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Der Abt

Walter Scott: Der Abt - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Scott
titleDer Abt
publisherHoffmann'sche Verlagsbuchhandlung
printrunZweite vermehrte Auflage
firstpub1841
year1851
translatorFriedrich Funck
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20160427
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Neunundzwanzigstes Kapitel.

Bet' nur, daß sie nicht bald als Mann sich zeigt!

König Heinrich VI.

Aus dem Garten des Greises entlassen, fand Roland, daß ein eingehegtes Grasland, auf welchem zwei dem Gärtner gehörige Kühe weideten, ihn noch von dem Dorfe trennte. Er durchschritt dasselbe. in Nachsinnen über die Worte des Abtes versunken. Pater Ambrosius hatte mit gutem Erfolge jenen mächtigen Einfluß über ihn geltend gemacht, den die Leiter und Lehrer unserer Kindheit über unsere reifere Jugend besitzen. Und doch konnte Roland, als er sich die Worte des Paters wiederholte, nicht umhin zu argwöhnen, daß derselbe sich mehr bemüht habe, jeder Berührung der Streitpunkte der beiden Kirchen auszuweichen, als die Einwürfe zu widerlegen und die Zweifel zu beseitigen, welche die Predigten Hendersons in ihm erweckt hatten.

»Freilich,« dachte er. »hierzu hatte er keine Zeit, und eben so wenig besitze ich gegenwärtig Ruhe und Kenntniß genug, um über so wichtige Punkte zu urtheilen. Und dann wär' es auch niederträchtig, meinen Glauben zu verlassen, weil der Wind des Glückes demselben entgegen ist, so lange ich nicht eine solche Stellung habe, worin mein Glaubenswechsel, sollte er je stattfinden, nicht dem Eigennutz zugeschrieben werden kann. Ich bin katholisch erzogen, in dem Glauben von Wallace und Bruce – ich will an ihm festhalten, bis Zeit und Gründe mich überzeugen, daß er irrig ist. Ich will dieser armen Königin dienen, wie ein Unterthan seiner ungerechter Weise gefangenen Herrscherin dienen sollte. Die, so mich an diesen Platz gestellt, haben sich selber Vorwürfe zu machen. Mich haben sie hierher geschickt, der ich als Edelmann in den Lehren der Treue und Ehrenhaftigkeit auferzogen bin. Sie hätten einen schmeichlerischen, falschen Schelm schicken sollen, der zu gleicher Zeit der aufmerksame Diener der Königin und der dienstfertige Späher ihrer Feinde hätte sein mögen. Wenn ich nur die Wahl habe, ob ich sie unterstützen oder verrathen soll, dann will ich mich entscheiden, wie es ihrem Diener und Unterthan gebührt. Aber Katharine Seyton – Katharine Seyton, von Douglas geliebt, – sie, die mich, je nachdem sie gelaunt ist, bald nahe kommen läßt, bald fern hält – wie soll ich es mit der Kokette halten? – Bei Gott! mit nächster Gelegenheit soll sie mir Rechenschaft von ihrem Benehmen geben, oder ich will für immer mit ihr brechen!«

Indem er diesen mannhaften Entschluß faßte. ging er die Treppe hinab, welche aus dem Gehege hinausführt und wurde fast in demselben Augenblick von Doctor Lundin begrüßt.

»Nun, mein vortrefflicher junger Freund, woher des Weges?« fragte der Doctor. »Ah, nun seh' ichs. Ja, ja. Nachbar Blinkhoolie's Garten ist ein prächtiges Stelldichein, und Ihr seid in dem Alter, wo ein Junge mit dem einen Auge nach einem hübschen Mädchen sieht und mit dem andern nach einer saftigen Pflaume. Aber, heda! ihr seht ja betrübt und schwermüthig aus. Ich fürchte, das Mädchen ist grausam oder die Pflaume unreif gewesen. Nachbar Blinkhoolie's Katharinenpflaumen haben sich schwerlich den Winter über gut gehalten; er spart den Zuckersaft bei seinem Eingemachten. Doch Muth gefaßt, Alter, es gibt noch mehr Katharinen in Kinroß, und für die unreife Frucht ein Glas von meiner doppelt destillirten aqua mirabilis – probatum est Wunderwasser – ist ein bewährtes Mittel.

Der Kammerjunker schoß einen wüthenden Blick auf den witzigen Arzt. Allein alsbald fiel ihm ein, daß der Name Katharine, welcher seinen Unwillen erweckt, vermuthlich nur der Alliteration wegen gebraucht worden war, und so unterdrückte er seinen Grimm, und fragte bloß, ob man von den Wagen Etwas gehört habe.

»Eben such' ich Euch, um Euch zu sagen, daß das Zeug in Eurem Kahn ist, und daß der Kahn Eures Befehles wartet. Auchtermuchty ist bloß in die Gesellschaft eines Taugenichtses gerathen, wie er selber, und in die Nähe eines Brantweinkrügleins. Eure Fährleute haben die Ruder in der Hand, und schon zwei Mal ist vom Wartthürmchen die Fahne geschwenkt worden, zum Zeichen, daß man im Schloß mit Ungeduld auf Eure Rückkehr wartet. Immerhin aber bleibt Euch noch Zeit zu einem Imbiß, und als Euer Freund und Arzt halt ich es für unpassend, daß Ihr der Wasserluft mit leerem Magen die Stirn bieten solltet.«

Roland dachte an nichts Anderes, als, hungrig oder nicht hungrig, nach dem Ufer zu eilen, wo sein Kahn lag, und wies jede Anerbietung von Erfrischungen zurück, obwohl der Doctor versprach, den Imbiß mit einem gelinden Schnabelwetzer zu eröffnen – mit einer Abkochung von Kräutern, die er selber gesammelt und destilliert. Da Roland nicht den Morgentrunk vergessen hatte, so mag wohl die Erinnerung an diesen ihn in seinem Entschluß befestigt haben, jede Speise auszuschlagen, welcher eine so unschmackhafte Einleitung vorangehen sollte. Als sie nach dem Ufer hin gingen, – denn die Höflichkeit des würdigen Kämmerers verstattete nicht, daß der Kammerjunker seinen Weg ohne Geleit machte, – glaubte Roland in einem um Spielleute versammelten Kreise die Kleidung von Katharine Seyton zu erkennen. Von seinem Geleitsmann sich losmachend, war er mit einem Sprunge mitten in dem Haufen neben der Jungfer und flüsterte ihr zu:

»Katharine, dürft Ihr denn noch hier bleiben? Wollt Ihr nicht nach der Burg zurück?«

»Zum Teufel mit Euren Katharinen und Burgen!« antwortete das Mädchen schnippisch. »Habt Ihr nicht Zeit genug gehabt, Eure Narrheit los zu werden? Geht fort! Ich will von Eurer Gesellschaft weiter Nichts wissen, und es ist Gefahr dabei, sie mir ferner aufzudringen.«

»Nun wohl,« antwortete Roland, »wenn Gefahr droht, schönste Katharine, warum wollt Ihr mir nicht verstatten dazubleiben und sie mit Euch zu theilen?«

»Zudringlicher Narr!« sprach das Mädchen, »die Gefahr ist lediglich auf deiner Seite. Um es deutlich zu sagen, du setzest dich aus, daß ich dir mit dem Heft meines Dolches aufs Maul schlage.«

Mit diesen Worten wandte sie sich stolz von ihm ab und drängte sich durch den Haufen, welcher einigermaßen erstaunt über die männliche Kraft, mit der sie sich Bahn machte, überall auswich. Roland, obwohl sehr aufgebracht, wollte ihr dennoch folgen. Aber in demselben Augenblick packte ihn Dr. Lundin am Mantel und erinnerte ihn an den geladenen Kahn, an das zweimalige Fahnenschwenken vom Thurm, an die Gefährlichkeit der kalten Luft für den leeren Magen, und wie es verkehrt sei, noch mehr Zeit auf spröde Dirnen und saure Pflaumen zu verwenden. Roland wurde so gewissermaßen nach seinem Kahn zurückgeschleift und gezwungen, ihn zur Rückkehr nach Schloß Lochleven zu besteigen.

Die kleine Fahrt war bald vollendet. Am Landungsplatz auf der Insel ward der Kammerjunker von dem finstern Dryfesdale mit beißenden Redensarten bewillkommt.

»So, junger Herr! Seid Ihr endlich nach Ablauf von sechs Stunden und nach zwei Zeichen von der Burg wieder da? Sicherlich hat eine heimliche Schmauserei Euch zu sehr in Anspruch genommen, als daß Ihr an Euren Dienst oder an Euer Geschäft hättet denken können. Wo ist das Verzeichniß von dem Silbergeschirr und dem Stubengeräth? Da kann man beten, daß Nichts davon gekommen ist unter der Obhut eines so sorglosen Herumschwärmers!«

»Davongekommen unter meiner Obhut, Herr Hofmeister?« entgegnete der erzürnte Kammerjunker. »Sagt das im Ernst, und bei Gott, Euer graues Haar soll schwerlich Euer ungewaschenes Maul schützen.«

»Nicht geprahlt, junger Edelknecht!« versetzte der Hofmeister. »Wir haben Riegel und Kerker für Die, so Streit anfangen. »Geh' zu meiner gnädigen Frau und prahle vor ihr, wenn du es wagt. Sie wird dir Anlaß zum Aerger geben, denn sie hat lange und mit Ungeduld auf dich gewartet.«

»Und wo ist die Frau von Lochleven?« fragte der Kammerjunker; »denn ich denke, von ihr sprichst du.«

»Hm – von wem sonst?« fragte Dryfesdale. »Wer außer der Frau von Lochleven hat in diesem Schlosse zu befehlen?«

»Die Frau von Lochleven ist deine Gebieterin,« erwiderte Roland; »die meinige ist die Königin von Schottland.«

Der Hofmeister faßte ihn einen Augenblick scharf in's Auge, mit einer Miene, welche Argwohn und Widerwillen schlecht unter dem Scheine der Verachtung verbarg.

»Das kecke Hähnchen,« sprach er, »wird sich durch sein vorzeitiges Krähen verrathen. Ich habe seit Kurzem ein verändertes Wesen an dir in der Kapelle bemerkt und bei der Mahlzeit das Wechseln von Blicken mit einer gewissen leichtsinnigen Jungfer, welche, wie du, über Ernst und Tugend lacht. Ihr habt Etwas an Euch, Junkerlein, worauf man ein Auge haben sollte. Wenn Ihr aber wissen wollt, ob die Frau von Lochleven oder die andere Frau das Recht hat, Euren Dienst in Anspruch zu nehmen, so geht hin in das Vorzimmer der Frau Maria, da werdet Ihr sie beisammen finden.«

Roland eilte dorthin, froh, dem boshaften Späherauge des Alten zu entgehen, und zugleich sich wundernd, wie die Frau von Lochleven ganz gegen ihre Gewohnheit um diese Zeit des Nachmittags in das Gemach der Königin komme. Sein Scharfsinn entdeckte bald den Grund.

»Sie will,« dachte er, »Zeuge meines Zusammentreffens mit der Königin bei meiner Rückkehr sein, um zu sehen, ob ein geheimes Einverständniß zwischen uns obwaltet. Ich muß auf meiner Hut sein.«

Mit diesem Entschluß trat er in das Gesellschaftszimmer ein. Die Königin saß auf ihrem Stuhl, Frau Fleming stand an der Rücklehne desselben, und Frau von Lochleven stand vor dem Stuhl der Königin, und zwar sichtlich zu ihrem großen Verdruß, bereits seit einer Stunde. Bei seinem Eintreten machte Roland eine tiefe Verbeugung gegen die Königin, eine andere gegen die Frau von Lochleven und blieb dann ruhig stehen, die an ihn zu richtenden Fragen abwartend.

Die Frau von Lochleven begann:

»So, junger Mensch, seid Ihr endlich zurückgekommen?«

Unwillig hielt sie inne; die Königin aber nahm, ohne auf sie zu achten das Wort und sprach:

»Roland, seid uns willkommen. Ihr habt Euch als die treue Taube bewährt und nicht als Raben. Und doch hätte ich Euch vergeben können, wenn Ihr, einmal aus unserer vom Wasser umflutheten Arche heraus, nicht mehr zu uns zurückgekommen wäret. Ich hoffe, Ihr habt uns einen Oelzweig mitgebracht, denn unsere gute, würdige Hausfrau hat sich sehr ereifert über Euer langes Ausbleiben, so daß wir nie mehr, als jetzt, eines Zeichens des Friedens und der Versöhnung bedurft haben.«

»Ich bedaure, Madame,« erwiderte der Kammerjunker, »daß ich aufgehalten worden bin. Allein durch das lange Ausbleiben des Mannes, welchem die Sachen zur Besorgung übergeben waren, sind dieselben erst spät am Tage mir zugekommen.«

»Da seht Ihr's!« sprach die Königin zur Frau von Lochleven. »Wir konnten Euch nicht überreden, theuerste Wirthin, daß Euer Geräthe in guter Hand sei. Freilich können Wir Eure Ungeduld entschuldigen, in Betracht, daß diese fürstlichen Gemächer so sparsam ausgestattet sind, daß Wir nicht einmal im Stande waren, Euch einen Stuhl anzubieten während der langen Zeit, daß Ihr Uns das Vergnügen Eurer Gesellschaft geschenkt habt.«

»Mehr der Wille, Madame,« erwiderte die Burgfrau, »mehr der Wille, eine solche Bequemlichkeit anzubieten, fehlte, als die Mittel.«

»Was?« sagte die Königin, sich mit der Miene der Verwunderung im Zimmer umsehend; »es sind Stühle in diesem Gemach? Eins – zwei – nicht weniger als vier, den zerbrochenen mitgerechnet. Eine königliche Ausstattung! Wir haben sie nicht bemerkt. Will es Ew. Gnaden gefallen, Platz zu nehmen?«

»Nein, Madame,« antwortete die Frau von Lochleven, »ich will Euch augenblicklich von meiner Gegenwart befreien, und so lange ich bei Euch bin, können meine alten Glieder eher Ermüdung ertragen, als sich bücken, um von Eurer gezwungenen Höflichkeit Gebrauch zu machen.«

»Nein, Frau von Lochleven, wenn Ihr die Sache so sehr zu Herzen nehmt,« sprach die Königin, aufstehend und ihr auf den leeren Stuhl winkend, »dann möchte ich lieber, Ihr nähmet meinen ledigen Sitz ein. Ihr seid nicht die erste von Eurer Familie, die dies gethan hat.«

Die Frau von Lochleven verbeugte sich ablehnend, schien aber mit Mühe eine zornige Erwiderung, die sie auf der Zunge hatte, zu unterdrücken, Während dieser bittern Unterredung war die Aufmerksamkeit Rolands fast ganz und gar durch das Eintreten von Katharina Seyton in Anspruch genommen worden. Sie kam aus dem innern Gemach in ihrer gewöhnlichen Kleidung, und Nichts in ihrem Benehmen deutete auf die Uebereilung und Verwirrung, welche von dem gewöhnlichen Wechsel einer Verkleidung unzertrennlich ist, noch auch auf die Besorgniß, bei einem gefährlichen Unternehmen entdeckt zu werden. Roland Graeme machte eine Verbeugung gegen sie. Das Kammerfräulein erwiderte dieselbe mit einer Unbefangenheit, welche er gar nicht mit dem zusammenreimen konnte, was er an diesem Tage gesehen hatte.

»Sie wird sich doch nicht einbilden,« dachte er, »sie könne mich durch Keckheit dahin bringen, daß ich meinen Augen nicht mehr traue, wie sie es in Betreff der Erscheinung in der Herberge zum St. Michael versucht hat. Ich will doch sehen, ob ich sie nicht empfinden lassen kann, daß dies vergebliche Mühe, und daß es klüger und sicherer ist, mir Vertrauen zu schenken.«

Diese Gedanken waren ihm rasch durch den Kopf gegangen, als die Königin, nach Beendigung ihres Wortwechsels mit der Frau von Lochleven, ihn wieder anredete.

»Nun, Roland, wie war es bei dem Fest zu Kinroß? Mich dünkt, es ging lustig her, wenn ich darauf schließen darf aus einigen schwachen Tönen von Jubel und Musik, welche bis zu diesen vergitterten Fenstern herüberdrangen und beim Eindringen in dieselben erstarben, wie es Alles muß, was froh und heiter heißt. Aber du siehst ja so ernsthaft aus, als ob du aus einem Hugenottenconventikel kämest.«

»Das könnte der Fall sein, Madame,« nahm die Burgfrau das Wort, gegen welche dieser Seitenhieb gerichtet war. »Ich hoffe, unter den unnützen Possen dort fehlte es auch nicht ganz an der Spendung der Lehre, die einen besseren Zweck hat, als die eitle Lust, welche aufflammt und schwindet gleich den knisternden Dornen, und den ihr ergebenen Thoren Nichts als Staub und Asche zurückläßt.«

»Maria Fleming,« sprach die Königin, sich herumdrehend und sich in ihren Mantel wickelnd, »ich wollte, wir hätten auf dem Rost des Kamins eine oder zwei Wellen von den Dornen, welche die Frau von Lochleven so schön beschreibt. Mich däucht, die feuchte Luft von dem See, welche diese gewölbten Zimmer erfüllt, macht sie tödtlich kalt.«

»Ew. Durchlaucht Wille soll geschehen,« nahm die Burgfrau das Wort. »Doch dürft' ich so frei sein zu erinnern, daß wir jetzt Sommer haben?«

»Ich danke Euch für die Belehrung, gute Frau,« sprach die Königin. »Gefangene erfahren besser aus dem Munde des Kerkermeisters, in welcher Zeit sie leben, als aus irgend einem Wechsel der Jahreszeiten, den sie selber empfunden. – Also nochmals, Roland Graeme, wie war es bei dem Fest?«

»Lustig, Madame,« antwortete der Kammerjunker. »Aber die Belustigungen waren von der gewöhnlichen Art und verdienen nicht, vor Ew. Hoheit Ohren erzählt zu werden.«

»O,« sprach die Königin, »Ihr wißt nicht, wie nachsichtig mein Ohr geworden ist gegen Alles, was auf Freiheit und auf die Vergnügungen der Freien deutet. Mich dünkt, ich würde mit größerem Vergnügen die lustigen Dorfbewohner ihren Reigen um den Maien haben tanzen sehen, als den prächtigsten Maskeraden in einem Palast beigewohnt haben. Keine Mauern um sich zu sehen, das Gefühl, daß man den grünen Rasen unter den Füßen hat, welche frei auf demselben herumtreten dürfen, das wiegt. Alles auf, was durch Kunst und Glanz zur Erhöhung mehr hofmäßiger Lustgeschehen kann.«

»Ich hoffe,« nahm die Burgfrau das Wort, »es hat bei diesen Thorheiten keinen Unfug und keine Unordnung gegeben, wozu sie so leicht führen.«

Roland warf einen verstohlenen Blick auf Katharinen, als wollte er ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, und antwortete:

»Madame, es ist mir kein erwähnenswerthes Vergehen, oder vielmehr es ist mir gar kein Vergehen vorgekommen, ausgenommen, daß eine kecke Jungfer ihre Hand etwas zu vertraut mit der Wange eines Schauspielers machte und in Gefahr gerieth, in den See getaucht zu werden.«

Während der letzten Worte richtete er seine Augen vorübergehend auf Katharinen. Allein sie hörte mit vollkommener Unbefangenheit die Andeutung, welche sie seiner Meinung nach in Schrecken und Verwirrung hätte setzen müssen.

»Ich will Ew. Durchlaucht nicht länger mit meiner Gegenwart belästigen,« sprach die Frau von Lochleven, »es sei denn, daß Ihr mir einen Befehl zu geben habt.«

»Durchaus keinen, Unsere gute Wirthin,« versetzte die Königin; »höchstens möchten Wir Euch bitten, Ihr möchtet es in Zukunft nicht für nöthig halten, etwas Besseres, was Ihr zu thun habt, zurückzusetzen, um Uns so lange Eure Aufwartung zu machen.«

»Möchte es Euch vielleicht gefallen,« fuhr die Burgfrau fort, »diesem jungen Herrn zu befehlen, daß er Uns begleite, damit ich von ihm Nachweisung über die Sachen erhalte, welche zu Ew. Durchlaucht Gebrauch hierher geschickt worden sind?«

»Wir können nicht verweigern, was Euch gefällt zu begehren, Madame,« antwortete die Königin. »Gehe mit der gnädigen Frau, Roland, wenn wirklich Unser Befehl erforderlich ist, damit du es thuest. Wir wollen morgen deinen Bericht von den Lustbarkeiten zu Kinroß anhören. Für diesen Abend entheben Wir dich der Aufwartung bei Uns.«

Roland ging mit der Frau von Lochleven. Sie verfehlte nicht, ihm allerlei Fragen zu stellen über das, was bei den Festlichkeiten vorgefallen war. Seine Antworten waren berechnet, keinen Verdacht in Betreff seiner Geneigtheit, die Königin Maria zu begünstigen, aufkommen zu lassen. Namentlich vermied er jede Hindeutung auf die Erscheinung von Magdalene Graeme und von Pater Ambrosius. Nach einem langen Verhör wurde er endlich entlassen mit Aeußerungen, welche in dem Munde der wortkargen und finsteren Burgfrau als freundlich und günstig gelten konnten.

Seine erste Sorge war, einige Erfrischungen zu erhalten, die ihm mit mehr Willigkeit von einem gutmüthigen Speisemeister verabreicht wurden, als von Dryfesdale. Letzterer war bei dieser Gelegenheit sehr geneigt, bei dem Brauch des Hauses Puddingburn zu bleiben, wo

Wer nicht erschien beim ersten Ruf im Saal,
Der mußte fasten bis zum nächsten Mahl.

Da Roland für den Abend von der Königin beurlaubt war, und da die Gesellschaft, welche er sonst in der Burg finden konnte, ihm nicht sehr zusagte, so schlich er nach Beendigung seines Mahles in den Garten, wo er zu jeder Zeit seine Mußestunden zubringen durfte. In diesem Garten hatte der Erfindungsgeist des Gärtners das Mögliche gethan, um aus einem kleinen Raum viel zu machen, und durch steinerne, mit Bildwerk verzierte Scheidewände und durch lebendige Hecken so viele Windungen und Abwechslungen hervorzubringen, als der beschränkte Umfang erlaubte.

In trüber Stimmung durchwandelte der Jüngling den einsamen Ort. Er gedachte der Erlebnisse des Tages und verglich das, was der Abt hatte fallen lassen, mit dem, was er selber an Georg Douglas bemerkt hatte.

»Es kann nicht anders sein,« war der schmerzliche, aber unvermeidliche Schluß, zu dem er kam. »Nur durch eine Hülfe ist sie im Stande, sich wie ein Gespenst von einem Orte an den andern zu versetzen und je nach Belieben bald auf der Insel, bald auf dem Festland zu erscheinen. – Es kann nicht anders sein,« wiederholte er. »Mit ihm unterhält sie einen genauen, geheimen vertrauten Verkehr, welcher schlechterdings nicht zu den günstigen Augen paßt, mit denen sie mich zuweilen angesehen hat, – einen Verkehr, der die Hoffnungen zerstört, welche, wie sie wissen muß, ihre Blicke in mir erregt haben.«

Und doch – denn Liebe hofft noch, wo der Verstand verzweifelt – drängte sich ihm wieder der Gedanke auf, daß sie vielleicht die Leidenschaft des Burgvogts nur in so weit begünstigte, als es zum Vortheil ihrer Gebieterin gereichte, und daß sie offen, edel und aufrichtig sei, um ihm selber Hoffnungen zu machen, welche sie nicht zu erfüllen gedächte. Verloren in diese Vermuthungen setzte er sich auf eine Rasenbank, welche einerseits die Aussicht auf den See bot, andererseits den Anblick derjenigen Seite des Schlosses gewährte, auf welcher sich die Gemächer der Königin befanden.

Die Sonne war untergegangen, und das Zwielicht des Maiabends ging in das Helldunkel einer heiteren Nacht über. Die Wasserfläche hob und senkte sich bei dem geringsten Wehen eines Lüftchens von Süden, doch so, daß die kleinen Wellen kaum bemerkbar waren. In der Ferne erblickte man noch die schwachen Umrisse des Eilandes Sanct Serf, einst von manchem Pilger in Sandalen als der geweihte Ort besucht, wo ein Mann Gottes gewandelt hatte, jetzt vernachlässigt und entweiht als die Zufluchtsstätte fauler Pfaffen, welche mit Recht genöthigt worden seien, den Schafen und Kühen eines protestantischen Landherrn Platz zu machen.

Während Roland auf den dunkeln Fleck in dem lichteren Blau des ihn umgebenden Wassers hinsah, eröffneten sich vor seinem geistigen Auge die Irrgänge der polemischen Erörterung. Waren diese Leute mit Recht verbannt worden, als üppige Drohnen, als die Berauber und als die Schmach des emsigen Bienenstocks? oder hatte nicht vielmehr die Hand der Habgier aus dem Tempel nicht das Gesindel vertrieben, welches ihn schändete, sondern die gläubigen Priester, welche in Ehren und Treuen am Altar dienten? Die Gründe Hendersons vergegenwärtigten sich ihm in dieser Stunde ruhigen Nachdenkens mit doppelter Kraft und ließen sich kaum abweisen durch die Berufung des Abtes Ambrosius von seinem Verstand an sein Gefühl, – eine Berufung, welche größeren Eindruck auf ihn gemacht hatte in der Aufregung des bewegten Lebens, als sie jetzt that, wo er ungestört denken konnte.

Es kostete ihn Anstrengung, sich von diesem beunruhigenden Gegenstande loszumachen, und er fand, daß es ihm am besten gelang, wenn er seine Augen auf das Schloß richtete und den schwachen Lichtschimmer beobachtete, der im Fenster des Gemaches von Katharine Seyton sichtbar war und von Zeit zu Zeit verdunkelt ward, wenn die Schattengestalt der schönen Bewohnerin zwischen der Kerze und dem Fenster hing litt. Endlich wurde das Licht weggebracht oder ausgelöscht, und somit auch dieser Gegenstand der Betrachtung den Augen des sinnenden Liebhabers entzogen.

Darf ich es gestehen, ohne daß er für immer den Stempel eines Romanhelden verliert? Seine Augen wurden allmälig schwer. Speculative Zweifel über religiöse Streitpunkte und ängstliche Vermuthungen über die Neigungen seiner Herzenskönigin vermischten sich untereinander; die Ermüdung nach einem geschäftreichen Tage trug den Sieg davon über die Unruhe ernster Betrachtungen, und er verfiel in festen Schlaf.

Er schlummerte sanft, als er plötzlich durch die eiserne Zunge der Burgglocke geweckt wurde, deren dumpfe Töne weit über den See hinüber und am Benarty widerhallten, dem Berge, der sich steil auf dem südlichen Ufer erhebt. Roland fuhr empor, denn er wußte, daß diese Glocke immer um zehn Uhr geläutet ward als das Zeichen, daß die Thore der Burg verschlossen, und die Schlüssel dem Burgvogt übergeben wurden. Er eilte nach dem Thürchen, welches aus dem Garten in das Gebäude führte, und fand zu seinem Verdruß, daß in dem Augenblicke, wo er anlangte, der Riegel knarrend aus dem Haken herausging und sich in die eingehauene Vertiefung des steinernen Thürpfostens legte.

»Halt! halt!« rief er, »und laßt mich hinein, ehe Ihr das Thürchen verschließt.«

Die Stimme des mürrischen Dryfesdale ließ sich von Innen in dem gewohnten bitteren Tone vernehmen:

»Die Stunde ist vorüber, schöner Junker. Ihr liebt nicht die inwendige Seite dieser Mauern; so macht denn einen ganzen Feiertag, und bleibt auch die Nacht, wie den Tag im Freien.«

»Mach' auf!« rief der Kammerjunker empört, »oder, bei St. Gilgen! deine goldene Kette soll mir dafür herhalten.«

»Mach' keinen Lärm hier!« entgegnete der eisenfeste Dryfesdale. »Behalte deine sündlichen Flüche und albernen Drohungen für Diejenigen, welche Etwas darauf geben. Ich thue, was meines Amtes ist, und bringe die Schlüssel dem Burgvogt. Adieu, junger Herr! Die kühle Nachtluft wird gut sein für Euer heißes Blut.«

Der Hofmeister hatte Recht: das kühle Lüftchen war sehr nöthig zur Beseitigung der Fieberhitze von Rolands Zorn, und es dauerte geraume Zeit, bis das Mittel anschlug. Endlich nach einigen raschen Gängen durch den Garten, und nachdem er seinen Grimm in leeren Rachegelöbnissen ausgelassen, fiel es dem Kammerjunker ein, daß er mehr Ursache habe zu lachen, als sich zu ärgern.

»Wollte Gott,« sagte er, »der alte Sauertopf begnügte sich immer mit solcher spaßhaften Rache. Oft sieht er aus, als könnte er uns einen schlimmeren Streich spielen.«

So beruhigt, kehrte er auf feinen Rasensitz hinter einer gestutzten Steineichenhecke zurück, wickelte sich in seinen Mantel, streckte sich auf seinem grünen Lager aus und hoffte wieder in den Schlaf zu verfallen, welchen die Burgglocke so unnützer Weise unterbrochen hatte.

Der Schlaf, gleich anderen irdischen Wohlthaten, flieht gewöhnlich den, welcher ihn am dringendsten wünscht. Je mehr sich Roland nach ihm sehnte, desto weniger wollte er sich einstellen. Erst durch die Glockentöne aufgestört, dann durch den Vorfall mit dem Hofmeister aufgeregt, konnte er nicht wieder zu der Ruhe kommen, welche dem Einschlummern vorhergehen muß. Erst nachdem er sich in einem Irrgang unerfreulicher Betrachtungen ermüdet hatte, gelang es ihm, sich halb und halb einzulullen.

Aus diesem von Zeit zu Zeit unterbrochenen Schlafe ward er endlich wieder völlig erweckt durch die Stimmen von zwei im Garten gehenden Menschen, deren Gespräch sich Anfangs mit seinen Träumen vermischt hatte. Erstaunt, zwei Menschen zu dieser späten Stunde vor der wohlbewachten Burg Lochleven mit einander sprechen zu hören, richtete er sich von feiner Lagerstätte auf. Sein erster Gedanke war, daß er übernatürliche Wesen vor sich habe, sein nächster, daß hier von Freunden und Anhängern der Königin Maria ein Versuch gemacht werde, – sein letzter, daß Georg von Douglas, der die Schlüssel und somit die Mittel hatte, ein- und auszugehen, wann es ihm beliebte, sein Verhältniß als Burgvogt benutzte, um mit Katharine Seyton ein Rendezvous im Schloßgarten zu halten. In dieser Meinung ward er bestärkt durch den Klang der Stimme, welche leise fragte: »Ist Alles in der Reihe?«

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