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Der Abt

Walter Scott: Der Abt - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Scott
titleDer Abt
publisherHoffmann'sche Verlagsbuchhandlung
printrunZweite vermehrte Auflage
firstpub1841
year1851
translatorFriedrich Funck
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20160427
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Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Hat Amor's Fackel unser Herz entflammt,
Kommt Herr Verstand mit seinen weisen Lehren,
So hülfreich, wie der alte Graubart Küster
Mit seiner alten Spritz' aus dem Kapellchen,
Den dünnen, schwachen Wasserstrahl zu leiten
In eine Feuersbrunst.

Altes Schauspiel.

Gedankenvoll stieg Roland Graeme am folgenden Morgen auf die Zinnen des Schlosses, um dort ungestört den Betrachtungen nachhängen zu können, die sich ihm aufdrängten. Allein dies Mal hatte er den Ort, um allein zu sein, übel gewählt, denn bald stand Meister Elias Henderson an seiner Seite.

»Ich habe Euch aufgesucht, junger Mann,« sagte der Prediger, »denn ich habe. Etwas mit Euch zu sprechen, was Euch nahe angeht.«

Der Kammerjunker hatte keinen Vorwand sich der angeknüpften Unterredung zu entziehen, obwohl er fühlte, daß sie ihn in Verlegenheit bringen dürfte.

»Indem ich Euch,« sprach der Kaplan, »soweit meine schwache Einsicht verstattete, Eure Pflichten gegen Gott lehrte, wollte ich nicht lange und nachdrücklich bei besonderen Pflichten verweilen, die Euch gegen die Menschen obliegen. Ihr seid hier im Dienst einer Frau, welcher Ehre gebührt mit Rücksicht auf ihre Geburt, Mitleid mit Rücksicht auf ihr Unglück, – einer Frau, geschmückt mit nur zu vielen jener äußeren Eigenschaften, welche die Aufmerksamkeit und Zuneigung der Menschen fesseln. Habt Ihr je Euer Verhältniß zu dieser Frau, Marien von Schottland, in seinem wahren Licht und seiner wahren Bedeutung betrachtet?«

»Ich denke, ehrwürdiger Herr,« antwortete Roland, »ich kenne recht wohl die Pflichten eines Dieners, wie ich, gegen seine königliche Gebieterin, zumal in ihrer üblen und traurigen Lage.«

»Gut,« versetzte der Prediger. »Aber gerade das ehrenwerthe, mit diesem Bewußtsein verknüpfte Gefühl könnte Euch zu großen Verbrechen und zum Verrath führen.«

»Wie, ehrwürdiger Herr?« entgegnete Roland. »Ich versichere Euch, ich versteh' Euch nicht.«

»Ich rede Euch nicht von den Verbrechen dieser übel berathenen Frau,« fuhr der Prediger fort. »Sie passen nicht für das Ohr ihres geschwornen Dieners. Aber es genügt, zu sagen, daß diese Unglückliche mehr Darbietungen von Gnade, mehr Hoffnungen der Herrlichkeit zurückgewiesen hat, als je irdischen Herrschern gewährt worden sind. Und jetzt, wo ihre guten Tage vorüber sind, ist sie auf dies einsame Schloß verwiesen zum allgemeinen Besten des Volkes von Schottland und vielleicht zum Heile ihrer eignen Seele.«

»Ehrwürdiger Herr,« sprach Roland etwas ungeduldig, »ich sehe nur zu gut, daß meine unglückliche Gebieterin Gefangene ist, da ich das Mißgeschick habe, ähnlicher Beschränkung, wie sie unterworfen zu sein, – einer Beschränkung, deren ich, offen gesprochen, herzlich müde bin.«

»Gerade das ist es, wovon ich reden wollte,« versetzte der Kaplan mit Sanftmuth. »Aber erst, guter Roland, betrachtet Euch die liebliche Aussicht auf jene wohlangebaute Ebene. Ihr seht dort, wo der Rauch aufsteigt, das Dorf halbverdeckt hinter den Bäumen stehen, und Ihr wißt, es ist der Wohnsitz des Friedens und des Fleißes. In Zwischenräumen am Ufer des Flüßchens erblickt Ihr die grauen Thürme der Landherren und hin und wieder zwischen ihnen manche Hütte. Ihr wißt, auch sie sammt ihrem Haushalt leben jetzt in Eintracht; die Lanze hängt an der Wand, das Schwert steckt in der Scheide. Ihr seht ferner mehr denn eine schöne Kirche, wo das reine Wasser des Lebens den Durstigen geboten, wo die Hungrigen mit geistlicher Speise gestärkt werden. Was würde Der verdienen, welcher Feuer und Schwert in diese Wohnungen des Glücks und des Friedens brächte? welcher die Waffen der Edeln wider einander wendete? welcher Schloß und Hütten den Flammen preisgäbe und die Glutasche mit dem Blute ihrer Bewohner löschte? Was würde Der verdienen, welcher den alten Dagon des Aberglaubens wieder aufrichtete, den die würdigen Männer dieser Zeit niedergeworfen haben? Der, welcher abermals die Kirchen Gottes in Höhlen des Baal verwandelte?«

»Ihr habt ein schreckliches Gemälde entworfen, ehrwürdiger Herr,« entgegnete Roland. »Aber ich kann mir nicht denken, wem Ihr die Absicht, eine so entsetzliche Veränderung herbeizuführen, beimessen mögt.«

»Verhüt' es Gott,« sprach der Prediger, »daß ich sagen sollte, du bist der Mann. – Aber sei auf deiner Hut, Roland Graeme, daß du, indem du deiner Gebieterin dienest, die höhere Verpflichtung nicht aus den Augen verlierst in Betreff des Friedens deines Vaterlandes und der Wohlfahrt seiner Bewohner, sonst, Roland Graeme, möchtest du gerade der Mann sein, auf dessen Haupt der Fluch und die gewisse Strafe für ein solches Werk fallen wird. Wenn du dich durch den Gesang dieser Sirenen dafür hast gewinnen lassen, die Entweichung dieser unglücklichen Frau aus diesem Ort der Buße und der Haft zu befördern, dann ist es vorbei mit dem Frieden von Schottlands Hütten und mit dem Wohlergehen seiner Paläste, und das jetzt noch ungeborene Kind wird dereinst den Namen des Menschen verfluchen, welcher der Verwirrung, wie sie nothwendige Folge des Kriegs zwischen Mutter und Sohn wäre, Thür und Thor geöffnet hat!«

»Ich weiß von keinem solchen Plan, ehrwürdiger Herr,« erwiderte der Kammerjunker, »und kann darum auch einen solchen nicht begünstigen. Meine Pflicht gegen die Königin ist einfach die eines Bedienten; und das ist ein Geschäft, dessen ich zu Zeiten herzlich überdrüssig bin. Nichtsdestoweniger – –«

»Eben um dich auf den Genuß von etwas mehr Freiheit vorzubereiten,« unterbrach ihn der Prediger, »habe ich mich bemüht, Euch die schwere Verantwortlichkeit an's Herz zu legen, die bei Eurem Dienst auf Euch ruht. Georg Douglas hat der Frau von Lochleven gesagt, daß Ihr dieses Dienstes müde seid, und es war zum Theil meine Verwendung, welche die gute Frau bestimmt hat, Euch bei gewissen Aufträgen auf dem Lande, welche bisher von anderen vertrauten Personen besorgt worden sind, zu verwenden, da eine Entlassung aus Eurem Dienst Euch nicht bewilligt werden kann. Kommt also mit mir zu der gnädigen Frau, denn schon heute soll Euch ein solches Geschäft übertragen werden.«

»Ich hoffe, Ihr werdet mich entschuldigen, ehrwürdiger Herr,« entgegnete der junge Mensch, welcher fühlte, daß ein vermehrtes Zutrauen von Seiten der Frau von Lochleven und ihrer Familie seine Lage in moralischer Hinsicht doppelt schwierig machen würde. »Niemand kann zweien Herren dienen, und ich fürchte, meine Gebieterin wird es nicht zufrieden sein, daß ich Beschäftigung von Andern übernehme.«

»Seid deßhalb ohne Sorgen,« sprach der Prediger, »ihre Einwilligung soll nachgesucht und erlangt werden. Ich fürchte, sie wird sie nur zu leicht geben in der Hoffnung, Euch als Zwischenträger benutzen zu können bei ihrem Verkehr mit ihren Freunden, wie Diejenigen sich fälschlich nennen, die ihren Namen zum Feldgeschrei eines Bürgerkriegs machen möchten.«

»Sonach wär' ich dem Verdachte auf allen Seiten ausgesetzt,« bemerkte der Kammerjunker. »Meine Gebieterin wird mich als einen von ihren Feinden ihr beigegebenen Spion betrachten, wenn sie sieht, daß dieselben mir so großes Vertrauen schenken; und die Frau von Lochleven wird immer denken, ich könne sie am Ende doch verrathen, weil die Umstände mir möglich machen, es zu thun. Ich möchte lieber bleiben, wie ich bin.«

Henderson blickte dem Jüngling fest ins Auge, als wollte er erforschen, ob in der Antwort nicht mehr läge, als streng genommen die Worte besagten. Sein Forschen war jedoch vergeblich, denn Roland, von Kind auf als Edelknabe erzogen, verstand es, eine verdrießliche Miene anzunehmen, welche vortrefflich diente, alle Gemüthsbewegungen zu verbergen. Nach einer Weile begann der Prediger wieder:

»Roland, ich verstehe dich nicht, oder vielmehr du denkst ernster in dieser Sache, als ich bei dir für natürlich hielt. Ich hatte gemeint, das Vergnügen, mit Bogen, oder Büchse, oder Angelruthe nach dem Lande zu fahren, würde alle andere Gedanken zurückgedrängt haben.«

»Allerdings würde dies der Fall gewesen sein,« erwiderte Roland, welcher bedachte, wie gefährlich es sei, Hendersons halb erwachten Argwohn wachsen zu lassen; »allerdings würd' ich an Nichts als an die Büchse, an das Ruder und an die wilden Wasservögel gedacht haben, die dort außer Schußweite in dem Schilf segelnd mich fast unwiderstehlich locken, – wenn Ihr mir nicht gesagt hättet, daß meine Ausflüge an's Land Anlaß geben könnten zur Verbrennung von Stadt und Thurm, zum Fall des Evangeliums und zur Wiederaufrichtung der Messe.«

»Folgt mir,« sprach Henderson, »wir wollen die Frau von Lochleven aufsuchen.«

Sie fanden die Burgfrau beim Frühstück mit ihrem Enkel, Georg Douglas. –

»Friede sei mit Euch, gnädige Frau!« begann der Prediger, sich vor ihr verbeugend. »Roland Graeme wartet Eures Befehles.«

»Junger Mann,« sprach die Burgfrau, »unser Kaplan verbürgt sich für Eure Treue und wir sind entschlossen, Euch gewisse Aufträge in unserer Stadt Kinroß ausrichten zu lassen.«

»Nicht auf meinen Rath,« bemerkte Douglas kalt.

»Das hab' ich auch nicht gesagt,« erwiderte die Burgfrau im verweisenden Tone. »Die Mutter deines Vaters sollte, denk' ich, alt genug sein, um ohne Rathgeber in einer so einfachen Sache urtheilen zu können. – Ihr werdet den Nachen nehmen, Roland, und zwei von meinen Leuten, die Dryfesdale und Randall Euch überweisen werden, und werdet Silberzeug und Tapeten holen, welche gestern Abend auf Wagen von Edinburg nach Kinroß gebracht worden sind.«

»Und gebt dies Päckchen einem Diener von uns, den Ihr dort wartend finden werdet,« sprach der Burgvogt, und mit einem Blicke auf seine Großmutter: »Es ist der Bericht an meinen Vater.«

Die Burgfrau nickte beifällig.

»Ich habe bereits den Meister Henderson aufmerksam gemacht,« entgegnete Roland, »daß mein Dienst mich in die Nähe der Königin bannt, und daß also Ihrer Durchlaucht Erlaubniß für meine Fahrt erwirkt sein muß, bevor ich Euren Auftrag übernehmen kann.«

»Sorge dafür, mein Sohn,« sprach die alte Frau. »Die Bedenklichkeit dieses jungen Menschen ist achtungswerth.«

»Verzeiht, Madame,« sprach Douglas in gleichgültigem Tone, »ich möchte mich gar nicht gern so früh bei ihr eindrängen. Es möchte ihr mißfallen, und mir ist ein solches Geschäft überhaupt nicht angenehm.«

»Und ich,« entgegnete die Burgfrau, »habe keine Lust, mich zur Zielscheibe ihres bösartigen Witzes machen zu lassen, wenn auch ihr Betragen in der letzten Zeit etwas sanfter gewesen ist.«

»Mit Eurer Erlaubniß, Madame,« sprach der Kaplan, »möchte ich selber Euer Ansinnen der Königin vortragen. Während meines langen Aufenthaltes in diesem Hause hat sie sich nicht herabgelassen, mich zu sprechen oder meine Lehre zu vernehmen. Und doch, so wahr ich wünsche, daß Gott meine Arbeit segnen möge, hat hauptsächlich mein Eifer für das Heil ihrer Seele und mein Wunsch, sie auf den rechten Weg zu bringen, mich hierhergeführt.«

»Seht Euch vor, Meister Henderson,« bemerkte Douglas in fast spöttischem Tone, »daß Ihr Euch nicht unbesonnen in eine Unternehmung stürzt, zu der Ihr keinen Beruf habt. Ihr seid gelehrt und kennt das Sprichwort: Ne accesseris in consilium nisi vocatus Komm' nicht ungerufen mit deinem Rath.. Wer hat dies von Euch verlangt?«

»Der Meister, zu dessen Dienst ich berufen bin,« antwortete der Prediger mit einem Blick nach oben; »Er, der mir geboten hat, eifrig zu sein zur Zeit und zur Unzeit.«

»Ihr seid vermuthlich nicht sehr mit fürstlichen Höfen bekannt,« fuhr der junge Edelknecht fort.

»Nein, Herr,« antwortete Henderson. »Aber gleich meinem Meister Knox sehe ich nichts Abschreckendes in dem Gesichte einer schönen Frau.«

»Mein Sohn,« sprach die Frau von Lochleven, »erkälte nicht des guten Mannes Eifer. Laß ihn den Auftrag an diese unglückliche Fürstin ausrichten.«

»Sehr gern und lieber, als ihn selber ausrichten,« versetzte Georg Douglas. Doch schien ein gewisses Etwas in seinem Wesen seinen Worten zu widersprechen.

Also ging der Prediger mit Roland nach den Gemächern der Königin, ließ sich anmelden und wurde vorgelassen. Er fand sie in Gesellschaft ihrer Frauen, beschäftigt mit ihrer täglichen Stickarbeit. Die Königin empfing ihn mit der Höflichkeit, welche sie in der Regel gegen Alle bewies, die ihr naheten, und der Geistliche war augenscheinlich weniger unbefangen, als er sich vorgestellt hatte, bei Eröffnung seiner Botschaft:

»Möge es Ew. Durchlaucht gefallen,– die gute Frau von Lochleven –«

Er hielt inne und Maria bemerkte lächelnd:

»Meiner Durchlaucht würde es in der That wohl gefallen, wenn die Frau von Lochleven Unsere gute Frau wäre. Aber fahrt fort. Was ist der Wille der guten Frau von Lochleven?«

»Sie wünscht, Madame,« antwortete der Kaplan, »daß Ew. Durchlaucht diesem jungen Herrn, Eurem Kammerjunker Roland Graeme, verstatten möge, nach Kinroß zu fahren, um Hausgeräth und Tapeten zu besorgen, welche zu besserer Ausstattung von Ew. Durchlaucht Gemächern hergeschickt worden sind.«

»Die Frau von Lochleven,« versetzte die Königin, »macht unnöthige Umstände, indem sie Unsere Erlaubniß nachsucht für Dinge, deren Verfügung ihr freisteht. Wir wissen wohl, daß der Dienst dieses jungen Herrn bei Uns nicht so lange verstattet worden wäre, wenn man nicht gedacht hätte, er würde mehr dieser guten Frau, als Uns, zu Befehl stehen. Jedenfalls geben Wir gern Unsere Einwilligung, daß er ihren Auftrag besorge. Mit Unserem Willen möchten wir kein lebendes Wesen zu der Gefangenschaft verurtheilen, die Wir selber zu erdulden haben.«

»Freilich, Madame,« bemerkte der Prediger; »ohne Zweifel ist es dem Menschen natürlich, unwillig zu sein über sein Gefängniß. Doch haben Manche gefunden, daß die im Hause zeitlicher Gefangenschaft zugebrachte Zeit angewandt werden kann zu unserer Befreiung von geistlicher Sklaverei.«

»Ich verstehe Euch, Herr,« versetzte die Königin. »Aber ich habe Euren Apostel, ich habe den Meister Johann Knox gehört! Sollte ich schlechterdings auf den Irrweg gebracht werden, so möchte ich denn doch dem geschicktesten und kräftigsten der Ketzerhäupter die armselige Ehre überlassen, die etwa durch Ueberwältigung meines Glaubens und meiner Hoffnung zu erwerben wäre.«

»Madame,« sprach der Prediger, »nicht an die Gaben und an die Geschicklichkeit der Ackerleute knüpft Gott das Gedeihen. Die Worte, welche vergebens von Dem, welchen Ihr mit Recht Unsern Apostel nennt, unter dem Geräusch und den Lustbarkeiten eines Hofes vorgetragen worden sind, mögen vielleicht besseren Eingang finden in der Muße, welcher dieser Ort zum Nachdenken gewährt. Gott weiß es, gnädige Frau, daß ich in Einfalt des Herzens rede, und daß ich mich eben so wenig mit den unsterblichen Engeln vergleichen möchte, als mit dem heiligen Manne, welchen Ihr genannt habt. Doch wolltet Ihr Euch herablassen, zum edelsten Gebrauch diejenigen Gaben und diejenige Geistesbildung anzuwenden, welche Euch Niemand abspricht, – wolltet Ihr uns nur die geringste Hoffnung geben, daß Ihr anhören und beachten würdet, was gegen den blinden Aberglauben und den Götzendienst, in welchem Ihr auferzogen worden seid, vorgebracht werden kann, dann, bin ich sicher, würden die reich begabtesten meiner Brüder, – Johann Knox selber würde herbeieilen und die Rettung Eurer einzelnen Seele aus den Netzen des römischen Truges –«

»Ich bin Euch und ihnen für Euer Wohlwollen verbunden,« unterbrach ihn Maria. »Allein da ich jetzt nur ein einziges Audienzzimmer habe, würde ich es ungern in eine hugenottische Synode verwandelt sehen.«

»Wenigstens, Madame, seid nicht so hartnäckig in Eurer Verblendung! Hört auf, Einen, der gehungert und gedürstet, gewacht und gebetet hat, um das gute Werk Eurer Bekehrung zu unternehmen, und welcher freudig sterben möchte in dem Augenblicke, wo ein für Euch so heilsames und für Schottland so wohlthätiges Werk vollbracht wäre. Ja, edle Frau, könnte ich den letzten Pfeiler des heidnischen Tempels in diesem Lande – erlaubt mir, Euren Glauben an Roms Täuschungen so zu nennen – könnt' ich diesen Pfeiler erschüttern, dann würd' ich gern sterben, begraben unter den Trümmern!«

»Ich möchte Euren Eifer nicht verhöhnen, lieber Herr,« entgegnete Maria, »durch die Bemerkung, daß Ihr vermuthlich eher den Philistern Kurzweil machen, als sie überwältigen würdet. Euer guter Wille hat Anspruch auf meinen Dank, denn er ist mit Herzlichkeit ausgedrückt und vielleicht auch aufrichtig. Aber denkt von mir nicht schlimmer als von Euch, glaubt mir, daß ich ebensogern Euch auf den alten und einzigen Weg zurückrufen möchte, wie Ihr wünscht, mir Eure neuen Nebenpfade zum Paradiese zu weisen.«

»Wohlan; Madame, wenn dies Eure edelmüthige Absicht ist,« sprach Henderson in Feuer gerathend, »was hindert uns; einen Theil der Zeit, welche jetzt leider zu sehr zu Ew. Durchlaucht Verfügung steht, der Erörterung einer so wichtigen Frage zu widmen? Ihr seid nach dem einstimmigen Zeugnisse der Welt unterrichtet und witzig, und ich, dem diese Vortheile abgehen, bin meiner Sache sicher wie in einem festen Thurme. Warum sollten wir nicht einige Zeit darauf verwenden, zu entdecken, wer von uns in dieser wichtigen Sache Unrecht hat?«

»Nein,« sprach die Königin. »ich habe mich nie für stark genug ausgegeben zu einem Kampfe en champ clos mit einem Gelehrten und Polemiker. Ueberdem ständen wir in dem Kampfe nicht auf gleichem Fuße. Ihr, Herr, könntet Euch zurückziehen, wenn Ihr merktet, daß das Gefecht sich zu Eurem Nachtheile wendete; ich dagegen bin an den Pfahl angebunden, und darf nicht sagen, ich bin des Streites müde. – Ich möchte in Ruhe bleiben.«

Sie machte eine tiefe Verneigung gegen ihn. Henderson, dessen Eifer glühend war, aber nicht so weit ging, die Rücksichten des Zartgefühls bei Seite zu setzen, verbeugte sich und sprach zum Abschied:

»Ich wollte, mein lebhafter Wunsch, mein eifriges Gebet könnte ebenso leicht Ew. Durchlaucht irgend einen Segen oder eine Freude verschaffen, vornehmlich aber das, worin allein Segen und Freude ist, wie die leiseste Andeutung Eures Wunsches mich aus Eurer Gegenwart entfernen kann.«

Er war im Begriff wegzugehen, als die Königin ihn nochmals mit Höflichkeit anredete:

»Thut mir nicht Unrecht in Euren Gedanken, guter Herr. Sollte mein Aufenthalt hier sich verlängern – was ich nicht hoffe, denn entweder werden, denk' ich, meine empörten Unterthanen in sich gehen, oder meine Getreuen die Oberhand gewinnen – aber sollte mein Aufenthalt hier sich verlängern, so wird es mir vielleicht nicht unlieb fein, einen Mann anzuhören, der so vernünftig und theilnehmend zu sein scheint, und vielleicht werde ich es dann darauf ankommen lassen, daß Ihr die Achsel über mich zuckt, wenn ich mich bemühe, mich der Gründe zu entsinnen und zu bedienen, welche Schulweise und Concilien für den mir inwohnenden Glauben aufstellen. Wiewohl – lieber Gott! – ich fürchte, mein Latein ist mir entfallen, so gut wie Sonstiges, was ich mein nannte. – Also dies auf einen andern Tag. Mittlerweile laßt die Frau von Lochleven meinen Kammerjunker beschäftigen, wie sie Lust hat. Ich will keinen Anlaß zum Verdacht dadurch geben, daß ich ein Wort zu ihm spreche, ehe er geht. – Roland Graeme, mein Freund, versäume keine Gelegenheit, dich zu belustigen – tanze, singe, springe, laufe. Alles das läßt sich lustig auf dem Festlande thun. Aber hier müßte man mehr als Quecksilber im Leibe haben, um dergleichen zu treiben.«

»Ach, Madame,« sprach der Prediger, »wozu ermahnt Ihr da den Jüngling, während die Zeit vergeht und die Ewigkeit ruft! Kann unsere Seligkeit erlangt werden bei eitler Lust, oder unser gutes Werk ausgerichtet werden ohne Furcht und Zittern?«

»Ich kann nicht fürchten und zittern,« versetzte die Königin. »Marien Stewart sind solche Empfindungen fremd. Aber wenn Kummer und Weinen von meiner Seite als Buße für des Knaben Genuß einer Stunde kindischen Vergnügens gelten kann, dann seid versichert, dieselbe soll redlich gethan werden.«

»Nein, allergnädigste Frau,« entgegnete der Prediger, »da seid Ihr in einem großen Irrthume. Unsere Thränen und Kümmernisse sind viel zu gering für unsere eigenen Fehler und Thorheiten, geschweige, daß wir sie, wie Eure Kirche fälschlich lehrt, zum Besten Anderer übertragen könnten.«

»Dürft' ich Euch bitten, Herr,« versetzte die Königin, – »und möchtet Ihr in dieser Bitte so wenig Beleidigendes wie möglich finden – dürft' ich Euch bitten, Euch selber anderswohin zu übertragen? Uns thut das Herz weh, und Wir mögen Uns nicht mit weiterer Controvers behelligen lassen. Du, Roland, nimm dies Beutelchen;« (darauf wandte sie sich gegen den Geistlichen, zeigte ihm, was darin war, und sprach:) »Seht, ehrwürdiger Herr, es enthält bloß diese drei goldenen Kopfstücke, – eine Münze, welche obwohl mein armes Gesicht aufweisend, so viel ich gefunden habe, stets wirksamer gewesen ist gegen mich, als für mich, gerade so, wie meine Unterthanen sich wider mich waffnen in meinem eigenen Namen. – Nimm diese Börse, auf daß es dir nicht an Mitteln fehle, dich zu ergötzen. Verfehle nicht, mir Neuigkeiten von Kinroß mitzubringen; nur laß es solche sein, welche, ohne Verdacht oder Unwillen zu erregen, in der Gegenwart dieses ehrwürdigen Herrn oder der guten Frau von Lochleven erzählt werden können.«

Die letztere Andeutung war unwiderstehlich. Henderson entfernte sich, halb ärgerlich, halb zufrieden über seine Aufnahme bei der Königin, welche eine außerordentliche, theils natürliche, theils angewöhnte Geschicklichkeit besaß, Gesprächen, die ihre Gefühle oder Vorurtheile verletzten, auszuweichen, ohne Die, welche dergleichen anknüpfen wollten, zu beleidigen.

Roland Graeme entfernte sich mit dem Kaplan auf ein von der Königin gegebenes Zeichen. Während er unter tiefen Bücklingen rückwärts gehend sich der Thür näherte, bemerkte er, wie Katharine, so daß nur er es sehen konnte, den Zeigefinger in die Höhe hob, als wollte sie sagen: »Vergiß nicht, was unter uns vorgegangen ist.«

Als er sich bei der Frau von Lochleven beurlaubte, hielt diese noch folgende Anrede an ihn.

»Heute sind tolle Lustbarkeiten im Dorfe. Meines Sohnes grundherrliche Gewalt ist bis jetzt noch nicht im Stande, diese Wirkungen des alten Sauerteigs der Thorheit, den die römischen Priester in die Seelen der schottischen Bauernschaft geknetet haben, auf seinem Gebiete zu verhindern. Ich sage dir nicht, du sollst dich von denselben fern halten, – dies hieße bloß, deiner Thorheit eine Schlinge legen oder dich Falschheit lehren. Aber genieße diese Eitelkeiten mit Mäßigung und betrachte sie als Etwas, das du bald verschmähen lernen mußt. Unser Kämmerer zu Kinroß, Lukas Lundin – Doctor, wie er sich thörichter Weise nennt – wird dir sagen, was du in Ausrichtung deines Auftrages zu thun hat. – Vergiß nicht, daß man dir traute, und zeige dich des Vertrauens würdig.«

Wenn wir bedenken, daß Roland noch nicht neunzehn Jahre alt war, und daß er fast sein ganzes Leben in dem einsamen Schlosse Avenel zugebracht hatte, ausgenommen die wenigen Stunden seines Verweilens in Edinburg und die Zeit eines Aufenthaltes in Lochleven, und daß er in Lochleven wie auf Avenel von der heiteren Menschenwelt abgeschieden war: dann dürfen wir uns nicht wundern, daß sein Herz hüpfte vor Hoffnung und Neugier bei der Aussicht auf Theilnahme an einer Volksbelustigung, wenn auch nur auf einer Kirchweihe. Er eilte in sein Stübchen und störte in seinem Kleidervorrathe herum, der in jeder Hinsicht anständig, ihm von Edinburg geschickt worden war, vermuthlich auf Befehl des Grafen von Murray. Dem Befehle der Königin gemäß hatte er ihr bisher immer nur in Trauerkleidern oder wenigstens in dunkler Tracht aufgewartet, da in ihrer Lage keine lebhaftere Farbe zulässig sei. Jetzt aber suchte er sich die schmuckste Kleidung heraus – Scharlach mit Schwarz ausgepufft, die königlichen Farben von Schottland –, kämmte sein langes Lockenhaar, schlang eine Kette um einen Biberhut von der neuesten Form, und hing das ihm auf so geheimnißvolle Weise zugekommene Prachtschwert an einem gestickten Wehrgehenke um. All' dieser Schmuck und dazu eine offene Miene und seine hübsche Gestalt bildeten ein recht artiges Muster eines Elegants jener Zeit. Er wollte sich zum Abschiede noch bei der Königin und ihren Frauen empfehlen, allein der alte Dryfesdale drängte ihn nach dem Kahne mit den Worten:

»Keine Privataudienzen, junger Herr! Es ist dir Etwas anvertraut, und da wollen wir dich wenigstens vor der Versuchung bewahren, welche die Gelegenheit enthält. – Gott tröst' dich, Kind!« fügte er mit einem Blicke der Verachtung auf eine hellfarbige Kleidung hinzu; »wenn der Bärenwärter von St. Andrews dort ist, dann nimm dich vor ihm in Acht.«

»Und warum das?« fragte Roland.

»Damit er dich nicht für einen seiner entlaufenen geputzten Affen hält,« antwortete der Hofmeister mit bitterem Lächeln.

»Ich trage meine Kleider nicht auf deine Kosten,« sprach Roland empört.

»Und auch nicht auf deine, mein Sohn,« entgegnete der Hofmeister, »sonst würde deine Tracht mehr deinen Verdiensten und deiner Stellung angemessen sein.«

Roland zwang sich, die Antwort, welche er auf der Zunge hatte, zurückzuhalten, wickelte sich in seinen Scharlachmantel und sprang in den Kahn. Die zwei Ruderer, selber von Neugier, die Lustbarkeit zu sehen, getrieben, arbeiteten wacker dem westlichen Ende des Sees zu. Beim Abdrücken glaubte Roland das Gesicht von Katharine Seyton in einer Schießscharte zu bemerken. Er zog den Hut ab und hielt ihn in die Höhe zum Zeichen, daß er sie sähe und ihr Lebewohl wünsche, ein weißes Tüchlein fuhr an dem Fenster vorüber, und während der Fahrt machte der Gedanke an Katharine den Erwartungen in Betreff der bevorstehenden Lustbarkeiten in seiner Seele den Platz streitig. Als sie sich dem Ufer näherten, hörten sie deutlich und immer deutlicher das Jauchzen, die Musik, das Lachen und das Freudengeschrei. In einem Augenblicke war der Kahn festgemacht, und Roland Graeme eilte, den Kämmerer aufzusuchen, um zu erfahren, wie viel Zeit ihm zu freier Verfügung bliebe und diese dann aufs Beste zu benutzen.

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