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Der Abt

Walter Scott: Der Abt - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Scott
titleDer Abt
publisherHoffmann'sche Verlagsbuchhandlung
printrunZweite vermehrte Auflage
firstpub1841
year1851
translatorFriedrich Funck
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20160427
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Achtundzwanzigstes Kapitel.

Sie, deren Aug' bewachte Deine Kindheit,
Die hoffend Deine Jugend dämmern sah,
Sie sieht mit diesem Aug', getrübt von Alter,
Und mehr durch Weinen noch, jetzt Deine Schmach.

Altes Schauspiel.

Beim Eintritt in die Hauptgasse, oder vielmehr in die einzige Gasse von Kinroß, warf die Jungfer, welcher Roland Graeme nachging, einen Blick hinter sich, als wollte sie sehen, ob er nicht ihre Spur verloren habe, und bog dann in ein ganz enges Gäßchen ein, welches von zwei Reihen armseliger, baufälliger Hütten gebildet ward. Einen Augenblick stand sie still an der Thür einer dieser Hütten, sah nochmals nach Roland zurück, drückte dann auf die Klinke, öffnete die Thür und verschwand.

So sehr sich auch der Kammerjunker beeilte, ihr zu folgen, so dauerte es doch einige Minuten, bis er über die Schwelle der Hütte kam, theils weil die Klinke nicht in der gewöhnlichen Weise aufging, theils weil die Thür sich nicht auf den ersten Druck in den Angeln drehte. Ein dunkler, räucheriger Gang führte, wie gewöhnlich, zwischen der äußeren Wand des Hauses und dem Hallan oder der Lehmwand hin. Am Ende des Ganges führte eine Thür durch die Lehmwand in die Ben oder Binnenkammer der Hütte. Roland faßte die Klinke dieser Thür, und in demselben Augenblick ließ sich von Innen heraus eine weibliche Stimme vernehmen:

»Benedictus qui veniat in nomine Domini, damnandus qui in nomine inimici« Gesegnet sei, wer im Namen des Herrn kommt, verflucht, wer im Namen des Feindes..

Er trat ein und erblickte die Gestalt, welche der Kämmerer ihm als Mutter Nicneven bezeichnet hatte. Sie saß an dem niedrigen Herd, und außer ihr war Niemand im Zimmer. Roland sah sich um, betroffen über das Verschwinden von Katharine Seyton, ohne viel auf die angebliche Zauberin zu achten, bis diese seine Aufmerksamkeit fesselte durch den Ton, in welchem sie ihn fragte:

»Was suchst du hier?«

»Ich suche,« antwortete der Kammerjunker, »ich suche –«

Ehe er ausreden konnte, hatte die Alte, zornig die Stirn runzelnd, sich erhoben, ihr Kopftuch heruntergerissen und ihn bei der Hand gefaßt. Außer sich vor Staunen, sah er sich von ihr an das kleine Fensterchen geführt, und hier, wo das volle Tageslicht auf sie fiel, erkannte er das Gesicht der alten Magdalene Graeme.

»Ja, Roland,« sprach sie, »deine Augen täuschen dich nicht; sie zeigen dir wirklich die Züge Deren, die du betrogen, deren Wein du in Galle, deren Speise du in Gift, deren Hoffnung du in schwarze Verzweiflung verwandelt hast! Sie ist es, die dich fragt: Was suchst du hier? – sie, deren schwerste Sünde gegen Gott gewesen ist, daß sie dich mehr geliebt hat, als selbst das Wohl der Kirche, sie, die dich nicht ohne Widerstreben dem Dienste Gottes weihen konnte, – sie fragt dich: Was suchst du hier?«

Während dieser Worte ruhte ihr großes schwarzes Auge auf dem Jüngling mit demselben Ausdruck. mit welchem der Adler feine Beute betrachtet, ehe er sie zerreißt. Roland fühlte sich außer Stande, zu antworten oder sich von ihr loszumachen. Die Schwärmerin behauptete noch immer einigermaßen die Gewalt über ihn, die sie während seiner Kindheit erlangt hatte. Ueberdies kannte er ihre Heftigkeit, die keinen Widerspruch duldete, und er war überzeugt, daß wohl jede Antwort, die er geben könnte, sie in Wuth versetzen würde. Er schwieg also, und Magdalene Graeme fuhr mit steigender Begeisterung fort:

»Nochmals, was suchst du, falscher Knabe? Suchst du die Ehre, auf die du verzichtet, den Glauben, dem du entsagt, die Hoffnung, die du zerstört hast? – Oder hast du mich gesucht, die einzige Beschützerin deiner Jugend, die einzige Verwandte, die du gekannt hast, um meine grauen Haare unter die Füße zu treten, wie du bereits mit den theuersten Wünschen meines Herzens gethan hast?«

»Verzeiht mir, Mutter,« antwortete Roland; »aber in Wahrheit verdien' ich Euren Tadel nicht. Ich bin bei Euch, – ja von Euch, ehrwürdige Großmutter, eben sowohl wie von Andern, behandelt worden wie Einer, dem die gewöhnlichen Gaben des freien Willens und der menschlichen Vernunft fehlen, oder wenigstens so, als wäre ich nicht im Stande, dieselben zu gebrauchen. Ich bin in ein Gebiet der Wunder geführt und mit Zaubereien umgeben worden. Jedermann ist mir verkleidet entgegengekommen, Jedermann hat in Gleichnissen zu mir geredet. Ich bin gewesen wie Einer, der in einem schweren, wirren Traume liegt; und jetzt tadelt Ihr mich, daß ich nicht Verstand, Urtheilskraft und Festigkeit habe, wie ein wachender, entzauberter, vernünftiger Mensch, welcher weiß, was er thut, und wofür er es thut! Wenn Einer mit Masken und Gespenstern verkehrt, die sich von einem Ort zum andern versetzen, wie in einem Wundergesicht, nicht wie in der Wirklichkeit, dann kann der festeste Glaube und der gesundeste Verstand erschüttert werden. Ich habe, wenn ich denn meine Thorheit gestehen soll, ich habe Katharinen Seyton gesucht, mit welcher Ihr mich zuerst bekannt gemacht habt, und die ich sonderbarer Weise hier in Kinroß finde, als die Fröhlichste unter den Fröhlichen, nachdem ich sie kaum in der wohlbewachten Burg Lochleven als die betrübte Dienerin einer gefangenen Königin verlassen habe. Ich suche sie, und statt ihrer find' ich Euch, Mutter, noch sonderbarer verkleidet, als sie.«

»Und was hattest du mit Katharinen Seyton zu schaffen?« fragte die Alte in strengem Ton. »Sind dies Zeiten und Umstände, den Mädchen nachzulaufen, oder um den Maien zu tanzen? Wenn die Trompete jeden ächten Schotten unter das Banner seiner wahren Herrscherin ruft, willst du dich da weilend in der Kammer einer schönen Frau finden lassen?«

»Bei Gott! nein,« antwortete Roland, »und eben so wenig eingeschlossen in den Mauern einer Wasserburg. Ich wollte, jetzt gleich ertönte der Trompetenstoß, denn ich fürchte, kein minder lauter Klang wird die sonderbaren Traumgestalten verscheuchen, von denen ich umgeben bin.«

»Zweifle nicht, er wird ertönen,« sprach die Alte, »und zwar so furchtbar laut, daß Schottland seines Gleichen nicht mehr vernehmen wird, bis zum letzten und lautesten Posaunenschall, welcher Berg und Thal verkünden wird, daß keine Zeit mehr ist. Vorläufig sei wacker und standhaft. – Diene Gott und ehre deine Königin. Bleibe bei deinem Glauben – ich kann, ich will, ich getraue mich nicht, dich zu fragen nach der Wahrheit der schrecklichen Vermuthungen, die ich, Betreff deines Abfalls, gehört habe. Vollbringe nicht dies fluchwürdige Opfer, – und noch in dieser letzten Stunde kannst du werden, was ich für das Kind meiner theuersten Hoffnungen gewünscht habe, – was sag' ich? das Kind meiner Hoffnung? – die Hoffnung Schottlands, ein Stolz und seine Ehre sollst du werden! – Sogar deine tollsten und thörichten Wünsche können dann vielleicht in Erfüllung gehen. Ich sollte erröthen, gemeinere Beweggründe neben den Lohn zu stellen, den ich dir biete; schämen muß ich mich, daß ich der nichtigen Leidenschaften der Jugend anders als mit Verachtung und Tadel erwähne. Aber Kinder müssen zu heilsamer Arznei durch Vorhaltung von Leckerbissen, und junge Leute durch das Versprechen von Lust zu Heldenthaten gelockt werden. Merke also, Roland, auf meine Worte. Die Liebe von Katharinen Seyton kann nur Dem werden, welcher die Befreiung ihrer Gebieterin bewerkstelligt, und glaube du, es kann einst in deiner Hand die Möglichkeit liegen, dieser glückliche Liebhaber zu werden. Weg also mit Zweifel und Furcht; bereite dich zu thun, wozu die Religion dich beruft, was dein Vaterland von dir verlangt, was deine Unterthanen- und Dienstpflicht von dir erheischt, – und sei versichert, daß die tollsten Wünsche deines Herzens erreicht werden können, indem du dem Ruf der Pflicht folgst.«

Als sie geendigt hatte, ließ sich ein zweimaliges Klopfen an der inneren Thür vernehmen. Die Alte legte eilig ihr Kinntuch wieder um, nahm ihren Sitz am Herd wieder ein und fragte, wer da sei.

»Salve in nomine sancto,« Sei gegrüßt im heiligen Namen. wurde von Außen geantwortet. »Salvete et vos,« Seid auch Ihr gegrüßt. entgegnete Magdalena. Die Thür ging auf, und ein Mann trat ein, in der gewöhnlichen Tracht eines gewaffneten Knechtes eines schottischen Großen, mit Schwert und Schild an einem Gürtel.

»Ich habe Euch gesucht,« sprach er, »und Den, welchen ich bei Euch sehe. – Hast du nicht ein Päckchen von Georg Douglas?« fragte er den Kammerjunker.

»Allerdings,« antwortete dieser, dem sogleich beifiel, was ihm am Morgen übergeben worden war; »aber ich kann es Niemandem aushändigen, ohne ein Erkennungszeichen, daß Der, welcher danach fragt, das Recht dazu hat.«

»Ihr habt Recht,« sprach der Dienstmann, und flüsterte ihm in's Ohr: »Das Päckchen, welches ich verlange, ist der Bericht an seinen Vater. – Genügt dies?«

»Allerdings,« antwortete Roland, nahm das Päckchen aus dem Busen und gab es dem Dienstmann.

Dieser sprach: »Ich komme den Augenblick wieder zurück,« und verließ die Hütte.

Roland hatte sich nun hinlänglich von seinem Erstaunen erholt, um seinerseits seine Großmutter anzureden und sie zu fragen, warum er sie in einer so mißlichen Verkleidung und an einem so gefährlichen Platze treffe.

»Es kann Euch nicht unbekannt sein,« sprach er, »wie sehr die Frau von Lochleven Leute Eures – ich meine unseres Glaubens haßt. Einem Verdachte anderer, aber nicht minder gefährlicher Art, setzt Euch Eure jetzige Verkleidung aus. Mögt Ihr als Katholische, oder als Zauberin, oder als Freundin der Königin auf dem Gebiet der Douglas ergriffen werden, in jedem Falle droht Euch Verderben, und an dem Kämmerer, welcher hier in ihrem Namen gebietet, habt Ihr aus besonderen Gründen einen bitteren Feind.«

»Ich weiß es,« erwiderte die Alte mit triumphierendem Blick. »Ich weiß, daß Lukas Lundin, eitel auf seine fleischliche Schulweisheit, mit Haß und Eifersucht den Segen betrachtet, welchen die Heiligen auf meinem Gebet ruhen lassen, und auf den heiligen Reliquien, vor deren Berührung – was sag' ich? – vor deren bloßer Gegenwart Siechthum und Tod so oft schon gewichen sind. – Ich weiß, er möchte mich zerreißen; allein Kette und Maulkorb soll des Hofhunds Wuth im Zaum halten, und die Dienerin des Herrn wird von ihm nicht verletzt werden, bevor des Herrn Werk vollbracht ist. Wenn diese Stunde gekommen ist, dann mögen die Schatten des Abends sich in Donner und Sturm auf mich herabsenken. Der Augenblick soll mir willkommen sein, welcher meine Augen von dem Anblick der Schuld, meine Ohren vom Anhören der Lästerung erlöset. Bleibe du nur standhaft. Spiele deine Rolle, wie ich die meinige gespielt habe und noch spiele, und mein Scheiden wird sein gleich dem eines seligen Märtyrers, dessen Aufsteigen zum Himmel von den Engeln mit Psalmen und Lobgesängen begrüßt wird, während die Erde ihn mit Zischen und Fluchen verfolgt.«

Der Dienstmann trat wieder ein und sprach: »Alles ist gut. Es bleibt Zeit bis morgen Abend.«

»Wie? was? Zeit bleibt?« rief Roland. »Ich hoffe, ich habe das Päckchen von Douglas nicht unrecht – –«

»Beruhigt Euch, junger Mensch,« erwiderte der Dienstmann. »Ihr habt mein Erkennungszeichen und mein Wort.«

»Ich weiß nicht, ob das Zeichen das richtige ist, und auf das Wort eines Unbekannten gebe ich Nichts,« versetzte Roland

»Und wenn du nun auch ein, dir von einem Rebellen der Königin zur Besorgung gegebenes Päckchen einem treuen Unterthan überliefert hättest, was wäre da für ein großer Mißgriff, du hitzköpfiger Knabe?« fragte die Alte.

»Bei St. Andreas! ein schändlicher Mißgriff wäre das,« antwortete der Kammerjunker. »Das Wesen meiner Pflicht auf der ersten Stufe der Ritterschaft ist, treu zu sein, und hätte der Teufel mir eine Botschaft aufgetragen, so würde ich, falls ich ihm mein Wort darauf gegeben, seinen Anschlag keinem Engel des Lichtes verrathen.«

»Nun, bei der Liebe, so ich einst zu dir getragen,« rief die Alte, »ich könnte dich mit eigner Hand umbringen, wenn ich dich sagen höre, daß du Rebellen und Ketzern zu unverbrüchlicherer Treue verbunden seist, als deiner Kirche und deiner Königin.«

»Beruhigt Euch, gute Schwester,« fiel der Dienstmann ein. »Ich will ihm Dinge sagen, die seine Bedenklichkeiten beschwichtigen sollen. Seine Gesinnung ist ehrenwerth, wiewohl in diesem Augenblick übel angebracht. – Folgt mir, junger Mann.«

»Ehe ich gehe, diesen Unbekannten zur Rechenschaft zu ziehen,« sprach der Kammerjunker zu seiner Großmutter, »möchte ich fragen, ob ich nichts zu Eurer Erleichterung oder Sicherstellung thun kann.«

»Nichts,« erwiderte sie, »außer das, was zu deiner eigenen Ehre dient. – Die Heiligen, welche mich bis hieher beschützt haben, werden mir auch ferner Hülfe leisten, wenn ich sie bedarf. Betritt den Pfad des Ruhmes, der vor dir liegt, und denke, daß ich dasjenige Wesen auf Erden bin, welches am meisten entzückt sein wird, von deinem Ruhme zu hören. Folge dem Unbekannten. Er hat Nachrichten für dich, die du wohl nicht erwartest.«

Der Unbekannte stand auf der Schwelle, als warte er auf Roland. Sobald er sah, daß dieser sich in Bewegung setzte, schritt er rasch vorwärts. Als sie weiter das Gäßchen hinabkamen, bemerkte Roland, daß dort nur auf einer Seite Wohnungen waren, und daß sich auf der andern eine hohe alte Mauer befand, über welche hin und wieder Baumzweige herüberragten. Nachdem sie noch eine Strecke weiter gegangen, gelangten sie an ein Thürchen in der Mauer. Rolands Führer machte Halt, sah sich um, ob ihn Niemand bemerkte, zog dann einen Schlüssel aus der Tasche, öffnete die Thür, ging hinein und winkte Rolanden, ihm zu folgen. Roland that es, und der Unbekannte schloß sorgfältig wieder zu. Während dessen sah sich der Kammerjunker um, und fand, daß der Ort ein kleiner, sehr wohl unterhaltener Garten war.

Der Unbekannte führte ihn durch einen oder zwei Gänge unter Bäumen, die voller Sommerfrüchte hingen, nach einer Laube mit zwei Rasenbänken. Auf der einen dieser Bänke sich niederlassend, gab er Rolanden ein Zeichen, auf der gegenüberstehenden Platz zu nehmen, und eröffnete sodann das Gespräch.

»Ihr habt eine bessere Gewähr, als das Wort eines Unbekannten verlangt, um Euch zu überzeugen, daß ich von Georg Douglas beauftragt bin, mich in den Besitz des Euch anvertrauten Päckchens zu setzen.«

»Gerade das ist es, worüber ich Rechenschaft von Euch verlange,« sprach Roland. »Ich fürchte, ich habe mir eine Uebereilung zu Schulden kommen lassen. Ist das der Fall, dann muß ich meinen Irrthum wo möglich gut zu machen suchen.«

»Also Ihr haltet mich für einen ganz Unbekannten?« fragte der Dienstmann. »Betrachtet mein Gesicht aufmerksamer, und sehet, ob die Züge nicht denen eines Mannes gleichen, der Euch früher sehr wohl bekannt war.«

Roland betrachtete ihn genau, allein seine Erinnerungen wollten gar nicht zu der gemeinen Knechtskleidung stimmen, welche er an dem Manne sah, so daß er Anstand nahm, die Meinung auszudrücken, die sich bei ihm bildete.

»Ja, mein Sohn,« sprach der Unbekannte, als er die Verlegenheit des Jünglings bemerkte, »Ihr seht wirklich den unglücklichen Vater Ambrosius vor Euch, welcher einst als sein herrlichstes Werk betrachtete, Euch vor den Schlingen der Ketzerei zu bewahren, und der jetzt verurtheilt ist, Euch als einen Verlornen zu beweinen.«

Rolands Herzlichkeit war mindestens seiner Lebhaftigkeit gleich. Seinen ehemaligen verehrten Lehrer und geistlichen Führer in einer Lage zu sehen, welche auf einen so traurigen Glückswechsel schließen ließ, war mehr, als er ruhig ertragen konnte. Er warf sich ihm zu Füßen, umfaßte seine Kniee und weinte laut.

»Was bedeuten diese Thränen, mein Sohn?« fragte der Abt. »Werden sie für Eure eigenen Sünden und Thorheiten vergossen, dann sind sie gnadenreiche Regen und mögen Euch sehr zum Heil gereichen. Rinnen sie aber um meinetwillen, dann trocknet sie nur, Ihr seht allerdings den Obern der Brüderschaft von St. Marien in der Tracht eines armen Söldners, der seinem Herrn den Gebrauch seiner Klinge und seines Schildes, im Nothfall auch sein Leben verkauft für seine grobe Livree, und für vier Mark das Jahr. Aber ein solches Gewand ist der Zeit angemessen und ziemt jetzt, wo die Kirche um ihr Dasein zu kämpfen hat, ihrem Prälaten eben sowohl, wie Stab und Inful in den Tagen der triumphierenden Kirche.«

»Durch welches Schicksal,« begann der Kammerjunker, – »doch,« unterbrach er sich selber, »wozu brauch' ich zu fragen? Katharine Seyton hat mich schon einigermaßen darauf vorbereitet. Aber daß die Veränderung so vollkommen, die Zerstörung so völlig sein sollte!«

»Ja, mein Sohn,« versetzte der Abt Ambrosius, »deine Augen haben in meiner unverdienten Erhebung auf den Abtssitz die letzte heilige Feier in der Kirche von St. Marien gesehen, bis daß es dem Himmel gefallen wird, die Gefangenschaft der Kirche zu wenden. Für jetzt ist der Hirte geschlagen – fast zu Boden geschlagen – die Heerde ist zerstreut und die Altäre und Ruhestätten der Heiligen und Märtyrer und der frommen Wohlthäter der Kirche sind den Nachteulen und den Feldteufeln preisgegeben.«

»Und Euer Bruder, der Ritter von Avenel – konnte er Nichts zu Eurem Schutze thun?«

»Er selber ist bei den Herrschenden in Verdacht gerathen,« antwortete der Abt. »Diese Menschen sind eben so ungerecht gegen ihre Freunde, als grausam gegen ihre Feinde. Ich würde ihn deshalb nicht bedauern, wenn ich hoffen dürfte, es möchte ihn von seinem bisherigen Wege abwendig machen. Allein ich kenne Halberts Gesinnung, und ich fürchte, dieser Umstand wird ihn antreiben, seine Treue gegen ihre unglückselige Sache durch eine That zu beweisen, die vielleicht noch verderblicher für die Kirche und sündlicher vor Gott ist. – Genug hiervon und nun zu dem Gegenstand unserer Zusammenkunft. Ich hoffe, es wird Euch mein Wort genügen, um Euch zu überzeugen, daß das Päckchen von Georg von Douglas für mich bestimmt war.«

»Demnach,« sprach Roland, »ist Georg von Douglas – –«

»Ein treuer Freund seiner Königin, Roland. Und hoffentlich werden ihm bald die Augen über die Irrthümer seiner (fälschlich sogenannten) Kirche aufgehen.«

»Aber was ist er für seinen Vater, und was für die Frau von Lochleven, die Mutterstelle bei ihm vertreten hat?« fragte der Kammerjunker ungeduldig.

»Der beste Freund für Beide in Zeit und Ewigkeit,« antwortete der Abt, »wenn er das glückliche Werkzeug wird, das Unheil wieder gut zu machen, welches sie gestiftet haben und noch stiften.«

»Mir will der gute Dienst nicht gefallen, der mit Treubruch beginnt,« bemerkte Roland.

»Ich tadle deine Bedenklichkeiten nicht, mein Sohn,« versetzte der Abt. »Aber die Zeit, welche das Verhältniß der Unterwürfigkeit der Christen unter die Kirche und der Unterthanen unter den König zerrissen, hat auch alle geringeren Bande der Gesellschaft gelöst. In solchen Tagen dürfen bloß menschliche Bande eben so wenig unsere Fortschritte hemmen, wie den Pilger die Dornen, welche sich in sein Kleid hängen, hindern dürfen, seine Wallfahrt zu vollbringen.«

»Aber, Vater,« – sprach der Jüngling, und hielt zögernd inne.

»Sprich weiter, mein Sohn, sprich ohne Scheu,« sagte der Abt.

»So nehmt es denn nicht übel,« fuhr Roland fort, »wenn ich sage: gerade das ist es, was unsere Gegner uns vorwerfen, indem sie sagen, daß wir, die Mittel lediglich nach dem Zweck beurtheilend. unbedenklich das Böse thun, um damit am Ende etwas Gutes zu wirken.«

»Die Ketzer haben ihre gewöhnlichen Künste bei dir angewandt, mein Sohn,« versetzte der Abt. »Sie möchten uns gern die Möglichkeit rauben, behutsam und im Geheimen zu wirken, während ihre Uebermacht uns verwehrt, mit ihnen auf dem Fuße der Gleichheit zu kämpfen. Sie haben uns in einen Zustand der Erschöpfung versetzt, und möchten nun gern die Mittel verbieten, durch welche die Schwäche auf allen Stufen der Natur den Mangel der Kraft ersetzt und sich gegen mächtige Feinde vertheidigt. Gerade so könnte der Hund zum Hafen sprechen: mache keine solche listige Wendungen, um mir zu entrinnen, sondern lasse dich in offenen Kampf mit mir ein, wie der bewaffnete und mächtige Ketzer vom niedergetretenen und niedergehaltenen Katholiken begehrt, er solle die Klugheit der Schlange bei Seite legen, durch welche allein er hoffen kann, das Jerusalem wieder aufzurichten, über welches er weint und dessen Wiederaufbau seine Pflicht ist. Doch mehr hiervon später. Jetzt, mein Sohn, gebiet' ich dir bei deinem Glauben, mir treu und ausführlich zu berichten, was du erlebt hast, seitdem wir uns zum letzten Mal gesehen haben, und welches der gegenwärtige Zustand deines Gewissens ist. Deine Großmutter, unsere Schwester Magdalena, ist ein Weib von hohen Gaben, voll von einem Eifer, den weder Zweifel noch Gefahr zu dämpfen vermögen; doch ist ihr Eifer nicht immer verständig. Darum, mein Sohn, möchte ich selber dich erforschen und berathen in diesen Tagen der Finsterniß und der List.«

Mit der seinem ersten Lehrer schuldigen Ehrfurcht erzählte Roland Graeme rasch die Vorfälle. mit denen der Leser bekannt ist. Auf der einen Seite verhehlte er dem Prälaten nicht den Eindruck, welchen die Gründe des Predigers Henderson auf sein Gemüth gemacht hatten, auf der anderen Seite ließ er beiläufig und fast unwillkürlich seinen Beichtvater den Einfluß erkennen, welchen Katharine Seyton auf ihn gewonnen hatte.

»Mit Freuden,« sprach der Abt, »sehe ich, theurer Sohn, daß ich noch zu rechter Zeit gekommen bin, um dich am Rande des Abgrundes zurückzuhalten, dem du dich genähert hast. Die Zweifel, über die du klagst, sind das Unkraut, welches von selbst in einem guten Boden aufschießt und die sorgsame Hand des Ackermanns zu einer Ausrottung erfordert. Du mußt fleißig ein Büchlein lesen, welches ich dir gelegentlich zukommen lassen werde, und worin ich, unter dem Beistand Unserer lieben Frauen, die zwischen uns und den Ketzern streitigen Punkte beleuchtet und gezeigt habe, daß diese Ketzer dasselbe Unkraut offen unter den Weizen säen, welches ehedem die Albigenser und Lollharden heimlich unter denselben mengten. Aber nicht allein durch Gründe darfst du hoffen, diese Einflüsterungen des bösen Feindes zu überwältigen. Dies muß zuweilen durch rechtzeitigen Widerstand, öfter aber noch durch rechtzeitige Flucht geschehen. Du mußt deine Ohren verschließen gegen die Gründe des Erzketzers, wenn die Umstände dir nicht verstatten, seine Gesellschaft zu meiden. Richte deine Gedanken fest auf den Dienst Unserer lieben Frauen, während er seine ketzerischen Sophismen zum Besten gibt. Bist du außer Stande, deine Aufmerksamkeit bei himmlischen Dingen festzuhalten, so denke lieber an deine irdischen Vergnügungen, als daß du Gott und die Heiligen in Versuchung führen solltest durch Horchen auf die Irrlehre. Denk' an deinen Habicht, deinen Hund, deine Angelruthe, dein Schwert und deinen Schild – denke meinetwegen an Katharine Seyton, eher als daß du deine Seele den Lehren des Versuchers öffnet. Ach! glaube nicht, mein Sohn, daß ich, abgehärmt und gebeugt, mehr von Kummer, als von Jahren, wie ich bin, die Wirkung der Schönheit auf das jugendliche Herz vergessen hätte. Oft in der Stille der Nacht, wenn mein Geist sich mit der Gefangenschaft der Königin, mit der Zerrüttung des Reichs, mit der Verwüstung und Zerstörung der Kirche beschäftigt, drängen sich Gedanken ganz anderer Art hervor, und Gefühle, welche einer früheren, glücklicheren Lebenszeit angehören. Das ist nicht zu ändern. Wir müssen unsere Last tragen, so gut wir können. Nicht vergebens sind jene Leidenschaften uns eingepflanzt; sie können, wie es hier bei dir der Fall ist, Entschlüsse befestigen, welche auf würdigeren Grundlagen ruhen. Doch sieh' dich vor, mein Sohn. Katharine Seyton ist die Tochter eines eben so stolzen als ehrenwerthen schottischen Landherrn, und dein Stand erlaubt dir bis jetzt noch nicht, deine Wünsche so hoch zu erheben. Aber so ist es. Gott bewirkt, was er will, durch menschliche Thorheit. Des Douglas hochstrebende Neigung sowohl wie die deinige sollen gleichmäßig zu dem gewünschten Ende führen.«

»Wie, Vater,« fuhr Roland auf, »also wäre mein Argwohn begründet? Douglas liebt – –«

»Allerdings, und seine Liebe hat ihren Gegenstand eben so übel gewählt, wie die deinige. Aber hüte dich, ihm in den Weg zu treten.«

»Er soll mir nicht in den Weg treten,« versetzte der Kammerjunker. »Nicht einen Zollbreit will ich ihm ausweichen, und wenn er auch in seinem Leibe die Seelen aller Douglase hätte, die seit der Zeit des dunkelgrauen Mannes Nach einer alten, aber unwahrscheinlichen Sage leiten die Douglase ihren Namen von einem Helden her, der sich in einer gewissen Schlacht ganz besonders auszeichnete. Als der König fragte, durch wen die Schlacht gewonnen worden sei, antworteten seine Begleiter: »Scholto Duglas, Sörr,« und das soll bedeuten: »Jener Dunkelgraue, Herr.« Allein der Name ist ohne Zweifel ein Herrschaftsname, von dem Thal und Fluß Douglas hergenommen. gelebt haben.«

»Beruhige dich, verrückter Junge, und bedenke, daß deine Werbung die seine nie durchkreuzen kann. Doch genug von diesen Eitelkeiten, und laß' uns die wenigen Augenblicke, die wir noch beisammen sein können, besser anwenden. Kniee nieder, mein Sohn, und erfülle die lang versäumte Pflicht der Beichte, damit, komme was da wolle, die verhängnißvolle Stunde in dir einen gläubigen, von seiner Sündenschuld durch die heilige Kirche losgezählten Katholiken finden möge. Ich kann dir nicht sagen, mit welcher Freude ich dich einmal wieder deine Kniee zu ihrem schönsten Gebrauch verwenden sehe. Quid dicis, mi fili Was sagst du, mein Sohn?

»Culpas meas Meine Sünden.,« antwortete der Jüngling, und begann damit nach der Vorschrift der katholischen Kirche seine Beichte. Nach Vollendung derselben gab ihm der Abt die Absolution, mit welcher er die Auflegungen gewisser Bußübungen verband.

Nach Beendigung dieser Ceremonie erschien ein alter Mann in der Tracht eines wohlhabenden Bauers an der Laube und grüßte den Abt.

»Ich habe das Ende Eurer Andacht abgewartet,« sprach er, »um Euch zu sagen, daß der junge Mensch von dem Kämmerer gesucht wird, und daß es gut wäre, er stellte sich ohne Verzug bei ihm ein. Heiliger Franciscus! wenn die Hellebardiere hieherkämen, ihn zu suchen, die würden mir schön meine Beete zurichten! Sie sind im Dienst, und fragen viel danach, wo sie hintreten, ginge auch jeder Tritt auf einen Jasmin oder eine Nelke!«

»Wir wollen machen, daß er fortkommt, Bruder,« erwiderte der Abt. »Aber, ach, wie ist es möglich, daß solche Kleinigkeiten Euch so sehr zu Herzen gehen können, in dem Augenblick, wo eine so große Entscheidung sich nähert!«

»Ehrwürdiger Vater,« antwortete der Eigenthümer des Gartens, »wie oft soll ich Euch noch bitten, Eure hohen Anschläge für hochsinnige Leute, wie Ihr, zu behalten? Was habt Ihr von mir verlangt, das ich Euch nicht ohne Widerspruch gewährt hätte, obwohl innerlich seufzend?«

»Ich möchte von Euch begehren, Bruder, daß Ihr sein mögt, wer Ihr seid,« entgegnete der Abt Ambrosius: »daß Ihr Euch erinnern möchtet, wer Ihr gewesen seid, und wozu Eure früheren Gelübde Euch verpflichtet haben.«

»Ich sage Euch, Vater Ambrosius,« versetzte der Gärtner, »die Geduld des besten Heiligen, der je ein Paternoster gebetet hat, würde erschöpft werden durch die Proben, auf welche Ihr die meinige gestellt habt. Davon zu sprechen, was ich gewesen bin, ist gegenwärtig für Nichts. Niemand weiß besser als Ihr, was ich aufgegeben habe in der Hoffnung, Ruhe und Frieden für den Rest meiner Tage zu finden. Niemand weiß auch besser, wie man bei mir gewaltsam eingedrungen ist, wie meine Obstbäume zerbrochen, meine Blumenbeete zertreten, meine Ruhe gestört, wie selbst der Schlaf von meiner Lagerstätte verscheucht worden ist, seitdem diese arme Königin, Gott sei ihr gnädig! nach Lochleven geschickt worden ist. Ich tadele sie nicht. Sie ist gefangen, und es ist natürlich, daß sie wünscht, aus einem so elenden Nest herauszukommen, wo sich kaum ein Fleck für einen erträglichen Garten findet, und wo die Wassernebel, wie mir gesagt worden ist, alle frühen Blüthen zerstören. Ich sage, ich kann sie nicht tadeln, daß sie sich um ihre Freiheit bemüht. Aber warum ich in den Plan soll hineingezogen werden, warum meine harmlosen Lauben, die ich mit eigener Hand angelegt, Plätze geheimer Verschwörung, warum meine kleine Anlände, die ich für meinen Fischerkahn gebaut, ein Hafen für heimliche Einschiffung werden soll, kurz, warum man mich in Geschichten hineinziehen will, deren Ende wahrscheinlich Hängen und Köpfen ist: das, ehrwürdiger Vater, versichere ich Euch, weiß ich ganz und gar nicht.«

»Bruder,« erwiderte der Abt, »Ihr seid weise und müßt wissen – –«

»Nein, nein, ich bin nicht weise,« erwiderte ärgerlich der Gärtner und hielt sich die Ohren zu, »ich wurde nie weise genannt, außer wenn man mich zu einer großen Narrheit verleiten wollte.«

»Aber, guter Bruder, –« fuhr der Abt fort.

»Ich bin auch nicht gut,« unterbrach abermals der ungeduldige Gärtner. »Ich bin weder gut noch weise. Wäre ich weise, so hättet Ihr keinen Zutritt gefunden, und wäre ich gut, dann würd' ich Euch, denk' ich, anders wohin schicken, um Pläne zur Störung der Ruhe des Landes auszuhecken. Wozu der Streit um König oder Königin, wenn die Leute friedlich dasitzen könnten – sub umbra vitis sui Unter dem Schatten ihres Weinstocks.? Und das würde ich nach Anweisung der heiligen Schrift thun, wär' ich weise und gut, wie Ihr mich nennt. Aber so wie ich bin, hab' ich den Hals im Joch, und Ihr ladet mir auf, so viel Ihr wollt. – Folgt mir, junger Gesell. Dieser ehrwürdige Pater, welcher in seiner Jackmannstracht eine fast eben so ehrwürdige Figur spielt, wie ich selber, wird mit mir wenigstens in einem Punkte übereinstimmen, nämlich darin, daß Ihr lange genug hier gewesen seid.«

»Folgt dem guten Vater, Roland,« sprach der Abt, »und gedenket meiner Worte. Es naht der Tag, welcher die Gesinnung aller ächten Schotten auf die Probe stellen wird. Möge dein Herz sich als so zuverlässig bewähren, wie der Stahl deiner Klinge.«

Der Kammerjunker verbeugte sich schweigend und ging mit dem Alten weg. Letzterer schritt, trotz seinem vorgerückten Alter, rasch vor ihm her und murmelte halb für sich, halb seinem Begleiter zu Gehör, nach der Art schwachköpfiger Greise:

»Als ich noch ein großer Mann war und mein Maulthier und meinen Zelter hatte, da hätte ich eher durch die Luft fliegen, als in einem solchen Schritt gehen können. Da hatt' ich meine Gicht und meine Rheumatismen und hundert andere Dinge mehr, die meinen Füßen Fesseln anlegten. Und jetzt, Dank Unserer lieben Frauen und ehrlicher Arbeit, kann ich mit jedem Hausvater meines Alters in dem Königreich Fife um die Wette gehen. Pfui, daß die Erfahrung so spät kommt!«

Während er so brummte, fiel sein Blick auf einen Birnbaumast, welcher in Ermangelung einer Stütze herunterhing. Augenblicklich war seine Eile vergessen; er bückte sich und machte sich daran, ihn aufzubinden. Roland, dem es weder an Raschheit, noch an Anstelligkeit, noch an Gutmüthigkeit fehlte, leistete ihm sogleich Beistand, und in einer oder zwei Minuten war der Ast gestützt und in einer für den Greis sehr befriedigenden Weise aufgebunden. Vergnügt betrachtete dieser das Werk und sprach:

»Es sind Bergamotbirnen, und wenn Ihr im Herbst herüberkommen wollt, sollt Ihr sie versuchen. Ihres Gleichen finden sich nicht im Schloß Lochleven. Der dortige Garten ist ein armseliger Pferch, und die Geschicklichkeit des Gärtners Hug Houkham ist nicht weit her. Kommt also im Herbst herüber, Freund Kammerjunker, wenn Ihr Birnen essen wollt. Doch was sag' ich? Bis zum Herbste hin können sie Euch saure Pflaumen für Birnen gegeben haben. Nimm den Rath eines alten Mannes an, junger Mensch, eines Mannes, der manchen Tag erlebt und in höheren Würden gesessen hat, als du je hoffen kannst. Biege dein Schwert zur Hippe und verwandle deinen Dolch in eine Hacke. Deine Tage währen dann länger, und deine Gesundheit wird besser sein. Komm und hilf mir in meinem Garten, und ich will dir die ächte französische Art des Impfens lehren, was man anderwärts Pfropfen nennt. Thue das und thu' es ohne Zeitverlust. Ein Wirbelwind kommt über das Land, und nur Die werden verschont bleiben, welche zu tief unter dem Sturme liegen, als daß er ihre Aeste zerbrechen könnte.«

Mit diesen Worten entließ er den Kammerjunker durch eine andere Thür, als diejenige, durch welche derselben gekommen war, schlug ein Kreuz und sprach zum Abschiede ein Benedicite. Dann kehrte er, vor sich hin murmelnd, über die Schwelle in den Garten zurück und verschloß die Thüre von Innen.

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