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Der Abt

Walter Scott: Der Abt - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Scott
titleDer Abt
publisherHoffmann'sche Verlagsbuchhandlung
printrunZweite vermehrte Auflage
firstpub1841
year1851
translatorFriedrich Funck
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20160427
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Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Platz für den Ordner, Bursche, rechts und links!
Vor ihm zieht her die ländliche Musik:
Die laute Trommel und mit hellem Ton
Die Pfeife und das Horn, das weithin schallt.

Ländliche Lust. Somerville.

Nicht lange, so bemerkte Roland Graeme in dem lustigen Schwarme, der sich auf dem freien Platze zwischen dem Dorfe und dem See herumtummelte, die wichtige Person des Doctors Lukas Lundin, der kraft seines Amtes den Grundherrn vorstellte. Zur Erhöhung seines Ansehens war der Doctor von einem Pfeifer, einem Trommler und vier handfesten Bauern begleitet, die mit ihren rostigen, buntbebänderten Hellebarden schon jetzt, wo es noch früh am Tage war, mehr als einen Kopf blutig geschlagen hatten in dem ehrfurchtgebietenden Namen des Herrn von Lochleven und seines Kämmerers Auf schottischen Jahrmärkten erscheint der Amtmann oder die von dem Grundherrn, in dessen Namen die Versammlung stattfindet, ernannte obrigkeitliche Person unter Bedeckung, entscheidet kleine Streitigkeiten und bestraft auf der Stelle geringere Vergehen. Die Bedeckung ist in der Regel mit Hellebarden bewaffnet und zuweilen von Spielleuten begleitet. So heißt es zum Beispiel in »Leben und Tod von Habbie Simpson« von diesem berühmten Spielmanne:

»Er spielte vor den Männern von der Lanze
Beim Jahrmarkt auf, gleich wie zum lust'gen Tanze,
Wo Sturmhaub', Jack' und Schwert man sah im Glanze
        So spiegelhell.
Doch wer verherrlicht fernerhin das Ganze
        An Habbie's Stell?«
.

Sobald der Würdenträger benachrichtigt war, daß der Burgnachen angekommen sei mit einem jungen Manne, geputzt wenigstens wie der Sohn eines großen Herrn, welcher ihn augenblicklich zu sprechen wünsche, zupfte er seinen spanischen Kragen und seinen schwarzen Rock zurecht, drehte seinen Gürtel, bis der verzierte Griff eines langen Rappiers sichtbar war, und schritt mit gebührender Feierlichkeit dem Ufer zu. Zu einem feierlichen Wesen war er allerdings berechtigt, auch bei minder wichtigen Gelegenheiten, denn er war zu dem ehrwürdigen Studium der Medicin erzogen, wie die mit der Wissenschaft Bekannten leicht abnehmen konnten aus den seine Rede schmückenden Aphorismen. Der Erfolg hatte seinen Bestrebungen nicht entsprochen. Da er aber ein Eingeborner des benachbarten Königreichs Fife und durch entfernte Verwandtschaft oder durch Dienstverhältniß verknüpft war mit der alten Familie Lundin in besagtem Reiche, welche ihrerseits in engem Freundschaftsverhältnisse zum Hause Lochleven stand, so war es ihm gelungen, durch Vermittelung jener Familie eine ganz leidliche Stellung an den Ufern des schönen Sees zu erlangen. Die Einkünfte seines Kämmereramtes waren freilich mäßig, besonders in diesen unruhigen Zeiten; aber er ersetzte einigermaßen das Fehlende durch eine kleine Praxis, und es hieß, die Bewohner des Dorfs und der Freiherrschaft Kinroß seien nicht strenger in die Herrenmühle gebannt, als in das medicinische Monopol des Kämmerers. Wehe der Familie des reichen Bauers, welcher sich unterstand, aus diesem Leben zu scheiden ohne einen Paß von Dr. Lundin! Denn wenn die Hinterlassenen irgend Etwas mit dem Gutsherrn abzumachen hatten – was selten fehlte – dann konnten sie darauf rechnen, an dem Kämmerer einen kalten Fürsprecher zu finden. Dagegen nahm er aber auch wieder die Rücksicht, den Armen unentgeldlich von ihren Schmerzen und zuweilen auch zugleich von all' ihrer sonstigen Noth zu helfen.

Doppelt förmlich in seiner doppelten Eigenschaft als Arzt und als Amtsperson, und stolz auf die gelehrten Brocken, welche seine Sprache fast allgemein unverständlich machte, näherte sich Dr. Lundin dem Ufer und bewillkommnete den auf ihn zukommenden Kammerjunker:

»Die Frische des Morgens über Euch, schöner Herr. Ihr seid ohne Zweifel gesandt, auf die Ordnung zu sehen, welche die gnädige Frau vorgeschrieben hat, zur Vermeidung aller abergläubischen Ceremonien und nichtigen Altweiberpossen bei diesen unseren Lustbarkeiten. Ich weiß, daß die gnädige Frau sie gern ganz und gar abgeschafft und abgethan hätte. Allein da ich die Ehre hatte, ihr aus dem gelehrten Hercules von Sachsen zu citieren: Omnis curatio est vel cannonica vel coacta – das heißt, schöner Herr, – denn Sammt und Seide haben selten ihr Latein ad unguem An den Fingern. –: Jede Kur muß entweder durch Kunst und Anwendung der Regel oder mit Gewaltmitteln bewerkstelligt werden, – und der weise Arzt wählt. Ersteres – so ließ die gnädige Frau sich diesen Grund gefallen. Und so hab' ich mir denn angelegen sein lassen, Belehrung und Vorsichtsmaßregeln mit der Lust zu vermischen – flat mixtio, wie wir sagen – daß ich dafür bürgen kann, die Gemüther des gemeinen Mannes werden durch dies angewandte Medicament von altweibermäßigen und papistischen Narrheiten gefegt und purgiert werden, dergestalt, daß nach Reinigung der primae viae Erste Wege. d. h. Gedärme. Meister Henderson oder ein anderer geschickter Pastor tonische Mittel anwenden und eine vollkommene moralische Kur hervorbringen kann, tuto, cito, jucunde Sicher, schnell, angenehm.

»Ich habe keinen Auftrag, Doctor Lundin,« erwiderte der Kammerjunker. – –

»Nennt mich nicht Doctor,« sprach der Kämmerer. »Denn ich habe meinen mit Pelz gefütterten Rock und dergleichen Mütze abgelegt und mich in dies weltliche Amt eines Kämmerers zurückgezogen.«

»O Herr,« versetzte Roland, dem dieser wunderliche Kauz vom Hörensagen bekannt war, »die Kutte macht nicht den Mönch, und der Strick nicht den Barfüßer. Wir haben Alle von den durch Dr. Lundin vollbrachten Kuren gehört.«

»Possen, junger Herr, Kleinigkeiten,« rief der Arzt, ernsthaft sich jeden Anspruchs auf große Geschicklichkeit entschlagend. »Nichts als ein Kuriren auf gut Glück von Seiten eines armen zurückgezogenen Edelmannes in kurzem Mantel und Wams. – Freilich, der Himmel hat seinen Segen dazu gegeben, und ich muß sagen, Aerzte von Profession haben weniger Patienten durchgebracht. Lunga roba, corta scienza Langer Rock, kurzes Wissen., sagt der Italiener. Ihr versteht doch die Sprache, schöner Herr?«

Roland Graeme hielt nicht für nöthig, diesem gelehrten Dummkopfe zu erklären, ob er ihn verstehe oder nicht, ließ vielmehr diese Sache auf sich beruhen und bemerkte ihm, er sei gekommen, verschiedenes Gepäck abzuholen, das vorigen Abend zu Kinroß eingetroffen und bei dem Kämmerer niedergelegt sein sollte.

»Meiner Seel'!« rief der Doctor, »ich fürchte, unserm Fuhrmann, Hans Auchtermuchty, ist unterwegs Etwas zugestoßen, daß er gestern Abend mit seinen Wagen nicht eingetroffen ist. Es ist ein böses Land zum Reisen, junger Herr; und der Narr will auch noch bei Nacht fahren, obwohl er – abgesehen von allen Krankheiten, welche man in der Nachtluft fangen kann, vom tussis bis zur pestis Vom Husten bis zur Pest. – sehr leicht einem halben Dutzend Raufern in die Hände fallen kann, die ihm seine Bagage und beiläufig auch alle seine irdischen Schmerzen abnehmen. Ich muß nach ihm sehen lassen, denn er hat Zeug für den herrschaftlichen Haushalt unter Händen – und, bei Unserer lieben Frauen, auch Zeug für mich – Apothekerwaaren, die mir aus der Stadt geschickt werden zur Bereitung meiner Gegengifte. Man muß nach dem Dinge sehen. – Rüdger,« rief er Einem von einer furchtbaren Leibwache zu, »du und Tobias Telford nehmt den großen braunen Gaul und die schwarze stumpfschwänzige Stute und reitet nach dem Keiry-Felsen zu, und seht, was Ihr von Auchtermuchty und seinen Wagen weis werden könnt. Ich hoffe, es ist lediglich die Arznei des Buttelchens, – das einzige medicamentum, welches er anwendet, – die seinen Aufenthalt unterwegs verursacht hat. – Nehmt die Bänder von euren Hellebarden herunter, ihr Bengel, legt eure Jacken und Armschienen an und setzt eure Pickelhauben auf, damit eure Erscheinung einigen Schrecken zuwege bringt, wenn ihr auf Gegner trefft.«

Sodann zu Roland Graeme sich wendend, fügte er hinzu:

»Ich stehe dafür, daß wir in kurzer Frist Kunde von den Wagen erhalten werden. Mittlerweile laßt es Euch gefallen, Euch die Kurzweil anzusehen, vorher jedoch tretet in meine ärmliche Wohnung ein und nehmt Euren Morgentrunk. Denn was sagt die Schule von Salerno?

›Poculum mane haustum
Restaurat naturam exhaustam. Ein frischer Morgentrunk stärkt die erschöpfte Natur.‹«

»Eure Gelehrsamkeit ist zu tief für mich,« versetzte der Kammerjunker, »und so würde es auch Euer Becher sein, fürcht' ich.«

»Ei bewahre, schöner Herr – ein herzstärkender Becher Sekt mit Wermuth versetzt, ist der beste Trunk wider Pestilenz, und, die Wahrheit zu reden, mit pestilenzialischen Miasmen ist gegenwärtig die Atmosphäre stark geschwängert. – Wir leben in einer glücklichen Zeit, junger Mann,« fuhr er im Tone ernster Ironie fort, »wir haben manche Segnungen, die unseren Vätern unbekannt waren. Zwei Herrscher sind im Lande, der eine regiert, der andere macht Anspruch auf die Regierung. Das wäre schon für sich des Guten genug. Wer mehr braucht, der findet in jedem Blockhause im Lande einen König. Wenn es also bei uns an der Regierung fehlt, so ist es nicht aus Mangel an Regierern. Ferner haben wir jedes Jahr einen Bürgerkrieg als Aderlaß und Mittel unsere Bevölkerung vor'm Hungertod zu bewahren. Zu demselben Zwecke verspricht uns die Pest einen Besuch – das beste Mittel, die Bevölkerung zu verdünnen und jüngere Brüder in ältere zu verwandeln. Jedermann hat seinen Beruf. Ihr junge Gesellen vom Schwert wünscht zu ringen, zu fechten u.s.w. mit einem geschickten Gegner, und ich, ich finde meine Freude daran, auf Tod und Leben der Pest zu trotzen.«

Während sie die Dorfgasse hinauf gingen zu der Wohnung des Doctors, ward des Letzteren Aufmerksamkeit von den verschiedenen Personen nacheinander in Anspruch genommen, denen er begegnete. Der Doctor verfehlte nicht, auch Rolands Aufmerksamkeit auf dieselben zu lenken.

»Seht Ihr dort den Kerl mit der rothen Mütze, der blauen Jacke und dem großen Knotenstock? Ich glaube, der Kerl ist fest wie ein Thurm. Fünfzig Jahre hat er gelebt und nie die Wissenschaft auch nur durch einen Pfennig, den er für Arznei ausgegeben hätte, befördert. – Aber seht Ihr dort den Mann mit der facies Hippocratica Mit dem Hippokratischen Gesicht.?« sprach er weiter, auf einen mageren Bauer mit geschwollenen Beinen und einem Leichengesicht deutend. »Den nenn' ich einen der ehrenwerthesten Leute in der Freiherrschaft. Er nimmt Frühstück, Imbiß, Mittagsmahl und Abendessen nach meiner Anweisung und nicht ohne meine Medicin; er allein räumt besser in der Apotheke auf, als das halbe übrige Land. – Wie geht's, ehrlicher Freund?« fragte er in theilnehmendem Tone den belobten Kranken.

»Sehr schwach, Herr, seitdem ich die Latwerge eingenommen habe,« antwortete der arme Tropf. »Sie verträgt sich schlecht mit den zwei Löffeln voll Erbsensuppe und mit der Buttermilch.«

»Erbsensuppe und Buttermilch! Seid Ihr bereits zehn Jahre unter den Händen des Arztes und haltet so schlechte Diät? Morgen früh nehmt die Latwerge allein und Nichts weiter in sechs darauf folgenden Stunden.«

Der arme Schelm machte einen Bückling und schlich davon. Der Nächste, den der Doctor seiner Aufmerksamkeit würdigte, war ein lahmer Kerl, der solche Ehre gar nicht verdiente, denn beim Anblick des Mediciners hinkte er davon, so schnell er konnte und verlor sich in dem Gewühl.

»Das ist Euch ein undankbarer Hund!« sprach Doctor Lundin. »Ich habe ihn von der Fußgicht geheilt, und jetzt spricht er von der Kostspieligkeit der Medicin, und der erste Gebrauch, den er von seinen wiederhergestellten Beinen macht, besteht darin, daß er vor seinem Arzte flieht. Sein Podagra ist ein Chiragra geworden, wie der ehrliche Martial sagt, die Gicht ist ihm in die Finger geschlagen, und er kann den Beutel nicht ziehen. Altes und wahres Wort:

›Praemia cum poscit medicus, Satan est Fordert der Arzt seinen Lohn, heißt er Satan.

Wir sind Engel, wenn wir kommen zu heilen, – Teufel, wenn wir Bezahlung fordern. Aber ich will seinen Beutel purgiren; darauf soll er sich verlassen. Da ist auch sein Bruder, ein filziger Schlingel. Heda! Alexander Darlet! Ihr seid unwohl gewesen, hör' ich.«

»Bin gerade wieder in die Reihe gekommen, als ich eben zu Ew. Wohlgeboren schicken wollte. Ich bin wieder auf dem Strumpf; es war nicht viel, was mir gefehlt hat.«

»Hört, Gesell,« rief der Doctor, »ich hoffe, Ihr erinnert Euch, daß Ihr dem Gutsherrn vier Stein Gerstenmehl und anderthalb Malter Hafer schuldig seid. Und daß Ihr mir keine solchen Rauchhühner mehr schickt, wie das vorige Mal, – das Zeug sah ja so elend aus, wie Patienten, die aus dem Pesthause entlassen sind. Ueberdem seid Ihr auch noch mit Baarem im Rückstand.«

»Ich dachte, Herr,« sagte der Angeredete auf gut schottisch, d. h. ohne geradezu auf die gemachte Bemerkung zu erwidern, »ich dachte, der beste Weg würde sein, zu Ew. Wohlgeboren zu kommen und mir doch noch Euren Rath zu erbitten für den Fall, daß mein Uebel wiederkäme.«

»Thu das, Schlingel,« versetzte Lundin, »und merke was Sirach sagt: Laß den Arzt zu dir kommen, laß ihn nicht von dir gehen, denn du bedarfst seiner.«

Seine Ermahnung ward unterbrochen durch eine Erscheinung, welche ihn in eben so großen Schrecken und Bestürzung zu versetzen schien, als sein Gesicht verschiedenen Personen einjagte, die er so eben angeredet hatte.

Die Gestalt, welche diese Wirkung auf den Dorf Aesculap hervorbrachte, war ein altes Weib von hohem Wuchs mit einem hohen Hut auf dem Kopf und einem Kinntuch um die Wangen. Der Hut ließ sie noch größer erscheinen, als sie wirklich war, und das Tuch verhüllte den unteren Theil ihres Gesichtes so, daß unter den herabhängenden Krempen wenig mehr sichtbar war, als zwei braune Backenknochen und dunkel glühende Augen unter buschigen ergrauten Brauen. Ihre Kleidung bestand in einem langen dunkelfarbigen Rock von ungewöhnlichem Schnitte, am Saum und am Leib mit einer weißen Borte, gleich den jüdischen Denkzetteln, besetzt, in welche Buchstaben einer unbekannten Sprache eingewirkt waren. In der Hand hatte sie einen Wanderstab von Ebenholz.

»Bei der Seele Celsi,« rief Doctor Lukas Lundin, »es ist die alte Mutter Nicneven. Sie ist gekommen, mir auf meinem Gebiet und während der Ausübung meiner Amtsgewalt Trotz zu bieten! Hab' Acht auf deinen Rock, altes Weib, wie's im Liede heißt. – Ruprecht Anster, laßt sie auf der Stelle festnehmen und in die Zollbude bringen, und wenn etwa eifrige Brüder da sind, welche der Hexe ihren Lohn geben und sie in den See tauchen wollen, dann laßt diesen keinerlei Hinderniß in den Weg legen.«

Allein die Schergen des Doctor Lundin zeigten bei dieser Gelegenheit keinen Eifer, seinen Befehl zu vollbringen. Ruprecht Anster erkühnte sich sogar Einwendungen in seinem und seiner Brüder Namen zu machen:

»Meine Schuldigkeit ist allerdings, dem Gebot Ew. Wohlgeb. Folge zu leisten, und trotz Allem dem, was die Leute von den Hexenkünsten der Mutter Nicneven sagen, würd' ich mein Vertrauen auf Gott setzen und getrost Hand an sie legen. Aber diese Mutter Nicneven ist keine gewöhnliche weise Frau wie Hanne Jopp, die im Dornholz wohnte; sie hat Fürsten und Herren, die sich ihrer annehmen würden. Da ist Moncrieff von Tippermalloch, der ist papistisch, und der Herr von Carslogie, ein bekannter Anhänger der Königin; Beide sind auf dem Jahrmarkt mit Gott weiß wie vielen Schwertern und Schilden hinter sich. Sie würden ohne Zweifel drein schlagen, wenn die Beamten sich mit der alten papistischen Hexe bemengen wollten, zumal da die besten Leute des Herrn, die nicht in der Burg liegen, mit ihm in Edinburg sind. Ew. Wohlgeboren werden blutwenige finden, die Stand halten, wenn vom Leder gezogen wird.«

Der Doctor gab ungern diesem klugen Rathe Gehör und tröstete sich mit der treulichen Zusage seines Trabanten, die Alte solle ohne Umstände festgenommen werden, so wie sie das nächste Mal die Grenze übertrete.

»Und in diesem Falle,« bemerkte der Doctor gegen seinen Begleiter, »soll Feuer und Welle ihr bester Willkommen sein.«

Er sprach dies so, daß die Alte, welche eben an ihm vorüberging, es hören konnte. Sie warf ihm unter ihren grauen Wimpern hervor einen Blick höhnender und verachtender Ueberlegung zu.

»Hierher! hierher!« sagte der Arzt zu seinem Gaste und führte ihn in seine Wohnung. »Nehmt Euch in Acht, daß Ihr nicht über eine Retorte stolpert. Gefährlich ist's für den Unwissenden auf den Pfaden der Kunst zu wandeln.«

Der Kammerjunker fand die Warnung sehr wohl begründet. Denn außer ausgestopften Vögeln und Eidechsen, und Schlangen in Weingeist, und Kräutern, theils in Bündeln, theils zum Trocknen ausgebreitet, und ähnlichem Wust – der vielerlei widrigen Apothekengerüche nicht zu gedenken – mußte er auch noch Kohlenhaufen, Schmelztiegeln, Kolben, Oefen und andern Geräthen eines chemischen Laboratoriums aus dem Wege gehen.

Neben seinen andern philosophischen Eigenschaften fehlte dem Doctor Lundin auch nicht die eines unordentlichen Schlamphanses. Seine alte Haushälterin, die, wie sie behauptete, den ganzen Tag und Tag für Tag damit zu thun hatte, ihm aufzuräumen, war mit dem jüngeren Volke auf den Jahrmarkt gelaufen. Es war daher erst ein langes Gerumpel und Geklingel an Krügen und Flaschen und Arzneigläsern, bis der Doctor endlich das vielbelobte Tränklein zum Vorschein brachte. Dann wurde wieder lange unter zerbrochenen Kannen und rissigen Näpfchen herumgestört, ehe ein Becher sich ausfindig machen ließ, aus welchem die Labung getrunken werden konnte. Nachdem endlich Beides zu Stande gekommen war, ging der Doctor seinem Gaste mit gutem Beispiel voran und schlürfte einen Becher voll von der Herzstärkung hinunter, beifällig schmatzend, während dieselbe seine Gurgel hinunterrollte. Roland bequemte sich nun auch das Gebräu zu sich zu nehmen, welches sein Wirth ihm so nachdrücklich empfahl, fand es aber so unerträglich bitter, daß er sich danach sehnte, dem Laboratorium zu entrinnen, um sich mit einem Trunke klaren Wassers den Geschmack aus dem Munde zu bringen. Trotz seiner Ungeduld ward er durch die Geschwätzigkeit seines Wirthes aufgehalten, welcher endlich auch wieder auf Mutter Nicneven zu sprechen kam.

»Ich mag,« sprach der Doctor. »außer dem Hause und in dem Volksgedränge nicht von ihr reden, – nicht aus Furcht, wie der feige Hund Anster, sondern weil ich nicht Anlaß zu Streit geben möchte, denn ich habe keine Zeit, mich um Stiche und Hiebe und zerschlagene Knochen zu bekümmern. Die Leute nennen die alte Hexe eine Prophetin, – ich glaube kaum, daß sie vorhersagen kann, wann eine Brut Hühner aus der Schale kriechen wird. – Die Leute sagen, sie lese in den Sternen, – meine schwarze Hündin versieht gerade ebensoviel von dieser Kunst, wenn sie den Mond anbellt. Die Leute behaupten, die Vettel sei eine Zauberin, eine Hexe und Gott weiß was noch. – Inter nos Unter uns gesagt., ich will einem Gerücht nicht widersprechen. welches sie auf den wohlverdienten Scheiterhaufen bringen kann. Aber eben so wenig will ich glauben, daß die Geschichten von Hexen, womit man uns die Ohren voll schwatzt, etwas Anderes sind, als Trug, Täuschungen und Altweibermährchen.«

»Ums Himmels wille, was ist sie denn, daß Ihr ein solches Wesen von ihr macht?« fragte der Kammerjunker.

»Sie ist,« antwortete der Doctor. »eins von den verfluchten alten Weibern, welche sich erfrechen, die Kranken zu berathen und zu arzneien mit einem Plunder von Kräutern, mit Besprechungen, Kühltränken, Diät, Schleim oder Herzstärkungen.«

»Genug!« fiel der .Kammerjunker ein. »Das Unglück mögen sie kriegen, sie sammt denen, die es ihnen gleich thun, wenn sie Herzstärkungen brauchen.«

»Ihr habt Recht, junger Mann,« sprach Doctor Lundin. »Ich meines Theils kenne keine ärgere Pest des Gemeinwesens, als diese alten eingefleischten Teufel, die sich in die Kammern verstandesschwacher Kranken schleichen, wenn die Menschen verrückt genug sind, sie den geregelten Gang einer kunstgerechten Kur stören zu lassen mit ihren Sirupen, Julepen, ihrem Diascordium und Mithridat und mit dem Pulver der gnädigen Frau Wie-heißts-doch und mit den Pillen der ehrwürdigen Dame Dreckheim. Dann machen sie Wittwen und Waisen und verderben dem ordentlichen und studierten Arzt sein Geschäft. – Doch genug davon. Mutter Nicneven Nicneven war der Name der großen Hexenmutter, der Hekate des schottischen Volksaberglaubens, etwa wie im Deutschen des Teufels Großmutter. Ihr Name wurde etlichen Zauberinnen beigelegt, welche, zufolge ihrer tiefen Kenntnisse in der schwarzen Höllengrammatik, den Ruhm hatten, es ihr fast gleich zu thun. und ich, wir treffen uns noch einmal, und sie soll dann erfahren, daß es gefährlich ist, mit dem Doctor zu thun zu haben.«

»Das ist ein wahres Wort, und Viele haben es so befunden,« bemerkte Roland. »Aber wenn Ihr es erlaubt, hätte ich Lust, mich ein wenig zu ergehen und mir den Spaß anzusehen.«

»Das ist ein vernünftiger Vorschlag,« erwiderte der Doctor. »Ich muß mich auch in der Welt zeigen. Ohne dem wartet das Schauspiel auf uns – heute totus mundus agit histrionem Alle Welt spielt auf der Bühne, oder, Alles ist Schauspieler.

Und so verließen sie das Haus, um sich auf den Schauplatz der Lust zu begeben.

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