wäre mir lieber als sein Leben,« versetzte mürrisch der Hofmeister; »aber was wahr ist, ist wahr.«

Bei diesen Worten erhob Douglas sein Haupt, richtete sich empor, daß er in seiner vollen Größe da stand, und sprach unerschrocken und ruhig, wie Einer, der einen festen Entschluß gefaßt hat:

»Setzt kein Leben um meinetwillen aufs Spiel. Ich allein – –«

»Douglas!« unterbrach ihn die Königin, »bist du wahnsinnig? Sprich nicht; ich befehle es dir.«

»Madame,« erwiderte er mit einer tiefen Verbeugung, gern würde ich Eurem Befehle gehorchen. Aber sie müssen ein Opfer haben, und so laßt es das rechte sein. – Ja, Madame,« fuhr er fort, sich an seine Großmutter wendend, »ich allein bin hier der Schuldige. Wenn das Wort eines Douglas noch irgend Etwas bei Euch gilt, so glaubt mir, daß dieser Knabe unschuldig ist. Auf Euer Gewissen verpflichte ich Euch, thut ihm nichts zu Leide. Eben so wenig laßt es die Königin entgelten, daß sie die Gelegenheit, frei zu werden, ergriffen hat, welche reine Unterthanentreue, – welche ein noch tieferes Gefühl – ihr dargeboten hat. Ja, ich habe den Plan zur Rettung der schönsten, der am härtesten verfolgten Frau gemacht, und weit entfernt, zu bedauern, daß ich eine Zeitlang die Bosheit ihrer Feinde getäuscht habe, rühme ich mich dessen und bin mit Freuden bereit, mein Leben für sie hinzugeben.«

»Nun, möge Gott sich meines Alters erbarmen und mir Kraft verleihen, diese Last des Jammers zu ertragen!« rief die Burgfrau aus. »O Fürstin, geboren in einer unglückseligen Stunde, wann wirst du aufhören, das Werkzeug der Verführung und des Verderbens für alle Die zu sein, welche dir nahen! O altes Haus Lochleven, so lange berühmt durch Adel und Ehre, eine böse Stunde war es, welche die falsche Schlange unter dein Dach gebracht hat!«

»Sagt das nicht, Madame,« versetzte ihr Enkel. »Die alte Ehre des Geschlechts Douglas wird überstrahlt werden, wenn einer seiner Abkömmlinge stirbt für die am schwersten mißhandelte unter allen Königinnen – für die liebenswürdigste der Frauen.«

»Douglas,« sprach die Königin, »muß ich in diesem Augenblicke, – ja in diesem Augenblicke, wo ich vielleicht für immer einen treuen Unterthan verliere, dich tadeln dafür, daß du vergissest, was du mir, als deiner Königin, schuldig bist?«

»Elender Bube,« rief Frau von Lochleven außer sich vor Schmerz, »bist du so weit in die Schlingen dieses moabitischen Weibes gefallen? Hast du deinen Namen, deine Lehenspflicht, deinen Rittereid, deine Pflicht gegen deine Eltern, gegen dein Vaterland und gegen deinen Gott hingegeben für eine erheuchelte Thräne oder für ein kränkliches Lächeln von Lippen, welche den armseligen Franz geschmeichelt, den schwachköpfigen Darnley zum Tode gelockt, welche üppige Gedichte mit dem Günstling Chastelar gelesen, welche in die von dem Bettler Rizzio gesungenen Liebeslieder eingestimmt, welche sich entzückt mit denen des schändlichen und lüderlichen Bothwell vereinigt haben?«

»Lästert nicht, Madame!« entgegnete Douglas. »Und Ihr schöne und eben so tugendhafte als schöne Königin, zürnt nicht in diesem Augenblick über die Verwegenheit Eures Dieners! Glaubt nicht, daß die bloße Ergebenheit des Unterthanen mich zu der Rolle gebracht hat, die ich übernommen hatte. Wohl verdient Ihr, daß jeder Eurer Unterthanen für Euch sterbe. Aber ich habe mehr gethan – ich habe gethan, wozu nur Liebe einen Douglas bewegen konnte, – ich habe geheuchelt. Lebt wohl denn, Königin aller Herzen und höchste Gebieterin des Herzens von Douglas! – Wenn Ihr frei werdet aus diesen Banden, – denn frei müßt Ihr werden, wenn noch Gerechtigkeit im Himmel ist, – und wenn Ihr dann mit Ehren und Titeln den Mann belohnt, der Euch Eurer Bande entledigt, dann wendet einen Gedanken Dem zu, dessen Herz jeden Lohn verschmäht haben würde für einen einzigen Kuß auf Eure Hand, – wendet einen Gedanken seiner Treue zu und laßt eine Thräne auf sein Grab fallen.«

Mit diesen Worten warf er sich ihr zu Füßen, faßte ihre Hand und preßte sie an seine Lippen.

»Das vor meinen Augen?« rief die Frau von Lochleven. »Vor den Augen deiner Großmutter willst du deiner ehebrecherischen Liebschaft den Hof machen? – Reißt sie auseinander! legt ihn in engen Gewahrsam! – Ergreift ihn, so lieb euch euer Leben ist!« fügte sie hinzu, da sie fand, daß die Diener sich zögernd einander ansahen.

»Sie zaudern,« sprach Maria. »Rette dich, Douglas, ich befehl' es dir!«

Er sprang auf, rief: »Mein Leben und mein Tod sind für Euch und zu Eurer Verfügung!« zog sein Schwert und brach sich Bahn durch die Diener, welche zwischen ihm und der Thür standen. Seine Bewegung war zu unerwartet und zu stürmisch, um durch etwas Geringeres als den entschlossensten Widerstand aufgehalten werden zu können, und da er von den Dienern seines Vaters geliebt und gefürchtet ward, mochte keiner von diesen ihm Etwas zu Leide thun.

Die Frau von Lochleven war außer sich über sein plötzliches Entrinnen.

»Bin ich denn ganz von Verräthern umgeben?« rief sie. »Auf ihn, ihr Schufte! verfolgt ihn, stecht, haut ihn nieder«

»Er kann die Insel nicht verlassen,« bemerkte Dryfesdale zu ihrer Beruhigung. »Ich habe den Schlüssel zur Kette des Bootes.«

Allein alsbald hörte man Zwei oder Drei von Denen, welche aus Neugier oder auf Befehl der Burgfrau ihm nach gelaufen waren, von unten rufen: »Er hat sich in den See gestürzt!«

»Immer der brave Douglas!« rief die Königin. »O treues und edles Herz, das den Tod dem Kerker vorzieht!«

»Feuert auf ihn!« gebot die Burgfrau. »Wenn hier noch ein treuer Diener seines Vaters ist, so schieße er den Abtrünnigen todt, daß der See unsere Schande bedecke!«

Bald hörte man einige Schüsse fallen, vermuthlich mehr abgefeuert, um der Burgfrau ihren Willen zu thun, als um das Ziel zu treffen. Gleich darauf erschien Randal, der Steuermann, und meldete, daß der Junker von einem in der Nähe liegenden Boote aufgenommen worden sei.

»Bemannt eine Barke und verfolgt sie!« rief die Burgfrau.

»Das wäre ganz vergebens,« erwiderte Randal. »Jetzt sind sie schon halbwegs über den See, und eine Wolke ist vor den Mond getreten.«

»Also wäre der Verräther entronnen?« rief die Frau von Lochleven, mit dem Ausdruck der Verzweiflung ihre Hände vor die Stirn drückend. »Die Ehre unseres Hauses ist für immer dahin! Wir Alle werden als Mitschuldige dieses niederträchtigen Verrathes angesehen werden!«

»Frau von Lochleven,« nahm Maria das Wort, indem sie sich ihr näherte. »Ihr habt in dieser Nacht meine schönsten Hoffnungen zerstört, Ihr habt meine erwartete Freiheit in Sclaverei verwandelt und mir den Freudenbecher aus der Hand geschlagen, in dem Augenblicke, wo ich ihn meinen Lippen näherte. Nichtsdestoweniger hab' ich für Euren Schmerz das Mitgefühl, welches ihr mir verweigert. Gern möchte ich Euch trösten, wenn ich könnte, aber da ich es nicht vermag, so möchte ich wenigstens freundlich von Euch scheiden.«

»Fort, stolzes Weib!« entgegnete die Burgfrau. »Wer hat je so gut, wie du, es verstanden, die tiefsten Wunden unter dem Schein der Güte und Höflichkeit zu schlagen? Wer seit dem großen Verräther konnte je so mit einem Kusse verrathen?«

»Frau Douglas von Lochleven,« sprach die Königin, »in diesem Augenblick kannst du mich nicht beleidigen; – nein, selbst nicht durch die grobe, unweibliche Sprache, die du gegen mich in Gegenwart des Hausgesindes und bewaffneter Knechte führest. Ich bin diese Nacht einem Mitgliede des Hauses Lochleven zu solchem Dank verbunden worden, daß dieser Alles verwischt, was die Gebieterin in diesem Hause in ihrer wilden Leidenschaft sagen oder thun kann.«

»Wir sind Euch sehr verbunden, Fürstin,« entgegnete die Burgfrau, indem sie sich Gewalt anthat, um aus ihrem heftigen Tone in den bitterer Ironie überzugehen. »Unser armes Haus ist selten mit königlichem Lächeln beehrt worden und wird schwerlich, wenn ich die Wahl habe, eine rauhe Ehrlichkeit für solche Hofehre austauschen, wie uns Maria von Schottland jetzt ertheilen kann.«

»Wer so gut zu nehmen verstand,« versetzte die Königin, »der kann sich freilich der mit dem Empfangen verknüpften Verbindlichkeit entledigt erachten. Daß ich jetzt wenig anzubieten habe, ist die Schuld der Douglasie und ihrer Verbündeten.«

»Seid unbesorgt, Madame,« fuhr die Frau von Lochleven in ihrem bitteren Tone fort, »Ihr behaltet einen Schatz, den weder Eure Verschwendung erschöpfen, noch Euer beleidigtes Vaterland Euch nehmen kann. So lange Euch noch schöne Worte und verlockendes Lächeln zu Gebote stehen, bedürft Ihr keiner anderen Bestechungsmittel, um die Jugend zur Thorheit zu verleiten.«

Die Königin warf einen wohlgefälligen Blick in einen großen Spiegel auf der einen Seite des Zimmers, welcher beim Fackelschein ihr schönes Gesicht und ihre anmuthige Gestalt zurückstrahlte.

»Unsere Wirthin wird artig,« sprach sie zu Frau Fleming. »Wir hätten nicht gedacht, daß Kummer und Gefangenschaft Uns noch einen so großen Theil von dem Reichthum gelassen hätten, welchen die Frauen am höchsten schätzen.«

»Ew. Durchlaucht wird dies strenge Weib wahnsinnig machen,« flüsterte Frau Fleming. »Kniefällig bitt' ich Euch, zu bedenken, daß sie schon furchtbar beleidigt ist, und daß wir in ihrer Hand sind.«

»Ich will sie nicht schonen, Fleming,« antwortete die Königin. »Es geht mir wider die Natur. Sie hat mein aufrichtiges Beileid mit Schmach und Hohn zurückgewiesen; sie soll es mir entgelten. Wenn ihre Worte zu stumpf sind, um ihr als Antwort zu dienen, so laßt sie ihren Dolch gebrauchen, wenn sie es wagt!«

Um dem Auftritt ein Ende zu machen, sagte Frau Fleming mit vernehmlicher Stimme:

»Die Frau von Lochleven würde sicherlich wohl thun, sich zu entfernen und ihre Durchlaucht zu verlassen, auf daß Dieselbe ruhen möge.«

»Ja wohl,« versetzte die Burgfrau, »oder vielmehr Ihre Durchlaucht und Ihrer Durchlaucht Kammerkätzchen zu verlassen, damit sie überlegen können, für welche dumme Fliege sie das nächste Mal ihr Netz ausspannen mögen. Mein ältester Sohn ist Wittwer – wäre er nicht mehr der schmeichelnden Hoffnungen werth, mit denen Ihr seinen Bruder verführt habt? – Freilich ist das Ehejoch schon drei Mal aufgelegt worden – aber die römische Kirche nennt es ein Sacrament, und ihre Anhänger mögen glauben, daß man eines solchen nicht zu oft theilhaftig werden könne.«

»Und die Anhänger der Kirche von Genf,« erwiderte Maria, vor Unwillen erröthend, »halten die Ehe für kein Sacrament und man sagt, daß sie sich zuweilen über diese Feierlichkeit hinaussetzen.«

Als ob sie die Folgen dieser Anspielung auf die jugendlichen Fehltritte der Burgfrau fürchtete, wandte sie sich an die Kammerfrau mit den Worten:

»Kommt Fleming. Wir erweisen ihr zu viel Ehre durch diesen Wortwechsel. Wir wollen Uns in Unser Schlafgemach verfügen. Wenn sie Uns heute Nacht noch einmal stören will, muß sie die Thüre sprengen lassen.

Und so zog sie sich in ihr Schlafzimmer zurück mit ihren beiden Kammerfrauen. Die Burgfrau war wie betäubt von der letzten Spottrede, und ärgerte sich nicht wenig, daß sie selber sich die Demüthigung zugezogen. Wie eine Bildsäule stand sie auf dem Fleck, und es bedurfte mehrfacher Anreden, bis sie wieder zur Besinnung kam.«

»Was ist Ew. Gnaden Befehl, daß geschehen soll?« sprach Dryfesdale.

»Sollen wir nicht die Schildwachen verdoppeln und eine auf die Kähne, und eine andere in den Garten stellen?« fügte Randal hinzu.

»Wollt Ihr, daß Meldung an Herrn Wilhelm zu Edinburg gemacht werde, um ihn von dem Geschehenen zu benachrichtigen?« nahm Dryfesdale wieder das Wort. Sollte man nicht Kinroß unter die Waffen rufen, um am Seeufer zu streifen?«

»Macht, was Ihr wollt,« antwortete endlich die Burgfrau und wandte sich um nach der Thür. »Dryfesdale, du hast den Ruf eines guten Kriegsmannes; triff alle Vorsichtsmaßregeln. – Heiliger Gott! daß ich so offen verhöhnt werden konnte!«

»Gefällt es Euch vielleicht,« sprach Dryfesdale zögernd, »daß diese Person – diese Frau – mehr eingeschränkt werde?«

»Nein, Knecht!« antwortete die Burgfrau unwillig. »Meine Rache läßt sich nicht zu so niedriger Befriedigung herab. Aber ich will eine angemessenere Rache haben, oder das Grab meiner Ahnen soll meine Schmach bedecken!«

»Ihr sollt sie haben, Madame,« sprach Dryfesdale. »Noch ehe zwei Mal die Sonne untergegangen ist, sollt Ihr gestehen, daß Ihr vollkommen gerächt seid.«

Die Burgfrau erwiderte Nichts auf diese Versicherung; – vielleicht überhörte sie dieselbe, da sie eben hinausging. Dryfesdale entließ die Diener, theils auf Wachposten, theils zur Ruhe. Er selber blieb zurück. Roland, der sich außer ihm noch allein in dem Zimmer befand, war erstaunt, den alten Kriegsmann mit größerer Freundlichkeit, als er je vorher an ihm bemerkt, auf sich zukommen zu sehen, – mit einer Freundlichkeit, welche übel zu seinen finsteren Gesichtszügen paßte.

»Junger Mensch,« sprach der Hofmeister, »ich habe dir einiger Maßen Unrecht gethan. Aber es ist deine eigene Schuld, denn dein Benehmen kam mir so flatterhaft vor, wie die Feder auf deinem Hut. Dein fantastischer Putz und deine Aufgelegtheit zu eitler Lust und Thorheit haben mich veranlaßt, dich etwas zu hart zu beurtheilen. Aber heute Nacht hab' ich aus meinem Fenster gesehen, neugierig, wo du dich im Garten unterbringen möchtest, und bei dieser Gelegenheit war ich Zeuge deiner aufrichtigen Bemühungen, den Helfershelfer des Treulosen festzuhalten, der nicht länger seines Vaters Namen zu führen verdient, sondern wie ein fauler Zweig abgeschnitten werden muß. Eben wollt' ich dir zu Hülfe kommen, als die Pistole losging und der Wärter – ein falscher Schelm, den ich im Verdachte der Bestechlichkeit habe – sich genöthigt sah, Lärm zu machen, was er sonst wohl unterlassen haben würde. Um nun mein Unrecht gegen Euch gut zu machen, möchte ich Euch eine Gefälligkeit erweisen, wenn Ihr sie von mir annehmen wollt.«

»Dürft' ich erst bitten, mir zu sagen, worin sie besteht?« fragte der Kammerjunker.

»Einfach darin, Euch die Nachricht von der Entdeckung nach Holyrood bringen zu lassen, wo Ihr Euch große Gunst, sowohl bei dem Grafen von Morton, als bei dem Regenten und bei Herrn Wilhelm Douglas erwerben könnt, als Augenzeuge der ganzen Geschichte und als Einer, der sich dabei treu verhalten hat. Es wird dann in Eurer Hand stehen, Euer Glück zu machen; denn ich hoffe, Ihr werdet Euch der eitlen Thorheit entschlagen und lernen, in dieser Welt zu wandeln als Einer, der an die künftige denkt.«

»Herr Hofmeister,« entgegnete Roland, »ich danke Euch für Eure Gefälligkeit; aber Euren Auftrag kann ich nicht ausrichten. Ganz abgesehen davon, daß ich der geschworne Diener der Königin bin und nichts gegen sie thun kann, denke ich, es wäre ein schlechter Weg zu Herrn Wilhelms Gunst, der Erste zu sein, der ihm seines Sohnes Abfall meldet. Eben so wenig würde es dem Reichsverweser überaus angenehm sein, von der Treulosigkeit seines Lehnsmannes zu hören, noch dem Grafen von Morton, die Falschheit seines Verwandten zu erfahren.«

»Hm!« brummte der Hofmeister mit dem Ausdruck der Ueberraschung und der Unzufriedenheit. »Nun, so fliegt denn, wohin Ihr wollt, denn so schwindelköpfig Ihr auch seid, wißt Ihr Euch doch in der Welt zu benehmen.«

»Ich will Euch beweisen, daß meine Denkungsart minder eigennützig ist, als Ihr Euch einbildet,« versetzte der Kammerjunker; »denn ich halte Offenheit und Fröhlichkeit für besser, als Ernsthaftigkeit und List, ja ich glaube sogar, daß sie diesen gewachsen sind. – Ihr habt mich nie weniger leiden können, als in diesem Augenblick, Herr Hofmeister. Ich weiß, Ihr werdet mir kein wahres Vertrauen schenken, und ich bin nicht gesonnen, falsche Betheurungen für baare Münze zu nehmen. Geht wieder Euren alten Gang – beargwohnt, belauert mich, so viel Ihr wollt. Ich biete Euch Trotz; an mir findet Ihr Euren Mann.«

»Bei Gott, junger Mensch,« schwur der Hofmeister mit einem boshaften Blick, »wenn du dich untersteht, einen Verrath gegen das Haus Lochleven zu versuchen, soll dein Kopf auf dem Wartthurm in der Sonne dorren!«

»Wer sich Nichts anvertrauen läßt, kann keinen Verrath begehen,« versetzte der Kammerjunker. »Und was meinen Kopf betrifft, der steht so fest auf meinen Schultern, wie nur irgend ein Thurm, den je ein Maurer gebaut hat.«

»Gehab' dich wohl, du geschwätzige, bunte Elster,« sprach Dryfesdale. »Du bildest dir Etwas ein auf deine lose Zunge und auf dein buntes Kleid, aber hüte dich vor Falle und Leimruthe.«

»Gehab' dich wohl, du heiserer alter Rabe,« versetzte Roland. »Dein bedächtlicher Flug, deine dunkle Farbe und dein tiefes Krächzen sind kein Zauber wider Vogelbolzen und Schrot. Und wenn du es wissen willst – zwischen uns ist offener Krieg; Jeder von uns für seine Gebieterin, und Gott zeige, wer Recht hat!«

»Amen, und schirme sein Volk!« fügte der Hofmeister hinzu. »Ich will meine Gebieterin wissen lassen, wie du diese verrätherische Gesellschaft vergrößert hat. Gute Nacht, Monsieur Federkopf.«

»Gute Nacht, Signor Sauertopf,« erwiderte der Kammerjunker und begab sich, nachdem der Alte sich entfernt hatte, zur Ruhe.

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